Der Cro-Magnon in den Zeiten von CP/M

Paula sieht sich einmal mehr nicht in der Lage, darüber hinweg zu sehen, dass ich nicht zu ihr passe. Meine – vorübergehende – Tätigkeit als Schulungsleiter mit den damit verbundenen Abwesenheiten bestätigt sie darin, dass ich sie nicht genug liebe. Daran ist nichts neu und nur überraschend, dass es ihr immer wieder neu ist, dass sie diese Gefühle immer wieder als „frisch“ und „neu“ erlebt. Bei all ihren Fähigkeiten ist es ihr nicht möglich, diese emotionale Zeitschleife zu verlassen.

Wer hat jemals von einer wirklich glücklichen Beziehung gehört? Und gäbe es sie denn, so wäre ich nicht daran beteiligt. Ja, tatsächlich empfiehlt jeder Ratgeber zu diesem Sujet quasi im ersten Satz meine Nicht-Teilhabe als erste Bedingung dafür. In meinem Reisepass steht als Nationalität „Versager“ und als unveränderliches Kennzeichen „antisoziales Verhalten“. Meine Einstellung zu Frauen und meine Fähigkeit, eine Beziehung zu führen, hat sich nicht weiter entwickelt, seit meine Mutter gestorben ist, CP/M das Standard-Betriebssystem war und es eine islamische Revolution im Iran gab.

Ich merke, dass ich grob zu Paula bin und sie verletze, Ausdruck dieses Defizits ebenso wie meines Überdrussses. Der richtet sich sowohl gegen sie selbst als auch gegen diesen permanenten emotionalen Ausnahmezustand, der meine beschränkten Möglichkeiten dauerhaft überfordert. Der unaufhörliche Wechsel zwischen Phasen, in denen sie es besser mit mir meint als ich selbst, und anderen hat mich erschöpft.

Für alle Fälle, den zum Beispiel, dass sie Recht hat, habe ich mich auf die Warteliste einer Therapeutin setzen lassen. Ihre Assistentin war recht optimistisch, dass ich innerhalb der nächsten zwölf Monate einen Termin für ein Vorgespräch habe.

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Bastoncini di Pesce e Patatine

Zu meiner Überraschung deutete der Nassauer an, im Oktober selbst Kunden vor Ort schulen zu wollen. Sehe ich hier sein Engagement zu den Höhen seines Gehaltes empor wachsen oder nimmt er eine Entscheidung vorweg, die ein noch einzustellender Verkaufsdirektor unvermeidlich treffen wird? Das hatte ich so nicht vorgesehen, und es gefährdet meinen Plan, Feronia unter Hinweis auf die zusätzlich übernommenen Aufgaben um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Denn alle Versuche, meine Zweit-Karriere als Nacht-Kassierer an Tankstellen wieder aufzunehmen, scheiterten bis jetzt noch, mir die Perspektive auf einen Winter ohne Heizöl eröffnend.

Um nun zu retten, was gerechnet in Spesen und Spass zu retten war, betankte ich den brandneuen EMW Astoria mit zweifach raffiniertem Frittenfett. aktualisierte die Playlist meines Mobiltelefones und meine beiden bevorzugten Apps, Le Pantagruel – Satt für weniger als 4 Ecu und Webley 45 – die Übersetzersoftware, mit der man überall verstanden wird, und brach begleitet vom Geruch nach Fischstäbchen und in kochendem Öl bereiteten Kartoffelstaebchen und Paulas frommen Wünschen nach Westhafen auf. Da war von verschlossenen Türen die Rede, vor denen ich bei meiner Rückkehr stünde. Aus einer gewissen Vorahnung heraus hatte ich mir vom Nassauer für diesen Fall eine zusätzliche Übernachtung in einem örtlichen Hotel genehmigen lassen.

Nach der Schulung besuchte ich die Sehenswürdigkeiten von Westhafen, die historische Altstadt aus der Zeit, als die Stadt noch eine der See-Republiken war, das Umwerfende Roller-Kaufhaus mit seinem beeindruckenden Angebot und die beiden temporären Anomalien. Eine ist eine schmale Gasse, die mit Einbruch der Dunkelheit in die 1920er Jahre zurückfällt, die andere ein Bereich des Hafens, in dem Segel-, Dampf und Motorschiffe aus verschiedenen Jahrhunderten nebeneinander liegen und wo auf dem Kai die Toten mit den Sterblichen tanzen, ubrigens vor allem lateinamerikanische Standardtänze. Es erinnerte mich an die Beschreibung, die Michael Scott Rohan in „Chasing Morning“ von einem New Orleans (http://www.users.zetnet.co.uk/mike.scott.rohan/first_page.htm) in der Spiral-Welt gibt.

Papa Legba sah ich allerdings dort nicht, wohl aber etliche Libanesinnen in Röcken und Hosen von begrüssenswerter Kürze. Das erinnerte mich auch an etwas, allerdings an etwas, das mir vor langer Zeit abhanden gekommen war. Eingedenk dessen, was mir Paula mit auf den Weg gegeben hatte, wandte ich mich nicht nach Hause, sondern nach Trier, um mich dort auf Kosten der Illinois Electro Door in einem Hotel einzuquartieren. Damit entledigte ich mich eines Wunsches, den ich seit vielen Jahren gehegt hatte, stellte aber auch einmal mehr meinen mangelnden Sinn für das Praktische unter Beweis. Besser wäre ich nach Hagen, Contiomagus oder St. Bessus gefahren, wo die Hotels bei gleich schlechter Qualität billiger sind, und ich meine Hoffnungen hätte nähren können, an diesen Ort umzuziehen. Außerdem ist man schneller wieder im Hotel, wenn man sein Kissen vergessen hat.

In den Pausen essen wir Pizza

Da liegt er in einer Einfahrt, einer von vielen, die wir im Lauf der Zeit verkauft haben.

Wir füllten und füllen die Garagen Europas wie die Taschen unserer Auftraggeber in Texas. Wir motivieren uns immer wieder, treten immer wieder an, sind verbissen und verbeissen uns, verzweifeln und fangen wieder an.

In den Pausen essen wir Pizza, wenn die Illinois Electro Door sie bezahlt, und Wurstbrot, wenn nicht.

Benutzt die Göttin der Barmherzigkeit Visa oder American Express?

Benutzt die Göttin der Barmherzigkeit Visa oder American Express?

Die Göttin der Barmherzigkeit sah aus ihrem Plexiglas-Block an mir vorbei zum Eingang des China-Restaurants. Sie konnte elektrisch um sich selbst rotieren, um ihren beleuchteten Segen in alle Richtungen zu senden, zu mir, zu dem Vietnamesen am Kuo hinter dem Tresen, zu den Topfpflanzen. Ihr zu Füssen stand statt Opfergaben der Name eines annamitischen Import-Unternehmens mit Sitz im Ruhrgebiet. Ich versuchte, mich gut mit ihr zu stellen, wartete ich doch noch auf einen Rückruf der örtlichen Tankstelle, bei der ich mich um einen Mini-Job beworben hatte.
Die Chancen waren aber schlecht, schliesslich konkurrierte ich mit Früh-Rentnern und Hausfrauen, die der Buchhaltung weniger Arbeit machen. Ausserdem würde sich der Geschäftsführer unzweifelhaft früher oder später an meinen recht ungewöhnlichen Namen erinnern; immerhin hatte ich vor einiger Zeit schon einmal für ihn gearbeitet. Kehre ich aber an einen Ort zurück, versammelt sich zu meiner Begrüssung dort gerne die Bevölkerung, um Schrotflinten, Mistgabeln und Fackeln in der Luft zu schwenken, als gäbe es nicht schon längst Taschenlampen. Als Angestellter mag ich etwas unter dem Durchschnitt sein, als Mensch bin ich noch nicht einmal das.
Ich addierte kurz, was mir in diesem Fall der Ausflug zur Tankstelle gebracht hatte. Da war die Information, dass das 2-Takt-Oel dort zu teuer war, ein tiefer Blick in den ueberraschend festen Ausschnitt einer Kurdin Mitte dreißig und eine Erkenntnis über Kreditkarten. Ich bin sicher, dass es die früher nur bei den beiden Banken im Dorf gab. Jetzt bietet sie die Tankstelle neben sim-Karten und Guthaben-Karten für iTunes an. Fast glaube ich, ich könnte so auch eine Kreditkarte bekommen.

Die Maske des Grauens ist das Gesicht von James Spader

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Was sagt ein Verbrecher über die Gesellschaft aus, in der er lebt? Was sagt die Maske über den aus, der sie trägt?

Raymond Reddington trägt das glatte, breite Gesicht von James Spader als Maske, hinter dessen Harmlosigkeit verbergend, dass er ein Soziopath ist, ein skrupelloser Verbrecher, der vor nichts zurück schreckt, ist der Ertrag nur gross genug. Diese Maske ist gerade deshalb schreckenerregender als die Strumpfmaske eines schlichten Strassenräubers, weil sie die des Geschäftsmannes ist, von dem wir erwarten, dass er vielleicht das Leben tausender Menschen ruiniert, aber nie, dass er einen tötet, dass er Blut fliessen lässt. Und doch verrät uns diese Maske, wer sich hinter ihr verbirgt, nennt eben dieser Balance-Akt uns den echten Namen Reddingtons. Nun, nicht seinen echten Namen, dennn den kannte nie jemand, aber doch den, unter dem er in Frankreich bekannt war, seiner Heimat, so er denn eine hätte, sein Ursprungsland.

Es verrät ihn ebenso sein Grössenwahnsinn, die Grossartigkeit seiner Verbrechen, sein Mangel an Gewissen, an Bedenken, an Rücksichtnahme auf irgendwen, der nicht seine Tochter ist, seine neurotische Liebe zu ihr, die nicht mehr Helene heisst, sondern Elisabeth, der Zweifel des Aussenstehenden, ob sie seine Tochter ist oder nicht, die Anziehung, die er auf sie ausübt, und die sich mit dem Schrecken, die sie vor ihm hat, die Waage hält. Er ist Fantomas, der Erz-Verbrecher, der in Frankreich vor und kurz nach dem 1. Weltkrieg sein Unwesen trieb, und nun in den USA wieder auftaucht, frisch rasiert und ungeläutert, aber von den sexuellen Konnotationen befreit, die die schlichteren Gemüter der heutigen noch mehr beunruhigen würden als die in dieser Beziehung weniger schlichten Gemüter ihrer Vorfahren. Ebenso deutet er im Gespräch nur seine grossen Schurkereien an, die Darstellung im Film beschränkt sich auf jene bescheideneren, plakativeren, die plumpe Gewalt erfordern. Damit erscheint er sanftmütiger als selbst die „Guten“ in einer Serie wie „24“.

Eine umfassendere Darstellung hätte gewiss die Grenze zwischen ihm, dem Verbrecher, und hart arbeitenden Unternehmern verwischt. Und das sagt uns einiges über unsere Gesellschaft. Sie ist ausserdem offensichtlich daran gewöhnt, wenn die Kunst(figur) durch Blut watet, behält die Darstellung von Sexualität aber der streng in ihren Ausdrucksformen geregelten Pornografie vor. Die Polizei kommt in „The Blacklist“ recht schlecht weg. Sie ist wenig mehr als Hilfsorgan Reddingtons-Fantomas‘, das er nach Belieben manipuliert, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Ihre Mitglieder sind ihm bei allen technischen Möglichkeiten, auf die er gerne zurückgreift, intellektuell unterlegen, ein Kommissar Juve ist nicht in Sicht, der ihm gewachsen wäre.

Reddington ist aber eben auch, was Honoré de Balzac einen Zehntausender nannte, ein Berufsverbrechern, der nichts unternimmt, das weniger als 10.000 Francs einbringt, in seinen Zeiten ein üppiges Jahresgehalt, wieder schwer von bestimmten Unternehmern und Politicos zu unterscheiden.