Wenns Dir hier nicht passt, geh doch nach drüben

Das war früher abgekürzt die Aufforderung, sich bei Zweifeln am real existierenden Paradies von Banken, Buletten und Bild-Zeitung in die DDR zu verziehen. Ich empfehle das Recycling dieser Trope, um anzudeuten, dass jemand, dem die liberale, demokratische Gesellschaft nicht passt, dorthin gehen soll, wo Putin, Erdogan oder Trump regieren.

http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/wahlkampf-npd-spitzenkandidat-udo-past%c3%b6rs-und-der-hitler-wunsch/ar-AAioyzK?ocid=spartanntp

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Der Verräter John Rambo

IS, Al-Kaida, Taliban, Salafisten, Wahabiten – das alles sind Bezeichnungen für eine Strömung im sunnitischen Islam, die nach einer Erneuerung ruft, einer Rückkehr zu den Werten einer idealisierten Vergangenheit. Die Aggressivität, mit der ihre Vertreter heute vorgehen, spricht von einer gewissen Verzweifelung,  einer Einsicht darin, dass sie zwangsläufig scheitern müssen.

Aber sollte man ihre Handlungen als sunnitische Revolution zusammenfassen oder es als eine Strömung innerhalb der Islamischen Revolution sehen, die 1979 in Teheran ausgerufen wurde? Damals hatten die iranischen Schiiten den Vorzug, mit ihrem Heimatland einen funktionierenden Staat übernehmen zu können, Behörden, Streitkräfte, Polizei und Geheimdienst mitsamt der für eine Diktatur so unabdingbaren Befragungstechniker.

Die vaterlandslosen Gesellen, die sich unter der schwarzen Flagge des Islamischen Staates sammeln, müssen ab originem beginnen, nur mit dem Koran und der Weigerung, aus den Misserfolgen anderer zu lernen, als Basis.  Dabei mögen ihnen die Luftangriffe der Europäer sogar nützlich sein, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen.

Der Feind meines Feindes… und jemanden, der mir Bomben auf den Kopf wirft, den empfinde ich nun einmal mit einer gewissen Zwangsläufigkeit als Feind. Hatte die irakische Offensive 1980 vielleicht die gleiche Wirkung auf die Iraner? Auch die persische Theokratie wurde damals nicht von allen Bürgern getragen.

En passant zwang der Wechsel Saddam Husseins vom russischen zum amerikanischen Vasallen die damalige Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken Afghanistan als Ersatz zu gewinnen, eine Frage der Selbstachtung, die viel dazu tat, den Untergang der Sowjetunion voranzutreiben und die Islamisten in Tschetschenien zu stärken.

Der von den Amerikanern beflügelten Aufstieg einiger sockenloser Guerilleros zur Taliban-Bewegung unserer Tage kann im Internet nachgelesen werden. Zwei Film-Versionen erschienen übrigens unter den Titeln “Der Krieg des Charlie Wilson” und “Rambo 3”.

Die weitere Ausbreitung der “Sunnitischen Revolution” begünstigten die Kriege, die die Westler unter der Ägide der amerikanischen Präsidenten George Bush und Barak Obama führten. Sie beseitigten die Diktaturen im Irak und Libyen, ersetzten sie jedoch nicht durch neue Regierungen gleich welcher Art, sondern überliessen diese Länder einem politischen und gesellschaftlichen Chaos. Die menschliche Gesellschaft duldet jedoch keine Leere an dieser Stelle, fordert eine Organisationsform, eine Regierung.

Nach der Zerschlagung von Armee, Polizei, Regierung und Partien blieben aber nur die religiösen Gemeinschaften und unter ihnen die extremistischen Gruppen als Träger einer Ordnung. Nach Jahren der Misswirtschaft fehlte der syrischen Diktatur dann nicht mehr viel, damit das Land den Schritt zum Chaos hin machte.

Natürlich nutzt Saudi-Arabien die Situation aus, um sich als Führungsmacht unter den Sunniten zu profilieren, der Iran, um die gleiche Position unter den Schiiten zu bestätigen, und der russische Präsident Putin, um innen- und aussenpolitisch Punkte zu machen. Die türkische Regierung, weltanschauungsmässig nicht so weit von der IS entfernt wie es vielen Türken recht wäre, nutzt die Situation, um den kurdischen Erbfeind zu bekämpfen, den eigenen Einfluss auf die stammverwandten Turkmenen zu vergrössern und mit ihrer Hilfe eine Pufferzone auf syrischem Boden und zu Assad und dem IS einzurichten.

Was immer die Westler in den letzten Jahren getan haben oder nicht getan haben, alles hat diesen Prozess begünstigt, der für viele Europäer erst konkret wurde, als sich ein Flüchtlingsstrom durch ihr Land wälzte. Und damit waren sie dann alle, alle zu Teilnehmern der Islamischen Revolution geworden, wie es der inzwischen für seine Kollaboration mit den Taliban verurteilte Verräter John Rambo schon 1988 wurde.

Und das ist die Stelle, an der wir jetzt stehen, dekadent, degeneriert, geführt von Schwachmaten, längst vom Kapital lebend statt von den Zinsen, kulturell stagnierend und leidlich überfordert.

Jedenfalls sehe ich das so. Anderen seien abweichende Meinungen erlaubt.

 

Grenzen, gezogen mit Druckbleistiften, Graphit, abgewaschen mit Tränen

Ich entsorge Druckbleistifte. Aus irgendwelchen dunklen Quellen sind mir über viele Jahre etliche dieser Schreibgeräte zugewachsen, mal quietschbunt mit dem Aufdruck eines japanischen Herstellers, mal in den eher gedeckten Farben, die die Europäer bevorzugen und mit den Aufdrucken von Hotels, Reifenhändlern und Herstellern von Produkten, deren Nutzen eher fraglich ist.

Dienten sie mir einst bei der Raumplanung, sind sie heute so nutzlos wie die Landkarten des Mittleren Ostens aus dem Jahr 2000.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist, was in jener Gegend der Welt geschieht, nichts als die Neuordnung jener Gegend durch ihre Bewohner selbst. Dabei waren ihre Länder doch so ordentlich von Politikern geordnet worden, die eben nicht dort wohnten, die Grenzen ästhetisch schön mit Druckbleistiften als Geraden angelegt.

Dass sie quer durch Gebirge, Seen und die Bedürfnisse der Menschen dort gezogen waren, störte 1919 in Paris gar wenige, als die Konkursmasse des Osmanischen Reiches verteilt wurde. Da ging es mehr darum, Bodenschätze und Arbeitskraft irgendwelcher Brauner gerecht unter den gesiegt habenden Weissen zu verteilen.

Den sich daraus ergebenden Staaten mangelten zwar nicht der Regierung, aber eines Staatsvolk mit einer über die Staatsbürgerschaft hinausgehenden gemeinsamen Gruppen-Identität wie auch natürlicher Grenzen wie sie sich aus Flüssen, Bergen und Meeren ergeben.

Sprechen wir Europäer jedoch von Syrien und dem Irak als Staaten, so setzen wir das alles aber unterbewusst voraus, weil es in Deutschland, Österreich, Frankreich, den Niederlanden eben so ist, weil diese und andere Staaten in Europa dieser Definition entsprechen.

Aber wir gehen ja auch davon aus, dass die italienische Regierung Italien regiert und Absprachen mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Orban von ihm eingehalten werden, weil wirs ja auch tun.

Das sagt dann ja etwas über unsere Fähigkeit aus, unsere Vorstellung von der Realität der Realität unterzuordnen.

Flüchtlinge und teure Smartphones: Hetze ohne Fakten

http://mobil.derstandard.at/2000020396192/Fluechtlinge-und-teure-Smartphones-Hetze-ohne-Fakten

Fast alle Asylwerber kommen bereits mit Handys an, das hat viele Gründe

Man solle das „auffällig große“ Smartphone in der Hand des dunkelhäutigen Flüchtlings beachten, schreibt eine Facebook-Nutzerin unter ein Foto, das sie nach einem „kritischen Lokalaugenschein“ in Traiskirchen gemacht hatte. Unter dem Bild: dutzende empörte Kommentare über den vermeintlichen Reichtum der Flüchtlinge. Das Foto wird tausende Male weiterverbreitet, darunter auch von FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache (der den Eintrag später wieder entfernt). Nur wenige Wochen zuvor: Der oberösterreichische Landesrat Manfred Haimbuchner (FPÖ) lässt Nutzer an einer „Bildersuche“ teilnehmen. Mit der Frage „Wer findet das neue iPhone?“ publiziert er ein Bild von Flüchtlingen in Linz.

http://www.huffingtonpost.de/franzreinhard-habbel/jenseits-von-pegida-fluechtlingshilfe-smartphone_b_6405998.html

Der FAZ Redakteur Rüdiger Soldt schrieb Ende Juli in einem bemerkenswerten Beitrag über minderjährige Flüchtlinge: „Sie kommen aus Algerien und steigen in Freiburg aus dem ICE. Sie kommen ohne Rucksack und ohne Pässe. Nur ein Smartphone haben sie immer dabei. Das brauchen sie, um Kontakt zu halten. Zur Familie in Afghanistan oder Eritrea. Vielleicht auch, weil sie manchmal Anweisungen von den Schleppern bekommen, in denen ihre Familien mehrere 1000 € bezahlt haben.“ Auch in der Stadt Witten an der Ruhr gab es zunächst Skepsis, was die Handynutzung betrifft. Sie legte sich erst, als ein Mitarbeiter aus dem Amt für Wohnen und Soziales, der die Flüchtlinge unterbringt, erzählte, dass mindestens 50 % von Ihnen bereits „mit einem Handy in der Hand, auf der eine Übersetzungs-App bereits gestartet ist, den Raum betreten“.

Boah ey, die Flüchtlinge haben Handys, denen geht es doch gut!