Alles Schweinebacken, diese Schweinebacken!

Der General Manager fand tatsächlich wieder zurück. Ich weiss nicht recht, wie er in diesen zwei Tagen zu einem Vollbart gekommen war, aber das war mir ja auch egal, konfrontierte mich diese Leuchte doch mit einem neuen Plan, der ihm offensichtlich in der geistigen und räumlichen Entfernung von unserer Realität gekommen war.

Zum Vorgesetzen meines fröhlichen Fähnleins von Service-Mitarbeitern erklärte er nämlich einen Mitarbeiter aus einer anderen Abteilung, der sich durch die Umgangsformen eines Troglodyten auszeichnet. Ach, wie viele heitere Augenblick verbrachte ich doch einst im Betriebsrat damit der Grossen Vorsitzenden zuzusehen, wenn sie versuchte, sie weiterzuentwickeln, diese Umgangsformen. Wie angemessen schien mir doch damals ihre grosszügige Verwendung einer Keule, und wie wenig Nutzen zog er aus der Ermahnung.

Gerade das aber scheint ihn in des Tzaren Gunst und damit schon gleich in der des General Managers befördert zu haben. Alles Schweinebacken, diese Schweinebacken!

Des Kleinen Bruders kleiner Bruder

Unterbrochen von gelegentlichen Wutausbrüchen von Paula schreibe ich mit dem Kleinen Bruder. So sagt man ja heute für die fernschriftliche Kommunikation, bei der man sich  eines Programmes wie ICQ oder Whatsapp bedient. So kommuniziert man schnell, jedoch mit der Möglichkeit, Frage und Antwort abzuwägen.

Das ist praktisch für emotionale Legastheniker wie mich. Themen wie die Sonder-Kündigung der brüderlichen Bleibe lassen sich so bedenken, bevor man zum Beispiel Mitgefühl äussert. Ich gehe davon aus, dass das die angemessene Vorgehensweise ist, weil mir in dieser Lage auch nach Mitgefühl wäre.

Ich habe nicht raus, warum der Vermieter den Vertrag gekündigt hat (“jaa, haben schon länger probleme mit denen”). Aber eine alternative Bleibe für die sechs ist nicht in Sicht, der Anwalt berät noch mit sich selbst, ob die Kündigung rechtens ist, und niemand weiss, was von seiner Antwort zu halten sein wird. Mein Vertrauen wird da von der Erfahrung blockiert..

Das alles zu einem Zeitpunkt, zu dem sich der Kleine Bruder auf seine Abschlussprüfung als Mechatroniker vorbereitet. Deren Bestehen ist die Grundlage für all seine Lebenspläne. Sein Studium sieht er jetzt schon den Bach herunter gehen, weil er versteht, dass er finanziell auf sich gestellt sein wird.

Mit des Kleinen Bruders kleinem Bruder habe ich schon über die Möglichkeiten einer klassischen dualen Ausbildung statt eines Studiums gesprochen. Diese Variante ist bei vielen jungen Leute, gerade jenen mit Migrationshintergrund, wenig bekannt und bietet doch allerhand Möglichkeiten.

Da gibt es nämlich Ausbildungsvergütung, die Aussicht auf Bafög und hinterher förderliche Weiterbildungen. Das Lernen endet nicht mit dem Gesellenbrief, sondern nur mit dem Tod. Sogar ich lerne immer noch dazu.

Allen Kund und zu Wissen

Ich sah dem Neandertaler zu, wie er einen Zettel an der Türe anbrachte. Es handelte sich um eine Übersicht der offenen Stellen, allen Kund und zu Wissen, dass es hier Arbeit gäbe. Gewiss werden sich bald vor dem Eingang die Bewerber mit Universitätsabschluss drängen. Immerhin bieten wir ein durchschnittliches Gehalt und keine Aufstiegschancen, also genau das, wovon ein Student träumt, wenn er über seiner Master-These erschöpft einschläft.

Der Qualitätsbeauftragte war schreiend davon gerannt, nachdem er mit der Zentrale in Taipeh gesprochen hatte.Er kam nur kurz zurück, um uns mitzuteilen, dass er sich einen Arbeitgeber suchen will, der mehr Verbindung zum “Gesunden Menschenverstand” hat. Einhellig nannten wir ihn ein Weichei, dem die für eine Tätigkeit bei Yoyodyne erforderliche Einstellung fehle.

Den Verkaufsleiter für Wolsanien hingegen entliess der neue Prokurist nach Durchsicht seiner Verkaufszahlen. Bei äusserstem Fleiss und mit grösstem Einsatz war es jenem rührigen Kollegen gelungen, soviel Umsatz zu generieren, dass in manchen Monaten seine Prepaid-Karte bezahlt war.

Der Prokurist selbst ist noch da. Er ist allerdings seit zwei Tagen auf der Suche nach dem Vorschlagswesen verschollen. Das ist der  Prozess, mit dem Verbesserungsvorschläge von Mitarbeitern aufgenommen, geprüft und ggf. umgesetzt werden. Im Wesentlichen handelt es sich dabei bei uns um einen Aktenvernichter in einem leeren Kellerraum zwischen einem langen Gang, der in einen Dschungel führt, und einer Treppe, die noch keiner von uns hinab gestiegen ist. Wir wollen noch einen Tag warten, bevor jemand hinunter geht, um nach ihm zu suchen. Auf dem Zettel an der Türe ist noch Platz.

Jeden Abend

Paula ist wütend. Jeden Abend kommt sie in die Küche und schreit mich deswegen an. Wütend zu sein, ist Teil ihrer Natur, so wie Selbstbeherrschung Teil meiner. Nur so kann ich verhindern, dass ich ihr direkt ins Gesicht lache.

Das aber würde sie ihrer Würde und damit des letzten Restes ihrer Kontrolle berauben. Raub aber liegt mir fern, so fern wie völlig unvorbereitet an irgendeinem Abend im Winter auf der Strasse zu stehen. Nun verzeiht sie mir umgehend wieder, üblicherweise kurz nachdem ihr eingefallen ist, dass sie ohne mich aufgeschmissen ist.

Aber ich weiss nicht, ob ich noch einmal zurückkommen würde. Ich habe den Verdacht, dass mir dann klar würde, was ich geopfert habe.

Wenn Trump die EU kritisiert, meint er eigentlich Deutschland

https://www.businessinsider.de/trumps-ex-kommunikationschef-scaramucci-wenn-deutschland-aufruestet-ist-das-nicht-gut-fuer-die-welt-2018-11

Scaramucci: „Ich meine die deutsche Geschichte. Wenn Trump die EU kritisiert, meint er eigentlich Deutschland. Wenn Deutschland aufrüstet, ist das nicht gut für die Welt. Darauf reagiert Trump — vielleicht reagiert Merkel auch nur auf die scharfe Rhetorik von Trump. Deshalb habe ich auch schon öffentlich gesagt: Wir müssen alle unsere Rhetorik zurückschrauben. …

Interessant sind einerseits die Gleichsetzung Deutschlands mit der EU. Wir nehmen die Bedeutung der Bundesrepublik, ihren Einfluss, ihre Macht in Europa so nicht wahr, irren uns hier aber vielleicht. Der Verlauf der Griechenland-Krise spricht dafür, die Reaktionen einiger Staaten auf den Migrations-Paket dagegen. Insgesamt verstehen wir Europa als diversen Kontinent, die EU eher als eine Entwicklung als einen Zustand.

Scaramucci: „Ich glaube, die Nato hat eine Evolution durchlaufen. Sie wird sich zunehmend damit beschäftigen, radikalen Terrorismus zu bekämpfen. Die Nato ist in unserer Gesellschaft das Gegengewicht zu Russland. Russland hat eine sehr große Armee im Vergleich zur Wirtschaftsleistung des Landes. Wir brauchen ein Gleichgewicht der Macht, um Frieden zu bewahren. Ich würde es begrüßen, wenn der Präsident in seiner Rhetorik zurückfährt und erkennt, dass diese Architektur in den vergangenen 75 Jahren funktioniert hat. Es gibt keinen Grund, warum sie mit ein paar kleinen Veränderungen nicht auch die kommenden 75 Jahre bestehen kann.“ …

Und wieder, Genossen, seht Ihr Europa und die USA, seht Russland, aber nicht Indien, nicht China, nicht Brasilien, die Staaten, die die Zukunft der Welt ebenso formen werdet. Wo die russische Armee Stärke zeigt, tut sie das nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten hin. Ihr blickt in die Vergangenheit, nicht in die Zukunft.

“Wenn die Eliten abgeschottet agieren, vergessen sie dabei die Mittel- und Unterschichten. Von diesem Prozess ist Präsident Trump und auch der Brexit ein Nebenprodukt.“

“Er will eine Verbesserung der Lebensstandards der unteren und mittleren Einkommensschichten in den USA — das ist seine Priorität. … Man darf nicht vergessen: So sehr die Eliten Trump hassen, so sehr hasst das normale Volk die Eliten.”

Ganz klassisch profilieren sich diese Angehörigen einer wirtschaftlichen Elite als Vertreter des “normalen Volkes”. Die Elite, das sind die anderen, nicht die Reichen, sondern die Intellektuellen. Ob es diesen Gegensatz zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen jetzt tatsächlich gibt, spielt so lange keine Rolle, wie es Donald Trumps Rhetorik ihn im Bewusstsein der Menschen schafft.

Dieser Mann ist ein rechter Revolutionär, der die Gesellschaft spaltet, um die Macht auf sich zu vereinigen. Dabei ist er verflixt geschickt.

Traben-Trarbach, Tunis oder Taormina

Eine Durchsicht meiner Geburtstagsgrüsse erzeugt eine extrem übersichtliche Liste. Excel braucht es da nicht, um sagen zu können, dass ich eigentlich keine Freunde habe. Eine Nachbarin, eine Schwägerin, zwei Kollegen, ein früherer Kollege, der Poliziotto.

Ich sollte daran gewöhnt sein. Wenn nicht, sollte ich mich besser mal langsam daran gewöhnen. Ich könnte nach Traben-Trarbach ziehen, nach Tunis oder Taormina, und dort gäbe es genauso viele Menschen, die mich vermissen würden, wäre ich nicht an eben jenem Ort. Wo ich jetzt wohne, täuschen die bekannten Gesichter in den Geschäften und auf den Strassen darüber hinweg, dass ich niemanden kenne und niemand mich kennen will.

Ich habe einige Wochen lang versucht, mich in eine Facebook-Gruppe einzufinden, aber die Welt online unterscheidet sich nicht von der offline. Sie riecht nur weniger streng nach Mensch.

Paula hingegen hängt an mir. So sagt man, wenn sich jemand von einem anderen abhängig gemacht hat. Klingt, sage ich jetzt mal, auch nicht so ganz gesund. So wenig wie ihre Stimmungsschwankungen. Sie bezeichnet das als eine “Eigenart”. Vielleicht sollte sie über diese Definition einmal mit jemandem sprechen, der sich auskennt.

Ich schlafe allein. Das ist besser so. Das bleibt jetzt so für den Rest meines Lebens.

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