K & F

Meine Geldbörse lag aufgeklappt auf dem Tisch des Bank-Mitarbeiters. Ich hatte meinen Ausweis vorlegen müssen, um die korrekte Schreibweise meines Namens zu demonstrieren. Als Phineas Horn ist mein Creditreform-Score ungefähr K, als Pineas Horn F.

Das ist ein gravierender Unterschied, wenn man versucht, den Überziehungskredit zu erweitern, um der Rentenversicherung einen weiteren Monat lang die Gelegenheit zu geben, Paula endlich zu bezahlen. Natürlich stellt sich jetzt die Frage, wer Phineas Horn ist. Das Internet kennt ihn nicht, aber ein Bekannter beim maghrebinischen Geheimdienst könnte da vielleicht aushelfen.

Ob sein Portemonnaie ähnlich mit Karten gespickt ist wie die meine? Rabatt-versprechende Kundenkarten, eine Gesundheitskarte, eine EC-Karte für das Konto, das ich zusammen mit Paula habe, eine andere für ein Konto, von dem sie glaubt, das es nur für ebay ist, eine Kreditkarte, von der sie nichts weiss. Die braune Geldbörse ist ein Kartenhaus mit Zimmern für das Leben, das Paula kennt, und das, das ich mir jenseits davon aufgebaut habe.

Während sie am anderen Ende des Tisches wütend vor sich hin brütete, bemühte ich mich, meinen Herzschlag zu regulieren. Wo andere mit der EC-Karte ihr Kokain portionieren, portioniere ich damit mein Leben. Für einen Augenblick war es mir peinlich, so sein zu müssen. Aber ich glaube, im Recht zu sein, wenn ich so handele.

Als Sparbuch benutze ich übrigens paypal. Die Zinsen sind dort und bei der Spar- und Raiffeisenkasse gleich hoch.

 

 

 

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Die vielleicht etwas exzessive Beschäftigung mit der dritten Staffel einer gewissen kleinen Webserie brachte mich dazu, „The Babylonian Legends of Creation“ von Sir Ernest Wallis Budge zu lesen. Ich lernte daraus drei Dinge.

  1. Ist die Weltsicht des durchschnittlichen Kölners offensichtlich die älteste bekannte Kosmologie. Eine Darstellung findet der interessierte Leser oben. Zum Verständnis genügt es eigentlich, den Namen Babylon durch den der Stadt am Rhein zu ersetzen.
  2. Roger Zelaznys Fantasy-Reihe „Die Chroniken von Amber“ ist von der babylonischen Mythologie inspiriert. Das Königreich des Chaos ist eindeutig Apsu, Oberon jener „culture hero“, der gegen die Schlange kämpft. Das Einhorn kommt allerdings in keiner anderen Version des Chaoskampfes vor.
  3. Ist Lady Gaga eine mindere babylonische Gottheit. Das hat mich jetzt nicht überrascht.

https://de.wikipedia.org/wiki/E._A._Wallis_Budge

Klicke, um auf the-babylonian-legends-of-the-creation-illustrated.pdf zuzugreifen

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Chroniken_von_Amber

https://de.wikipedia.org/wiki/Apsu

https://en.wikipedia.org/wiki/Chaos_(cosmogony)#Chaoskampf

https://en.wikipedia.org/wiki/Gaga_(god)

Ich machs nur fürs Geld

Ich sehe MIguel und seiner Familie zu, wie sie an den Tischen arbeiten, Essen servieren, Teller abräumen, Getränke nachschenken. So arbeiten sie wahrscheinlich schon seit Generationen in Restaurants. Was sie von Cadiz, der alten Stadt am Meer, ausgerechnet nach Panzerbach verschlagen hat, weiss ich nicht.

Ich verstehe aber ihre Lebensweise, ihre Sprache, wo sie nicht in ihren meersalzgetränkten Dialekt verfallen, ihre tiefempfundene Abneigung gegen das deutsche Finanzamt, alle Finanzämter. In der hausinternen Hierarchie stehen die Fahrer unter den Küchenhilfen, die unter den Köchen und über allen die Familie. Die Hierarchie der Fahrer untereinander definiert sich über die Häufigkeit, mit der sie arbeiten und ihre Nützlichkeit für die Familie.

Aber wie stehe ich zu ihnen und der Tätigkeit, die ich für sie ausübe? Denn grundsätzlich geht es mir ja um Geld, das mir Paula aber nach jeder Schicht abnimmt, um Katzenfutter zu kaufen.  

Ich habe 24 Stunden im Tropical Island verbracht

https://www.vice.com/de/article/43xz9d/ich-habe-24-stunden-im-tropical-island-verbracht

Es ist vier Uhr nachts im Tropical Island: Das Wasser hat 31 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 86,9 Prozent und der Blutalkohol von Vanessa bei geschätzt einem Promille.

Ihr Kopf verschwindet unter Wasser, sie öffnet den Mund. Sie schreit, aber das Wasser schluckt ihre Wut. Nur ein paar Blasen zerplatzen an der Oberfläche.

Wer nicht mehr tätig sein kann, muss tätig werden

Ich werde irgendwann eine weitere Psychotherapie brauchen. Wie sonst sollte ich verarbeiten, dass mein erstes Klingeln ein Finanzbeamter beantwortete?

Er kannte seinen Namen und meine Steuernummer, die eine neue Steuernummer war, aber nicht den zuständigen Mitarbeiter der Behörde, von dem er aber überzeugt war, nicht mit ihm identisch zu sein.

Er verwies mich an das Bürgerbüro, dessen Mitarbeiterin ebenfalls sofort abnahm und mich umgehend mit einem Finanzbeamten verband, der tatsächlich nicht der erste war, mir dafür aber einen Aufschub für die Abgabe meiner Lohnsteuer-Erklärung einräumte.

Ich möchte nämlich dieses Meisterwerk der angewandten Mathematik erst einreichen, wenn mir ein Rentenbescheid mit entsprechend zurückliegendem Datum Erleichterung verspricht.

Ich rate allgemein vom Versuch, eine Rente wegen Erwerbsminderung ab. Sollte es sich denn gar nicht vermeiden lassen, so bedarf es bei der Verfolgung jenes Projektes jene Tatkraft, die man Penetranz nennt.

Dem regelmässigen Besuch von Ärzten aller Fachrichtungen muss eine Erwerbstätigkeit gegenüber stehen, die verbissen ausgeübt und zwanglos dokumentiert wird. Die Ergebnisse der Arztbesuche müssen als Gutachten, Atteste und Bescheinigungen zusammen mit überwiegend aussichtslosen Anträgen auf Kuraufenthalte, Ein- und Widersprüchen.

Paula hat sich hier nicht genug engagiert. Hätte sie zum Beispiel eine Psychotherapie gemacht, stände längst jeden Monat ein Renteneingang auf dem Kontoauszug. Hätte sie sich eine stundenweise Beschäftigung gesucht, wäre unsere ökonomische Situation anders. Ihr Verständnis für diese, meine Einstellung ist gering. Aber wer nicht mehr tätig sein kann oder gar will, muss tätig werden.

 

Stadt der Löwen, Land der Langsamkeit

Spät erreichen Entwicklungen diese Ecke der Welt. Was andernorts bereits üblich ist, ist hier noch neu und wird kritisch betrachtet.

Die Mode vom letzten Jahr, das Auto, das vor fünf Jahren auf den Markt kam, das ist jetzt hier gerade modern. Manchmal fehlt einfach der Bedarf, manchmal die Neigung, irgendeinen Fortschritt einzuführen.

Die Ehe für alle wird mit Argwohn als etwas betrachtet, das an den Grundfesten des christlichen Abendlandes rüttelt. Wer hier vegane Lebensmittel sucht, wird am Ende wahrscheinlich an einer rohen Karotte knabbern. Immerhin gibt es für’s Car Sharing sogar einen speziellen Autotyp. Er heisst Lion’s City und wird von MAN hergestellt. Der Fahrer wird mitgeliefert. 

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Mit einer neuen Entwicklung konfrontierte mich ausgerechnet der Food Distribution Assistant, der eben den Führungskräften die Pizza anlieferte. Statt eines adipösen Kochs oder einer Pizza war auf den Karton eine Stellenanzeige gedruckt.

Das freute denn den einen oder anderen der Kollegen aus der Produktion, die sich schon fragten, wo sie sich bewerben sollten. Die Antwort wurde ihnen sozusagen auf den Teller gelegt.

Für meine Tätigkeit bei der Pizzeria San Gregorio fragte ich mich, ob die Arge vielleicht Kartons sponsorn würde, die motivierend den finanziellen Unterschied zwischen Hartz IV und einem geregelten Einkommen darstellen. Menschen, die arbeiten, können sich öfter Pizza leisten und vielleicht sogar die mit Hackfleisch. Manchmal

À propos roh und Karotte:

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General Lee at Charlottesville

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https://goo.gl/images/qgpVWT

Die Denkmäler prominenter Vertreter der Konföderierten Staaten von Amerika wurden nach dem Bürgerkrieg aufgestellt, um das tief zerrissene Land wieder zu vereinigen, indem man ihre militärischen Leistungen anerkannte.

Hat nicht funktioniert.

Der Zorn des Achilles

https://aeon.co/essays/the-anger-that-fuels-homers-hero-is-both-honourable-and-divine

Anger or rage (mênis, thumos, orgê) is an emotion, a mixture of belief and desire. It is not a somatic feeling, as nausea and giddiness are, though it is usually accompanied by such feelings – trembling and blushing, for example, and the sense of seeing red. It is, in Aristotle’s definition, ‘a desire, accompanied by pain, to take apparent revenge for apparent insult’.

Anger is triggered by insult, then, and so is connected to worth (aretê) and to honour (timê). A person is insulted when the treatment he receives is worse than the treatment his worth entitles him to receive.

Heroes must learn to control their anger, to be propitiated, to recognise that they’re mortal beings destined to suffer.

 

Wie lernt man zu verzeihen? Und warum sind einige von uns wütend, ohne dass sie jemand gekränkt hat? Sind wir denn so unhöflich, dass wir nicht einmal jene Vorarbeit abwarten wollen, die unsere Mitmenschen so zuverlässig abliefern?