Vom Gebrauch der Spiegel beim Pizzafahren

Ich klingelte an einer Türe. Eine junge Dame öffnete, die Zahnbürste im Mund, ein Kopf im Dunkeln. Nachdem sie mich anhand meiner Box positiv als Food Distribution Assistant identifiziert hatte, schloss sie die Türe umgehend wieder. 

Das war eine ungewohnte Reaktion. Meist reagieren Menschen und Hunde mit einer gewissen Begeisterung auf meine Ankunft. Da wird oft speziesübergreifend mit der Rute gewedelt und gesabbert. Hier wurde nun innen zuerst einmal Licht angeschaltet. Als die Türe wieder aufging, war aus der jungen eine alte Frau geworden.  Sie nahm die beiden Pizzen an und verausfolgte mir 22 Euro. 

Während sie das tat, beschäftigte ich mich mit der Frage, ob ich mich beim ersten Kontakt über das Alter so getäuscht haben könnte. Immerhin, wo es um dieses Thema geht, tue ich mich schwer. Im Spiegel rechts von der Wohnzimmertüre sah ich allerdings auf einem Treppenabsatz eine junge Frau warten, die nur in ein Badehandtuch gehüllt war. 

Ich schätzte ihre Scham. Sie liess mir immerhin die Vorstellung, noch als Mann zu zählen, gezählt zu werden. Trotzdem hätte ich gerne mehr von ihr gesehen. 

2020 ist das Jahr der Stahlratte

und zwar in der chinesischen Astrologie: 

Die Metall-Ratte ist besonders intellektuell, idealistisch und emotional. Sie kann ihre Emotionen aber gut verstecken. Sie kann sehr eifersüchtig, selbstsüchtig und besitzergreifend sein. Sie kann gut mit Geld umgehen. Es ist eine Ratte mit Idealen, sie liebt das Geld, hortet es aber nicht. Diese Ratte wird vorankommen, soll nur ihre negativen Eigenschaften – wie Eifersucht, Selbstsucht usw. ein wenig zügeln.

Die Metall-Ratte ist eine Führungspersönlichkeit mit hervorragenden Qualitäten. Durch ihren Charme, ihre Aufmerksamkeit, ihre Vertrauenswürdigkeit, ihren Sinn für Humor und den Drang zum Abenteuer kann die Metall-Ratte schnell Freunde finden und auch halten. Sie ist ein ausgesprochen erfolgreicher Mensch. In der Liebe ist die Metall-Ratte mitunter etwas zurückhaltend bis misstrauisch, weil sie in der Vergangenheit oftmals verletzt wurde. Hat sie jedoch den richtigen Partner gefunden, hat die Partnerschaft für die Metall-Ratte einen hohen Stellenwert.

http://de.astrologyk.com/chinesisches/metall/ratte

Es ist also das Jahr von James Bolivar DiGriz. Dieser notorische Erbe Raffles’ und Lupins allerdings wird es in unseren Zeiten schwer haben. Denn wo es einst genügte, in eine Bank einzubrechen, so nährt es heute einen kriminell begabten Menschen nicht einmal mehr, eine zu gründen. Nur der Handel mit Pharmazeutika, legal oder nicht, bietet ihm neben der Politik noch ein profitables Aufgabengebiet. 

Den einen Bereich haben einige übelbeleumdete Unternehmen untereinander aufgeteilt, den anderen verwegene Abenteurer besetzt, auf deren moralischen Standard der verkommenste Verbrecher verachten würde. 

Könnte trotzdem bitte einmal jemand für Netflix oder Sky das eine oder andere Buch von Harry Harrison verfilmen? Ich plädiere für Annie Briggs als Angelina und Enrico Colantoni als Harold Peters Inskipp

Der Fussel im Nabel der Welt

Abd-Allah verpasste meinem Eurozentrismus einen üblen Tiefschlag. Ganz naiv nämlich erklärte er, vor seiner Flucht aus Syrien Berlin und Rom nicht gekannt zu haben. 

Das war jetzt nicht schmeichelhaft, schliesslich ist Europa der Mittelpunkt der Welt und kulturell und technologisch weiter fortgeschritten als jede andere Gegend. Sollte es anderswo, sagen wir in China modernere Technologien geben, sind das nur Spielereien, die kein Mensch braucht. 

Und es ist ja wohl ganz klar, dass z. B. die syrische Kultur  der unseren kellertief unterlegen ist. Da braucht man sich nur ihre Malerei anzusehen und den Zustand der Städte. Dass der Koran die Malerei quasi verbietet und kein Land nach ein paar Jahren Bürgerkrieg besonders fit aussieht, steht hier nicht zur Debatte. 

Für die Minderwertigkeit ihrer Literatur spricht, dass keiner von uns ihre Schriftsteller kennt. Das liegt nicht etwa daran, dass sie arabisch schreiben und keiner von uns diese Sprache beherrscht. Denn wären sie nämlich wirklich bedeutend, so würden sie ihre Texte schliesslich selbstverständlich in Englisch oder auch gleich in Deutsch verfassen. 

Mal abgesehen davon weiss in Europa ja jeder, dass die Flüchtlinge 2015 nur deshalb in solchen Scharen kamen, weil im Idliber Wochenblatt auf der vorletzten Seite über der Anzeige vom Metzger Al-Hamsa ein Bericht über die Sozialhilfe in Frankreich und das deutsche Hartz IV erschien. Jawohl!

Miguels Wehklagen

Ich verdächtige mich, den Katalysator des Opel Corsa beschädigt zu haben. Da war dieses Mäuerchen, kaum knöchelhoch, das ich im Dunkeln übersah, als ich wendete. Danach liess er sich nur noch mit Gas starten. 

Um mich vor Miguels dauerhaftem Wehklagen zu schützen, berichtete ich ihm nichts davon. Vieles tue und unterlasse ich nämlich, um mich, meine Gefühle und meine Eitelkeit zu schützen. 

Sollte er mir aber darauf kommen und beschliessen, mich zu entlassen, beabsichtige ich, Paula gegenüber zu behaupten, ich hätte auf eine Gehaltserhöhung in Richtung des Mindestlohnes gedrängt und sei daraufhin gefeuert worden. Das ist durchaus glaubhaft, denn er ist ja nicht nur zimperlich, sondern auch geizig, der Spanier aus der alten Stadt Cadiz. 

Sie wird dann erstens glauben, ich hätte das getan, was sie längst wollte, und zweitens darauf drängen, dass ich eine andere besser bezahlte Stelle finde. Das wird sich als schwierig herausstellen. 

Vielleicht sollte ich mir allerdings wirklich eingestehen, dass ich im Dunkeln nicht mehr so gut sehe. Aber mir würden die Rigatoni fehlen – es sind die besten im Ort – und die Geschichten, die man am Tag danach erzählen kann. 

Wovon Architekten alpträumen

Des Kleinen Bruders kleiner Bruder, den, der mit Lisa-Lena-Marie schläft, wollen wir in diesem Blog fürderhin Nathanael nennen. Das wird seine Auftritte hier etwas einfacher für uns alle gestalten. 

Die vielköpfige Sippe seiner Angebeteten residiert auf der falschen Seite der Hauptstrasse von Alt-Panzerbach. Diese Einteilung wurzelt tief in einer Vergangenheit, in der die richtige Seite die mit den grösseren Parzellen fruchtbaren Ackerlandes war. 

Wer nun aber kein “Land an de Föss” hatte, hockte oben auf dem Berg in einem kleinen Haus mit einem Ziegenstall und einem Werkzeugschuppen. Seine Nachfahren vereinigten alle drei Baulichkeiten dann zu einem Wohngebäude für ihre eigene zahlreichere Nachkommenschaft. 

Es dauerte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis der Dorfpfarrer nicht mehr regelmässig über Leviticus Kapitel 18, Verse 15 bis 18, predigen musste. https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/lev18.html

Die Bekanntschaft des jungen Mannes verschaffte mir die Gelegenheit, in eines dieser Häuser hineinzuschauen. Jetzt weiss ich, wovon Architekten alpträumen. Grosse Räume mit hochflorigen Teppichböden und wechselndem Bodenniveau, darin eine Küche, ein Bad, in einem Wohnzimmer noch eine Toilette, eine Keramikinsel in grünem Plüsch, ein Durchgang zu einem Anbau, drei Stufen hinunter, 160 hoch, 60 cm breit. 

Seinem Vermieter gehören einige davon, die er üblicherweise um 30.000 Ecu erwirbt, mit bescheidenem Einsatz von Mitteln und Material renoviert und vermietet. Ich sollte mich vielleicht mit ihm gut stellen. 

Tatort FAZ

 

Umso tradierter und hilfloser wirkt es, wenn die FAZ-Herausgeber und -Ressortleiter mit gravitätischem Stil gegen die Umbrüche der Welt anschreiben, als liesse sich der Wertekosmos einer analogen Öffentlichkeit einfach konservieren.

Adrian Lobe

https://medienwoche.ch/2019/10/24/70-jahre-faz-wo-die-herausgeber-regieren-wie-fuersten/?utm_source=pocket-newtab

Die FAZ ist also so etwas wie das gedruckte Pendant zum “Tatort”. Da ermitteln die Kommissare auch noch im Analog-Zeitalter, losgelöst von allen digitalen Realitäten. 

In der Dienststelle des Kommissars Haas gibt es sogar noch Kriminalassistenten, die sonstwo schon irgendwann in den 70ern ausgestorben wurden. Im fiktiven Bruck am Inn ging es derweil so analog zu wie selbst im realen Hagen nicht, wo ich gerade sitze. 

Der ungefähr letzte Fernsehtatort, den ich sah, schaffte den Spagat dann elegant, indem er die 80er in einer musealen Polizeiwache konservierte, die dann Schauplatz für eine Hommage an einen Film von 1976 ist, der eine Hommage an einen Film von 1959 war. Der Kommissar verliess diese cineastische Raum-Zeit-Blase dann durch die Kanalisation, dorthin, wo es wieder Mobilfunkempfang gab. 

Beide Kulturträger sollten sich allerdings schleunigst den geänderten Zeiten anpassen, weil sich sonst irgendwann nur noch ein alter Sack wie ich an sie erinnert. Der Wandel schläft nicht, er ruht nicht, und er lässt niemanden unberührt. 

Genau das aber nutzen die Werber, die für Milka arbeiten, geschickt für sich. Sie erfinden in ihren Werbespots eine heile, analoge Welt voller Wohlgeschmack, ganz kuschelweich und digital-feindlich, ein Märchen für Erwachsene. Die, die ich kenne, ziehen da “Schneeflittchen und die 7 geilen Zwerge” vor und kaufen ihre Schokolade bei Lidl.

https://www.netzkino.de/?fb_comment_id=990808874322408_1265086056894687#!/komodie/schneefickchen-und-die-sex-zipfelzwerge.html

Witzig könnte eine Tatort-Episode sein, bei der in den Räumen einer namentlich verfremdeten Zeitungsredaktion gemeuchelt wird. Der Ermittler müsste dann allerdings ein Digital Native sein, der sich immer wieder in die analoge Welt hinein denken muss.