Der Alp, die Alb, die Alpen

Ich bereiste einst die Alb, die schwäbische, und durchquerte die Alpen mehrfach, meist auf dem Weg nach Italien. Ich betrachtete sie sogar einmal von oben, sie überfliegend, kein Überflieger, eher ein pflichtbeflissener kleiner Angestellter auf dem Weg zu einer Messe in Bologna.

Am vertrautesten ist mir von diesen dreien, die sprachlich so eng beieinander liegen, mein steter Bettgefährte, der Alptraum, der Alp, die Angst, die ich am Tag mit schierer Disziplin zurückhalte, um in einer Welt scheinbarer Stabilität zu überleben, die emotional und finanziell stabil unsicher ist.

Die Elfen, die da auf meiner Brust sitzen, sind keine gutherzigen Bogenschützen, die gekommen sind, einen Ringträger zu schützen und mit ihm Mordor zu durchqueren. IMG_20160723_154207

Frank Bures, The Geography of Madness

Das zehrt an Hirn und Herz und Seele und kann am Ende schief gehen:

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Jason Werbeloff, The Face in Jar

Niemand sollte gezwungen sein, sich zu verstecken, aber jeder sollte die Freiheit haben, es zu tun.

http://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/wie-sich-der-burkini-im-selbstversuch-anf%C3%BChlt/ar-AAicMVD?li=AAaxdRI&ocid=spartanntp

Große gelbe Zehennägel. Rot leuchtende Männerfette, auf dem letztes Kraushaar Wachstum übt. Hinternlappen wackeln synchron zum Badeschlappen-Schmatz. Das lauwarme Wasser fragt nicht, es umwogt alles. Unbetretbar scheint das Becken. Wie eine Ursuppe, in der man selbst zu einer Kaulquappe im großen Wimmeln des Lebens wird. Ich bin da, aber Gott sei dank bin ich auch weg.

Ich trage einen Ganzkörperbadeanzug und sehe aus wie ein Lycra-Spermium im Kleidchen. Die Sonne knallt auf den dunklen Stoff des Burkinis.

Mir ist warm, aber niemand sieht meinen Schweiß. Es ist verrückt, dass ich – ausgerechnet hier, am körperlichsten Ort der Öffentlichkeit – ein völlig unkörperliches Wesen bin.

Zum allerersten Mal in meinem Leben haftet dem Schwimmengehen nichts persönliches, nichts peinlich privates, einfach gar keine Intimität an. Ich muss mich für Euch nicht rasieren. Ich muss mein Bauch blähendes Mittagessen vor Euch nicht einatmen. Ich muss mich noch nicht einmal eincremen.

Mit beiden Händen drücke ich mich am Beckenrand hoch. Der Burkinistoff klebt nicht am Körper, auch nass bin ich noch immer versteckt. Niemand sollte je gezwungen sein, sich zu verstecken, aber jeder sollte die Freiheit haben, es zu tun. Das Leben muss wimmeln. Egal, wie eklig man es findet.

Gesucht: Einsame Insel

Paula stand vor der Couch und tobte. Aber ich kann nicht sagen, worum es ging, denn je mehr sie sprach und je lauter, desto müder wurde ich. Am Ende fand ich mein Tablet und das Samsung-Handy im Mülleimer wieder. Irgendwie gibt mir das das Gefühl, das sie mit der Gesamt-Situation nicht zufrieden ist. Da haben wir ja schon einmal einiges gemeinsam.

Gemeinsam ist uns da auch die Unfähigkeit, eine Lösung zu finden. Denn wir haben uns über die Jahre nicht nur emotional, sondern auch finanziell in manche Unwägbarkeit verstrickt, zu der uns die Rechnung präsentiert wird, wenn wir uns trennen. Für solche Lebenssituationen sagt das deutsche Sprichwort nicht unzutreffend: „Für jeden kommt einmal die Stunde der Wahrheit. Dann heisst es lügen, lügen, lügen!“ Aber ob das auch bei Vorfälligkeiten hilft?

Wie es bei ihr steht, weiss ich nicht. Ich aber bin recht fest entschlossen, mich danach von den Menschen fern zu halten. Denn so wenig umfassend meine Erfahrungen mit Beziehungen auch sein mögen, ich kann mich keiner erinnern, in der ich dem anderen Menschen nicht peinlich und unangenehm war. Und mehr noch als das macht mir der Gedanke an die Person Angst, die verzweifelt genug ist, sich trotzdem für mich zu interessieren.

 

Diane Kruger und das Sevres-Syndrom

Beladen mit einer leeren Pizza-Box betrat ich die Küche, um die Frau mit Kopftuch bei dem Versuch zu ertappen, dem Sizilianer am Ofen ihre Weltsicht zu erklären. Angesichts seiner wie ihrer Kenntnisse der deutschen Sprache schien mir das Unterfangen aussichtslos. Immerhin entnahm ich ihren Ausführungen, dass die Türkei bis 2023 noch vertraglich davon abgehalten sei, ihre Bodenschätze auszubeuten. Und um jene reichlichen Schätze beneideten die Europäer, gar die Amerikaner ihre Heimat.

Der Vertrag von Lausanne, und um den muss es sich ja handeln, weil er 1923 geschlossen wurde, regelte die Besitzansprüche der Türkei auf bestimmte Gebiete Thrakiens und Armens, die ihr im Vertrag von Versailles 1919 abgesprochen worden waren, beendete die Besetzung von Antalya durch die italienische Armee und legte die Regeln für den „Bevölkerungsaustausch“ mit Griechenland fest. Von Bodenschätzen ist da meines Wissens nicht die Rede.

Gingen der Türkei in jener Zeit aber Bodenschätze verloren, so durch den Vertrag von Sevres, in dem 1920 die Europäer Syrien, den Irak, Libyen, Israel, Palästina, den Libanon und ein paar andere Teile des faillierten Osmanischen Reiches samt Erdöl, Erdgas, Kohle und Arbeitskraft unter sich aufteilten. Nach allem, was ich über die Gesellen weiss, die da zu Tische sassen, scheint mir die Existenz irgendeiner Rückgabeklausel da generell recht fraglich.

Für einen Moment hatte ich die Möglichkeit, sozusagen ins ungefilterte Volksbewusstsein zu schauen, wo sich verletzter Stolz und Angst und Frömmigkeit die Hand geben, um jene Stimmung zu schaffen, die uns Deutschen heute so unverständlich ist und die Erdogan so geschickt nutzt. Es schien mir in diesem Moment das intellektuelle Äquivalent zu einer unverbaubaren Aussicht in den Ausschnitt von Diane Kruger. Ich genoss es zutiefst.

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https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A8vres-Syndrom
http://www.n-tv.de/politik/Deutsche-und-Deutschtuerken-entfremden-sich-article18309766.html