Shaolin Summer

Mein Nokia-mp3-Player stellte mir die Werke des Wu-Tang-Clans vor, denen ich mich einem prinzipiellen Vorurteil gegen Hiphop folgend bisher verweigert hatte. Jedoch hatten mich Miss Platnum und Nova Rockefeller davon überzeugt, ihrer Musikrichtung eine Chance zu geben, sehr zu meinem Vergnügen. Denn mit „Back in the Game“ in der Phoniks-Version im Ohr bog ich gut gelaunt in die Strasse ein, die an der alten Jugendherberge in Prümburg vorbeiführt.

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Dort war ein ganz ungewohntes Treiben. Menschen in der Tracht des mittleren Ostens gingen dort Spazieren und andere, die diese Kleidung schon gegen die Tracht der Europäer ausgetauscht hatten, LKWs eines Festzelt-Verleihs wurden entladen und ihre Fracht von fleissigen Männern des Technischen Hilfswerks auf einer Freifläche zu einer weiteren Unterkunft für weitere Flüchtlinge aufgebaut.

Zwischen ihnen suchte eine Fahrschülerin auf einem Motorrad die richtige Geschwindigkeit, schnell genug, um nicht umzufallen, langsam genug, um keinen der Spaziergänger umzufahren. Auf der anderen Strassenseite beobachtete eine deutsche Erzieherin vom Kindergarten gegenüber den Verkehr. Braune Kinder drückten sich an sie.

Zwei Strassen weiter fragten mich zwei Mädchen, ob ich ihnen eine Pizza geben könnte. Ich stellte ihnen kurz die ungünstige Konstellation aus Hunger und kein Geld dar und schenkte ihnen einen Schokoriegel aus meinem Privat-Bestand. Ihr Deutsch war fehlerfrei, der Teint und die Ungezwungenheit aber, mit der sie mich anschnorrten, verrieten den Migrationshintergrund.

Als ich wieder in die Pizzeria kam, hatte Herr Patel wieder seine beiden Mobiltelefone auf der Theke liegen. Mit dem einen behält er die Überwachungskameras im Auge, damit keiner von uns herumtrödelt, auf dem anderen liest er das heilige Buch seiner Religion, eines westlichen Ausläufers des Konfuzianismus, verschnitten mit islamischen Elementen.

Ich nahm mir umgehend vor, die Flasche Cola, die immer noch im Auto steckte, einer Kundin zu schenken, deren Vermögensverhältnisse aus unserer billigsten Pizza den Höhepunkt des Monats machen. Am Ende tat ich es nicht und bedauere das jetzt.

http://phoniksbeats.com/album/shaolin-summer-the-remixes

Die Krise von heute ist der Alltag von morgen

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen sagte dem britischen „Independent“, dass es sich wie ein „Einsatz in einem Kriegsgebiet“ anfühle, wenn sie an der italienischen Küste neuankommende Flüchtlinge behandele.
Und sie verrät auch, wieso:
„Wir beobachten hier Verletzungen, die seit Wochen nicht behandelt worden sind“, zitiert die Ärztin das Blatt. Sie zählt unter anderem „Brüche durch Schläge“ und „Schusswunden“ auf, die sie bei vielen Flüchtlingen behandelt. „Wir finden immer wieder Kugeln in Muskeln und unter der Haut.“
Manche Verletzungen seien jedoch nicht so offensichtlich. Die Medizinerin berichtet, dass „fast alle Frauen aus Afrika oder dem Nahen Osten“ auf dem Weg nach Europa vergewaltigt werden. Häufig würden die Frauen schwanger in Europa ankommen. „Sie sagen nur wenig über das, was ihnen widerfahren ist. Aber manchmal sehen wir Narben und Wunden von den Vergewaltigungen“, sagt die Ärztin. Sie sei sogar 13-Jährigen begegnet, die missbraucht worden waren.
Der Horror beginnt für viele zudem bereits, bevor sie auf eines der vielen Boote steigen. Etwa, wenn sie wochenlang auf überfüllten Geländewagen durch die Sahara gefahren werden, um an die Küste Nordafrikas zu gelangen.

http://www.huffingtonpost.de/2015/08/17/sie-gaben-uns-wasser-mit-benzin—diesen-horror-mussen-fluchtlinge-durchleben-bevor-sie-europa-erreichen_n_7996920.html?utm_hp_ref=germany

Ich sage an dieser Stelle voraus, dass wir solche Berichte in einem Jahr kaum noch lesen werden. Wo 750.000 Flüchtlinge ankommen, werden die Einzelschicksale in der Menge verschwinden, werden praktische Fragen in den Vordergrund rücken. Wie füttern wir sie ab, wo bringen wir sie unter, wie halten wir sie davon ab zu kommen.