Speculum mundi vel mundi realis?

https://www.nzz.ch/feuilleton/wer-magier-wird-betritt-das-reich-der-angst-ein-erfahrungsbericht-ld.1512404?utm_source=pocket-newtab

Im Drama der Hexerei gibt es keine unbeteiligten Zuschauer und nichts Unverbindliches; die Rolle des Forschers, des Zaungastes ist inexistent. Ob man will oder nicht, man ist Teil des Systems, sobald man es betritt. Das mussten alle erfahren, die sich mit dem Thema beschäftigten, wie etwa der Missionar de Rosny («Die Augen meiner Ziege») oder die Ethnologin Favret-Saada («Die Wörter, der Zauber, der Tod»): Man sucht sich seine Rolle nicht – man wird hineingeworfen und findet sich mitten in einem Schlachtfeld wieder.

Denn das Weltbild der afrikanischen Heiler ist ein kriegerisches: Man ist andauernd bedroht durch Feinde, Verräter, Hexen und andere böse Mächte. Unter der harmlosen Oberfläche ist der Mensch dem andern ein Wolf. Der Heiler ist derjenige, der die zerstörerischen Kräfte erkennt und den Patienten helfen kann, sich zu schützen und sich zu wehren. Ein Zustand der permanenten, totalen Mobilmachung. Und am meisten gefährdet ist der Heiler selbst, weil er an vorderster Front steht und sich mit jeder Intervention neue Feinde macht. «Heiler» klingt schön und sanft, aber in Afrika hat er nichts zu tun mit New Age, Räucherstäbchen und Harfenmusik, sondern mit Gefahr, Bedrohung und Macht.

Stoller träumte als junger Mann davon, so hart und stark wie die von ihm bewunderten Songhai zu werden. Und vielleicht stärkte ihn die Erfahrung des ständigen unsichtbaren Kampfes tatsächlich. Die Einnahme der magischen Medizinen und die Durchführung diverser initiatorischer Rituale führen aber zu keiner Erleuchtung, zu keiner «universalen Harmonie»; eher zu einer Überempfindlichkeit und einer dauernden latenten Angst, weil man hinter jedem lächelnden Gesicht Destruktivität ahnt. Man wird zu einer Mimose, zum Paranoiker. In den Worten Stollers: «Der Zauberer ist sowohl Jäger wie auch Gejagter in einer Welt voller Menschen, die nach Macht streben und es geniessen, ihre Rivalen zu vernichten, egal was ihre Triumphe kosten. 

«Zauberei ist eine Metapher für jenes Chaos, das alle sozialen Beziehungen bestimmt. In allen Gesellschaften bröckeln Dinge und werden neu zusammengesetzt; wir leben alle im Schatten der Zauberei.»

Von Asaph Mehr habe ich jetzt “Aquae et ignis” gelesen, ein in einer Variante des antiken Rom angesiedelte Novelle, deren Held ein Detektiv in einer Welt ist, in der Magie real ist, und Magier in einer, in der Logik funktioniert. 

https://www.hugendubel.de/de/taschenbuch/assaph_mehr-murder_in_absentia-25272048-produkt-details.html?searchId=1313654836

Schlimm und schlimmer

 

Ich gestehe mir ein, wie wenig Einfluss ich auf mein Leben habe. Wer versucht, “das Richtige” zu tun landet schnell bei der Frage, welche Handlungsweise denn der Situation “angemessen” sei. 

Die wenigstens ist einfacher zu beantworten als die, was richtig ist. Richtig nämlich kann bedeuten, richtig für eine Person, richtig für mehrere, richtig in einem moralischen, sogar einem religiösen Sinn. 

Tue ich aber, was angemessen ist, ordne ich mich der Situation unter. Ich akzeptiere also, dass ich nicht frei bin, dass ich Verpflichtungen habe. Es bedürfte eines nicht unerheblichen Masses an Verzweiflung oder Entscheidungskraft, um die ebenso zu ignorieren wie das wahrscheinliche Ergebnis. 

Denn im besten aller möglichen Fälle wird es erst ganz grauenhaft und dann vielleicht besser, meistens aber zuerst schlimm und dann schlimmer. 

Wie man keine Verantwortung hat, muss man lernen

Gerade finde ich die Belanglosigkeit meiner Tätigkeit als hilfreich, als nützlich. Ich lerne da etwas darüber, wie man keine Verantwortung hat. Ich lerne, wieviel Paula (und Maniac) von mir verlangt haben. Ich lerne, wie wenig Anteilnahme ich von meinen Kollegen erfahren habe. 

Klar, da ist die Frage, ob es an mir liegt, dass es keinen von ihnen geschert hat, wie es mir geht. Und dann ist da natürlich auch die Frage, ob ich mit meiner plattfüssigen Art, den Menschen mein Bedürfnis nach Zuwendung aufzudrängen, sie nicht immer zurück gestossen habe. 

Doch sei es wie es sei – ich fasse zusammenfassend zusammen, dass niemand mir zuhilfe kam. Nicht meine Vorgesetzten bei Yoyodyne Europe, nicht meine Kollegen, nicht meine Frau. Das vielleicht etwas über mich, aber auf jeden Fall aber einiges über sie aus.  

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/burn-out-stress-arbeitsplatz-depressionen-ueberlastung-erfahrungen

Moses konnte lesen

Es gibt die Theorie, dass die Bundeslade (https://de.wikipedia.org/wiki/Bundeslade), in die Moses die beiden Steintafeln mit den 10 Geboten legte, die er von Jahwe erhalten hat, radioaktiv ist. Es gibt auch die Theorie, dass sie verschwunden ist, für die schon mal spricht, dass anscheinend niemand sie seit so etwa 586 vor Beginn unserer Zeitrechnung  gesehen hat.  

Es steht gewiss in keiner Beziehung dazu, aber der Islamische Staat liess die Ruinen der Stadt Palmyra (https://de.wikipedia.org/wiki/Palmyra) zerstören. Das ist nur deshalb bemerkenswert, weil zum fraglichen Zeitpunkt im Jahr 2015 eigentlich jeder Soldat des Kalifates an der Front gebraucht worden wäre. Aber vielleicht ist das ja einfach die sinnlose Gewalt, die wir per se von diesen Schrumpfhirnen erwarten. 

Und es ist ganz sicher nur ein Zufall, dass jemand etwa seit dieser Zeit einen ungeheuren Bedarf an prä-atomarem Stahl hat. Das ist Stahl, der nicht der erhöhten Radioaktivität in der Luft seit der Zündung der ersten Atombomben ausgesetzt war. Nach aktuellem Stand sind also seit etwa 2016 fast 40 Wracks aus dem 2ten Weltkrieg am Boden der Java-See (https://www.historyanswers.co.uk/history-of-war/java-sea-shipwrecks-of-world-war-2-one-of-the-men-who-found-them-reflects-on-their-loss/) geplündert worden . 

Das waren doch nur 40 Jahre

In meinem Bestreben, mein Leben zu strukturieren, schreibe ich Listen, lese ich Listen. Eben fand ich eine der Überlebenden der Expedition Magellans. Sie hat den Vorzug, sehr kurz und somit überschaubar zu sein. 

Sonst aber liest sie sich wie die Personalliste eines europäischen Unternehmens heute mit Alten und Jungen, Spaniern, Portugiesen, Franzosen, Italienern, Griechen und Deutschen. Sogar ein Behinderter ist darunter – El Sordo, der Taube. 

Nicht aufgeführt, weil vermutlich ohne Dokumente, sind die drei Farbigen, die der Schiffsbetriebsführer, Herr Elcano unbürokratisch en route einstellte, um freie Stellen kurzfristig zu besetzen, d. h. seinen lecken Kahn über Wasser zu halten. 

Das Zeitalter der Entdeckungsreisen hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Aufstieg des Internets. Es schafft Verbindungen zwischen verschiedenen Teilen der Menschheit, verändert Wirtschaft, Kultur und Zivilisation und passiert ungeheuer schnell, speziell in einer Welt, in der nichts schneller ist als ein galoppierendes Pferd.. 

1482 segelt Cao in die Mündung des Kongo, 1487 steht Dias an der Ostküste Afrikas, 1492 erreicht Colombo die Karibik, 1497 da Gama Indien, 1500 Cabral Brasilien, 1522 endet die erste Weltumsegelung. Wer also mit 17 die Sao Cristavao im Hafen von Lissabon verabschiedet, ist erst 52, wenn er in Sanlucar die Rückkehr der Victoria begrüsst. 

Als ich 17 war, hatten Computer gerade erst den Schritt von Maschinen für Banken, Militär und Versicherungen zu einem Spielzeug für Technik-Fans gemacht. Heute sind sie allgegenwärtig. Ca. 4,4 Milliarden Menschen nutzen sie und mit ihnen das Internet, die nächste Milliarde Nutzer macht sich schon bereit, um mit einer Spar-Variante einzusteigen, die man Smart Feature Phones nennt.

Wir sollten Lusiaden über Männer wie Jobs, Berners-Lee und Torvalds schreiben, Heldengedichte wie De Camoes es tat. Vielleicht sollten wir aber auch die Entdecker in ihrem Spiegel neu betrachten. In den letzten Jahrzehnten war es en vogue sie nur negativ zu sehen, nur von Sklaverei, Ausbeutung und Seuchen zu sprechen als ginge es dabei um etwas anderes als die Minenarbeiter im Kongo, die Seltene Erden abbauen, Cyber-Angriffe und Computer-Viren. 

Donnerstag muss Dönerstag werden

Dönerbetreiber sind wirklich mutige Menschen. Egal wie abgelegen das Dorf ist, egal wie viele Glatzen rummarschieren, immer findet sich ein tapferer Dönerci, der sich vor Ort niederlässt. National befreite Zone? Ideal für den Dönerabsatz! Deutschland ist flächendeckend von Kebapbuden besiedelt und wäre ohne sie aufgeschmissen. In vielen Gegenden sind sie die einzigen Läden, die nachts noch offen haben und das Volk versorgen. Nichtnüchterne, nichtpazifistische Kunden gehören dabei leider zum Alltag.

Vermutlich verlassen sie sich auf einen unausgesprochenen Kodex zwischen Döner-Dealern und Neonazis: Letztere hassen zwar Türken, lieben aber – wie alle Deutschen – Döner. Sie wissen: wer Kebap will, muss McMustafa am Leben lassen. Das Dilemma am Nazi-Döner-Kodex ist, dass sich viele Möchtegern-Arier für ihren Verrat schämen, während sie die orientalische Verführung schlemmen. Weil sie insgeheim fürchten, dass der Imbissbetreiber ein Vorbote der Umvolkung ist: 

So gesehen ist der Döner ein Lackmustest der deutschen Demokratie. Wer ihn isst, ohne sich zu schämen oder um sich zu ballern, ist angekommen in der Moderne. Für Nazis aber ist der anatolische Spießbraten eine ständige Gefahr. Er gleicht einem multikulturellen Sirenengesang, der den teutonischen Gaumen vom rechten Weg abbringt. 

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/doener-dilemma-die-nazis-und-das-nationalgericht-kolumne-a-1291833.html

Rot, gelb, weiss, schwarz

Rot ist der Sonnenaufgang über dem Gewerbegebiet. 

Während ich ihn betrachte, diesen Aufgang eines vorschriftlich ungeregelten atomar betriebenen Leuchtmittels, bemerke ich, dass die Strassenlaternen, die nicht atombetrieben sind aber gesetzlich geregelt, rechts gelblich leuchten, die links weiss. 

Ich vermute hier einen Unterschied im Datum der Beschaffung und/oder des Einstandspreises. Denke ich so, bin ich mir sympathisch, da ich ich mich dann sicher fühle. 

So finde ich auch die Löcher in Paulas Argumentationen, dem irgendwie logischen Unterbau ihrer Wutanfälle. Das lenkt mich vom Schmerz ab. Von meinem. Von ihrem. Die Situation spitzt sich zu. 

https://www.deutschlandfunk.de/thomas-meyer-fordert-trennt-euch-die-meisten-paare-passen.700.de.html?dram:article_id=392740