Orangefarbene Röhren

Während ich mich an einer orangefarben lackierten Röhre festhalte, betrachte ich die Schüler im Nichtschwimmer-Becken. Ein strammer Kerl mit dem Haarschnitt der Gottesfürchtigen schlägt einen Ball ins andere Team hinüber; eine dralle Maid in einem Bikini lächelt ihren Freund am anderen Ende des Beckens an.

Ich beschliesse, dass es zwei grundsätzliche Strategien für ein humanoides Weibchen gibt, um einen Partner für die Fortpflanzung zu finden. Die dralle Maid verwendet eine Variante der offensiven Strategie. Sie wuchert also mit ihren Pfunden, die durchaus ansprechend verteilt sind. So verspricht sie ihm sexuellen Genuss.

Der andere Ansatz ist die defensive Strategie, bei der ein Mädchen sich betont fleissig, bescheiden und zurückhaltend gibt und heraus streicht, dass sie sich fürsorglich um die Brut des Männchens kümmern wird. Speziell in konservativeren Gesellschaften ist das die akzeptiertere und damit erfolgversprechendere Strategie.

Die Moral von der Geschichte ist, dass es keine gibt. Hier geht es nicht um Moral, hier geht es um den Erhalt der Spezies.

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Über Wasser bleiben in St. Olaf

Paula hatte sich für den Urlaub vorgenommen, die drei nächstgelegenen Freibäder zu besuchen. Da eines davon völlig überlaufen war und das andere zu weit entfernt, schwammen wir zweimal nacheinander im gleichen, dem von St. Olaf.

Unweigerlich identifiziert man dann die Stammkunden, den Rentner mit dem Hütchen, die ältere Frau, die ich aufgrund ihrer Frisur für eine Tochter der Sappho halte, und den kahlrasierten Lehrer, der jeden Nachmittag eine Hälfte einer Schulklasse beim Wasserball beaufsichtigt.

Die anderen Schüler sassen derweil auf der Liegewiese unter einer Buche und diskutierten das Leben. Ich hielt sie für Eleven des örtlichen Gymnasiums, denn die Klassen waren ebenso klein wie der Anteil von Schülern mit “Migrationshintergrund” unter ihnen.  Die meisten waren ethnisch und – St. Olaf liegt schon im Saarland – auch genetisch eng beieinander.

Ich habe aus diesen beiden Tagen gelernt, dass mein linker Arm schneller einschläft als der rechte, der rechte es am zweiten Tag nicht mehr tut und auch der linke schneller wieder aufwacht. Ferner weiss ich jetzt, dass meine Kondition mässig ist, ich sie aber verbessern kann, und dass es für junge Mädchen mit dem beschriebenen sozio-ökonomischen Hintergrund de rigeur ist, sich die Achseln zu rasieren.

Eine wahre und echte Liebe

Ich bin heute nicht im Einklang mit mir. Irgendwas passt nicht zueinander, irgendwas ist nicht richtig. Ausserdem vermisse ich den Kater, der mich liebte, ich vermisse, ach, sogar bestimmte Fernseh-Serien.

Ich habe gelernt, dass diese Empfindungen bald weniger intensiv sein werden, dass sie mich aber nicht verlassen werden. Dass ich immer das Gefühl vermissen werde, dass ich hatte, wenn dieses doofe Vieh morgens neben meinem Kopfkissen lag,

Und das Gefühl, dass ich hatte, als ich in Sam Pucketts Verfressenheit meine eigene Angst erkannte. Von Sam habe ich übrigens auch swipen gelernt.

Ich vermisse auch The Dean, die Superschurkin der Serie “Carmilla”. Wo Ihr anderen bei der Liebe zwischen Carmilla und Laura dahin schmelzt, erwärmte ihr aus Liebeskummer gewachsener Wunsch nach der Zerstörung der Welt mein Herz.

Mein Liebeskummer allerdings ist die Frucht verletzter Eigenliebe, der einzigen Liebe, die ich wirklich empfinden kann. Und gerade deshalb ist es eine wahre und echte Liebe, um die mich mancher beneiden würde.

Ich öffne mich langsam dem Gedanken, dass Ihr nicht alle böse seid. Es gibt also vermutlich auch Menschen, die meines Hasses nicht würdig sind. Mit jedem Tag aber, den ich älter werde, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihnen begegnen werde.

 

Was spricht im Sommer für einen Cardigan?

Eine Verkettung ebenso widriger wie widerlicher Ereignisse beförderte mich in den 19:00 Uhr-Bus. Zu träge, um die kostenlosen 50 MB zu versurfen, betrachtete ich mir meine Mitreisenden.

Mir gegenüber sass ein ungewöhnlich hübscher und zierlicher Mann in der blauen Tracht der manuellen Arbeiter, bei dem ich recht gewiss bin, dass er einen Adamsapfel hatte. Sonst sah er aus, als hätte er auch ohne auskommen können.

Da döste in der heiteren Ruhe, die Jugendlichen zu eigen ist, ein Mädchen von 16 oder 17, gross gewachsen, in Shorts und Shirt. Die kombinierte sie mit einem Paar Stiefeletten, die wahrscheinlich “Teen Vogue” als den Trend des Jahres für die Arbeit in Stall und Feld propagiert hatte.  

In der Bank vor ihr schlief eine weitere Frau von Anfang, Mitte zwanzig, die Haare gefärbt wie es gerade modern ist. Sie trug ein Outfit, das auf merkwürdige Weise nicht stimmig war. Die Schuhe waren aus braunem Leder und von jenem androgynen Design, das vor gut zehn Jahren à la mode gewesen war. Dazu trug sie gelbe, dicke Socken, die nie à la mode gewesen waren, eine Cordhose mit Farbflecken und eine schwarze Strickjacke, die einen Cardigan zu nennen mir widerstrebte. .

Ich versuchte mir vorzustellen, warum sie sich so anzog. Die Farbflecken auf Hose sprach für eine Arbeit als Lackiererin, Malerin oder an einer Farbauftragmaschine, der Mangel daran auf den Schuhen dagegen. Warum trug sie bei 40° im Schatten eine dicke Strickjacke mit langen Ärmeln statt eines leichten Shirts, und und warum verzichtete sie auf einen Büstenhalter?

Morgens um fünf fiel es mir dann ein. Es gibt also nach meiner Ansicht wahrscheinlich nur eine Situation, in der man sich so… vintage… kleidet. Dabei ist der Dressingroom dann das Gebüsch hinter dem Altkleidercontainer und statt der Vorschläge von  “Teen Vogue” zählt nur die leidlich passende Grösse der Textilien. Büstenhalter sind in diesem Fundus stets knapp, passen nie und sind somit passé.

Ich habe vor vielen Jahren eine junge Dame gekannt, deren Lebensumstände ihr eine gewisse Robustheit in diesen Dingen nahegelegt hatten. Diese und andere Eigenschaften hatten damals einer festen Beziehung im Wege gestanden.   

Yoho und eine Buddel voll was auch immer Piraten in der Zukunft trinken

Rüde unterbrechen mich Kunden, wo ich an einer Science Fiction-Fanfiction-Version der “Schatzinsel” von Stevenson bastele. In der sind alle Schurken, nicht nur der legendäre Pirat mit dem einen Bein, nein, alle.

Hawkins? Ein Strolch. Seine Mutter? Schlimmer. Captain Smollet? Ein Halunke. Selbst Dr. Livesey ist nur hinter dem Schatz her…. und übrigens ein blauhäutiger Centauri mit Tentakeln in einer weiblichen Phase.

Es geht im Imperium jener fernen Zukunft ungefähr so zu wie in einer düsteren Graphic-Story-Version eines Romans von Balzac oder Dickens.