Alles Gesocks!

katze

Paula ist wütend, in diesem Fall allerdings auf die versammelte Nachbarschaft. Das hat etwas mit einer streunenden Katze zu tun, die solange an FIP starb, bis sie eingeschläfert werden musste, und der menschlichen Blödheit, an der ja nie Mangel ist.

Wenn es also nach ihr ginge, zögen wir weg, irgendwo in ein kleines Haus im Wald, und verkauften diese Behausung an eine Familie mit Kindern und Haustieren und gerne auch mit Migrationshintergrund. Es schwebt ihr da eine kopfstarke Sippe wie die des Kleinen Bruders vor, breitschultrige Söhne wie die Orgelpfeifen in einer Baptistenkirche, die am Sonntag im russischen Stil grillen, arbeitsame Menschen mit einer umfangreichen Verwandtschaft, die die Strasse zuparken und manchmal laut werden.

Ich bin da ausnahmsweise ihrer Ansicht. Denn der Kleine Bruder hatte mir, unsere Hecke schneidend, die Geisteswelt erläutert, in der er lebt, eine Welt, in der man vor der Ehe erst keinen Sex hat und dann betet und fastet, um sich in seiner Entscheidung für einen Menschen sicher zu sein. Von den native-german Mädchen hält er folgerichtig so wenig wie er von der Liebe mit zwanzig nur wissen kann.

Von meinen Nachbarn scheint mir allein der Küster der Pfarrkirche dem Kontakt mit einer solchen Familie gewachsen zu sein.

Ich nehme aus diesem Ausflug in die Geisteswelt russlanddeutscher Baptisten die Idee der Erwachsenentaufe in meinen gedachten Arianismus mit, vorzugsweise in einem fliessenden Gewässer wie

PlayboyMansionWaterfall

dem Wasserfall im Playboy Mansion.

Schlafen wie ein Serienmörder

Mir ist vorhin klar geworden, dass ich schon lange nicht mehr nachts wach gelegen habe. Zwar träume ich dann und wann Beängstigendes, aber nichts, was mich nicht weiter oder doch wenigstens gleich wieder einschlafen lässt.

Übrigens scheint es mir, als sei ich nicht depressiv, wenn ich träume. Allein das sollte mir schon Grund sein, um möglichst viel und lang zu schlafen.

Doch welchem Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung verdanke ich diesen zweifachen Segen? Es ja nicht einfach so, dass ich auf mein Gute-Nacht-Schälchen Doppelt-Scharfes Chili verzichte und seitdem den Schlaf des Gerechten schlafe. Und jeden Rechtschaffenen brächte allein mein Kontostand um die Nachtruhe. Ich hingegen schlafe wie es sonst nur die Serienmörder tun selig einem Morgen entgegen, der wie jeder Morgen ist.

Dabei hinterfrage ich gerade sogar die Loyalitäten, denen ich mein Leben gewidmet habe, und schlafe trotzdem gut. War es richtig, soviele Jahre der Illinois Electro Door verbunden zu bleiben? Und wie steht es mit der Arbeit, Mühe und dem Geld, das die Beziehung mit Paula erfordert hat? Alles das scheint mir gerade fragwürdig und doch muss ich die Nacht nicht mit dem Meeresrauschen aus dem Audio-Archiv meines Mobiltelefones verbringen.

Das I Ging ermuntert mich mit dem Bild 31 zur Beharrlichkeit und zur Rücksichtnahme. Doch auf wen muss ich Rücksicht nehmen? Bin ich es vielleicht selbst? Denn niemand ist mir näher und lieber.

Allerdings scheint mir auch dieses Zitat gerade gut zu passen:

Giles: „I have to believe in a better world“

Buffy: „Go ahead. I have to live in this one.“

Ich wills auch nie wieder tun

Für den nächsten Urlaub nehme ich mir mal einen Arabisch-Kurs in Syrien vor oder eine Vergnügungs-Reise nach Detroit. Irgendwas ruhiges halt an einem Ort, der friedlicher ist als mein Zuhause.

In jedem Urlaub kommt Paula nämlich mindestens einmal zu der Erkenntnis, dass die Realität sich nur äusserst widerwillig ihren Wünschen unterordnet. Oder auch mal gar nicht. Und selbst wenn ich meine Vortäuschung eines Paula-gefälligen Verhaltens noch perfektionieren könnte, gibt es doch medizinische Sachverständige, Gerichte, die Rentenkasse und den Verein der Kriegsversehrten, die es in dieser Hinsicht allesamt an Engagement fehlen lassen.

Da im Gegensatz zu mir keiner von ihnen in diesem Augenblick da ist, werde ich eben angeschrien. Seit ich aber dabei nicht mehr einschlafe, nimmt das Gespräch dann schnell einen Verlauf, bei dem sich Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten wie Syrien, dem Kongo und Michigan heimisch fühlen.

Von der Anwendung physischer Gewalt riet der Herr Ambros ab, von dem ich mich in dieser Hinsicht beraten liess. Aber dem Physischen nähere ich mich ja in jeder Beziehung nur mit Vorsicht, weshalb ich ja auch nur 2 1/16 davon hatte.

Tatsächlich bin ich heute überrascht, dass ich mich zu sovielen überreden konnte. Ich bin überrascht, dass ich soviele andere dazu überreden konnte. Ich wills auch nie wieder tun.

Wohin Touristen selten kommen

Ich nähere mich den Problemen meines Lebens mit ungewohnter Apathie. Sei es Paulas Wut, die Forderung des Steuerberaters (ich bin schuld), der Tod der Peugeot Flash (ich bin schuld), die Kosten eines Rechtsstreites, den Paula verloren hat (ich bin schuld) oder die Schwellung in einer touristisch wenig erschlossenen Gegend meines Körpers, ich bleibe… höflich gesagt… gelassen.

Nun, auf die Schwellung reagierte ich schon mal mit einem weiteren Ausbruch meiner Depression. Dass ich parallel dazu Kevin Rhodes‘ „Apocalypse – Life on the other side of over“ las, war nicht hilfreich.

Ein kurzer Krankenschein bedeutet bei mir, dass mein Zusatz-Verdienst ausfällt, und ein langer Krankenschein, dass ich insolvent bin. Und dass ich mit mir selbst ins Reine kommen muss, ob ich Paula die Insolvenz gönne oder wieder einmal Verantwortung für sie übernehmen will. Oh, und wie mein Leben weitergehen soll, wenn es denn weitergehen sollte.

kraloo

http://books.noisetrade.com/kevinrhodes/apocalypse-life-on-the-other-side

30 Jahre Kundenbetreuung

http://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/mit-der-pizzabox-in-der-hand-bin-ich-losgerannt/ar-BBrqPl8?li=BBqgbZL&ocid=mailsignoutmd

Die Odyssee eines Pizzaboten, der im Dienst auf einem Acker strandete, hat viel Aufmerksamkeit erfahren. Eymen Kumaru aus Mannheim erzählt jetzt, wie es mit der Polizei weiterging – und mit der Pizza.

Kumaru: Nein, der Weg ist sehr eng. Links und rechts daneben ist Acker, da konnte ich nicht wenden. Ich konnte nur weiterfahren, und irgendwann bin ich stecken geblieben.

Die Welt: Was haben Sie gedacht, als Sie plötzlich im Matsch feststeckten?

Kumaru: Ich habe sofort zu meinem Smartphone gegriffen. Als ich merkte, dass der Akku leer war, habe ich Panik bekommen.

Die Welt: Und dann haben Sie beschlossen, zu Fuß weiterzugehen?

Kumaru: Ich musste. Es war niemand da, der mir hätte helfen können. Vielleicht wäre am nächsten Morgen der Bauer gekommen, aber das wäre zu spät gewesen. Ich musste da irgendwie herauskommen. Ich hatte immerhin eine Verantwortung gegenüber dem Kunden und meinem Chef. Also bin ich aus dem Auto ausgestiegen und habe meine Wertsachen mitgenommen – und die Pizzabox.

Schon einige Male konnte ich nur um Haaresbreite ähnlichen Situationen entkommen, mal mit einer reichlichen Portion Glück, mal durch die günstige Gewichtsverteilung des Toyota Starlet und hin und wieder auch, indem ich mein Nokia Asha benutzte, dessen Akku dann nie leer ist, wenn man es braucht. In einige Situationen bin ich allerdings auch gerade durch das Navigationssystem des Handys geraten, also eigentlich durch dessen Abwesenheit. http://www.reiseplanung.de ersetzt mir das normalerweise, funktioniert aber nicht immer und überall.

Ich kann bei dieser Tätigkeit übrigens nicht abschütteln, was ich mir an anderer Stelle angeeignet habe. Bittet mich also eine tropfnasse Kundin, eben der Dusche entsprungen, darum, die Pizza auf ein Fensterbrett zu legen, während sie mir das Geld durch den Türspalt reicht, stelle ich sie nicht einfach auf dem Boden vor der Türe ab.

Ich tue das dann sowohl, weil sie mich darum gebeten hat, als auch, damit sie die Ware bequem, also ohne sich zu bücken, aufnehmen kann. Beruft sie sich gar auf ein längst abgelaufenes Sonderangebot, so nehme ich mir auch gerne die Zeit, ihr den neuen Flyer zu bringen. An der Bereitschaft zu beidem mangelte es in der vergangenen Woche dem Kollegen von der Pizzeria Happy Heart.

Den von ihm gelieferten Salat ziehe ich dem des Il Cazzo vor, mein Service ist aber besser. 30 Jahre Erfahrung in der Kundenbetreuung kann man einfach nicht verleugnen.

 

Aufgeben ist nicht… leider

Ich handelte mit der Bank eine Vereinbarung aus, wonach sie mir für einen Monat vorstrecken, was ich brauche, um die Steuern zu bezahlen, und dann von der Lebensversicherung bekomme.

Leider setzte der Mitarbeiter als Bedingung, dass ich ihm jene Mitteilung über den Rückkaufswert zukommen liesse, die ich unabsichtlich in jener Woche ins Altpapier gegeben hatte, als das auch abgeholt wurde. Das sagt mir etwas über die Ordnung aus, die mein Leben ganz offensichtlich dringend bedarf.

Und es sagt etwas darüber aus, was ich jetzt tun muss. Um jemanden zu zitieren, der mir ungemein sympathisch ist: „Wir können es auf die harte Tour machen oder… Warte, es gibt nur die harte Tour.“ Aufgeben ist also nicht… leider.

Ich fordere jetzt erst einmal das Schreiben mit dem Rückkaufwert an und schicke dem Banker einen Screenshot eines e-mail-Dialoges zwischen Paula und mir, in dem sie sich hingebungsvoll über die Höhe des Wertes beschwert.

The Man in the Maze

„Er hasste die Menschen nicht wirklich; er wollte nichts mit ihnen zu schaffen haben und zog es vor, allein zu sein.“

Der Fremde, der Perverse, der Süchtige, der Verrückte zu sein, zwingt einem einen anderen Blickwinkel auf. Saadi weiss das, der mich bittet, ihm von der Tankstelle Cola und Whisky mit zu bringen, Ambros weiss das, der mich von jemanden anrufen lässt, um mir sagen zu lassen, dass ich mich nicht um ihn sorgen soll.

Ich weiss es auch, der ich mich wie die Hauptfigur im Roman „Exil im Kosmos“ von Robert Silverberg (Original: The Man in the Maze“, 1969) in ein Labyrinth zurück gezogen habe. Das Buch ist die literarische Übertragung einer Psychotherapie in die Begriffe der Science-Fiction. Unter grossen Mühen und nicht unerheblichen Opfern arbeitet sich darin ein Abgesandter der Menschheit zu ihm durch, um ihn dazu zu überreden, das Labyrinth zu verlassen und eine Aufgabe für sie zu übernehmen.

Dieser Mangel an guten Absichten bestärkt mich in meiner Haltung zu dieser Spezies. Warum kann ihm niemand um seiner selbst helfen wollen? Oder ihn einfach in Ruhe lassen, wenn sie ihm schon nicht gutes wollen?

„Sein Kopf schmerzte. Nach neun Jahren war er nicht mehr allein auf seiner Welt. Sie hatten seine Einsamkeit befleckt. Wieder fühlte Müller sich betrogen. Er wollte nichts mehr von der Erde als seine Ruhe; und selbst die wollten sie ihm nicht lassen.“

Im Roman hat ein chirurgischer Eingriff durch eine ausserirdische Rasse ihm eine depressive Ausstrahlung gegeben, der sich die Menschen in seiner Umgebung nicht entziehen können. Sie meiden ihn, der sie so unvermeidlich wie unabsichtlich damit konfrontiert, wie sie wirklich sind:

„Sein Geist verströmte die ganze Bitterkeit des Wissenden; in ihm spiegelten sich die verpassten Gelegenheiten, die Ungerechtigkeiten, die Trostlosigkeit zerstörter Liebe, der Hunger der Armen, die Gier der Reichen, das Messer des Neides, die fressende Säure der Zeit und ihre Enttäuschungen, Bosheit und Gewalt, die Tränen der Waisen, Kälte und Gleichgültigkeit, Trauer und hilfloser Tod, die Verlassenheit des Alters, Impotenz und Zorn und Selbstverachtung und Wahnsinn.“

Es ist aber durchaus möglich, dass ich mein eigenes Labyrinth verlassen kann, wenn ich und solange ich das will. Ich kann mich vielleicht sogar um andere Menschen sorgen. Ambros jedenfalls scheint diesen Eindruck zu haben.

Er war zwei Wochen so ziemlich von der Bildfläche verschwunden, bis mich eine fremde Frau anrief, um mir eben nicht zu versichern, dass es ihm gut ginge, aber doch, dass ich wegen ihm nicht besorgt sein müsse. Ihr Mangel an kommunikativen Fähigkeiten lässt mich in ihr eine Krankenschwester vermuten.

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