I was never meant

Zum ungefähr 101sten Mal mache ich den gleichen Fehler. Das lässt mich ein wenig an meiner Zukunft in diesem Unternehmen zweifeln. Mir fehlt es da offensichtlich an der Geduld, der Präzision und immer noch an der Konzentrationsfähigkeit, die die Auftragserfassung erfordert. 

Mein neuer Job entwickelt sich langsam zu einem der Szenarios, die mir Paula immer entwirft und in denen ich ein Versager bin. Der Gedanke daran, dass eines davon Wahrheit werden könnte, treibt sie zum Wahnsinn. Anscheinend mag sie es doch nicht so sehr, Recht zu behalten. 

Sie mag es auch nicht, wie gelassen ich dabei bleibe. Ich habe in jahrelanger Ehe mit ihr nur eines gelernt, dass ich nämlich niemals dazu bestimmt war, erfolgreich, geliebt oder sogar glücklich zu sein. 

Insane like a scooter mechanic

Der Herr Schrammel hat sich seit 14 Tagen in meinem neuen Roller einquartiert. Per Whatsapp forderte er von dort aus von seiner Frau Butterbrote und von mir Ersatzteile an. 

https://youtu.be/fmQfu9zeQ9I

Ansaugstutzen, Batterie, Bremsbeläge, Bremslichtschalter, Kolben, Lenkkopflager, Luftfilterkasten, Membranblock, die Tachoverkleidung hinten und den Zylinder hat er inzwischen getauscht, diverse Kabelverbindungen ersetzt und allerlei Einstellungen vorgenommen. 

Dass so viele und verschiedene Teile defekt waren, hat verschiedene Gründe. Dem ersten Besitzer widerfuhr nämlich ein Unfall, den er gerade soweit behob, um das Vehikel der zweiten Besitzerin anzudrehen. 

Die, die ein schlichtes Gemüt durch weniger schlichte Brüste ausgleicht, fand nach dem nächsten technischen Problem auch einen, der es reparieren wollte. Was er sonst noch wollte, weiss ich nicht, aber er weiss jetzt ganz sicher einiges über den Unterschied zwischen können und wollen.   

Für alles andere können und wollen wir die Neigung des chinesischen Herstellers verantwortlich machen, seinen Kunden die allerpreiswertesten Einzelteile anzuhängen. Insgesamt behauptet der Herr Schrammel jedoch, jetzt auf der Zielgeraden zu sein. Fast unterstelle ich ihm an diesem Punkt Bedauern. 

Ich hingegen bedauere nichts, vielleicht einmal vom Kauf der Chio Chips der “Bud Spencer-Gedächtnisedition” abgesehen. Immerhin sieht es so aus, als könnte ich bald La Mosca, die viergetaktete, durch Dora, einen neueren, wenn schon nicht neuen Zweitakter ersetzen. 

s-l400

Ich muss nichts mehr beweisen, da ich es nicht mehr kann

Der Mann ist verunsichert. Wenn er Held sein will (immer!), darf er es nicht. Wenn er nicht mal nach dem Schrumpfheldentum strebt, gilt er als Versager, Schlappschwanz, Weichei. Das Dilemma des heutigen Mannes ist, dass er weder Held sein kann noch ein Waschlappen, und zwar weder im Job noch beim Kindergeburtstag noch im Bett. So sieht sich der Mann zu einem seltsamen Zwischenwesentum verdammt. 

Im paradigmatischen Narrativ der „Heldenreise“ kehrt der Held von seinen Abenteuern irgendwann in die Alltagswelt zurück, um sie im Lichte seiner Erfahrungen zu verändern. Der heutige Schrumpfheld schafft es oft gar nicht erst, die Reise überhaupt anzutreten. Daher seine Wut und sein Schweigen. 

Warum ackert er? Weil er seine Männlichkeit beweisen muss. Weil ein Mann nicht „ist“, sondern immer erst „wird“. Für wen ackert er? Für die Frau, die er liebt. Jene, die ihm seine heroischen Fehlleistungen verzeiht, deren Autonomielust sich hoffentlich in kalkulierbaren Grenzen hält, die für ihn – wenigstens in Teilzeit – kostenlos kocht, wäscht und putzt und ihm den Rücken freihält. … Für sie tut er alles. Für sie modernisiert er seine
 archaische Blutrünstigkeit.

https://www.zeit.de/kultur/2019-07/maennlichkeit-heroismus-heldentum-vaeter-maenner-patriarchat-sexismus/seite-5

In diesem Sinne ist die Odyssee auch eine Liebesgeschichte. In diesem Sinne ist auch meine eigene Geschichte eine Liebesgeschichte. Sie kann vom Ergebnis her zumindest als solche interpretiert werden. 

Heute Nacht träumte ich von einer Begegnung mit einer früheren Nachbarin, an die ich mich nicht erinnerte, und die mir ihre Tochter auch als die meine vorstellte. In meinen Träumen bin ich nicht emotional, empfinde ich nicht. 

Ehebruch wäre die ultimative Auflehnung gewesen, die Zeugung eines Kindes mit einer anderen Frau als Paula die vollendete Rebellion gegen ihre Herrschaft, noch vollständiger als sie zu verlassen. Ähnlich gewaltig wäre nur die Entscheidung für die völlige Passivität, die Arbeitsverweigerung, der Übertritt ins sozio-kulturelle Umfeld meiner Geburtsfamilie. 

Ausser dem Scheitern ist mir keine Perspektive geblieben, um mich selbst zu behaupten. Jeder Job ein Abstellgleis, jeder Ehrgeiz nutzlos, jeder Versuch, noch irgendeine Männlichkeit zu beweisen vergeblich.

Russel T Davies, Creator of Britain

Ich habe bisher in diesem Blog Boris Johnson ignoriert. Das ist nachvollziehbar, dachte ich doch bis zu seiner Amtseinführung immer, er sei eigentlich eine Figur aus der Serie “Torchwood”. 

Denn wie könnte er nicht von Russel T Davies erfunden sein? Allein diese Mischung aus Bombast und Selbstironie, mit der da ein verkrachter Journalist und gescheiterter Aussenminister auftritt, der laut Wikipedia Kiffen und Ehebruch als Hobbies hat, das kann doch nicht real sein.

Und dann diese Haltung, mit der er einen Staat bescheidener Grösse und eingeschränkter Bedeutung, da nicht unähnlich Deutschlands, zum grossartigsten Land der Welt machen will: “Im Jahr 2050 könne Großbritannien die am meisten florierende Wirtschaft Europas und somit Zentrum eines neuen Netzwerks an Handelsabkommen sein.” (https://www.spiegel.de/politik/ausland/boris-johnson-premierminister-will-grossbritannien-zu-alter-staerke-verhelfen-a-1278958.html

Immerhin lügt er da durchaus nicht. Es könnte sein, es wäre möglich, es lebe der Konjunktiv. Der Satz schliesst ja auch 20 – 30 harte Jahre vorher nicht aus. 

Das schliesst in keiner Weise aus, dass ich doch Recht habe, ja, dass vielleicht die aktuelle Version Grossbritanniens von Davies erfunden wurde. Immerhin sitzt auf diesem Kriegsschiff hier ein riesiger Dalek:

HMS Duncan - 1 

Doch warum sitzt eine Firma, die dafür verantwortlich ist, wie Pariser Designermode oder urbane Sportswear in Berlin-Mitte inszeniert wird, überhaupt hier, im mittelfränkischen Niemandsland? Ganz einfach: Wolfarth ist hier aufgewachsen, mittlere Reife, Lehre zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, Baustoffabteilung. Mit 21 wird er Abteilungsleiter, fünf Jahre später Geschäftsstellenleiter einer Handwerkervereinigung. Als die Citibank jemanden für die deutschlandweite Wartung ihrer Niederlassungen sucht, macht er sich im Dezember 1999 vom heimischen Arbeitszimmer aus selbstständig.

https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/provinz/shops-made-in-endsee?utm_source=pocket-newtab

Bei der Illinois Electro Door wäre er mit diesen Voraussetzungen nichts geworden. Da herrschte die gute, die alte, die amerikanische Ordnung. Wer Highschool-Abschluss hat, fährt Gabelstapler, für den Schreibtisch braucht es eine College-Ausbildung, zum Abteilungsleiter befähigt der Universitätsabschluss und zum Chef allein die Abstammung von einem, der tüchtiger war oder doch wenigstens zur rechten Zeit am rechten Ort. 

Allein die Technischen Kundenbetreuer sind in diesem Kartenspiel die Joker, tragen die Narrenkappen und haben die unkonventionelle Ausbildung aus abgebrochenem Studium, Militärdienst, verschiedenen Jobs, die sich nur durch den Filter ihrer Tätigkeit ergänzen.