Wir haben gewählt

Herr Scholz erklärte sich zum Sieger der Bundestagswahl. Herr Laschet auch. Beide waren in Wirklichkeit die Verlierer. Denn sowohl die SPD als auch die CDU, deren Kanzlerkandidaten sie waren, hatten höchstens bescheidene Wahlergebnisse erreicht. 

Noch weniger Wähler hatten sich für die Grünen entschieden. Die aber hatten die Wahl gewonnen, denn im Gegensatz zu den Kollegen hatten sie kein schlechteres Ergebnis als in den Vorjahren. Zudem befinden sie sich nun in der beneidenswerten Lage, durch geschicktes Verhandeln um ihre Beteiligung an einer Koalition wenigstens einen Teil ihre Ziele durchsetzen zu können. Wo ihnen etwas daneben geht, können sie es auf die anderen Teilnehmer schieben. 

Von daher ist eine befristete Verbindung mit SPD und FDP einer mit CDU und FDP vorzuziehen, in der sie untergebuttert werden. Diese beiden Parteien haben nämlich gewisse politische und persönliche Ziele gemeinsam. Dazu gehört auch die Einsicht, von Veränderungen weniger Vorteile zu haben als vom Status Quo.  

Sehen die Bürger das auch so? Sehen sie auch Vorteile für sich vom Status Quo, die die einer Veränderung überwiegen? Immerhin haben sie in der Black Box der Wahlkabine diese Situation so erzeugt. 

Wir sind zu Fuss zum Wahllokal hinüber gegangen, dem einzigen Lokal, das im Dorf noch geöffnet hat, meist übrigens als Kindergarten. Dabei sind uns sogar mehrere Menschen begegnet. Mehrere! Das Interesse an der Wahl war also durchaus gross. 

Kurz und knapp

Es gibt Menschen, die spielen nachts Minigolf, und es gibt Menschen, die liefern dann Essen aus. Die beiden Gruppen begegnen sich selten. Ich gehöre zur zweiten Gruppe und stiess nur auf die erste, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Ihr Leben schien mir viel besser zu sein als meines, als ich am Rande des Spielfelds entlang wanderte, die Thermobox in meinen Händen. . 

Da sah ich zwei junge Frauen in das Zelt gehen, das der Entgegennahme des Eintrittsgeldes ebenso diente wie dem Verkauf von Getränken. Die grössere, plumpere steckte in etwas schwarzem mit Silberborte, das Bon Prix wahrscheinlich als Party-Outfit beworben hatte. Es wirkte billig und hing an ihr wie ein Jutesack.  

Ihre Begleiterin war kleiner und hatte sich für Hotpants und der Temperaturen halber auch für eine Strumpfhose entschieden. Sie hielt also ihre Beine für vorzeigbar. Ich war zu weit entfernt, um mir darüber wirklich eine Meinung bilden zu können. Dafür sassen ihre Hosen aber so eng, dass sie im Gegenlicht schätzenswert durchsichtig schienen. 

Da drückten sich für mich nicht nur zwei Gesässbacken aus, sondern auch ein gewisses Mass an Verzweiflung. Ich fand das sexy, denn nach meiner Erfahrung wäre sie dann sogar einem Annäherungsversuch von mir zugänglich. Ich verfolgte das Thema dann aber nicht weiter, denn 1. arbeitete ich ja gerade irgendwie und bin wie mir eben einfiel ja 2. verheiratet. 

Ausserdem werde ich bei meinen Flirt-Versuchen 3. erfahrungsgemäss davon behindert, dass ich blitzschnell das Interesse verliere. 

Ich bin nachtragend

Zu den vielen, vielen Dingen, die Paula mir immer vorwarf, gehörte, meiner Schwester finstere Absichten zu unterstellen. Nie habe sie erlebt, dass die mir etwas schlechtes wollte. Nie! Nie heisst: bis vorgestern. 

Da rief die nämlich an, um mir, mutmasslich unter dem Einfluss von Antidepressiva und/oder Schmerzmitteln, einen Vorschlag zu machen. Sie hat gute Gründe, diese Medikamente zu nehmen. Jedoch spricht einiges dagegen, in diesem Zustand andere Menschen anzurufen. 

Ihre Idee war, mir meinen Anteil an der Erbengemeinschaft für 4.000 Ecu abzukaufen, die sie gegen meinen Anteil an Grundsteuern, Schornsteinfeger und Schmutzwasser verrechnen will. Das restliche Geld und die Gebühren für den Anwalt kann ich ihr dann ja überweisen. 

Ja, das ist ganz die liebe Schwester, die ich ein Leben lang gekannt habe. Für sie war das Leben eine Abfolge von Krankheiten und Leid, Drama eben, und dem Versuch, andere über den Tisch zu ziehen. Die Absurdität, die sich daraus ergab, das ist auch ein Grund, warum ich mir soviel von anderen habe gefallen lassen. 

Menschen wie sie haben mich sozusagen unabsichtsvoll auf das Leben mit Paula vorbereitet. Auch das werde ich ihr immer nachtragen. 

Immerhin, sie und ihr Sprössling sind gegen Corona geimpft. 

Der Getz ist rot… überwiegend

Mein aktuelles Dienstfahrzeug ist ein Hyundai Getz. Es ist nicht das schlechteste Auto, das ich je gefahren habe. Dieser Platz ist in meinem Herzen für einen 1981er Ford Fiesta reserviert. Licht, Bremsen, Gangschaltung, Heizung, Gebläse und sogar das Radio funktionieren. Gewisse farbliche Defizite nivelliert die Dunkelheit. 

Ihn pilotiere ich verhältnismässig erfolgreich zu den verschiedensten Häuser, maskiere mich und ergreife die Thermobox, die wackelig auf der umgelegten Rückbank steht, um die Einsamen und Kranken zu besuchen und die Hungernden zu speisen, wie es die Heilige Schrift uns gebietet… und das für ein durchaus bescheidenes Salär. 

Sie begegnen mir meist voll der Vorfreude auf eine leidlich wohlschmeckende Pizza, Pasta oder ein Gratin, sie begegnen mir nüchtern, zugesoffen und zugekifft. Einer rief mir gleich zu, als ich sein Grundstück erreichte, keiner käme ihm mit Corona-Maske aufs Gelände. Ich ignorierte ihn, den ich schon lange nicht mehr ernst nahm, weil ich ihn ja kenne. 

Er allerdings nimmt sich durchaus ernst, obwohl er sich ja kennt. Denn ich fragte natürlich, ob er geimpft sei. Er konterte mit der Frage, ob ich dem Wahnsinn verfallen sei. Das konnte ich durchaus bestätigen, kenne ich mich doch. Davon abgesehen sei ich natürlich auch zwiefach geimpft. 

Ich verkniff mir die Frage, was seine Einstellung zu dem Thema ist. Danach fragt man nicht. Es spart einem nämlich viel Zeit, wenn man den Irrsinn des Anderen respektiert. Ich kenne mich da aus. 

Hospital To Stop Delivering Babies After Employees Quit Rather Than Get COVID Vaccine | HuffPost

Die Zeit ist um

Ohne Bedauern sah ich einem milchähnlichen Hafergetränk, Geschmacksrichtung Vanille, zu, wie es im Ausguss verschwand. Dabei waren wir beide so lange die einzigen gewesen. Ich der einzige im Bürogebäude, er der einzige im Kühlschrank. 

Jetzt liegt da noch eine halbe Pizza und irgendetwas schwer definierbares in einer Plastikschüssel, deutliche Zeichen dafür, dass sich diese Phase einem Ende nähert. Schon sind die ersten drei Kollegen wieder da, bearbeiten ihre Tastaturen und sprechen laut in Telefone. 

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das gut finde. Gewiss, gewiss, ich rede ja gerne mit ihnen. Aber zugleich bin ich auch ihrer schon wieder überdrüssig. Ich hatte mich so schön an einen bestimmten Tagesablauf gewöhnt. Ich habe auch noch einige Hörspiele, Hörbücher und Podcasts vorrätig. 

Es war eine Art Training für den Tag, an dem mein MHD abläuft und ich in Rente gehe. Da war mir die Hafermilch voraus. Ihr MHD war im August abgelaufen. Da endet dann die Freundschaft. 

Brat mir einer ‘nen Wal

Die Geschichte, die Herman Melville in “Moby Dick” erzählt, ist nicht wirklich die von einem Wal mit gestörter Pigmentierung. Es ist eine Geschichte, die viele von uns kennen, eine, die viele von uns schon erlebt haben. 

Wo seine Figuren auf der ‘Pequod’ Wale töten und zerlegen, wo sie Tran auskochen und nach Ambra suchen und Segel setzen und reffen und Fangboote rudern, stehen sie für alle Werktätigen der Welt. Ahab steht ihnen als Unternehmer gegenüber, die ihnen eine Leistung abverlangt und ihnen dafür die Möglichkeit bietet, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 

Er ist der Archetyp des Unternehmers, der zielstrebig und tatkräftig falsche Prioritäten setzt und entschieden an ihnen festhält, allen Einwänden zum Trotz. So führt er seinen Betrieb in den Untergang, während ihm das Wohlergehen seiner Mitarbeiter schnurz ist. Von seiner Sorte gibt es in jedem Dorf der Welt einen. 

In diesem Sinne ist “Moby Dick” immer noch relevant. Allerdings hat sich der Autor bei dem Versuch, auch noch gerade seine umfassende Bildung zu belegen, hoffnungslos verzettelt. Bertolt Brecht hätte daraus eine Kurzgeschichte gemacht und jeder gute Journalist einen Artikel über fünf Seiten mit je einem Foto von Ahab (mit Namen und Kurzbio), der Besatzung (ohne Namen) und der ‘Pequod’. 

Moby Dick | Animal Villains Wiki | Fandom

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