Systembedingte Unzulänglichkeiten

http://www.welt.de/kultur/history/article113131121/Die-geheimnisvollen-Seevoelker-die-es-nie-gab.html

Seevölker

„Zum Beispiel der Seevölkersturm. Es gehört scheinbar zum historischen Grundwissen, dass der Zusammenbruch der levantinischen Welt der Spätbronzezeit von seefahrenden Wanderern herbeigeführt wurde, die ihren Namen von ägyptischen Inschriften haben. Ihnen fielen die mykenischen Paläste Griechenlands, und Handelsmetropolen wie Ugarit zum Opfer. Nur mit größter Mühe konnte Pharao Ramses III. sich ihrer erwehren, doch wurde die Großmacht am Nil bis in die Grundfesten erschüttert. Noch in der Bibel werden die Philister als Nachfolger der Seevölker vorgestellt.
Sommer entwirft ein neues, beklemmend modern anmutendes Erklärungsmuster. Zwar bestreitet er nicht die Züge von gut bewaffneten Übeltätern. Doch die eigentliche Ursache für den Zusammenbruch mehrerer Großmächte sieht er in ihren „systembedingten Unzulänglichkeiten“. Nicht Invasoren aus fernen Ländern berannten die Mauern von Tiryns oder Hattuscha, sondern verarmte Gruppen, die durch die immer drückender werdenden Abgaben immer mehr an den Rand gedrängt wurden, protostaatliche Strukturen entwickelten und sich schließlich gegen ihre Herren erhoben.
Zunächst waren es nur Nadelstiche an der Peripherie, aber sie reichten aus, um die bereits eng vernetzte Welt der Imperien zu erodieren. Denn die großen Reiche waren vom regelmäßigen Nachschub an Bodenschätzen, Baumaterial und Nahrung abhängig. In ihren Ruinen etablierten sich schließlich neue „ethnische“ Gruppen wie die Aramäer in Syrien oder die Hapiru in Palästina, die unschwer als Hebräer zu erkennen sind. Dazwischen behaupteten sich die Kanaanäer, die als Phönizier schließlich in die Geschichte eintraten.“

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Shaolin Summer

Mein Nokia-mp3-Player stellte mir die Werke des Wu-Tang-Clans vor, denen ich mich einem prinzipiellen Vorurteil gegen Hiphop folgend bisher verweigert hatte. Jedoch hatten mich Miss Platnum und Nova Rockefeller davon überzeugt, ihrer Musikrichtung eine Chance zu geben, sehr zu meinem Vergnügen. Denn mit „Back in the Game“ in der Phoniks-Version im Ohr bog ich gut gelaunt in die Strasse ein, die an der alten Jugendherberge in Prümburg vorbeiführt.

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Dort war ein ganz ungewohntes Treiben. Menschen in der Tracht des mittleren Ostens gingen dort Spazieren und andere, die diese Kleidung schon gegen die Tracht der Europäer ausgetauscht hatten, LKWs eines Festzelt-Verleihs wurden entladen und ihre Fracht von fleissigen Männern des Technischen Hilfswerks auf einer Freifläche zu einer weiteren Unterkunft für weitere Flüchtlinge aufgebaut.

Zwischen ihnen suchte eine Fahrschülerin auf einem Motorrad die richtige Geschwindigkeit, schnell genug, um nicht umzufallen, langsam genug, um keinen der Spaziergänger umzufahren. Auf der anderen Strassenseite beobachtete eine deutsche Erzieherin vom Kindergarten gegenüber den Verkehr. Braune Kinder drückten sich an sie.

Zwei Strassen weiter fragten mich zwei Mädchen, ob ich ihnen eine Pizza geben könnte. Ich stellte ihnen kurz die ungünstige Konstellation aus Hunger und kein Geld dar und schenkte ihnen einen Schokoriegel aus meinem Privat-Bestand. Ihr Deutsch war fehlerfrei, der Teint und die Ungezwungenheit aber, mit der sie mich anschnorrten, verrieten den Migrationshintergrund.

Als ich wieder in die Pizzeria kam, hatte Herr Patel wieder seine beiden Mobiltelefone auf der Theke liegen. Mit dem einen behält er die Überwachungskameras im Auge, damit keiner von uns herumtrödelt, auf dem anderen liest er das heilige Buch seiner Religion, eines westlichen Ausläufers des Konfuzianismus, verschnitten mit islamischen Elementen.

Ich nahm mir umgehend vor, die Flasche Cola, die immer noch im Auto steckte, einer Kundin zu schenken, deren Vermögensverhältnisse aus unserer billigsten Pizza den Höhepunkt des Monats machen. Am Ende tat ich es nicht und bedauere das jetzt.

http://phoniksbeats.com/album/shaolin-summer-the-remixes

Peleset, Tjeker, Shekelesh

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http://richard-miles-archaeologist.tumblr.com/

Medinet Habu, The Mortuary Temple of Ramesses III at Thebes. The temple decoration consists of a series of reliefs and texts paying tribute to the pharaoh and his many accomplishments. The murals depicting the battles between Egypt and the Sea Peoples (about 1190 BC) are located on the northern outside wall of the temple.

The texts and reliefs regarding the Sea Peoples provide an account of Egypt’s campaign against the “coalition of the sea” from an Egyptian point of view. Rameses III is depicted with his bow drawn, gigantic, while the warships of the invaders gather around his feet; it is a triumphant, propagandistic image of total annihilation. The inscriptions of the pharaoh at his temple record three victorious campaigns against the Sea Peoples.

According to Egyptian accounts the Sea Peoples, a group of distinct peoples of diverse origins, were named as the Peleset, Tjeker, Shekelesh, Denyen, Habiru and Weshesh. Scholars have tried to identify these places as mainland Italy, Sardinia, Sicily, the islands of the Aegean, Palestine and even Minoan Crete and Anatolia, but such claims still remain mere conjecture. The Medinet Habu reliefs provide valuable information about the appearance and accoutrements of the various groups.

Egypt was one of the few civilizations that managed to survive the onslaught of the Sea Peoples but in the following years they appeared in greater numbers, leaving the Egyptians more vulnerable, incapable of defending their possessions in the East.

ISIS‘ Destruction Of Palmyra Temple Is A War Crime, UNESCO Says

http://www.huffingtonpost.com/entry/isis-palmyra-baal-shamin_55db3a4be4b04ae49703b4ff?kvcommref=mostpopular

Islamic State’s demolition of an renowned ancient Roman temple in the Syrian city of Palmyra is a war crime that targeted an historic symbol of the country’s diversity, the U.N. cultural agency UNESCO said on Monday.

Ultra hardline Islamic State militants blew up the temple of Baal Shamin on Sunday, Syria’s antiquities chief Maamoun Abdulkarim said, describing the destruction of one of the most important sites in the central city.

„Such acts are war crimes and their perpetrators must be accountable for their actions,“ UNESCO Director General Irina Bokova said in a statement.

Die Zerstörung des Tempels von Palmyra ist ein Kriegsverbrechen… nun, ich vermute, dass gilt auch für den Mord an unzähligen Zivilisten und Kriegsgefangenen, den Handel mit Gefangenen und ihre sexuelle Ausbeutung.

Wahrscheinlich ist danach die Hemmschwelle gering, wenn es darum geht, historische Ruinen zu zerstören.

Die Götter der Katzen

Theologische Probleme verkürzten meinen Schlaf am Sonntag Morgen.
Paula hatte eine der kleinen Findel-Katzen, ich glaube, es ist Nr. 3, an ihre Lieblings-Kassierin aus dem Mondo-Warenhaus vermittelt. Jedoch gab die Nr. 3 einen Klaps, als er sich versehentlich da erleicherte, wo ers nicht hätte tun sollen.

Das wiederum ist für Paula schon Gewalt, ganz im Gegensatz zu der Art, in der sie mit mir umgeht. Es entspann sich ein munterer Dialog per Whatsapp, den sie mir morgens um neun unter die Nase hielt, zu einer Zeit, für die es in meiner Version einer Heiligen Schrift heisst: “Eines Mannes Schlaf sei Dir aber heilig!”

Inzwischen war ihre Lieblings-Kassiererin schon nicht mehr ihre Lieblings-Kassiererin. Die hatte sich inzwischen jede Kritik an ihren Erziehungsmethoden verbeten und das damit begründet, dass sie “Gottes Werkzeug” sei. Paula reagiert auf Blasphemie nicht gut.

Schliesslich gilt ihr, dass sie nur ein Werkzeug hat, und das bin ich. Allerdings habe ich mich in dieser Beziehung zu einem gewissen Agnostizismus entschlossen und bereite mich auf ihren nächsten Nervenzusammenbruch vor. Sie nennt inzwischen die kleinen Katzen schon ihre Kinder und gibt ihnen Namen aus ihrer Lieblingsserie.

Trotz vorsätzlicher Vermeidung dieses cineastischen Meisterwerks konnte ich mich so der Bekanntschaft von Bobby und J. R. nicht entziehen. Insgesamt ist dieser Rückgriff aber ein Hinweis auf einen Gemütszustand, ebenso wie unser Ausflug zum Tierheim in Contiomagus, um jemanden zu finden, der sich ihre Geschichte anhört.

Das heisst für mich aber vor aber, dass ich am Sonntag kein Stück gebügelt hatte, bevor ich wieder zur Pizzeria aufbrechen musste.

Kraftlos in der Kraftpost

Mit einer Halbherzigkeit, um die ich mich jahrelang bemüht habe, hörte ich Paulas Vortrag über meine Unzulänglichkeiten zu. Im Kopf spazierte ich derweil durch Sion, es war warm, und Studentinnen in Sommerkleidern radelten um mich herum.

Viel später und irgendwo zwischen Prümburg und Itzbach in einem verbeulten Toyota wurde mir klar, dass sie nicht über ihre Gefühle gesprochen hat, sondern darüber, wie ich mich zu fühlen hätte. Das nämlich sei klein, hässlich und gemein.

Und für einen Augenblick war ich nicht in dem verbeulten Starlet – leider aber auch nicht in Sion – sondern in einem Schulbus, vierzig Jahre in der Vergangenheit. Da gab es auch Kinder, die versuchten, mir dieses Gefühl zu geben.

Meine Eltern nannten das nicht „Bullying“, sie nannten das normal und rieten eher dazu, durch Gelassenheit oder deren geschicktes Vortäuschen jenen Mitschülern die Lust an der Fortführung ihres Tuns zu verleiden. Ich lernte daraus vor allem, dass mit Hilfe von ihnen nicht zu rechnen war.

Gehe ich deshalb so mit Paula um, der mancher andere schon längst auf die eine oder andere Weise gesagt hätte, was er von ihr hält? Oder ist es einfach die so typisch-männliche Unfähigkeit, Gefühle zu formulieren?


http://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?17,7238915