In Rio und Steinheim an der Murr

Wartezimmer

Einst, in einem anderen Jahrhundert, einem ganz anderen, hatte meine Familie in und um ein Dorf in der Nähe von Contiomagus herum einige Grundstücke. In Verbindung mit harter, vorzugsweise körperlicher Arbeit und einem ganz normalen 60 Stunden-Job in einem metallverarbeitenden Betrieb dienten sie dem Erwerb des Lebensunterhaltes einer recht durchschnittlichen 13-köpfigen Familie jener unteren Mittelklasse, der wir uns seit Generationen verbunden fühlen.

Von all dem war mir nur ein Acker geblieben, 13 1/2 Ar sandigen Bodens, üppig bestanden mit allzeitgrünem Ginster. Er war mir nur als Verbindung zu meiner Familie wichtig, ein letzter Anker in einer Welt, die untergegangen war, eine Art post-augustulisches weströmisches Reich unter einer Starkstromleitung. Einer Steuernachzahlung vorbeugend beschloss ich, es zu verkaufen. Meine Erfahrungen mit dem Finanzamt raten von jeder Konfliktbereitschaft ab.

Der Bedarf entfiel dann eigentlich, als Paulas Rente genehmigt wurde. Ich hielt aber an meinem Plan fest, vielleicht mit dem Gedanken, mich meiner Wurzeln zu entledigen, vielleicht mit dem an einen Citroen Saxo, Proton 300 oder gar einen Peugeot 309. Freiheit hat viele Gesichter und manchmal vier Räder.

Das Sitzmobiliar im Wartezimmer des Notars gehört zum Programm „Rio“ der Firma Fröscher-Sitzmöbel in Steinheim an der Murr, an deren Kantine ich einige angenehme Erinnerungen aus den 90er Jahren habe.

Defätisten! Wehrkraftzersetzer! Gesindel!

Meine Kollegen sind alle Defätisten. Wehrkraftzersetzer! Gesindel!

So jedenfalls hätte sie der grosse (1,93 m) Dr. Helmut Kohl genannt, der seit seine ehemalige Büroleiterin Kanzlerin ist, nicht mehr Birne ist, nicht mehr die bleierne Schwere, die 16 Jahre lang auf diesem Land lastete. Statt dessen ist er verklärt zum Kanzler jener Einheit, die über ihn hereinbrach wie eine ansteckende Krankheit.

Stiesse mir ähnliches zu, ich würde diese Welle der Veränderung nach einem kurzen Jammern über die damit verbundene Mühe reiten wie Big Kahuna selbst, so wie der dicke Kanzler des Schwartenmagens und des Schweinebauches es damals tat, der sich den Ruhm der Bürger von Dresden angelte, die wirklich die Wiedervereinigung in Gang setzten. Eine ähnliche Massenbewegung hätte in der Bundesrepublik, hätte es denn dort soviel “Druck von der Strasse” gegeben, Terrorismus gehiessen.

Meine Kollegen, die vielleicht aber auch nur realistisch sind, gehen davon aus, dass diese Niederlassung von Yoyodyne geschlossen wird. Düstere Menetekel sehen sie, wo Kunden ob geringer Margen gestrichen werden sollen, Produkte als zu teuer und zu kompliziert gestrichen werden sollen, auf deren Angebot andere Kunden bestehen und die Zulassung anderer Produkte auf bestimmte Toren beschränkt werden soll, die nur ein Drittel des Marktes ausmachen.

Ich hingegen, der ich positiv bin, setze darauf, dass wir einfach nur zum Verkaufsbüro mit 10 Mitarbeitern reduziert werden. Ich sehe da einen Online-Shop, ein kleines Verkaufsteam, einen Buchhalter und einen Lageristen. Es ist eine Lösung, mit der ich mich anfreunden könnte. Irgendwie. Es ist allerdings eine Lösung, die maximalst halten wird, bis ich in Sichtweite meines Altersruhegeldes komme.

Und dabei fühle ich mich gerade wie Ray Kroc:

 „Ich hatte Diabetes und eine beginnende Arthritis. Ich hatte eine Gallen- und eine Schilddrüsenoperation hinter mir. Aber ich war immer noch davon überzeugt, dass das Beste noch vor mir lag. Ich war immer noch grün und auf Wachstum gepolt und flog innerlich auf einer Höhe, die leicht über der Reisehöhe des Flugzeugs lag“.

Bevor einer fragt – von den nächsten beiden Kanzlern hielt ich auch nicht viel und tu es bis heute nicht.

Das Geheimnis eines langen Lebens

Als Geheimnis ihres langen Lebens gab sie den Konsum von Foie gras, Rindfleisch, Schweinebauch und viel Butter an und riet von Turnübungen und dem übermäßigen Konsum von Gemüse ab.[2] Am 24. Mai 2017 starb Juliana Young Koo im Alter von 111 Jahren in der Stadt, in der sie Jahrzehnte gelebt hatte.[3]

https://de.wikipedia.org/wiki/Juliana_Koo

Ich drehe das Gaslicht herunter

Ich verinnerliche eine Idee, die für mich gleichzeitig neu und alt ist. Was ich mich da bemühe zu begreifen, ist dass Paula sich recht bedacht jeder anderen Person entledigt, die nicht „funktioniert.“ Ihre Mutter, ihre Schwestern, ihr Bruder und diverse „beste Freundinnen“ sind im Lauf der Zeit deswegen aus ihrem Leben verschwunden.

Ich hingegen bin noch da. Das macht aus mir wohl einen Idioten. Für sie gibt es sicher auch eine Bezeichnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine nette ist.

Die ganze Paula lässt sich recht einfach an einem Beispiel erklären: Da geht eine recht breite Frau durch einen nicht allzu breiten Gang in einem Baumarkt. Die Regale sind weit genug voneinander entfernt, dass zwei Menschen nebeneinander gehen könnten. Sie geht aber selbstbewusst genau in der Mitte des Ganges, sodass ihr Begleiter rechts oder links von ihr, aber nie auf gleicher Höhe mit ihr gehen kann. Dann dreht sie sich um und macht ihm Vorwürfe, weil er nicht an ihrer Seite ist.