Mercedes Morris ist lieb

Aus der letzten Episode von “Slasher” lernen wir, dass Mercedes Morris als durchgedrehte Killerin nicht überzeugt. Das überrascht nicht, wenn man sie vorher zum Beispiel in “Coupleish” gesehen hat. 

Sie ist einfach zu lieb, um überzeugend die blutige Klinge zu führen, und zu zierlich, um die Ergebnisse einer solchen Arbeit dann problemlos zu transportieren, wenn das Opfer schwerer ist als Joanne Vannicola. Deren Darstellung als psychisch kranke Stiefmutter war übrigens überzeugender als ihre Todesszene. 

Und die war immer noch besser gespielt als die Todesszene des Charakters von Ms. Morris. Diese Darstellung war ungerade so realistisch wie das Äquivalent von Laura Hollis am Ende der dritten Staffel von “Carmilla”. Beide halten in dieser Situation noch einen Monolog, die eine mit durchtrennter Halsschlagader, die andere ohne Lunge. 

Natürlich bestreite ich das Recht von Jen und Connor nicht, alle im Haus zu töten. Es sind immerhin Menschen, und von denen halte ich nicht viel. Aber ich erlaube mir den Hinweis, dass der Mord an Amy disputabel ist. Immerhin hatte sie ja wirklich keine Möglichkeit, den Thread zu löschen, der die Tragödie auslöst. 

Natasha braucht einen Job


Paula versucht mich gerade, davon zu überzeugen, das ich sie unbedingt begleiten möchte. Und zwar zu der Weihnachtsfeier, die ihr Bruder für seine Mitarbeiter veranstaltet. 

Meine Motivation jedoch ist gering. Denn die Relation zwischen dem zu erwartenden Vergnügen und der Chance, mich und andere zu blamieren, ist nicht günstig. Es wäre aber gewiss sowohl meiner Beziehung zu meinem Schwager als auch seiner zu seinen Angestellten abträglich, wäre ich dort wie ich bin und täte, was ich auch sonst tue. 

Es ist mir doch sogar gelungen, das von mir so geschätzte Fräulein Negovanlis bei Instagram gegen mich aufzubringen. Denn ich erlaubte mir, unangenehm berührt von ihren verzweifelten Versuchen, sich zu Geld zu verhelfen, ihr ungefragt Vorschläge zu machen, wie sie ihrer Karriere als Künstlerin wieder aufhelfen könnte. 

Das sollte ich nicht tun. Nicht ungefragt anderen Ratschlägen geben, überhaupt nicht Anteil am Leben anderer nehmen. Sie mögen das nicht, die Menschen, weder das eine noch das andere. Wenn ich gebraucht werde, dann als Staffage, als Komparse ihres eigenen Lebens, der ihnen zu applaudieren hat. 

Mein Verhältnis zu den Menschen schreit nach hohen Mauern. Sehr, sehr hohe Mauern.  Selbstschussanlagen sind auch nicht von Nachteil. Und Nato-Draht.Rollenweise Nato-Draht.

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Amy Chaos Chaos der Liebe

Von Mord zu Mord arbeite ich mich durch die dritte Staffel von “Slasher”. Im Augenblick ist die Frage, die mich am meisten beschäfigt, nicht die nach der Identität des Mörders mit dem Pseudonym “Der Druide”. Es ist die Frage, was Amy Chao durch ihre VR-Brille sah, als sie mit ihrem Lebensgefährten tat, was Menschen im Allgemeinen so gerne miteinander tun. 

Von einem ganz allgemeinen Interesse abgesehen, vergleiche ich, wie dieser asexuelle Charakter in der Serie gezeichnet wird, mit meinen eigenen Erfahrungen. Ihr entgeht zum Beispiel völlig, dass Kit mit ihr flirtet. Ich hingegen flirte gerne, vorzugsweise mit molligen Frauen, die halb so alt sind wie ich und mit wenig Erfolg. Ich würde gewiss stehenden Fusses Reissaus nehmen, ginge eine von ihnen darauf ein. 

Die Ungleichheit von Amys Verlangen und dem Xanders hat ein nicht unerhebliches Konflikt-Potential, das zum Tod Kits beiträgt. Denn Xander kann sich nicht vorstellen, dass Amy asexuell ist – ein Wort, das nie fällt, aber auf dem Display ihres Handys zu lesen ist, bevor sie Sex haben – und unterstellt ihr eine Beziehung mit Kit. Er bricht deshalb in dessen Wohnung ein und macht es ihm so unmöglich, in ihr vor dem Druiden Zuflucht zu finden. 

Diese Art Konflikt ist mir durchaus bekannt. Meine Sexualität wirft Paula mir regelmässig vor. Tatsächlich ist es wahrscheinlich ein Vorwurf, der ihr sogar besonders am Herzen liegt. Den Begriff Asexualität kennt sie nicht, die Existenz dieser Ausrichtung würde sie aber auch leugnen. 

Von Druiden, Barden und anderen Trägern der keltischen Kultur war bisher noch nichts zu sehen.

Im Dienste der Öffentlichkeit

Nachdem ich gezwungen war, mich mit der Existenz von Funklöchern auseinander zu setzen, tat ich es auch. Während ich mir die geprellten Rippen rieb, installierte ich die Funkloch-App der Bundesnetzagentur und machte mich an die Erfassung des mobiltelefonischen Zustandes in Panzerbach, Lützelbach, Hagen und Gutundböse. 

https://breitbandmessung.de/

Tatsächlich ist das Ergebnis gar so übel nicht. Von Lützelbach selbst abgesehen, das nur 2G hat und einem massiven Funkloch mit dem Baumarkt in Panzerbach als Zentrum, ist die Versorgung mit 4G/LTE gar nicht so übel. Selbst vor der “Die Dorfschänke” in Leipen und auf der Rennstrecke zwischen der Kloster- und der Waldstrasse zeichnete die App die Verfügbarkeit von Long Term Evolution auf.

Das Unterfangen bedurfte zwar einer beachtlichen Menge elektrischer Energie, ergänzte aber die Daten, die andere Nutzer schon gemeldet hatten. Denn im Gegensatz zu denen befuhr ich ja eben nicht nur die Haupt- und Bundesstrassen, sondern durchquerte nächtlich auch Wohngebiete und stiess in Strassen vor, die von vernünftigeren Menschen eben gemieden werden. 

Beteiligten sich alle Beförderer von Teigwaren und Flachkuchen neapolitanischer Art an einem solchen Projekt, so hätte man gewiss nach längstens acht Wochen die präziseste Erfassung, die man sich vorstellen kann. Es gibt ja kaum genauere Kenner einer Gegend und ihrer Schönheiten als diese Gesellen, die selbst dorthin gehen, wo kein Paketbote oder Taxifahrer sich hin verirrt. 

Was die Schönheiten angeht, so bot mir eine junge Dame über eine Pizza Regina das Du an und nannte mir ihren Vornamen. Das fand ich sehr nett, sie selbst aber nicht wirklich schön.

https://www.spiegel.de/netzwelt/web/deutschland-warum-unsere-handynetze-so-schlecht-sind-kolumne-a-1297362.html

Genevieve DeGraves hat hübsche Brüste

Nach etlichen Episoden von “Slasher”, “Halloween”, “Scream” und ähnlichen Werken habe ich den Eindruck, dass das Genre der Horrorfilme zur Misogynie neigt. Welchen Grund sollte es sonst haben, dass es meist die sexuell aktive junge Frau als eine der ersten erwischt? 

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http://www.instapuma.com/media/2101237893430425079

Nehmen wir die so reizende Cassidy Olinski in “Slasher”. Wie vielen Menschen hätte sie noch Freude bereiten können, wieviele Matratzen auf ihrer Suche nach sexueller Selbstverwirklichung verwüsten können, hätte sie nicht ein unfreundlicher Mitbürger auf recht spektakuläre Weise gemetzelt? In dem Augenblick als der Killer ihr Gesicht in Lauge drückt, macht er eine Aussage über ihr Recht auf eben diese Selbstverwirklichung. 

https://www.theguardian.com/books/booksblog/2019/jul/30/inside-christian-purity-guides-joshua-harris-mike-pence-rule

Die Moral des Horrorfilms ist die Moral des Killers. Diese Typen sind in der Regel noch beschränkter als eine Baptistin mittleren Alters im Süden der USA und haben eine ähnliche Definition von gut und böse. 

 

Der Liebhaber und die weisse Hexe

In der Reihe “Ist das Kunst oder kann das weg?” beschäftigen wir uns heute mit Marguerite Duras’ “Der Liebhaber”. Wikipedia nennt das Buch eine “Collage aus Erinnerungsfragmenten”. 

Der Verfasser der Rezension versäumt es auf das Kernproblem hinzuweisen – man kann sich nicht entscheiden, welche der Figuren einem die unsympathischste ist. Mein Favorit ist ihr ältester Bruder, ein drogensüchtiger Dieb, Glücksspieler, Kollaborateur und Zuhälter, der sich manchmal von Männern aushalten lässt. 

Mein Lieblingszitat aus diesem Buch ist dieses hier: “Ich bin geschwächt durch die Schönheit von Hélène Lagonelle … Es gibt nichts grossartigeres als diese Rundheit getragener Brüste, die sich den Händen darreicht”. Zu manchen Zeiten hatte ich auch etwas für dieses Thema übrig. 

Noch schlimmer war Tanith Lees “Die weisse Hexe”, das ich nach der Hälfte zuklappte. Irgendwie hatte die Autorin die Kontrolle über ihr Buch verloren oder vielleicht auch den Entwurf zu einem anderen Buch recycelt, um einfach einen Vertrag zu erfüllen. 

Der Held ist eigentlich unterwegs, um den Mord an seinem Vater an seiner Mutter zu rächen. Das macht wenig Sinn, bedenkt man, dass sein Vater im ersten Teil der Trilogie “Unter dem Vulkan” seine Mutter als Gefangene hält und sie vergewaltigt. 

Statt aber nun diese Ziel zu verfolgen mischt der Sohn sich in die Innenpolitik eines Staates ein, stellt sich an die Spitze einer Revolte, verrät sie und geht dann eine Beziehung mit der Mutter des Thronfolgers ein. Der ist dann ein bisschen sauer, weil er selbst auch auf ihn steht. 

Das könnte ganz reizend sein, würde es nur zu dem Charakter passen, den Lee im vorausgegangen Buch entwickelt hatte. Tut es aber nicht. Als der Autorin dann plötzlich einfällt, dass ihr Held ja eigentlich noch etwas zu tun hat, habe ich aufgegeben. Ich glaube, sie auch. 

Manche sind mehr Elite als andere

Denn erstmals in der europäischen Kulturgeschichte definiert sich eine Elite über ihre Modernität, ihre Fortschrittlichkeit. Die neue Elite, sie ist dezidiert progressiv. Mehr noch: Wahrscheinlich überwiegend unbewusst und mehr oder minder unreflektiert sind diese Eliten gefangen in einem teleologischen Geschichtsbild.

Dieses Bild basiert fest darauf, dass die Geschichte auf den Sieg des westlichen, universalistischen Linksliberalismus hinausläuft und dass die Welt – von Islamabad über Teheran bis Pjongjang – sich in nicht allzu ferner Zukunft in eine Art grosses New York verwandelt haben wird, multikulturell, kreativ, tolerant und offen. Dies ist ein Ort, an dem Menschen nicht mehr bestimmt sind von Herkunft, Sozialisation, Religion, Tradition oder Geschlecht, sondern sich vollständig selbst entwerfen können.

Die Eliten der Spätmoderne sehen sich, anders als die traditionellen Eliten von der Antike bis in die Neuzeit hinein, nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmasses.

Waren noch bis in das 20. Jahrhundert hinein die Eliten Europas weitgehend konservativ, um die herrschende Ordnung gegen das notgedrungen progressive Proletariat zu verteidigen, so hat sich diese Frontstellung in den westlichen Wohlfahrtsgesellschaften umgekehrt. Denn unter den Gegebenheiten einer globalisierten Weltwirtschaft sind es vor allem die vom Sozialstaat Abhängigen, die dazu neigen, am Althergebrachten festzuhalten, während die Etablierten und Erfolgreichen jedem kulturellen und technischen Trend hinterherhecheln.

Indem sich die neuen Eliten vor allem über ihre Progressivität definieren, entfremden sie sich von den kulturellen Wurzeln ihrer jeweiligen Herkunft. Die neuen kulturellen Trennlinien zwischen den Lebenswelten verlaufen nicht länger vertikal zwischen den regionalen Kulturen, sondern horizontal.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat in diesem Sinne vollkommen zu Recht darauf hingewiesen, dass der Konflikt zwischen moderner Elite und traditionellem Kleinbürgertum in zwei konkurrierenden Kulturalisierungsmodellen besteht und damit letztlich in zwei grundlegend anderen Auffassungen von Kultur. Nach dem Kulturalisierungsmodell der Elite – Reckwitz nennt es «Hyperkultur» – sind die Güter der kulturellen Märkte Ressourcen zur Entfaltung individueller Besonderheit und Expressivität, kurz: Mittel zur Selbstverwirklichung.

Ihr gegenüber steht das, was Reckwitz «Kulturessenzialismus» nennt, also das Pochen auf grundlegende Traditionen, die nicht oder zumindest nicht grundlegend infrage gestellt werden und sich aus lokalen Ressourcen speisen.

Eine friedliche Koexistenz beider Kulturentwürfe ist nur möglich, wenn die beiden Fraktionen sich in ihrem jeweiligen Sinne missverstehen. Das bedeutet: wenn die globalen, progressiven Selbstverwirklicher den Kulturessenzialismus ihrer Gegenüber lediglich als eine weitere Spielart, einen weiteren Lifestyle, eine weitere Mode individueller Identität begreifen und umgekehrt die Kulturessenzialisten die Hyperkultur der Selbstverwirklicher als spezifische Form westlicher Kultur und Identität. Sobald aber, so Reckwitz, «die beiden Kulturalisierungsregimes einander (. . .) tatsächlich als ein je spezifisches Kulturalisierungsregime wahrzunehmen beginnen, sehen sie sich in ihrer Grundlage bedroht und behandeln die andere Seite feindlich».

Zwar trägt man zum Teil dieselbe Kleidung, geht in dieselben Geschäfte, richtet sich bei demselben schwedischen Möbelhaus ein, hört dieselbe Musik und teilt andere popkulturelle Vorlieben. Allerdings werden diese popkulturellen Versatzstücke grundlegend anders kontextualisiert. Dienen sie den einen zur Bestätigung ihrer kosmopolitischen und flexiblen Existenz, so sind sie den anderen lediglich Beiwerk ihrer traditionellen Lebenswelt.

Unter popkulturellen Aspekten könnte man vielleicht sagen: Die neuen Eliten machen mit dem Versprechen der Pop-Kultur tatsächlich Ernst, während die Kulturessenzialisten die Produkte der Populärkultur lediglich als Konsumartikel zwecks persönlicher Vergnügungen auffassen.

Und da man sich in diesem Umfeld ausschliesslich unter seinesgleichen bewegt, vereinigen sich Kosmopolitentum und Provinzialität, Weltoffenheit und Borniertheit zu einer historisch singulären Ideologie.

Elite zu sein, wird zu einer Gesinnungs- und Lifestylefrage, wobei sich Gesinnung und Lifestyle unmittelbar miteinander verschränken. Nationale Kulturen hält man per se für überholt, Grenzen jeder Art für Ausdruck von Borniertheit, man ist polyglott und bastelt sich seinen individuellen Lebensstil aus den Versatzstücken des globalen kulturellen Angebots: Man liebt französische Filme, entspannt bei indischem Yoga, geniesst italienische Küche und bevorzugt skandinavisches Design.

Man bewohnt die gentrifizierten Viertel unserer Grossstädte, nicht ohne die Gentrifizierung zu beklagen, hat ein Netflix-Abo, konsumiert die neueste amerikanische Hype-Serie im Original, bucht seine Ferien bei Airbnb und liest den «Guardian». Natürlich online. Vor allem aber fühlt man sich als Teil einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, besagter Hyperkultur, die in Berlin und Zürich ebenso zu Hause ist wie in Sydney. Man definiert sich nicht über lokale Verortung, sondern über die sozialen Netzwerke der Gleichgesinnten.

Vermutlich hätte diese Metamorphose der Ideologie der CEO, Consultants und Business-Schools zur gesamtgesellschaftlichen Moral nicht so reibungslos funktioniert, wenn auf der anderen Seite die politische Linke nicht ihrerseits Werte wie Diversität, Flexibilität, Identitätstransformationen, Offenheit und Buntheit auf die politische Agenda gehoben hätte. In einer seltsamen, aber gesellschaftlich überaus mächtigen, geradezu allmächtigen Mesalliance spielen sich so die akademisch geprägte, emanzipatorische neue Linke und die Erfordernisse des spätmodernen Kapitalismus gegenseitig in die Karten.

Da man sich jedoch nur unter seinesgleichen bewegt, kommt es zu einer diskursiven Abschottung der Weltoffenen und Toleranten: Man verfällt dem Irrtum, das eigene Leben sei der normative Goldstandard. Aufgrund der Fehleinschätzung, dass das eigene Emanzipationsprojekt das einzig legitime und moderne sei, schaut man mit Verachtung auf jene, die an diesem Projekt und der ihm implantierten Ideologie nicht teilhaben können oder wollen.

Ökonomische Aspekte spielen dabei, das ist das Neue am neuen Klassenkampf, eine untergeordnete Rolle. Das gilt übrigens für beide Seiten: Eben weil die neuen Eliten sich vor allem über Werte, Normen und Lifestyle definieren, kann auch derjenige sich als Angehöriger der neuen globalen Klasse fühlen, der sich mit prekären Jobs durchs Leben schlägt, jedoch die richtige Gesinnung hat und an den Insignien des Zeitgeistes zumindest teilweise partizipiert.

Umgekehrt gehört auch der ökonomisch gutsituierte Konservative schnell zu den Abgehängten, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen oder erkennen wollen und weder offen sind noch flexibel oder kreativ, sondern einfach am Althergebrachten festhalten möchten und die Tradition achten. Im Zweifelsfall reicht es, sich für den Fortbestand von Gymnasien auszusprechen oder für Frontalunterricht, für Dieselfahrzeuge oder eine Beschränkung der Migration, um als geistig und kulturell abgehängt und daher nicht mehr diskursfähig zu gelten.

Alexander Grau

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-neuen-globalen-eliten-wie-sie-ticken-ld.1521130

Das ist einer der intelligentesten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Er definiert sowohl die “Elite” (Hyperkultur) als auch die Konservativen, die unabhängig vom Einkommen “abgehängt” sind/sein sollen (Kulturessenzialisten). Der Autor erklärt auch genau die unterschiedliche Wahrnehmung, auf der die Trennung der Gruppen basiert. 

Ich entnehme diesem Artikel, das ich mich stets irrte, indem ich mich als Underdog empfand, und zugleich irrte, indem ich den ökonomischen Status als Basis einer sozialen Einordnung akzeptierte. Das war die Übernahme von Werten aus dem frühen 20. Jahrhundert und der Zeit davor und entsprach einfach meiner negativen Einstellung. 

Zum Verständnis meiner eigenen Borniertheit verhalfen mir zwei Pizza-Fahrer unlängst, als sie mir darlegten, dass Homosexualität im Gegensatz zu meinem Verständnis nicht von jedem akzeptiert wird. So fand ich mich im Pizza-Keller plötzlich allein mit meiner Überzeugung gegen sie und Mike Pence. Der gehört dann wie diese beiden Migranten und Frau Kramp-Karrenbauer laut Herrn Grau eben nicht zur Elite.

Die Moralisten-Bewegung, für die Fröken Thunberg steht, ist in diesem Sinn der extremistische Flügel der Elite. Hier werde ich dann links von den Jungen überholt, abgehängt, deklassiert. Das Gefühl ist mir durchaus bekannt, konnte ich bei Yoyodyne aus unter anderem ökonomischen Gründen doch nie in der gleichen Weise am Leben der Elite partizipieren wie meine Vorgesetzten. 

Die Migrationswelle von 2015 war ein Punkt, an dem die Hyperkulturellen und Kulturessenzialisten (wir brauchen da noch griffigere Bezeichnungen) sich ihrer unterschiedlichen Auffassungen bewusst wurden. Es war auch ein Jahr, in dem die Hypers damit konfrontiert wurden, wie gering ihre Weltanschauung ausserhalb der ersten Welt wirklich verbreitet war. 

Das erklärt vielleicht ein wenig, wenn auch Hypers mal ausländerfeindlich sind. Sie sind es natürlich selektiv, während Kulturessenzialisten durchaus mal alle Fremden ablehnen können, weil die ihnen halt fremd sind.  

Norbert Blüm ist tot

Brauche ich eine Zusatzrente? Tja, das ist eine gute Frage. Irgendwann hat ein Politiker, an den sich kaum noch jemand mehr erinnert, behauptet, sie sei sicher, die staatliche Altersrente. Sie war es damals schon nicht und ist es heute auch nicht. 

In Wirklichkeit ist die Frage aber, ob ich mir leisten kann, in eine zusätzliche Vorsorge zu investieren. Immerhin geht es um 55 Ecu monatlich. Dafür kann man einen 10 kg-Sack Royal Canine-Katzenfutter kaufen. Und das ist ja wohl die zentrale Achse, auf der die Paulas flache Welt ruht. 

Der Berater war extrem gut vorbereitet. Gesegnet mit der Ausstrahlung und Überzeugungskraft eines Kopfkissenbezuges behauptete er, 16.700 Ecu seien bei Rentenantritt mit 67 zu erwarten. Das war nur ein Jahr vor dem Ende der Mindestlaufzeit des Vertrages und eines nach meinem voraussichtlichen Rentenantritt. 

Nichts, was er sagte, war in irgendeiner Weise geeignet, um jenes Vertrauen in Versicherungen wieder herzustellen, das in den Jahren 2008 und 2009 so gelitten hatte. Tatsächlich vertraue ich dem Staat im Hinblick auf meine Rente mehr, da ich sicher weiss, dass ihm alles zuzutrauen ist.