Pizza Don Quichotte

Am Wochenende vertauschte ich den kinderkotzegelben Toyota Starlet der Pizzeria „Il Cazzo“ gegen einen pferdeurinfarbenen Opel Corsa der Pizzeria „San Grigorio.“ Der Ritter auf meiner Motorhaube sah mir eher nach Don Quichotte aus und sein stolzes Streitross nach einem Esel. Dieser Schritt erhöhte allerdings mein Salär um 10% auf 5,50 Ecu pro Stunde und verkürzte meinen Arbeitsweg um 15 Kilometer pro Abend.

Zugleich begrenzte es den Raum, in dem ich mich bewege, und meine Chancen auf Abenteuer und Begegnungen der ausgefallenen Art. Trotzdem zögerte ich nicht und bin deswegen noch immer von mir überrascht. Bin ich jetzt wirklich so praktisch, so erwachsen? Ich bin aber nicht erwachsen genug, dass es mir jetzt leicht fiele, den Patels eine Kündigung zu schreiben.

Immerhin habe ich sie in ihrer sozialen Rolle als kapitalistische Ausbeuter-Schurken akzeptiert und mich selten über diesen Aspekt ihres Lebens aufgeregt, so wenig wie über meine eigene Rolle als Ausgebeuteter, als Werktätiger, als unterbezahlter Leistungserbringer. Meinen neuen Kollegen, einer Schar von Schülern und Studenten, ist sie noch neu, diese Rolle.

Sie können sich noch über jede Münze freuen, die sie erhalten, und sie ohne das geringste Zögern wieder ausgeben. Da grüsst mich dann gerne einmal im Auto eine Einweg-Pfand-behaftete Dose meines Vorgängers, die ich umgehend meiner Sammlung einverleibe, freudig dem nächsten Besuch am Pfandgutautomaten entgegen sehend.

Der Einfachheit halber und da ich sie noch kaum unterscheiden kann, nenne ich sie in diesem Blog Joe, Jack, William und Averell. Den Spanier aus Cadiz, der alten Stadt am Meer, der die Pizzeria „San Grigorio“ betreibt, taufe ich auf den Namen Miguel.

30 Jahre Kundenbetreuung

http://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/mit-der-pizzabox-in-der-hand-bin-ich-losgerannt/ar-BBrqPl8?li=BBqgbZL&ocid=mailsignoutmd

Die Odyssee eines Pizzaboten, der im Dienst auf einem Acker strandete, hat viel Aufmerksamkeit erfahren. Eymen Kumaru aus Mannheim erzählt jetzt, wie es mit der Polizei weiterging – und mit der Pizza.

Kumaru: Nein, der Weg ist sehr eng. Links und rechts daneben ist Acker, da konnte ich nicht wenden. Ich konnte nur weiterfahren, und irgendwann bin ich stecken geblieben.

Die Welt: Was haben Sie gedacht, als Sie plötzlich im Matsch feststeckten?

Kumaru: Ich habe sofort zu meinem Smartphone gegriffen. Als ich merkte, dass der Akku leer war, habe ich Panik bekommen.

Die Welt: Und dann haben Sie beschlossen, zu Fuß weiterzugehen?

Kumaru: Ich musste. Es war niemand da, der mir hätte helfen können. Vielleicht wäre am nächsten Morgen der Bauer gekommen, aber das wäre zu spät gewesen. Ich musste da irgendwie herauskommen. Ich hatte immerhin eine Verantwortung gegenüber dem Kunden und meinem Chef. Also bin ich aus dem Auto ausgestiegen und habe meine Wertsachen mitgenommen – und die Pizzabox.

Schon einige Male konnte ich nur um Haaresbreite ähnlichen Situationen entkommen, mal mit einer reichlichen Portion Glück, mal durch die günstige Gewichtsverteilung des Toyota Starlet und hin und wieder auch, indem ich mein Nokia Asha benutzte, dessen Akku dann nie leer ist, wenn man es braucht. In einige Situationen bin ich allerdings auch gerade durch das Navigationssystem des Handys geraten, also eigentlich durch dessen Abwesenheit. http://www.reiseplanung.de ersetzt mir das normalerweise, funktioniert aber nicht immer und überall.

Ich kann bei dieser Tätigkeit übrigens nicht abschütteln, was ich mir an anderer Stelle angeeignet habe. Bittet mich also eine tropfnasse Kundin, eben der Dusche entsprungen, darum, die Pizza auf ein Fensterbrett zu legen, während sie mir das Geld durch den Türspalt reicht, stelle ich sie nicht einfach auf dem Boden vor der Türe ab.

Ich tue das dann sowohl, weil sie mich darum gebeten hat, als auch, damit sie die Ware bequem, also ohne sich zu bücken, aufnehmen kann. Beruft sie sich gar auf ein längst abgelaufenes Sonderangebot, so nehme ich mir auch gerne die Zeit, ihr den neuen Flyer zu bringen. An der Bereitschaft zu beidem mangelte es in der vergangenen Woche dem Kollegen von der Pizzeria Happy Heart.

Den von ihm gelieferten Salat ziehe ich dem des Il Cazzo vor, mein Service ist aber besser. 30 Jahre Erfahrung in der Kundenbetreuung kann man einfach nicht verleugnen.

 

Die Warmhalte-Box als Gehhilfe

Die Zustellung von Waren, in diesem Fall Lebensmitteln, wird durch Blitzeis in keiner Weise erleichtert. Ich hatte genug Zeit, darüber nachzudenken, während ich in Prümburg die Strasse überquerte. Dabei bediente ich mich meiner Warmhalte-Box als Gehhilfe für Hin- und Rückweg, um überhaupt voran zu kommen.

Zu meinen üblichen Pflichten im Rahmen des Austauschs von Geld und Ware übernahm ich noch eine Hilfestellung, als der Kunde seine Lebensabschnittsgefährtin aus ihrem Fahrzeug der unteren Mittelklasse befreite. Mit dem hatte sie zwar erfolgreich, wenn auch nicht beschädigungsfrei die Einfahrt erreicht, konnte es nun jedoch nicht aus eigener Kraft verlassen.

Im Rahmen der Priorisierung durch die Strassenmeisterei werden zwangsläufig Areale nicht mit Salz gestreut, deren Bewohner traditionell keine Kraftfahrzeuge haben und/oder die nur für die Benutzung durch spezielle Einsatzfahrzeuge vorgesehen sind. Ich schlich mit meinem kinderkotzegrünen Toyota Starlet dann im Schritttempo durch das Flüchtlingslager auf der Suche nach dem Wahnsinnigen, der nun noch eine Pizza dahin bestellt hatte.

Noch glatter als die Strassen waren nur die Bürgersteige, über die ich dann versuchte, den mir angegebenen Wohnbereich zu erreichen. Es gelang mir, dem Vielbegabten und Vielscheiternden, eine Anlieferung war aber nicht möglich, weil mir die Nummer seines Wohnraumes im Gebäudekomplex fehlte und er nicht an sein Mobiltelefon ging.

Mein Auftreten mit einer Pizza-Box in der Hand war dort und unter diesen Umständen so ungewöhnlich, dass ich auf der kurzen Strecke vom Auto zum Wohnbereich dreimal von Wachleuten angerufen wurde. Einer legte mir auch gleich dar, dass er mir im Kroatischen überlegen war. Ich punktete dafür im Italienischen und war ihm im Deutschen natürlich über.

Karma The Bitch

Wir standen in der Küche und warteten auf einen Auftrag, der nicht kommen würde, der Baktrier drei, ein dunkelhäutiger Erbe des Britischen Empires und ich. Herr Patel erklärte derweil ausführlich einem 13-jährigen Jungen am Telefon, was er davon hielt, dass der eine Pizza an eine Adresse bestellt hatte, wo sie nicht gewollt wurde. Ein Freund, so schwor der Junge, habe ihn darum gebeten und jene Adresse als seine eigene angegeben.

Mir schien, dass er Freunde habe, die man anderen nicht als Feinde wünschte. Der Herr Patel tat, was er tat, nicht zu seinem eigenen Vergnügen, wie er mir danach versicherte. Nein, keineswegs, es sei sein Beitrag zur Erziehung des Delinquenten, die sonst wohl zu lax gewesen sei.

Am nächsten Abend glich ich diese Schuld bei Karma The Bitch aus, als mich eine Frau an einer Tankstelle ansprach. Sie fuhr einen Ford, dessen Besitz und Nutzung exklusiv alleinerziehenden Frauen mit geringem Einkommen vorbehalten ist. Entsprechende Bescheinigungen stellt beim Kauf jeder libanesische Autohändler auf Wunsch aus.

Sie hatte ausser einem miesen Auto und wenig Geld auch noch einen leeren Akku in ihrem Samsung Galaxy, sollte aber andererseits jemandem in einem Internet Café treffen, dessen Adresse sie vergessen hatte. Dafür wusste sie immerhin, dass das aber nicht weit von der Pizzeria Il Cazzo sei. Allerdings gilt diese Einschränkung nun für den grössten Teil von Hagen. Des Weges kundig liess ich sie hinter mir her fahren, machte auch den kleinen Umweg zum Internet Café, um weiteren Verwicklungen vorzubeugen.

Karma The Bitch hat sich den Namen des Herrn Patel wahrscheinlich sowieso schon gemerkt und sich meinen auf den Unterarm tätowiert.

Paula hatte mir nämlich für den Sonntag Steuererklärung des Nachbarn aufgegeben, der Personalrabatt im Mondo-Warenhaus bekommt. Mit einer halb-fertigen Erklärung auf dem Laptop kehrte ich Stunden später zurück, um heftiger Kritik daran zu begegnen, dass ich mich des Haushalts zu wenig annehme, mutmasslich in eben der Zeit zu wenig angenommen habe, die ich gerade mit der Umsetzung ihres Auftrages verbracht hatte, oder aber doch am Samstag, den wir in St. Willibrord verbracht hatten, um dort die Wohnung katzengerecht umzurüsten, bevor Nr. 2 und Nr. 4 nächste Woche umziehen.