Niemand kann zur Liebe ermutigen als ich selbst

Kein Paar, auch das beste nicht, kann zur Liebe ermutigen.

Dieses Zitat von Marguerite Duras nimmt mich in warme Umarmung. Es spricht zu mir, bestätigt mich darin, dass dieser Bereich des Lebens mir verschlossen ist, dass ich Recht habe. Aber das ist natürlich falsch. 

Laut dem freundlichen Internet können nämlich viele Asexuelle lieben und manche haben sogar Sex mit anderen Menschen. Deren Vornamen sie kennen. Die sie vielleicht sogar lieben. Ob das auch für mich gilt, ist eine andere Sache. 

Falsch ist diese Einstellung natürlich vor allem in dem Sinne, dass sie allein Paula dient. Sie begründet, dass ich mich ihr als der einzigen unterwerfe, die bereit war, mich in ihrer Nähe zu dulden. Wie grosszügig ist es doch von ihr, dass sie sich dazu nötigte.

So wenig ich aber nun die Menschen als Spezies schätze, darf ich doch nicht allen ihre Fehler unterstellen. Die Herren Ambros und Schrammel und der Kleine Bruder waren und sind mir freundlich gesinnt. Gut ein halbes Dutzend Menschen hat im Laufe meines Lebens Interesse an einer Beziehung mit mir geäussert. 

Das ist vielleicht wenig, aber dann doch so wenig nicht, vergleicht man es jedenfalls mit dem, was mir Paula beschreibt.

Das ist nicht Kansas

Die geistige Landschaft eines anderen zu bereisen, ist kein einfaches oder ungefährliches Geschäft. Nicht umsonst (und schon gar nicht ohne Kosten) erlernt ein Psychologe sein Metier jahrelang an der Universität und in der Praxis, bevor er solche Reisen regelmässig unternimmt. Und selbst dann noch geschieht es dann und wann, dass einer von ihnen von einem der Urviecher gefressen wird, die diesen oder jenen Dschungel bevölkern. Für uns Laien ist die Reise auf dem Gelben Ziegelsteinweg noch viel gefährlicher. So kann man zum Beispiel statt einem gefrässigen Saurus Depressionis ja auch sich selbst begegnen.

Denke ich zum Beispiel darüber nach, ob dicker Staub auf dem Fuss eines Fernsehers, Körbe voller Bügelwäsche und ein Dutzend Katzen bedeuten, dass Paula beginnt, sich selbst zu vernachlässigen und zu horten, stellt mir der hässliche Kerl, dessen Gesicht mir so bekannt vorkommt, auch gleich die Frage, warum ich in bestimmten Situationen anfange, Dosensuppen in der Schublade in meiner Garage zu sammeln, gleich neben dem Werkzeug, das ich für jene Reparaturen an meinem Roller brauche, die ich mir selbst zutraue.

Da liegen dann die Selbstüber- und die Unterschätzung direkt nebeneinander. Denn diese Dosen sind gerade Ausdruck eines mangelnden Vertrauens in die Welt, die Nahrungsmittelversorgung und Paula als Basis dazu. Gewinne ich an Selbstvertrauen, brauche ich diesen Vorrat nicht mehr. Er substituierte sozusagen nur, was ich an mir nicht sehen konnte. Dazu verhalfen mir dann der Zuspruch des Herrn Ambros, die Rolle als Alleinverdiener und die Freundschaft des Kleinen Bruders. Darüber zu bloggen war in gewisser Weise auch nützlich. Von nun an aber gelte für mich, dass es mir gut gehen soll.

Die Russen kommen… und sie sind aus Holz?

Immer mehr scheint es mir, als lebte ich auf einer einsamen Insel. Dauernd müssen mir meine Kollegen den kulturellen Horizont erweitern.

Der Kleine Bruder zum Beispiel vermittelte mir da einige Informationen über die Sichtweise der deutschstämmigen „Aussiedler“ aus Russland auf die sogenannten „Holzrussen“. Vermutlich kennt ausser mir wieder jeder diesen Begriff und weiss ihn auch mit der entsprechenden ethnischen Minderheit zu assoziieren, die wohl in Physiologie, Styling und Lebensführung recht robust ist.

Nachdem meine Welt damit schon wieder komplizierter gewesen war, machte mich Sara mit Philip Poisels Lied „Erklär mir die Liebe“ bekannt. Ich glaube nicht, dass sie mir damit drohen wollte. Ambros hatte mir nämlich schon einmal einige der physischen Aspekte ihrer Liebe erklärt, und allein diesen Informationen fühlte ich mich schon nicht gewachsen. Sie ist ein stilles Wasser und zwar eines, in dem man einen kompletten Triple-E-Containerfrachter so versenken könnte, dass nicht einmal Bob Ballard ihn fände.

Beim Kleinen Bruder revanchierte ich mich, indem ich ihm einen Link zu Gestäckers „Die Flusspiraten des Mississippi“ mailte. Denn mir scheint die Kenntnis dieses Buches wie einiger anderer ebenso zur Allgemein-Bildung zu gehören wie Kenntnisse in Android, der Ethnologie der bundesdeutschen Bevölkerung, Deutsch und Englisch und das Wissen, dass man einen als Last-Minute-Geschenk benötigten Gutschein von C & A gar nicht bei C & A holen muss, sondern auch bei DM und an der Tankstelle kaufen kann. Die Information kam von Laroux.

Parallel dazu versorgte mich NPR, der öffentlich-nicht-rechte Rundfunk in den USA, mit einer Liste von preisfreien Verzweifelungsgeschenken zu Weihnachten.

 

http://holzrussen.blogspot.de

https://archive.org/download/Abenteuer/FriedrichGerstcker-DieFlupiratenDesMississippi.epub

https://archive.org/download/Abenteuer/FriedrichGerstcker-DieRegulatorenInArkansas.epub

http://www.npr.org/sections/alltechconsidered/2015/12/21/460181072/need-a-last-minute-gift-don-t-want-to-buy-stuff-all-tech-has-ideas?utm_source=tumblr.com&utm_medium=social&utm_campaign=npr&utm_term=nprnews&utm_content=2049

Vom Untergang des Abendlandes bei gratis Kakao und Keksen (und wlan)

Der Zustand unserer Gesellschaft ist ein beklagenswerter. Da gelten die Aphorismen der Stefanie Sargnagel als Literatur und die netteste Person, die mir in den letzten Wochen begegnete, war ein Anwalt. Dabei wären die Angehörigen dieses Berufsstandes doch in einer robusteren und weniger dekadenten Gesellschaft nichts anderes als Söldner und Gelegenheitsganoven. Ich hatte ihn besucht, um mich zum Rechtsstreit beraten zu lassen, den ich (also Paula) mit dem Zahnlückigen anfangen will.

Als eingetragenes Mitglied des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs habe ich auch die Verkehrsrechtschutzversicherung, die dieser Verein vertreibt, und kann mir so ein solches Unterfangen leisten. Muss er nun Geld heraus rücken, kommt der Zahnlückige gut weg; die Alternative wäre der Besuch zweier junger und physisch kapabler Pizzafahrer gewesen, die seinem Gesicht meine Meinung sagten.

Ich lernte dabei einiges über das Gewährleistungsrecht, das ich längst hätte wissen müssen, und en passant auch über meine Chancen, den Steuerberater nicht zu bezahlen, und die Berechtigung, mit der die Spar- und Raiffeisenkasse eine Kredit-Abschlussgebühr von mir zu verlangt.

Nicht alles davon gefiel mir, aber alles war nützlich. Genauso war es mir morgens schon beim Arzt ergangen. Wo ich Hodenkrebs befürchtet hatte, fand er nur eine Entzündung eines Nebenhodens, die er nicht einmal eines Antibiotikums würdig fand. Dafür gefiel ihm die Form einer meiner Nieren nicht. Die sei nicht nierenförmig genug, ja, da sei sogar eine Verdickung, die computertomographiert werden solle, vorzüglich in jenem Krankenhaus, wo er Belegarzt ist. Ich entschied mich für ein anderes mit kürzerer Wartezeit.

Die Zeit zwischen meinen Terminen verbrachte ich im nächstgelegenen skandinavischen Möbelhaus, wo Heizung, Kakao, Kekse und wlan gratis waren. Ich las, beobachtete der Menschen viele, begutachtete Geschirrtücher als zu dünn und whatsappte mit dem Poliziotto, Ambros und dem Kleinen Bruder. Irgendwann machte ich sogar im Wartebereich ein Nickerchen. Es war ein früher Probelauf für ein Leben als Rentner.

Man muss sich ja mal ganz langsam an diesen biografischen Abschnitt heran denken, so man so lange noch lebt. Und ohne Hodenkrebs ist das ja gar nicht mal ausgeschlossen.

30544502913_94eb92d8b9_z

The Man in the Maze

„Er hasste die Menschen nicht wirklich; er wollte nichts mit ihnen zu schaffen haben und zog es vor, allein zu sein.“

Der Fremde, der Perverse, der Süchtige, der Verrückte zu sein, zwingt einem einen anderen Blickwinkel auf. Saadi weiss das, der mich bittet, ihm von der Tankstelle Cola und Whisky mit zu bringen, Ambros weiss das, der mich von jemanden anrufen lässt, um mir sagen zu lassen, dass ich mich nicht um ihn sorgen soll.

Ich weiss es auch, der ich mich wie die Hauptfigur im Roman „Exil im Kosmos“ von Robert Silverberg (Original: The Man in the Maze“, 1969) in ein Labyrinth zurück gezogen habe. Das Buch ist die literarische Übertragung einer Psychotherapie in die Begriffe der Science-Fiction. Unter grossen Mühen und nicht unerheblichen Opfern arbeitet sich darin ein Abgesandter der Menschheit zu ihm durch, um ihn dazu zu überreden, das Labyrinth zu verlassen und eine Aufgabe für sie zu übernehmen.

Dieser Mangel an guten Absichten bestärkt mich in meiner Haltung zu dieser Spezies. Warum kann ihm niemand um seiner selbst helfen wollen? Oder ihn einfach in Ruhe lassen, wenn sie ihm schon nicht gutes wollen?

„Sein Kopf schmerzte. Nach neun Jahren war er nicht mehr allein auf seiner Welt. Sie hatten seine Einsamkeit befleckt. Wieder fühlte Müller sich betrogen. Er wollte nichts mehr von der Erde als seine Ruhe; und selbst die wollten sie ihm nicht lassen.“

Im Roman hat ein chirurgischer Eingriff durch eine ausserirdische Rasse ihm eine depressive Ausstrahlung gegeben, der sich die Menschen in seiner Umgebung nicht entziehen können. Sie meiden ihn, der sie so unvermeidlich wie unabsichtlich damit konfrontiert, wie sie wirklich sind:

„Sein Geist verströmte die ganze Bitterkeit des Wissenden; in ihm spiegelten sich die verpassten Gelegenheiten, die Ungerechtigkeiten, die Trostlosigkeit zerstörter Liebe, der Hunger der Armen, die Gier der Reichen, das Messer des Neides, die fressende Säure der Zeit und ihre Enttäuschungen, Bosheit und Gewalt, die Tränen der Waisen, Kälte und Gleichgültigkeit, Trauer und hilfloser Tod, die Verlassenheit des Alters, Impotenz und Zorn und Selbstverachtung und Wahnsinn.“

Es ist aber durchaus möglich, dass ich mein eigenes Labyrinth verlassen kann, wenn ich und solange ich das will. Ich kann mich vielleicht sogar um andere Menschen sorgen. Ambros jedenfalls scheint diesen Eindruck zu haben.

Er war zwei Wochen so ziemlich von der Bildfläche verschwunden, bis mich eine fremde Frau anrief, um mir eben nicht zu versichern, dass es ihm gut ginge, aber doch, dass ich wegen ihm nicht besorgt sein müsse. Ihr Mangel an kommunikativen Fähigkeiten lässt mich in ihr eine Krankenschwester vermuten.

http://www.amazon.de/Exil-im-Kosmos-Robert-Silverberg-ebook/dp/B00IHDQKMO

Die Welt, gesehen im roten Licht einer Ampel

Paula ist wütend. Diesmal auf mich, wahrscheinlich habe ich ein wenig zu offensichtlich gezeigt, wie wenig mir an ihrer Gesellschaft liegt. Ich ziehe die von Freund dem Kater vor, wohl weil der mich nie anschreit. Aber eigentlich ist natürlich Ambros schuld, der mir auf der Messe vorhersagte, ich würde bei meiner Rückkehr keine Anerkennung von ihr bekommen.

Es war offensichtlich, dass er recht haben würde, hatte ich doch vor meiner Abreise auch keine bekommen. Er nannte bei dieser Gelegenheit gerade auch noch meine Tätigkeit als Pizzafahrer Verschwendung. Ich hatte gewusst, dass er das so sehen würde, hatte den Ton, in dem er es sagen würde, schon ganz genau im Ohr gehabt, als ich mir diese Situation im freundlichen roten Licht einer Ampel vorgestellt hatte, an einem Sonntagabend jenem Gewerbe nachgehend, das er so gering schätzte.

Zwischen diesen Welten pendele ich – hier die meines Berufes, in dem ich Anerkennung von Kunden und Vorgesetzten erlebe, dort mein Zuhause, in dem sie mir verweigert wird. Mag ich auch beiden Grund zum einen wie zum anderen gegeben haben, entspricht die Einschätzung der Fremden eher meiner eigenen als die meiner Frau. Die verspricht mir denn auch regelmässig, dass wenn Maniac je entlassen wird, ich eh der nächste bin. Ich fürchte, sie hält von meinen Fähigkeiten als Kundenbetreuer nicht viel mehr als von denen als Ehemann.

Doch wie etwas für jemanden aussieht, das kann ebenso daran liegen, wie es aussieht wie daran, wie man es sieht (oder sehen will).

Wer den Schaden hat, spottet jeder Peinlichkeit

Foto1643

Die bei Confederate Shutters sind SO gemein. Dabei waren doch die meisten, die ich an ihrem Stand auf der R + T traf, der Fachmesse für Rollläden und Tore in Stuttgart, ehemalige Kollegen. Gleich erkundigten sie sich, wo ich denn arbeite, um auf die Antwort „Immer noch bei der Illinois Electro Door“ in schallendes Gelächter auszubrechen.

Als ich zugab, auch noch Pizza auszufahren, kugelten sie sich vor Lachen gleich auf dem Boden. Kurzatmig und immer wieder unterbrochen von Heiterkeitsausbrüchen sprachen sie von Verschwendung und einem Arbeitgeber und einer Ehefrau, die mich nie angemessen würdigen würden. Kaum hatten sie wieder auf ihren Plastik-Stühlen Platz genommen, wiederholte sich das Ganze, als sie hörten, der Nassauer sei nun mein Vorgesetzer.

Es war nur peinlich, eine Peinlichkeit, die mich an den Backautomaten von Aldi in Ludwigsburg begleitete, der mich für Abendessen und Frühstück mit Brötchen-Ersatz, Croissant-Ersatz und Pizzafladen-Ersatz versorgte, ins Ibis Budget, wo ich einmal mehr vor der Frage stand, ob ich oben oder unten schlafen wollte, und auf meinem Rückweg über die Autobahn. Dort dachte ich im Stau zwischen einem amerikanischen Munitions-Laster und einem französischen LKW mit radioaktiven Abfällen noch einmal darüber nach.

Foto1661

Danach beschloss ich aber, dass es peinlichere Dinge gäbe. Ambros zum Beispiel, vormals mein Chef und jetzt Direktor bei Confederate Shutters, war seinerzeit mit Sara verbandelt gewesen, ein Unterfangen, das sich nur mit einer ungünstigen Kombination aus schlechtem Geschmack, Space Cakes und Viagra oder dem Wunsch nach Selbstmord durch Peinlichkeit erklären lässt.

An dieser Stelle verzierte der Mitbürger vor mir seinen 20 Jahre alten BMW-Kombi mit einem Kratzer über die ganze Länge, die Folge einer Kombination aus überhöhter Geschwindigkeit und einem vorübergehenden Kontrollverlust. Ich hoffe, er hatte Wäsche zum Wechseln dabei. Von meinem Platz hinter dem Lenkrad eines Peugeot sah es jedenfalls so aus, als brauche er sie danach, ziemlich spektakulär.