Die Marsch-Musik des 21sten Jahrhunderts

Ich erinnere mich an die vergebliche, unausweichlich vergebliche Suche nach einem Adapter für Paulas neues Autoradio. Wer kommt überhaupt auf den Gedanken, so etwas im stationären Handel zu suchen? Natürlich, Paula…

Während der Verkäufer die Datenbank nach Fakra-Produkten durchsuchte, beobachtete ich den Telekom-Stand gegenüber. Vier, fünf Kunden liessen sich da beraten oder warteten darauf, dass man sie berate. Welchen Vorteil hat es, hier anzustehen statt sich auf der Internet-Seite, der von Euronics, von Telekom, von Congstar oder Amazon mit einem neuen Vertrag, einem neuen Mobiltelefon einzudecken? Welches Geheimnis verbirgt sich hier?

Oder lag es einfach daran, dass fast alle da drüben älter waren als ich? Das machte mich nicht jung, aber doch zur Wasserscheide zwischen denen, die das Haus verlassen, um zu kaufen, und denen, die es nicht mehr tun. Und ich dachte schon, ich sei gar nichts besonderes, eine Null-Nummer mit bedeutungsfreiem Leben. 

Es waren samt und sonders Männer, die da anstanden. Suchten sie den Vertragsabschluss für sich oder für ihre Frauen? Die Empirie lehrt uns, dass Frauen per proxy handeln, also eigentlich handeln lassen. Paula würde genauso vorgehen, ginge es nicht speziell hier und jetzt um ihr Autoradio, das sie auf stundenlangen Fahrten mit Techno-Musik bespassen soll, der Marsch-Musik des 21sten Jahrhunderts. 

Den passenden Adapter hatte der nette junge Mann natürlich nicht. Er könne ihn bestellen, bedeutete er uns, wohl wissend, dass wir das auch können, und zugleich hoffend, dass wir doch noch zu jener Gruppe auf der anderen Seite des Ganges gehören. 

Wir Asozialen

Familienzusammenkünfte sind immer etwas Besonderes. Meine finden im Gerichtssaal statt.

Meine Schwester erschien mit ihrem Mann/Ex-Mann und einem Anwalt, mich sekundierten Paula und Doc, der Biker-Anwalt.

Gewiss wäre auch mein Neffe gerne erschienen, jedoch ist er noch auf einem Sabbatical und hat eine Aversion gegen Gerichte, führten seine Begegnungen mit diesen Einrichtungen der Rechtspflege doch mehrfach zu solchen schöpferischen Pausen in seinem hektischen Leben.  

Ich konzentrierte mich darauf zu schweigen, nicht jenes negative Schweigen der Zeugnisverweigerung, sondern das positive, das dem Anwalt Bahn schafft und dem Beklagten keinen Ansatzpunkt liefert. Meine Schwester setzte eh gleich zu einer Philippika an, die ihr Anwalt und die Richterin jedoch direkt abwürgten. Zu meiner Erleichterung war meine moralische Verworfenheit nicht Gegenstand der Verhandlung.  

Dafür ging es um die Höhe einer Summe, die sie in ein gemeinsames Konto der Erbengemeinschaft einzahlen soll, um zu entschädigen, dass ich unser gemeinsames Eigentum nicht nutzen kann. Selbst mir erscheint das als ein rein juristischer Trick, auf den Doc verfallen  ist, um irgendwann das Haus versteigern zu können und mir so zu jener verhältnismässig geringen Summe zu verhelfen, die mir nach seiner Ansicht und der Paulas zusteht.

Die Höhe dieser Zahlung war nun strittig. Vorgelegt hatte Doc in der Klage 350 Ecu, ein Betrag, der in seiner Höhe für das Unterfangen so egal war wie nur möglich. Denn alle Beteiligten waren sich im Grunde genommen herzlich einig, dass meine Schwester nicht in der Lage sei, irgendwas zu bezahlen.

Die redete emsig auch den Wert des Hauses gering, zwei Zimmer seien allein zu bewohnen, der Rest feucht und schimmelig, der Flur riesig, der Mietwert nach Rücksprach mit dem Arbeitsamt gerade mal 300 Ecu. Zudem sei sie eine arme Rentnerin, die gerade mal 300 Ecu bezöge.

Die Grösse des Flures ist unstrittig und unproportioniert, die Frucht wohl der geringen Erfahrung meines Vaters als Architekt, der in seinem Leben nur ein einziges Haus entwarf. Der Feuchtigkeit half mein fleissiger Schwager mit Drainagen ab; anderes ist die Folge jener Vernachlässigung, die aus Krankheit und knappen Mitteln resultiert.

Hier liesse sich einiges auf einfache Weise erreichen, indem man die Heizung wieder in Betrieb setzte. Das erforderte jedoch bestimmter Teile, die ihres Materialwertes wegen auf dem Schrottplatz verkauft wurden, und Heizöls. Beides ist jedoch nicht ohne Einsatz finanzieller Mittel zu erlangen.

Deren Vorhandensein aber ist fraglich, selbst wenn wir einmal davon ausgehen, dass mein Schwager/Ex-Schwager mit oder ohne Beleg ihr noch Unterhalt zukommen lässt und ihrer beider Sprössling gerade kein Geld verlottern kann, weil er im Gefängnis Schrauben sortiert.

Doc riet mir dann, den Vorschlag meiner Schwester anzunehmen. 200 Ecu, die sie nicht zahle, seien unserem Zweck so nützlich wie 350, die sie nicht zahle. In gut vier Wochen ist dann die Verkündung des Urteils.

Insgesamt gesehen wäre es mir lieber, ich hätte ganz diskret meinen Erbanspruch nie geltend gemacht. Zum einen wüsste ich viel lieber nicht über ihre Lebensumstände Bescheid, zum anderen fühle ich mich als schlechter Mensch, weil ich so eine Kaskade von Ereignissen in Gang gesetzt habe, die nur zu ihrem Nachteil sein kann.

Es dauerte zwei Tage, bis Paula mir einen Vortrag zu diesem Thema hielt. Von meinen moralischen Defiziten abgesehen, die sie mir ausführlich aufzeigte, ging es darin vor allem darum, dass ich so wenig mit Geld umgehen könne wie meine Schwester und ich ebenfalls asozial sei.

Der Markt von Hagen

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E,s kann sein, dass der eine oder andere Blog-Eintrag am Marktplatz von Hagen spielen wird. Der geneigte Leser stelle sich diesen Ort bitte als ein unregelmässiges Rechteck vor.

An der Ostseite stände an der Stelle einer Post die erwähnte Filiale von Kaufland, gerade so wenig anmutig wie das Vorgänger-Gebäude aus den 60ern. An den anderen Seite fänden sich ein Altenheim, ihm gegenüber ein Bahnhof, dazu verschiedene Geschäfte wie eine Eisdiele, eine Kebab-Bude, eine Versicherungsagentur, ein Telekom-Laden, ein Friseur, ein Gemüsegeschäft, die Filialen dreier verschiedener Volksbanken und eine Postagentur, die auch Tabak und Zeitschriften verkauft.

Das ganze belebe des Lesers Fantasie mit allerlei Menschen, Einheimischen wie Zugezogenen, Schwarzen, Rosanen, Braunen und Gelben, mit den Turbanen von Sikh, den Hijabs frommer Muslima, der konservativen Kleidung, die Deutsche mittleren Alters in der Provinz bevorzugen, dem obligatorischen Troll-Mensch-Mischling.

Junge Leute lungerten dort herum, ältere passierten den Marktplatz geschäftig. Vor dem Kaufland, gerade noch an der Peripherie des offenen wlans, ständen zu jeder Zeit zwei oder drei Flüchtlinge mit ihren Smartphones. Donnerstags sei dort ein Bauernmarkt für jene, die ihre Eier, Würste und Gemüse frisch und regional kaufen wollen.

Es gibt Hoffnung

“Aber die Welt trägt heute wohl ein so großes Risiko für einen Zusammenbruch wie noch nie. Schuld ist die Globalisierung. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte gibt es die Möglichkeit eines weltweiten Kollapses. Bis vor Kurzem war es immer so: Wenn ein Land zusammenbrach, waren die anderen nicht betroffen. Als im 9. Jahrhundert mit den Maya die damals fortschrittlichste Kultur unterging, bekam man davon nebenan in Mexiko nichts mit. Würden heute Somalia oder Afghanistan kollabieren, beträfe das die ganze Welt.”

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/evolutionsbiologe-jared-diamond-zum-ersten-mal-gibt-es-die-moeglichkeit-eines-weltweiten-kollapses/24351438.html?utm_source=pocket-newtab

Manche, sagt man, sind verflucht

Filme wie dieser: https://de.xhamster.com/videos/bbw-nude-pizza-delivery-8656728?pb= verführen junge, rechtschaffene Männer und auch einige Frauen dazu, sich jenen moralisch verkommenen Subjekten zu verpflichten, die Pizzerien besitzen und für sie Flachkuchen und Teigwaren neapolitanischer Art auszuliefern.

Ich weiss um die traurige Realität. In all den Jahren hat mir noch nie eine die Türe nackig aufgemacht. Aber trotzdem steige ich an fast jedem Wochenende in ein klappriges Auto und mache mich auf den Weg.

An manchen Tagen kann ich mir neuerdings, vorstellen, meiner Haupttätigkeit zu entsagen, um lange zu schlafen und im Bett die Nachrichten zu lesen und zu frühstücken. Aber ich würde trotzdem zwei- bis viermal die Woche mit einem Kofferraum voll fertiger Speisen und einem Handy voller Podcasts losziehen.

Dabei triebe mich zum einen die Versorgung meiner selbst mit Nahrung, erhält ein Fahrer doch zu seinem Gehalt noch eine gratis Mahlzeit, zum anderen die Beschaffung von Geld. Denn dann würde ich meinen Motorroller alle 24 Monate austauschen und in schöner Regelmässigkeit mal in die Hauptstadt, mal anders wohin fahren.

Das aber täte ich schön alleine. Meine Erfahrung rät dazu. Meine Lebenssituation ist aber in jeder Weise eine andere. Von der Rente bin ich noch weit weg, und alleine bin ich auch nicht.