Schweinische Lieder

Erste Kollegen melden sich von ihren neuen Arbeitsplätzen, protzend mit den Namen der Unternehmen und den Höhen der Gehälter für die sie arbeiten. Keiner von ihnen hat auch nur den Anstand, vier Wochen lang arbeitslos zu sein oder weniger zu verdienen, um uns verbliebenen das Gefühl zu geben, Glück gehabt zu haben.

Das erinnert mich einmal mehr an die schöne Tradition der Illinois Electro Door im Falle einer Entlassung unter Absingen schweinischer Lieder das Etablissement zu verlassen. Gerne erinnere ich mich noch des Kollegen Ambros, der sehr zum Unwillen seines ehemaligen Gespons einen Schreibtisch weiter etwas über urinophile Neigungen vortrug.

Das alles deprimiert mich. Aber vielleicht liegt es ja auch an meinem Besuch beim örtlichen Gendarmerie-Posten. Dort versicherte man mich nach Aufnahme des Unfallherganges und meiner persönlichen Daten zweier Dinge. Erstens werde man den Verursache nicht finden, und zweitens sind die 80er Jahre nicht zuende und werden es nie sein.

Schreibtisch

Fussballwimpel erinnerten an die grossen Dorf-Turniere von 1982, die Schreibtische in Eiche Kunststoff hell mich an meine Zeiten als Verkaufsleiter bei einer örtlichen Vertretung von Pfalzmöbel. Der Teppichboden war damals sehr, sehr preiswert gewesen. Jetzt war er noch, an einigen Stellen, vorhanden.

https://www.youtube.com/watch?v=eqY53hnzjB0&list=PL7AA95457AAD57CF3&index=2

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38,50 €

Harsch kritisiert der Kunde in meinem rechten Ohr, dass wir vor fünf Jahren ein neues Funksystem für unsere Garagentorantriebe implementiert haben. Wieso, so fragt er, machen wir denn so etwas?

Da kann er ja mit den Handsendern, die er damals mit seinem Joe50 bekommen hat, den neuen Antrieb Typ 7 ja gar nicht bedienen. Und er wollte die doch noch aufbrauchen, bevor er auf die beiden Sender zurückgreift, die dem Typ 7 beigefügt waren.

Ich will ihm da ein gewisses Mass an Logik nicht abstreiten. Es mag eine verschrobene Logik sein, Ausdruck eines Lebens vielleicht, indem 38,50€ manchmal viel Geld waren. Aber in diesem Rahmen ist seine Ansicht immerhin logisch.  

Die Produktentwickler der Illinois Electro Door führten für ihr Engagement bei der Entwicklung neuer Fernbedienungen damals aber drei recht überzeugende Gründe an:

  1. Ältere Sender verschlüsselten ihr Signal mit einem Algorithmus, der keeloq genannt wird. Durch den Fortschritt der Scanner-Technologie ist dieses Codierungs-Verfahren ungefähr so undurchlässig wie ein Einkaufsnetz. Bei diesen Sicherheitsstandards war die Illinois Electro Door anspruchsvoller als Klitschen wie Fiat. Informationen zur Sicherheit von keeloq-Codes finden sich hier: https://www.cosic.esat.kuleuven.be/keeloq/ und hier: http://www.emsec.rub.de/keeloq
  2. Je komplexer ein Funkcodierungsverfahren ist, desto länger dauert es, bis vor allem in China, aber auch in Italien angesiedelte “3rd-Party-Companies” Kopien der Fernbedienungen eines Unternehmens zum halben Preis in den Markt drücken können. Manche dieser Produkte funktionieren sogar. Andere eher nicht. Manche schalten dann zwar den Antrieb/Lichtschalter/Rollladen/etc., aber dann auch noch gerade die Pumpe am Gartenteich des Nachbarn und die Zentralverriegelung des Fiat Panda: https://www.fiat.de/panda/panda. Oder umgekehrt.
  3. Die Produkt-Entwickler waren eine Bande von Hardcore-Nerds, die Technologien umso mehr liebten, je komplizierter sie waren. Die Arbeit an Funksendern hielt sie auch davon ab, atomare Weapons of Mass Destruction zu entwickeln. Oder atomgetriebene Weapons of Ass Destruction. Bei der Illinois Electro Door haben sie höhere moralische Massstäbe als bei Yoyodyne. Hier Links zu den feinen Unterschieden: https://en.wikipedia.org/wiki/Weapon_of_mass_destruction und https://www.amazon.de/Riesendildo-Weapon-Destruction-5x14cm-schwarz/dp/B00ZGCSHE8

Original:                                                       Kopie:                                               Kopie:

Sender                              Sender                   SenderKopie

 

58. Dui – Das Heitere, der See

I Ging 58

Das Heitere. Gelingen. Günstig ist Beharrlichkeit.

Ich bin in der wahrscheinlich gefährlichsten Situation meiner Karriere, vielleicht sogar meines Lebens. Meine chinesischen Berater jedoch sind da extrem gelassen. Nicht von Panik sprechen sie mir und jenem beschleunigten taktischen Rückzug, den der militärische Laie Flucht nennt, nein, von Heiterkeit ist die Rede, aber auch von Beständigkeit und gar von Erfolg. Das überrascht mich.

Der Tzar hat mich heute auch schon überrascht. Er scharte uns zu einer jener Ansprachen um sich, die so euphemistisch „Communication Meeting“ heissen, als wären die Mitarbeiter darin mehr als Claqueurs. Er verspricht uns eine neue, auf Kernsortimente konzentrierte Strategie bei gleichzeitiger Prüfung aller Kostenstellen. Dazu warf er riesige Umsätze und Gewinne in den Raum, die die neuen Besitzer erreichen wollen.

Denn wir sind jetzt nicht mehr Teil der grossen, weltweiten Illinois Electro Door mit Sitz in Houston, Texas, sondern der Kern von Yoyodyne Drives, einer 100% Tochter von Yoyodyne Incorporated. Offensichtlich haben beide Unternehmen im Rahmen einer strategischen Neu-Ausrichtung, die je nach Einschätzung meiner Kollegen entweder auf dem Golfplatz oder während einer sexpositiven Drogen-Party statt gefunden hat, zweiundvierzig Privatschulen von der Corvae Corporation gekauft, einem der Marktführer im Bereich der privaten Bildung.

Um ihren Anteil an der neuen gemeinsamen Tochtergesellschaft Edison Carter zu bezahlen, hat die Illinois Electro Door sich dann ihrer wenig profitablen Interessen ausserhalb der verschiedenen Amerikas entledigt, indem sie die vom Tzaren geleiteten Unternehmungen an Yoyodyne entsorgt haben.

Da aus Kostengründen erst einmal nichts an Prospekten und Produkten geändert wird, bleibt uns Angestellten nur die Unsicherheit und dem Neandertaler die Arbeit. Er muss ausgerüstet mit einer entsprechden Schablone den neuen Namen des Unternehmens und das neue Logo an das Firmengebäude malen.

Ich gehe davon aus, dass ich zum Continuity Team gehöre, dass die Fortsetzung des bekannten Kundendienstes gewährleisten soll. Paula brauche ich davon nichts zu erzählen – ihr Gemütszustand pendelt jetzt schon zwischen Aggressivität und Verzweifelung.

Yoyo

Don’t Panic!

Das Huawei P8 Lite bietet eine Einstellung für wechselnde Sperrbildschirme. Jedes Mal, wenn ich die Start-Taste drücke, sehe ich also ein Bild aus einer von mir vorgegebenen Auswahl, das ich zur Seite schieben muss, um in meinem e-book weiterzulesen, zu surfen oder sogar zu telefonieren.

Diese Sperrbildschirme (bei Huawei „Titelblätter“) sind eine Auswahl von Fotos verschiedener Orte, die ich im Dienst der Illinois Electro Door besucht habe, eines meiner alten Aprilia Sportcity, ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Francois Bellec und einige Bilder zu den Serien, mit denen ich mich verbunden fühle.

Da ist ein Bild jenes beliebten Reiseführers „Per Anhalter durch die Galaxis“, eines einer latent aggressiv wirkenden jungen Dame mit einem verflixt spitzen Holzpflock, eines einer anderen jungen Dame mit einer Kaffee-Tasse, die aussieht wie die Tardis des Dr. Who, und das Wappen der Bildungseinrichtung, die sie besucht.

Da ist auch ein Bild dreier chinesischer Münzen, die für das I Ging stehen, und eines von Freund dem Kater. Es erinnert mich an seine Liebe und Anhänglichkeit, daran, dass es jemanden gab, der mich lieben konnte, und zunehmend daran, dass Paula mich angelogen hat, mich anlügt und mich immer anlügen wird. Sie lügt, wenn sie mir sagt, dass ich nicht geliebt werden kann. Sie lügt, wenn sie sagt, dass ich in jeder anderen Firma umgehend wieder entlassen werde.

Ich habe vor der Illinois Electro Door in anderen Unternehmen gearbeitet, ich habe parallel dazu in anderen Unternehmen gearbeitet und tue es auch jetzt. Und wenn mich die Menschen auch sonderbar finden, so liege ich doch offensichtlich noch innerhalb gewisser Parameter und kann Fehlendes durch Fähigkeiten und Einstellung ausgleichen.

Irgendjemand hat da tödliche Angst vor Veränderung und Einsamkeit und vor jeder Veränderung. Ob das Leben, das Universum und ich darauf immer Rücksicht nehmen können?

 p8l

Blue Dog Energy

Blue Dog Soda hat einen Energy Drink herausgebracht. Der ist zwar genauso wie jeder andere Energy Drink der preiswerteren Sorte, kommt aber in einer schätzenswert-quietschblauen Plastikflasche.

Ich hatte sie mitgebracht, die schätzenswert-quietschblaue Plastikflasche mit Blue Dog Energy, um mich über das trösten zu können, was mir Elvira heute morgen im Meeting sagen würde. Denn ich kenne sie ja seit vielen, vielen Jahren und zwar sovielen, dass ich mich schon dann als Versager fühle, wenn ich darüber nachdenke, seit wievielen.

Selbstverständlich arbeiten wir nun zwischen 8:00 Uhr morgens und 8:00 Uhr abends. Baumarktmitarbeiter schult vor Ort ein anderer, noch zu ermittelnden Mitarbeiter. Todesmutig habe ich auch nach der Feiertagsarbeit gefragt, entging auch um Haaresbreite nur den Mordanschlägen meiner Kollegen, die offensichtlich alle am Wochenden vorher “Sartana – Noch warm und schon Sand drauf” gehört hatten, und liess es mir gefallen, dass Elvira mir sagte, dass könne ich mir doch selber denken. Ich dachte mir dann auch etwas über sie, aber das war auch nicht nett.

Jetzt sitze ich hier mit meiner schätzenswert-quietschblauen Flasche und denke an Sam Puckett und Cat Valentine und daran, dass Freund tot ist, der einzige, den es gestört hätte, wenn ich erst um halb neun nach Hause komme.

http://samandcat.wikia.com/wiki/Blue_Dog_Soda

http://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-hoerspiel/sartana-bela-b-100.html

Druckbuchstaben

Mit Interesse verfolge ich im Seppolog die Beiträge über eine Zeit, in der der Autor arbeitslos war. Die Erfahrung war offensichtlich hinlänglich traumatisch, um der literarischen Verarbeitung zu bedürfen.

Voller Vertrauen in die Geschäftsführung der Illinois Electro Door und ebenso voller Misstrauen in meine eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe ich mich seit ewigen Zeiten nirgendwo mehr beworben. Statt dessen habe ich mich darauf beschränkt, Bewerbungen nur noch zu lesen und daraus zu lernen, wie man es nicht machen sollte.

Irgendeine Bildungseinrichtung für Erwachsene, Migranten und erwachsene Migranten gibt nämlich jedem Absolventen die e-mail-Adresse (salespr@electrodoor.com) der Kundenbetreuung für seine Bewerbungen mit auf den Lebensweg. So unterschiedlich ihre Herkunft und ihre Qualifikationen sein mögen, ihre Bewerbungen  sind weitgehend standardisiert.

Eingestellt wurde von ihnen noch keiner. Wir lernen daraus, dass eine Bewerbung ein Gesicht haben muss.  Dabei kann auf der Titelseite  ja durchaus ein braunes oder schwarzes sein, aber die Gestaltung der Bewerbung muss sich von anderen unterscheiden.

Noch schlechter sind die Chancen der Applikanten, die nicht von dieser Einrichtung kommen. Ihre mit Hand auf kariertes Papier geschriebenen Bewerbungen, ihre Rechtschreibhilfe-Verweigerung per e-mail können beim Management so gar nicht punkten.

Die letzte, die ich sah, kam von einer Studentin, die eine Ausbildung beginnen wollte. Sie hatte ihre Bewerbung per Word oder Wordpad verfasst und dann gescannt und gemailt. Hätte sie ihre Unkenntnis der pdf-Funktion in Word und Textmaker nicht disqualifiziert, wäre es ihre Lebenslauf gewesen, ein orientierungsloses Herumirren zwischen verschiedenen Bildungseinrichtungen. Ihre Unterschrift hatte sie –  ganz Bildungsbürgerin –  in Druckbuchstaben gemalt.

Schlafen wie ein Serienmörder

Mir ist vorhin klar geworden, dass ich schon lange nicht mehr nachts wach gelegen habe. Zwar träume ich dann und wann Beängstigendes, aber nichts, was mich nicht weiter oder doch wenigstens gleich wieder einschlafen lässt.

Übrigens scheint es mir, als sei ich nicht depressiv, wenn ich träume. Allein das sollte mir schon Grund sein, um möglichst viel und lang zu schlafen.

Doch welchem Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung verdanke ich diesen zweifachen Segen? Es ja nicht einfach so, dass ich auf mein Gute-Nacht-Schälchen Doppelt-Scharfes Chili verzichte und seitdem den Schlaf des Gerechten schlafe. Und jeden Rechtschaffenen brächte allein mein Kontostand um die Nachtruhe. Ich hingegen schlafe wie es sonst nur die Serienmörder tun selig einem Morgen entgegen, der wie jeder Morgen ist.

Dabei hinterfrage ich gerade sogar die Loyalitäten, denen ich mein Leben gewidmet habe, und schlafe trotzdem gut. War es richtig, soviele Jahre der Illinois Electro Door verbunden zu bleiben? Und wie steht es mit der Arbeit, Mühe und dem Geld, das die Beziehung mit Paula erfordert hat? Alles das scheint mir gerade fragwürdig und doch muss ich die Nacht nicht mit dem Meeresrauschen aus dem Audio-Archiv meines Mobiltelefones verbringen.

Das I Ging ermuntert mich mit dem Bild 31 zur Beharrlichkeit und zur Rücksichtnahme. Doch auf wen muss ich Rücksicht nehmen? Bin ich es vielleicht selbst? Denn niemand ist mir näher und lieber.

Allerdings scheint mir auch dieses Zitat gerade gut zu passen:

Giles: „I have to believe in a better world“

Buffy: „Go ahead. I have to live in this one.“