Alles Gesocks!

katze

Paula ist wütend, in diesem Fall allerdings auf die versammelte Nachbarschaft. Das hat etwas mit einer streunenden Katze zu tun, die solange an FIP starb, bis sie eingeschläfert werden musste, und der menschlichen Blödheit, an der ja nie Mangel ist.

Wenn es also nach ihr ginge, zögen wir weg, irgendwo in ein kleines Haus im Wald, und verkauften diese Behausung an eine Familie mit Kindern und Haustieren und gerne auch mit Migrationshintergrund. Es schwebt ihr da eine kopfstarke Sippe wie die des Kleinen Bruders vor, breitschultrige Söhne wie die Orgelpfeifen in einer Baptistenkirche, die am Sonntag im russischen Stil grillen, arbeitsame Menschen mit einer umfangreichen Verwandtschaft, die die Strasse zuparken und manchmal laut werden.

Ich bin da ausnahmsweise ihrer Ansicht. Denn der Kleine Bruder hatte mir, unsere Hecke schneidend, die Geisteswelt erläutert, in der er lebt, eine Welt, in der man vor der Ehe erst keinen Sex hat und dann betet und fastet, um sich in seiner Entscheidung für einen Menschen sicher zu sein. Von den native-german Mädchen hält er folgerichtig so wenig wie er von der Liebe mit zwanzig nur wissen kann.

Von meinen Nachbarn scheint mir allein der Küster der Pfarrkirche dem Kontakt mit einer solchen Familie gewachsen zu sein.

Ich nehme aus diesem Ausflug in die Geisteswelt russlanddeutscher Baptisten die Idee der Erwachsenentaufe in meinen gedachten Arianismus mit, vorzugsweise in einem fliessenden Gewässer wie

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dem Wasserfall im Playboy Mansion.

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Dauernotgeil

Die Tierärztin hat einen ungebräuchlichen Namen. Es ist nicht Öztürk, Nguyen oder Schachworostow, sondern ein schwierig zu schreibender schottischer Name.

Als ich eine frisch eingefangene Streunerin bei ihr abliefere, um sie sterilisieren zu lassen, nimmt sie gerade die gleiche Operation an einer Katze meiner Nachbarin vor. Ich kenne die Katze zwar nicht persönlich, folgere die Besitzverhältnisse aber daraus, dass zum Einen der Tierschutz ihre Tiere morgens bei ihr abgeholt hat, und zum Anderen die Tierärztin auf arbeitsscheue Asoziale schimpft, die sich den Teufel um ihre Viecher kümmern.

Diese Beschreibung passt auf die Frau Nachbarin. Archetypisch ist sie übergewichtig und kann ihre Zigaretten durch die Zahnlücken rauchen. Tochter Nr. 1 ist eine frühreife, jüngere Ausgabe ihrer Mutter, mit einem Kind, das mal bei ihr wohnt und mal sonstwo. Dieses Sonstwo ist ziemlich sicher nicht die Residenz des Herrn Vater. Dort ist nämlich die Hausordnung streng und das Mitbringen von Tieren und Kindern verboten.

Nachdem er schon als Jugendlicher Tiere gequält hatte und versucht hatte, sein Elternhaus anzuzünden, schlug er erst einmal eine Karriere als Tankstellenräuber ein. Diese Berufswahl lässt in den Zeiten des bargeldlosen Zahlungsverkehrs an seiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Ich vermute mal auch, dass er und sie sich nicht so nahe stehen, dass sie ihm seine diversen Nachfolger jeweils vorstellt, auch nicht summarisch beim monatlichen Besuch in der JVA Hackensee Namen und Eigenschaften zusammenfassend.

Tochter Nr. 2 ist von ähnlicher Frühreife, lebt sie aber vornehmlich im Lebensumfeld ihres Vaters aus, der nicht der Ehemann ihrer Mutter ist und nicht der Vater von Tochter Nr. 1.

Im vergangenen Jahr legte diese Familie dann eine kleine Sammlung von Motorrollern an. Drei Stück stehen nun vor dem Haus, die allerdings nicht von den verschiedenen Familienangehörigen, sondern nur von der Frau Nachbarin gefahren werden, und zwar jeweils der, der gerade anspringt. Es handelt sich um eine Sym Simply und zwei Sym Euro X.

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Ihre fünf Katzen teilen sich übrigens eine Toilette, die an einem im Familienrat verhandelten Tag im Monat vom Schlumpf, dem Herrchen des Hauses-Schrägstich-Prügelknaben der Frau Nachbarin geleert wird. Das erklärt vielleicht die ins Emotionale abgleitenden Ausführungen der Tierärztin zur Verwurmung der Tiere. In diesem Zusammenhang habe ich gelernt, dass unsterilisierte und so permanent nach Fortpflanzung strebende Katzen Zysten an der Gebärmutter entwickeln können. Zu Parallelen bei Menschen hat sie nichts gesagt.

Und das Bett, das wir teilten, war 1,40 m breit

Ich wandere verbissen an den Rändern eines Nervenzusammenbruchs entlang. Das tue ich schon einige Zeit. Der Tod von Freund dem Kater macht das nicht einfacher. Immerhin war die Beziehung zu ihm die beste, die ich in diesem Leben hatte.

Sie begann damit, dass wir in einem anderen Jahrhundert fünf Babykatzen vom Tierheim in Pflege nahmen. Drei von ihnen konnten wir vermitteln, eine wollte Paula behalten, einen kleinen Kater wollte einfach niemand haben. Dem einzigen Kandidaten, einer Nachbarin, rückte er allerdings durch das schräg gestellte Wohnzimmerfenster auch wieder aus.

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Er war aufdringlich, verfressen und so dominant, dass seine Schwester sich immer wieder zu irgendeinem anderen Nachbarn abseilte. Paula, die einen Hang zum Anthropomorphismus hat, sah hier Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir, gemeinsame ethische Defizite eben.

Unterstützt von Nicotina, ihrer damaligen Busenfreundin, sprach sie gerne bei Tisch über diese Defizite, wobei sie sich vor allem auf meine konzentrierte. Dieses Thema behandelte sie damals mindestens so gerne wie heute und ausgesprochen ausführlich. Doch gerade in dem Moment, als ich mich ganz verloren fühlte, schob sich ein kleiner pelziger Kopf in meine Hand.

Gerne bin ich bereit, das mit einem nur für Katzen spürbaren Geruch nach mariniertem Schweinefleisch zu begründen, jedoch war es in dieser Situation meine Rettung. So teilte ich mein mariniertes Schweinefleisch mit ihm, und er folgte mir, wohin ich ging.

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Er trottelte mir also auch nach, wenn ich mit dem Poliziotto seinen Hund ausführte, blieb vor dem Überqueren der Bundesstrasse jedoch beim letzten Haus zurück, um sich uns auf dem Rückweg anzuschliessen.

Verpasste er uns, musste ich ihn etwas später dort wieder abholen. Er war es, der im Bett neben mir schlief und wegen dem ich ein Bett in 1,40 m Breite erwarb, der neben mir auf der Couch am Sonntagabend NCIS sah und in der Thuja-Hecke darauf wartete, dass ich abends nach Hause kam, um mich zu begrüssen.

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Als Folge einer Aids-Erkrankung lebte er in den letzten Jahren nur von Kortison-Spritze zu Kortison-Spritze. Er frass immer weniger und wurde mager und knochig, dafür aber verträglicher für seine feliden Mitbewohner.

Er zog sich in dieser Zeit immer mehr auf ein Sofa im Wohnzimmer zurück, bis Paula am Ende beschloss, ihn einschläfern zu lassen. Er erlag dann schon der vorbereitenden Narkose-Spritze. Ich unterhalte mich immer noch mit ihm und habe sein Bild immer noch auf dem Schreibtisch stehen.

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Karma The Bitch

Wir standen in der Küche und warteten auf einen Auftrag, der nicht kommen würde, der Baktrier drei, ein dunkelhäutiger Erbe des Britischen Empires und ich. Herr Patel erklärte derweil ausführlich einem 13-jährigen Jungen am Telefon, was er davon hielt, dass der eine Pizza an eine Adresse bestellt hatte, wo sie nicht gewollt wurde. Ein Freund, so schwor der Junge, habe ihn darum gebeten und jene Adresse als seine eigene angegeben.

Mir schien, dass er Freunde habe, die man anderen nicht als Feinde wünschte. Der Herr Patel tat, was er tat, nicht zu seinem eigenen Vergnügen, wie er mir danach versicherte. Nein, keineswegs, es sei sein Beitrag zur Erziehung des Delinquenten, die sonst wohl zu lax gewesen sei.

Am nächsten Abend glich ich diese Schuld bei Karma The Bitch aus, als mich eine Frau an einer Tankstelle ansprach. Sie fuhr einen Ford, dessen Besitz und Nutzung exklusiv alleinerziehenden Frauen mit geringem Einkommen vorbehalten ist. Entsprechende Bescheinigungen stellt beim Kauf jeder libanesische Autohändler auf Wunsch aus.

Sie hatte ausser einem miesen Auto und wenig Geld auch noch einen leeren Akku in ihrem Samsung Galaxy, sollte aber andererseits jemandem in einem Internet Café treffen, dessen Adresse sie vergessen hatte. Dafür wusste sie immerhin, dass das aber nicht weit von der Pizzeria Il Cazzo sei. Allerdings gilt diese Einschränkung nun für den grössten Teil von Hagen. Des Weges kundig liess ich sie hinter mir her fahren, machte auch den kleinen Umweg zum Internet Café, um weiteren Verwicklungen vorzubeugen.

Karma The Bitch hat sich den Namen des Herrn Patel wahrscheinlich sowieso schon gemerkt und sich meinen auf den Unterarm tätowiert.

Paula hatte mir nämlich für den Sonntag Steuererklärung des Nachbarn aufgegeben, der Personalrabatt im Mondo-Warenhaus bekommt. Mit einer halb-fertigen Erklärung auf dem Laptop kehrte ich Stunden später zurück, um heftiger Kritik daran zu begegnen, dass ich mich des Haushalts zu wenig annehme, mutmasslich in eben der Zeit zu wenig angenommen habe, die ich gerade mit der Umsetzung ihres Auftrages verbracht hatte, oder aber doch am Samstag, den wir in St. Willibrord verbracht hatten, um dort die Wohnung katzengerecht umzurüsten, bevor Nr. 2 und Nr. 4 nächste Woche umziehen.