Niemand kann zur Liebe ermutigen als ich selbst

Kein Paar, auch das beste nicht, kann zur Liebe ermutigen.

Dieses Zitat von Marguerite Duras nimmt mich in warme Umarmung. Es spricht zu mir, bestätigt mich darin, dass dieser Bereich des Lebens mir verschlossen ist, dass ich Recht habe. Aber das ist natürlich falsch. 

Laut dem freundlichen Internet können nämlich viele Asexuelle lieben und manche haben sogar Sex mit anderen Menschen. Deren Vornamen sie kennen. Die sie vielleicht sogar lieben. Ob das auch für mich gilt, ist eine andere Sache. 

Falsch ist diese Einstellung natürlich vor allem in dem Sinne, dass sie allein Paula dient. Sie begründet, dass ich mich ihr als der einzigen unterwerfe, die bereit war, mich in ihrer Nähe zu dulden. Wie grosszügig ist es doch von ihr, dass sie sich dazu nötigte.

So wenig ich aber nun die Menschen als Spezies schätze, darf ich doch nicht allen ihre Fehler unterstellen. Die Herren Ambros und Schrammel und der Kleine Bruder waren und sind mir freundlich gesinnt. Gut ein halbes Dutzend Menschen hat im Laufe meines Lebens Interesse an einer Beziehung mit mir geäussert. 

Das ist vielleicht wenig, aber dann doch so wenig nicht, vergleicht man es jedenfalls mit dem, was mir Paula beschreibt.

Des Kleinen Bruders kleiner Bruder

Unterbrochen von gelegentlichen Wutausbrüchen von Paula schreibe ich mit dem Kleinen Bruder. So sagt man ja heute für die fernschriftliche Kommunikation, bei der man sich  eines Programmes wie ICQ oder Whatsapp bedient. So kommuniziert man schnell, jedoch mit der Möglichkeit, Frage und Antwort abzuwägen.

Das ist praktisch für emotionale Legastheniker wie mich. Themen wie die Sonder-Kündigung der brüderlichen Bleibe lassen sich so bedenken, bevor man zum Beispiel Mitgefühl äussert. Ich gehe davon aus, dass das die angemessene Vorgehensweise ist, weil mir in dieser Lage auch nach Mitgefühl wäre.

Ich habe nicht raus, warum der Vermieter den Vertrag gekündigt hat (“jaa, haben schon länger probleme mit denen”). Aber eine alternative Bleibe für die sechs ist nicht in Sicht, der Anwalt berät noch mit sich selbst, ob die Kündigung rechtens ist, und niemand weiss, was von seiner Antwort zu halten sein wird. Mein Vertrauen wird da von der Erfahrung blockiert..

Das alles zu einem Zeitpunkt, zu dem sich der Kleine Bruder auf seine Abschlussprüfung als Mechatroniker vorbereitet. Deren Bestehen ist die Grundlage für all seine Lebenspläne. Sein Studium sieht er jetzt schon den Bach herunter gehen, weil er versteht, dass er finanziell auf sich gestellt sein wird.

Mit des Kleinen Bruders kleinem Bruder habe ich schon über die Möglichkeiten einer klassischen dualen Ausbildung statt eines Studiums gesprochen. Diese Variante ist bei vielen jungen Leute, gerade jenen mit Migrationshintergrund, wenig bekannt und bietet doch allerhand Möglichkeiten.

Da gibt es nämlich Ausbildungsvergütung, die Aussicht auf Bafög und hinterher förderliche Weiterbildungen. Das Lernen endet nicht mit dem Gesellenbrief, sondern nur mit dem Tod. Sogar ich lerne immer noch dazu.

Der 4/4 Takt der Mechatronik

Ich glaube, der Kleine Bruder hat eine wichtige Lektion für sein Metier als Kfz-Mechatroniker schon gelernt. Denn er widmete mehr Zeit der Beruhigung meiner Nerven als dem Zustand von La Mosca, der viergetakteten.

Deren Peilstab zeigte nämlich nach einem Tag der Ruhe tatsächlich den gewünschten Ölstand an. Er musste also nur die Ölablassschraube mit meiner Wasserpumpenzange etwas stärker fest drehen und mich hinlänglich ermutigen, den Boliden zu starten.

Der sprang darauf und mit ein wenig Gas sogar an und tut nun, was er immer tat und damit fast, was er tun sollte.

Ich fasse also zusammen, dass ich in der Lage bin, einen Ölwechsel durchzuführen. Hierfür benötige ich:

  1. Die Wasserpumpenzange meines Vertrauens, die mit dem grau-orangenen Griff
  2. Eine Gummi-Dichtung für die Ölablassschraube – eine habe ich noch auf Vorrat
  3. u. u. einen neuen Ölfilter für ca 10 Ecu comme cette:

https://www.roller.com/oelfilter-piaggio-4-takt-50ccm-m01-m05-c25-4016050.html

  1. einen Liter handelsüblichen Öles, z. B. dieses: https://www.obi.de/oele-additive/high-star-4t-sae-10w-40-motorradoel-1-l/p/1350289

Die Vorgehensweise ist wie folgt:

Oelablasschraube

  1. Ablassschraube öffnen
  2. Dichtung ersetzen
  3. Dose unter den Ablauf stellen, weil mir spätestens dann einfällt, dass die Suppe ja irgendwo hin muss
  4. Peilstab heraus ziehen
  5. warten, bis das Öl aufhört, heraus zu fliessen, Roller ggf. ein wenig nach rechts kippen
  6. Sieb sauber wischen oder ersetzen
  7. Ablasschraube wieder festdrehen
  8. Öl da einfüllen, wo sonst der Peilstab sitzt
  9. warten
  10. Ölstand prüfen
  11. wenn ok, Peilstab wieder festschrauben

Peilstab

Vom Gebrauch des Schraubenschlüssels in den Religionskriegen

Ich schaue mir gerade zum dritten Mal das Video an, wie man an La Mosca das Öl wechselt. Zwar hoffe ich immer noch, dass der Kleine Bruder sich als lernender Kfz-Mechatroniker sich der Sache annimmt, habe aber so meine Zweifel.

Denn bei seinem letzten Besuch äusserte er ein seinem ungewöhnlich beschränkten Horizont entsprechendes Unverständnis für die Erstkommunion des Nachbarsjungen. Für Baptisten spielt die Kommunion nämlich keine allzu grosse Rolle, die erste eh nicht.

Man entscheidet sich mit 18 dafür getauft zu werden… oder nicht. Als Belohnung winken statt Guthaben fürs Handy oder einer Armbanduhr von Casio nur die Erlösung.

Den Lesern dieses Blogs ist Paulas Toleranz und Geduld durchaus schon bekannt. Gewiss können er, sie und sier sich vorstellen, wie das Gespräch verlief. Eben so, dass ich nicht sicher bin, dass er mir noch einmal helfen wird.

Ich habe jetzt eine klarere Vorstellung davon, wie Kreuzzüge beginnen, nämlich in dem eine berentete Krankenpflegehelferin und ein Mechatroniker-Lehrling in einer Garage über die Erwachsenentaufe streiten.

A lesson to be learned. A lesson learned

Paula faselt von all den Dingen, die sie am Haus erledigen lassen will, unter besonderer Berücksichtigung meines Beitrages. Das wechselt sich mit der Drohung ab, sich von mir trennen zu wollen. Ich bin an diese Wechselhaftigkeit gewöhnt, verstehe sie aber nicht.

Denn ich bin ja überaus zuverlässig in meinen Gefühlen. Ich hasse morgens alle Menschen, mittags hasse ich sie auch, und abends verabscheue ich sie hingebungsvoll. Allerhöchstens dass ich beim Kleinen Bruder einmal eine Ausnahme mache.

Insgesamt war die einzige glückliche Beziehung in meinem Leben die mit Freund, dem Kater. Er war der einzige, der mich liebte, wie ich bin, der einzige, dem ich je begegnet bin, der dieses Kunststück vermochte. Jetzt erhoffe ich mir nichts anderes mehr, als in Ruhe gelassen zu werden.

ich bin lernfähig. Und das ist es, was Ihr mich gelehrt habt.

Nowhere

Die Steuererklärung ist Gottes Gebot

Da ich deutlich älter bin als der Kleine Bruder sehe ich es als meine Pflicht an, ihn über jene Dinge aufzuklären, die im Leben wichtig sind. So legte ich ihm anhand des Matthäus-Evangeliums dar, dass er seine Steuererklärung machen muss.

Denn sagt nicht Jesus im Kapitel 22, Vers 21, dass man dem Kaiser (dem Staat) geben soll, was dem Kaiser ist. Von mehr war da nicht die Rede. Also immer schön abzählen, was man ihm in die Hand drückt.

Über dem zerlegten Roller hinweg, erläuterte ich ihm dann, dass dieses Vehikel mich dorthin befördern soll, wo ich Nahrung, Geld und Anerkennung bekomme. Es gibt nicht viele, die so gut von Yoyodyne sprechen; aber es ist auch niemand sonst mit Paula verheiratet.

Was sollte ich ihm sonst sagen? Dass ich zu feige bin, um ich selbst zu sein? Zu feige, um sie zu verlassen? Zu feige, um ganz alleine auf mich gestellt zu leben. Zu feige, um mich einer ziemlich wahrscheinlichen Insolvenz zu stellen?

Das wäre mir peinlich. So peinlich wie zuzugeben, dass die addierten und voll ausgeschöpften Überziehungskredite zweier Girokonten 10.000 Ecu ergeben. Meine finanzielle Situation ist das Äquivalent eines Standing Knock-Out.

Den Roller übrigens belebte weder der Austausch des Chokes noch der der Batterie oder der der Sicherung.

Das ist nicht Kansas

Die geistige Landschaft eines anderen zu bereisen, ist kein einfaches oder ungefährliches Geschäft. Nicht umsonst (und schon gar nicht ohne Kosten) erlernt ein Psychologe sein Metier jahrelang an der Universität und in der Praxis, bevor er solche Reisen regelmässig unternimmt. Und selbst dann noch geschieht es dann und wann, dass einer von ihnen von einem der Urviecher gefressen wird, die diesen oder jenen Dschungel bevölkern. Für uns Laien ist die Reise auf dem Gelben Ziegelsteinweg noch viel gefährlicher. So kann man zum Beispiel statt einem gefrässigen Saurus Depressionis ja auch sich selbst begegnen.

Denke ich zum Beispiel darüber nach, ob dicker Staub auf dem Fuss eines Fernsehers, Körbe voller Bügelwäsche und ein Dutzend Katzen bedeuten, dass Paula beginnt, sich selbst zu vernachlässigen und zu horten, stellt mir der hässliche Kerl, dessen Gesicht mir so bekannt vorkommt, auch gleich die Frage, warum ich in bestimmten Situationen anfange, Dosensuppen in der Schublade in meiner Garage zu sammeln, gleich neben dem Werkzeug, das ich für jene Reparaturen an meinem Roller brauche, die ich mir selbst zutraue.

Da liegen dann die Selbstüber- und die Unterschätzung direkt nebeneinander. Denn diese Dosen sind gerade Ausdruck eines mangelnden Vertrauens in die Welt, die Nahrungsmittelversorgung und Paula als Basis dazu. Gewinne ich an Selbstvertrauen, brauche ich diesen Vorrat nicht mehr. Er substituierte sozusagen nur, was ich an mir nicht sehen konnte. Dazu verhalfen mir dann der Zuspruch des Herrn Ambros, die Rolle als Alleinverdiener und die Freundschaft des Kleinen Bruders. Darüber zu bloggen war in gewisser Weise auch nützlich. Von nun an aber gelte für mich, dass es mir gut gehen soll.