Am westlichen Ende der Welt

Ist Donald Trump wahnsinnig? Nee, leider nicht. Allzu gut passte das in unsere Vorurteile, in unseren Euro-Zentrismus. Er hat ziemlich sicher eine Persönlichkeitsstörung und nimmt nicht zu wenig Drogen, aber wahnsinnig ist er nicht, der Herr Trump. Wie alle seinesgleichen hat er aber ein unterbewusstes und sehr feines Gespür für die Bedürfnisse eines Volkes zu einer bestimmten Zeit.

Stephen King, Der Dunkle Turm

Und dieses muntere Völkchen, das ihn da gewählt hat, diese Hinterwäldler aus West Virginia, Farmer aus Kansas, Industriearbeiter aus Pennsylvania, Rentner aus Florida, die wissen instinktiv etwas, das den meisten Wissenschaftlern und Politikern entgeht. Sie wissen, dass die Welt sich weiterdreht und dass die Glanzzeiten ihres Landes erst einmal vorüber sind.

Wir Europäer sind da zäher, vielleicht auch begriffsstutziger. Dabei handelt es sich um einen kulturell-evolutionären Vorteil.


Dass die Glanzzeiten Europas auch vorbei sind, das kratzt uns kaum. Was uns der Nabel der Welt ist, das ist eigentlich nur die westlichste Halbinsel Asiens, reichlich weit von den wahren Zentren wie Beijing und Shenzhen entfernt, eine pittureske Gegend voller Langnasen in romantischen Szenerien wie Paris oder Rom. Immerhin haben diese Langnasen noch Geld. Also gemessen am Durchschnittseinkommen in China. Heute.  

Es ist durchaus möglich, dass Europa jetzt für 200 Jahre in die zweite Reihe rückt, die China jetzt gerade nach 200 Jahren wieder verlassen hat. Vor 1820 entfiel ein Drittel des weltweiten BIP auf China, danach flutete erst einmal die East India Company, ja, die aus den Piratenfilmen mit Johnny Depp, das Land mit Drogen. Diese Jungs waren so eine Art Crossover aus Nestlé, Monsanto und El Chapo, also definitiv nicht zimperlich. Nicht lange danach regierten die Briten, Franzosen und Amerikaner recht ungezwungen in China, später stiessen dann auch die Japaner und Deutschen dazu.

Die Russen, denen wir heute zutrauen, dass sie Sibirien in 80 Jahren an die Chinesen verloren haben werden, scheinen sich langsam neu, nämlich in Nord-Süd-Richtung und auf den Mittleren Osten hin zu sortieren. Sie haben es niemals geschafft, mit Menschen zu füllen, was ihnen da Jermak Timofejewitsch im 16. Jahrhundert erobert hatte. Diese Leere wird aus China anziehen, was tatkräftig ist und das Geld für den Flug nach Kanada nicht hat und etliche Dissidenten.

Ich hör dann mal ein bisschen Musik:

Alle Angaben vorbehaltlich der Realität, die sich nicht immer an meine Vorhersagen hält.

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Wir nennen ihn nicht Den Führer

Nannten wir ihn nicht gestern noch den „Kerl mit dem Hamster auf dem Kopf“? Morgen werden wir ihn Mr. President nennen, den POTUS, den President Of The United States, den Oberbefehlshaber der potentesten Streitkräfte der Welt. Wir nennen ihn nicht den Führer. Auch nicht, wenn er einen Mann mit Gehbehinderung zum Pressesprecher und einen gutaussehenden Kriegshelden mit Drogenproblemen zum Verteidigungsminister ernennen sollte. Wir tun das nicht, jedenfalls nicht, bis er selbst darauf besteht.

Wo er beanstandet, dass die Europäischen Staaten mehr für ihre Verteidigung ausgeben müssen, heisst das nicht nur, dass die Ausgaben der USA in diesem Bereich sinken, es heisst auch, dass wir, die Europäer, mehr amerikanische Waffen kaufen müssen. Wo er von Waterboarding spricht, meint das Folter und Geheimgefängnisse, in denen Menschen ohne Haftbefehl und Gerichtsverhandlung eingesperrt werden. Strafzölle auf Produkte aus Mexiko und China bedeuten, dass Produkte für amerikanische Verbraucher teurer werden, die in den USA auch nicht billiger hergestellt werden können.

Der Chinese ist der Feind, der Moslem, der Mexikaner, der Fremde. Vielleicht jagen dann Bürgerwehren mit staatlicher Unterstützung illegale Einwanderer im Grenzland, Moscheen brennen in Wisconsin, Kriegsschiffe gehen im chinesischen Meer auf Konfrontationskurs. Die Welt wird ein gefährlicherer Ort werden.

Auf der anderen Seite sprach die Sybille Anne Applebaum vor der Wahl die Worte: „Wir sind gerade zwei oder drei schlecht laufende Wahlen entfernt vom Ende der Nato, dem Ende der EU und vielleicht vom Ende der liberalen Weltordnung in ihrer gewohnten Form.“ Der Begriff „gewohnte Form“ ist eine wesentliche Einschränkung.

Nicht umsonst kommentiert das I Ging das Ergebnis der Wahl mit dem Bild 23. Es heisst „Die Zersplitterung“ und bedeutet, dass „die Zierde“ zu weit getrieben wurde und sich dadurch das Gelingen erschöpft hat. Das Zeichen hat eine stark sinkende Tendenz, bindet aber auch eine langfristige Zuversicht auf eine Rückkehr des Lichts ein.

Ich lern dann mal russisch

http://www.n-tv.de/politik/politik_kommentare/Deutschland-muesste-ein-Vakuum-fuellen-article16963416.html

Unkenntnis, rhetorische Fehler oder persönliche Verfehlungen können einen Kandidaten stürzen lassen. Nicht so Trump. Was wäre, wenn er antritt und sich seine demokratische Kontrahentin oder sein demokratischer Kontrahent zu viele Fehltritte erlaubt? Die Kandidatur Donald Trumps könnte die Machtlogik außer Kraft setzen und einen Radikalen in das mächtigste Amt der Welt befördern. Trump will das Land führen wie ein Unternehmen, also ohne Rücksicht auf den Einzelnen. Unternehmerischer Misserfolg nicht ausgeschlossen.

Am Tage seiner Amtseinführung beginne ich damit, russisch zu lernen.