Pizza Don Quichotte

Am Wochenende vertauschte ich den kinderkotzegelben Toyota Starlet der Pizzeria „Il Cazzo“ gegen einen pferdeurinfarbenen Opel Corsa der Pizzeria „San Grigorio.“ Der Ritter auf meiner Motorhaube sah mir eher nach Don Quichotte aus und sein stolzes Streitross nach einem Esel. Dieser Schritt erhöhte allerdings mein Salär um 10% auf 5,50 Ecu pro Stunde und verkürzte meinen Arbeitsweg um 15 Kilometer pro Abend.

Zugleich begrenzte es den Raum, in dem ich mich bewege, und meine Chancen auf Abenteuer und Begegnungen der ausgefallenen Art. Trotzdem zögerte ich nicht und bin deswegen noch immer von mir überrascht. Bin ich jetzt wirklich so praktisch, so erwachsen? Ich bin aber nicht erwachsen genug, dass es mir jetzt leicht fiele, den Patels eine Kündigung zu schreiben.

Immerhin habe ich sie in ihrer sozialen Rolle als kapitalistische Ausbeuter-Schurken akzeptiert und mich selten über diesen Aspekt ihres Lebens aufgeregt, so wenig wie über meine eigene Rolle als Ausgebeuteter, als Werktätiger, als unterbezahlter Leistungserbringer. Meinen neuen Kollegen, einer Schar von Schülern und Studenten, ist sie noch neu, diese Rolle.

Sie können sich noch über jede Münze freuen, die sie erhalten, und sie ohne das geringste Zögern wieder ausgeben. Da grüsst mich dann gerne einmal im Auto eine Einweg-Pfand-behaftete Dose meines Vorgängers, die ich umgehend meiner Sammlung einverleibe, freudig dem nächsten Besuch am Pfandgutautomaten entgegen sehend.

Der Einfachheit halber und da ich sie noch kaum unterscheiden kann, nenne ich sie in diesem Blog Joe, Jack, William und Averell. Den Spanier aus Cadiz, der alten Stadt am Meer, der die Pizzeria „San Grigorio“ betreibt, taufe ich auf den Namen Miguel.

In der Winkelgasse

Die Winkelgasse heisst so, weil sie in einem nicht-euklidischen Winkel von einer Gasse irgendwo im alten Ortskern von Panzerbach abzweigt. Diese Eigenheit hat den Effekt, dass sie nur von jenen gefunden werden kann, die nicht danach suchen. Grundstücke sind deshalb dort schon recht günstig, weil man keine Post und fast nie Pizza zugestellt bekommt.

Ich war vor vielen Jahren aus Versehen einmal da gewesen und fand daher auch den Weg zu jener Türe, an der ich laut Hinweis auf dem Bon „Fest Klopfen“ sollte. Der Kunde versicherte mir denn auch, alles richtig gemacht zu haben, während er das Türblatt und den Rahmen wieder aufrichtete und in die Laibung einsetzte. Die Dame seines Herzens, kräftig gebaut und übel tätowiert, zahlte mir derweil der Kaufpreis zuzüglich eines angemessenen Trinkgeldes.

Ihre Füsse steckten in riesigen Pantoffeln, deren Formgebung sich an einem monströsen grün-gelben Käfer orientierte wie man ihn sonst nur in Kinderbüchern oder nach dem Genuss merkwürdiger Pilze sieht wie einst Alice Liddell. In ihnen sah ich einen deutlichen Hinweis darauf, dass meine Tätigkeit als Food Distribution Assistant vielleicht nicht eben Sinn machte. Denn es gelingt mir zwar so, den überfälligen finanziellen Untergang aufzuschieben, jedoch nicht ihn abzuwenden.

Sinnvoller wäre es dem Vorschlag Ambros‘ zu folgen und eine besser dotierte Position anzunehmen, die in unserer Gegend jedoch eher nicht vorkommt, oder das zivile Äquivalent des militärischen Manövers „Sauve qui peut“ zu wählen. Die Kalkulation, die unserer Hausfinanzierung zugrunde lag, setzte bei Paula und mir ein gewisses Mass an Opferbereitschaft ebenso voraus wie eine Vollzeit-Beschäftigung mit dem entsprechenden Salär. Am einen fehlt es mir, am anderen ihr.

Das Streben nach dem perfekten Weihnachten hat ein Loch in unseren Etat gerissen, dass das Krankengeld nicht schloss, als es mit Verspätung ankam. Der Kanalreiniger, nennen wir ihn die Kanalratte, schickte dazu noch eine Rechnung über seine Leistungen, die die Gemeinde nicht zu bezahlen selbstverständlich Grund und Mittel fand.

Shaolin Summer

Mein Nokia-mp3-Player stellte mir die Werke des Wu-Tang-Clans vor, denen ich mich einem prinzipiellen Vorurteil gegen Hiphop folgend bisher verweigert hatte. Jedoch hatten mich Miss Platnum und Nova Rockefeller davon überzeugt, ihrer Musikrichtung eine Chance zu geben, sehr zu meinem Vergnügen. Denn mit „Back in the Game“ in der Phoniks-Version im Ohr bog ich gut gelaunt in die Strasse ein, die an der alten Jugendherberge in Prümburg vorbeiführt.

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Dort war ein ganz ungewohntes Treiben. Menschen in der Tracht des mittleren Ostens gingen dort Spazieren und andere, die diese Kleidung schon gegen die Tracht der Europäer ausgetauscht hatten, LKWs eines Festzelt-Verleihs wurden entladen und ihre Fracht von fleissigen Männern des Technischen Hilfswerks auf einer Freifläche zu einer weiteren Unterkunft für weitere Flüchtlinge aufgebaut.

Zwischen ihnen suchte eine Fahrschülerin auf einem Motorrad die richtige Geschwindigkeit, schnell genug, um nicht umzufallen, langsam genug, um keinen der Spaziergänger umzufahren. Auf der anderen Strassenseite beobachtete eine deutsche Erzieherin vom Kindergarten gegenüber den Verkehr. Braune Kinder drückten sich an sie.

Zwei Strassen weiter fragten mich zwei Mädchen, ob ich ihnen eine Pizza geben könnte. Ich stellte ihnen kurz die ungünstige Konstellation aus Hunger und kein Geld dar und schenkte ihnen einen Schokoriegel aus meinem Privat-Bestand. Ihr Deutsch war fehlerfrei, der Teint und die Ungezwungenheit aber, mit der sie mich anschnorrten, verrieten den Migrationshintergrund.

Als ich wieder in die Pizzeria kam, hatte Herr Patel wieder seine beiden Mobiltelefone auf der Theke liegen. Mit dem einen behält er die Überwachungskameras im Auge, damit keiner von uns herumtrödelt, auf dem anderen liest er das heilige Buch seiner Religion, eines westlichen Ausläufers des Konfuzianismus, verschnitten mit islamischen Elementen.

Ich nahm mir umgehend vor, die Flasche Cola, die immer noch im Auto steckte, einer Kundin zu schenken, deren Vermögensverhältnisse aus unserer billigsten Pizza den Höhepunkt des Monats machen. Am Ende tat ich es nicht und bedauere das jetzt.

http://phoniksbeats.com/album/shaolin-summer-the-remixes