Tim Knopf und das heimliche Hacksteak

Den CFO treibt das Heimweh regelmässig ins Unternehmen. Vielleicht wiegt ihn die Musik aus meinem Büro in dem Gefühl, dass doch noch alles in Ordnung ist. Das würde ich auch gerne glauben, es widerspricht jedoch meiner Beobachtung. 

Denn heute scheint die Lage fast ernster als nach einem Jahr Corona. In der Mittagspause kam ich an zwei Frauen vorbei, die darüber sprachen, dass der Vater der einen sich wohl im Krankenhaus angesteckt habe. Paula meldete parallel dazu, dass die örtliche Tierärztin etwa zweimal die Woche vom freundlichen Gesundheitsamt angerufen wird, weil jemand ihrer zahlenden Kundschaft infiziert ist. 

Im April 20, damals, da waren wir noch frisch, und die Krankheit schien auch vor allem alte Menschen zu treffen. Alt, da sind wir uns ja wohl einig, alt sind immer die Anderen. Jetzt kommen die Einschläge näher. Schon klirrt das Geschirr im Vitrinenschrank bei jedem Schuss, bald vergeht uns das Lachen. Bald, doch nicht jetzt. Jetzt spielen wir Musik von Delgrès.  

Von altem Schrot und Korn

His Royal Highness The Prince Philip, Duke of Edinburgh, Earl of Merioneth and Baron Greenwich, Royal Knight Companion of the Most Noble Order of the Garter, Extra Knight of the Most Ancient and Most Noble Order of the Thistle, Member of the Order of Merit, Grand Master and First and Principal Knight of the Most Excellent Order of the British Empire, Knight of the Order of Australia, Companion of the Queen’s Service Order, Lord of Her Majesty’s Most Honourable Privy Council, Member of Her Majesty’s Privy Council for Canada, war ein Mann von nicht unerheblichem persönlichen Mut und  einem gewissen Mass an Humor und Charme. 

Allerdings war er auch ein Vertreter jener alten Welt, in der das Ansehen eines Menschen von seinem sozialen Status, seiner Hautfarbe und seinem Geschlecht abhing. In diesem System waren seinesgleichen (adelig, weiss, männlich) die Spitze der Pyramide. Irgendwo am anderen Ende stand dann eine schwarze Frau. In diesem Sinne ist er mein Kandidat für jene rassistische Bemerkung, die seine amerikanische Schwiegertochter in dem bekannten Interview mit Oprah Winfrey zitierte. Seinesgleichen schrien jahrhundertelang “Vorwärts!” und sah dann durch das Fernglas zu, wie der Angriff lief. 

Diese Burschen bauten das britische Empire auf und das französische und sowieso das deutsche Kaiserreich. Sie zögerten im Ernstfall nicht, ihr eigenes Leben einzusetzen, gaben aber dem anderer stets den Vorzug. Sie eroberten ferne Länder und organisierten Arbeit und Leben anderer zu ihrem eigenen Vorteil. Sie schrieben ihre Namen in die Geschichtsbücher und die anderer auf Gedenktafeln für die Gefallenen.  

Als Urheber des Zitates: “In the event that I am reincarnated, I would like to return as a deadly virus, to contribute something to solving overpopulation.” wird mir Prinz Philipp posthum dann doch noch ein wenig sympathisch. 

Jesaja, Kapitel 8, Vers 10

Paula arbeitet an einem neuen Plan, der die Zukunft ihrer Katzen sicherstellen soll. Nach meiner Beobachtung ist denen das Thema übrigens bemerkenswert egal. 

Im Falle meines Ablebens erwartet sie die Auszahlung einer nicht unerheblichen Lebensversicherung sowie einer leidlich unerheblichen Hinterbliebenen-Rente. Dazu will sie Nathanael, einen der Brüder des Kleinen Bruders, als Teilhaber und Heir elect ins Haus nehmen. 

Stirbt sie vor mir, soll er ihr Erbe werden und mit mir im Haus wohnen und die Katzen versorgen. Lebensversicherung entfällt wegen ist nicht, dafür gibt es aber ebenfalls eine Hinterbliebenen-Rente. 

Für die dritte Möglichkeit hat sie das Ableben ihres Vaters als Ausgangspunkt  ins Auge gefasst. Dann erwartet sie ein hübsches Sümmchen als Erbe, mit dem sie mich auszahlen will, um dann Nathanael als Heir elect ins Haus zu nehmen. 

Wenn wir aber etwas von Corona gelernt haben, dann das es erstens anders kommt als man zweitens denkt. Wer hätten denn zum Beispiel gedacht, dass sich eine ganze Generation Politiker als völlig nutzlos und überfordert erweisen würde? Ok, ich, aber wer sonst noch? Entsprechend gelassen begegne ich ihren Plänen. 

Immerhin gönne ich dem Burschen alles und meinem Neffen nichts. In dieser Beziehung also bin ich sogar mit der Idee einverstanden.

Sie schreibt man auch mal gross

Einer meiner Kollegen siezt mich jetzt. Ich erlangte dieses Mass an Respekt, indem ich zwei Jahre lang ein Mass an Inkompetenz bewies, das er für unerreicht hielt. 

Gestern Abend wechselten beide Anreden sich in einem Post noch ab, heute hat er sich endgültig dafür entschieden, mir das Du zu entziehen. Das ist nicht einmal das schlimmste, was mir in all den Jahren mit Kollegen passiert ist. 

Ich bin wohl kein angenehmer Mensch. Das entschuldigt sein Verhalten nicht. Es erklärt aber vielleicht zum Teil, warum ich von jener Spezies so wenig angetan bin, die sich da Homo Sapiens nennt. Was könnte ich ihnen sagen, dass John Moses Browning nicht schon viel besser ausgedrückt hätte? Bei ihnen kommt auf hundert von seiner Sorte einer, der mir nicht vorwirft, wie ich bin. 

Eine Retrospektive chinesischen Designs

Bei der Beschaffung eines neuen Mobiltelefones sah ich zwei Vorgehensweisen. Zum einen könnte ich heimlich, still und leise eines, vielleicht ein Sony XA1 oder ein Moto G5 bei ebay erwerben, es aus meinem privaten Fond bezahlen und behaupten, es für wenig Geld einer Kollegin abgekauft zu haben.

Das wäre eine saubere Lösung gewesen. Jedoch war ich mir unsicher gewesen, ob mir Paula die Geschichte glaubte. Denn schon bei dem Ulefone habe ich damals behauptet, ein Kollege habe es mir geschenkt, weil seine Tochter es nicht haben wollte. Geschickter schien es mir, sie auf eine Suche quer durch die ebay Kleinanzeigen zu schicken. 

Das gefällt ihr normalerweise, und am Ende würde sie sich vielleicht sogar an der Finanzierung beteiligen.  Als Ergebnis warte ich jetzt auf Dalsey, Hillbloom und Lynn, deren elektrisch angetriebener Auslieferungsfahrer ein Sony XZ2 bringen soll. 

Ich bin dann mal wieder bei jener Retrospektive chinesischen Designs, in dem der Laie nur die Suche nach einer neuen Handyhülle sieht. Die teurere Alternative ist eine Hülle nach eigenem Entwurf fertigen zu lassen. Da fehlt mir jedoch gerade sowohl der künstlerische Ansatz als auch die Bereitschaft, mehr als zwanzig Ecu dafür auszugeben. 

Die Poesie Gottes

Die Bibel ist nicht Gottes-, sondern Menschenwort.

Dass Gott in drei Personen existiert, ist menschlicher Fantasie entsprungen.

Jesus ist Mensch und nicht Gott.

Maria ist Jesu Mutter und nicht Gottesmutter.

Gott hat Himmel und Erde geschaffen, die Hölle haben die Menschen hinzuerfunden.

Es gibt weder Erbsünde noch Teufel.

Eine blutige Erlösung am Kreuz ist eine heidnische Menschenopferreligion nach religiösem Steinzeitmuster.

Uta Ranke-Heinemann

Das lässt insgesamt jetzt quasi nur noch einen rationalen Arianismus um einen Jesus zu, der die Menschen erlöst, indem er sie die Nächstenliebe lehrt. 

Dadurch unterscheidet er sich dann von Mohammed, der den Menschen die Gesetze Gottes verkündet. Dieses Konzept erfordert dann eine vollständig neue Interpretation der Evangelien, eine neue Auswahl der kanonischen Texte, eine komplett neue Theologie. 

Es könnte daran Bedarf sein, falls nun nicht wirklich ein Zeitalter angebrochen ist, in dem die Menschen der Götter endgültig überdrüssig sind. In gewisser Weise wäre es schade, es gab ihrem Leben eine gewisse Tiefe und Poesie. 

Ach, wen versuche ich zu täuschen? Zwei Generationen, vielleicht drei, dann werden die Menschen die Religion wieder entdecken.

Eines Tages vielleicht

Eines Tages werde ich sagen, dass nicht alles schlecht war während Corona. Ich weiss noch nicht, wem ich das sagen werde, aber es wird in einem Café in der Hauptstadt sein, vielleicht bei Starbucks. Draussen werden Leute an geöffneten Geschäften vorbei gehen, und sie werden Einkaufstaschen tragen. 

Was ich meinen werde, ist diese herrliche Einsamkeit, die ich auf die gleiche Weise geniesse wie warme Finger auf frischen Narben. Meine Kollegen empfand ich als angsteinflössend, weil ich stets ihre Kritik fürchtete, von der ich sicher bin, dass sie berechtigt ist. 

Eines Tages wird das keine Rolle mehr spielen. Eines Tages wird das Leben kein Song von Lana Del Rey mehr sein. Dann werde ich mit jemandem in einem Café sitzen. Irgendwann. Vielleicht.