Die Blaue Maus

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Es hat nicht zufällig einer meiner Leser ein Werkstatthandbuch für eine Vivacity S1C herumliegen, das er mir scannen könnte? Nein? Das hätte mich auch sehr überrascht, immerhin sind es fast immer weniger als zehn, die lesen, was ich schreibe. Da spricht die Statistik schon einmal dagegen.

Aber so ein WHB wäre nicht unpraktisch gewesen. Mein neues Vehikel nämlich kam ohne ein solches, und das Internet ist da auch wenig ergiebig. Vor 15 Jahren, als La Soucis Bleue gebaut wurde, war es nämlich noch nicht so, dass es zu jeder Anleitung auch ein pdf gab. Ich habe zwar Peugeot-Scooters angeschrieben, aber die reagieren noch weniger als vor einigen Jahren, als ich noch eine Ludix hatte.

Deren Handbuch ist zwar im Web grosszügig verfügbar, passt aber nicht zur Vivacity. Die hat nämlich einen stehenden Motor und keinen liegenden. Was mir prinzipiell egal ist, weil ich eh keine Ahnung habe. Das bedeutet aber, dass mir diese Anleitung bei der Suche nach der Standgas-Schraube nicht helfen wird.
An der sollte ich aber mal drehen, damit sie morgens besser anspringt.

Anzug und Geschwindigkeit der Blauen Maus sind dann recht beachtlich. Den Berg flitzt die doppelt so flott hinauf wie La Mosca, die Viergetaktete. Da konnte auch Dora The Explorer nicht mithalten.

Paula hat Stunden in die Suche nach dem passenden Roller investiert. Ich habe mich darauf beschränkt, kurz vor Ende des Auswahlverfahrens noch einen Vorschlag beizusteuern, eine Derbi Boulevard, die natürlich
umgehend verworfen wurde. Das führte dann zu einem Vortrag darüber, dass ich sowohl blöd bin als auch mich so gar nicht beteilige.

Ich bin sozusagen völlig unschuldig

Aus mir völlig unbegreiflichen Gründen neigt meine Büchersammlung im Google Drive dazu, ein wenig auszuufern. Völlig ohne mein Zutun haben sich da hunderte Bücher versammelt. Wahrscheinlich halten sie eine Protestversammlung gegen den Untergang der Zivilisation ab. Der aber wurde, wie ich hörte, inzwischen abgesagt, weil niemand daran teilnehmen wollte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Finsteres_Mittelalter

Um der Sache Herr zu werden, legte ich ein neues Account bei einem Buchhändler im Tolino-Trust an und lud alle Bücher hoch, die ich unbedingt lesen oder noch einmal lesen will. Also, fast alle. Mir fällt nämlich gerade ein, dass mir dort noch alles von Zelazny fehlt. Auf Lovecraft glaube ich, verzichten zu können. Bei Robert E. Howard bin ich noch nicht sicher.

https://docs.google.com/document/d/1iaPu6HCXihYcAygeeTgfoKdH2B5j2tD-htutu7SIBnM/edit?usp=sharing

Sollten nicht auch “Been Down So Long It Looks Like Up to Me” und “Fear and Loathing in Las Vegas” auf diese neue Leseliste? Ich hörte Gutes von beiden Büchern und habe sie noch nicht. Und “Haus der Sonnen” von Alastair Reynolds? Und sollte ich Tim Powers nicht noch eine Chance geben? Was ist mit “My Sister is a Serial Killer” von Oyinkan Braithwaite? Ich ahne Schlimmes.

https://www.hugendubel.de/de/ebook_epub/richard_farina-been_down_so_long_it_looks_like_up_to_me-33016063-produkt-details.html?searchId=153550264
https://www.hugendubel.de/de/ebook_epub/hunter_s_thompson-fear_and_loathing_in_las_vegas_harper_perennial_modern_classics-23167740-produkt-details.html?searchId=153551139
https://www.hugendubel.de/de/ebook_epub/alastair_reynolds-das_haus_der_sonnen-9224241-produkt-details.html?searchId=153549274&originalSearchString=
https://www.hugendubel.de/de/ebook_epub/tim_powers-dinner_at_deviant_s_palace-23250231-produkt-details.html?searchId=153553450

Delfine in Venedig. Und Vampire

Mein Vorgesetzter, gesegnet sei sein wirrer Geist, hat beschlossen, dass in keinem Büro mehr als zwei seiner Mitarbeiter sein sollten. Das heisst also, dass jeweils die Hälfte von uns im Home Office arbeitet und die andere Hälfte im Büro.

Ein arithmetisches Problem führte dann allerdings dazu, dass für mich kein Heim-Computer bereit stand. Ich wurde also ins Besprechungszimmer umgesiedelt. Vor lauter Vergnügen hätte ich fast vergessen, mich darüber zu beschweren.

Ich also habe mich jetzt in einem grossen Eckbüro mit zwei Fenstern niedergelassen, das ich nur dann mit anderen teilen muss, wenn sie sich den Rest des Abendessens als Mittagessen einverleiben. Das ist quasi wie Home Office, nur dass ich zweimal am Tag mit meinem Roller fahren darf.

Dazu kann ich in der Mittagspause kurz zum Discounter UND bin den ganzen Tag ausser Sichtweite der lieben Paula. Die fand die Idee, mich soviel um sich zu haben, ohnehin weitaus weniger attraktiv als vielleicht von meinem Chefchen antizipiert.

Inzwischen habe ich beschlossen, dass Covid-19 eine Verschwörung der weltweiten Grünen ist. ausgeheckt vermutlich von Greta Thunberg, um den Menschen zu zeigen, dass sie nicht jeden Tag wie doof durch die Gegend fahren müssen, nur um zur Arbeit zu kommen.

Delfine will man in den Kanälen Venedigs gesehen haben! Delfine! Wer Venedig kennt, weiss, dass man in diesem Wasser rein gar nichts sieht… wenn man Glück hat.

Ordnung und Chaos

Ich lerne. Bei meinem neuen Arbeitgeber habe ich zum Beispiel allerhand darüber gelernt, wie man sich organisiert, indem man mails in Ordnern ablegt. Das musste ich vorher nicht wissen, da gab es nur den Posteingang und den Papierkorb. So beflügelt sortiere ich nun meine privaten mails nach dem gleichen Verfahren.

In einem Ordner landen dann nicht nur Rechnungen von Amazon und Thalia, sondern auch die Quittungen jener Dinge, für die ich Gewährleistung beanspruchen kann. Dazu fotografiere ich sie, mache mit der Druckfunktion meines Mobiltelefones pdf-Dateien daraus und wähle einen passenden Betreff aus, um sie mir dann als emails zuzuschicken.

So will ich den über viele Jahre eingeübten Prozess aus dem Sammeln, Verlieren und ergebnislosen Suchen von Quittungen sowie den daraus unweigerlich resultierenden Streit mit Paula ersetzen.

An dieser Stelle wird mir klar, dass ich mich mit meinem Narzissmus auseinandersetzen muss. Mir wird aber auch wieder klar, dass Paulas Wut, ihre Frustration, ihr herablassendes Verhalten sich verselbständigt haben. Was immer ich auch tue, es wird daran nichts ändern.

Der neue Hofnarr Ramas X.

Insgesamt habe ich vor einem Jahr nicht alles falsch gemacht. Ein anderer, optimistischerer Mensch würde gar behaupten, etwas richtig gemacht zu haben. Immerhin habe ich eine für mich desaströse Situation aufgelöst, indem ich mir einen neuen Arbeitsplatz gesucht habe.

Das Unternehmen an sich scheint auch solide und die Vorgesetzten weniger widerlich als in einigen anderen Betrieben, die ich irgendwann mit meiner Anwesenheit beehrt habe. Jedoch ist Optimismus nur ein anderes Wort für Hoffnung. Und Hoffnung, ich zitiere da mal Iain Levison, ist Gift.

Denn ich musste darauf verzichten, das zu tun, worin ich am Besten bin, nämlich an einer Hotline Kunden beraten. Suche ich mir jedoch einen anderen Arbeitgeber, wo ich das tun kann, muss ich wahrscheinlich umziehen, verliere aber damit den sozialen Status als Ehemann und Hausbesitzer. Wie ich es auch nehme, bin ich auf jeden Fall auf dem absteigenden Ast.

Paula unterstützt diesen Eindruck. Sie tobt seit Tagen. Da sie immer wieder alle Dinge anführt, die ich irgendwann einmal falsch gemacht habe und einige, die sie nur so interpretiert, habe ich leider an irgendeinem Punkt die Übersicht verloren, worum es eigentlich ging. Insgesamt habe ich unbestimmt das Gefühl, dass ich nicht mehr auf sie rechnen darf.

Auf den Neanderthaler kann ich auch nicht mehr rechnen. Er ist seit dem 27.02. offline. Der Herr Schrammel hat vorhin angerufen, um zart abzuklopfen, ob ich vielleicht wüsste, wo der steckt. Wissen tu ich nix, der Herr, und was ich vermute, erzähle ich Dir nicht. Denn wenn ich am Ende Recht habe, hat der mich auch noch über den Tisch gezogen.

Atmen! Ruhe bewahren! Schlechte Witze erzählen!

Wie sagt der junge Mann im Internet-Radio doch so treffend:

Atmen
https://www.radio.de/s/egofmchillout

Die Kontrolle über seine Gefühle zu haben ist wichtig. Die Kontrolle über die Situation zu haben, wäre schön. Die Konjunktiv deutet die Realität an. Ich zum Beispiel sitze in einem fast leeren Büro und schreibe statt Aufträgen Blogeinträge. Trotzdem sind meine Vorgesetzten so tiefenentspannt als erwarteten sie stündlich, dass die Wirtschaft wieder anspringt wie mein Roller, wenn er fünf Minuten gestanden hat.

… sondern wir müssen lernen, wie wir für eine längere Zeit mit der Epidemie leben können.” steht in der gemeinsamen Erklärung von Bund und Ländern. (https://www.hwk-berlin.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/20200416_Beschluss_BK_Laender.pdf) Wir machen es also von nun an wie mit den anderen Pandemien. Wir sehen uns ein bisschen vor, jammern aber nicht gross, wenn einer davon ins Gras beisst. Letztes Jahr starben an der Grippe ca. 25.000 Menschen und an MRSA vielleicht 20.000 in Deutschland.

Je schneller wir das verinnerlichen, desto schneller können wir den Kickstarter unserer Wirtschaft mit Wucht treten, um sie wieder in Bewegung zu setzen. Kohle für die Kasse, Zaster für die Laster. Für die Rente ist es noch zu früh, und Hartz IV ist nur für die, die nicht können.

Im ersten Schritt werden die Menschen versuchen, zum Status Quo Ante Bellum zurück zu kehren. Dann werden sie lernen, dass das nicht möglich it und weiter gehen.

Vorbildlich sollte uns allen in dieser schwierigen Situation der Erste Bürger der USA Donald Trump sein. Dieser Held zuckt vor einer läppischen Pandemie nicht zurück. Statt dessen nutzt er die Gelegenheit zu einem Machtkampf mit den Gouverneuren der Bundesstaaten.

Total

Die Collage im Urheberrecht

Zukunft

Gegen dieses Meme könnten der Verband amerikanischer Bestatter ebenso Einspruch erheben wie das Zweite Deutsche Fernsehen. Vom einen habe ich das Bild genommen, den Text dazu aus der antiken Fernsehserie “Tennisschläger und Kanonen”.

Rechtlich gesehen scheint mir die Anwendung des Urheberrechtes auf Memes kritisch. Denn immerhin handelt es sich ja eigentlich um eine moderne Variante der Collage, die in dieser Beziehung immer als eigenständiges Werk gesehen wurde.

Bei der Collage, einer Kunstform, die Picasso ebenso praktiziert hat wie Generationen von Schülern, werden Ausrisse aus Zeitschriften und Zeitungen auf einem Blatt so aufgeklebt, dass sich ein neuer Sinn ergibt.

Mit dem Verschwinden von Nachrichtenmedien auf Papier wurde diese Technik natürlich auf die modernen Medien übertragen. Bilder, Zitate und eigene Texte werden kombiniert, um ästhetische Effekte zu erzielen, Aussagen zu machen oder zu belustigen. Bei allen Unterschieden überwiegen die Gemeinsamkeiten. Daher sollte ein Meme rechtlich ebenso behandelt werden.

Es gibt wenig neues unter der Sonne. Der Unterschied zwischen einem Rap-Battle in den 1980er Jahren und den Wettkämpfen der Improvisatori der 1780er Jahre ist sicher erheblich. Es handelt sich in jedoch beiden Fällen um Stehgreifdichtung in der Kombination mit dem Wunsch, andere zu beeindrucken, und einem zweifelhaften Geschmack in Kleidung und Haartracht.

https://en.wikipedia.org/wiki/Improvisatori

Die Schutzpatronin der Asexuellen

Es ist, meine Damen, meine Herren, liebe Freunde, der Heilige Stephanus der Schutzpatron der Schwulen, während die Heilige Afra sich derer annimmt, deren Heimatinsel Lesbos ist. Die Asexuellen hingegen beschützt die Heilige Maria. Ob die nun zu Lebzeiten Neigungen in diese Richtung hatte, erscheint uns recht ungewiss.

Jedoch galt späteren Generationen frommer Christen die Keuschheit als erstrebenswert, sodass jemand, der ihnen als gut galt, sich dank zirkuärer Logik der Sexualität enthalten haben musste. Einfach gestrickte Gesellen waren das, denen die Welt ebenso einfach war. Zugleich statteten sie jene bescheidene Frau aus Nazareth mit allerlei Eigenschaften antiker Göttinnen aus, die ihnen am Herzen gelegen hatten, bevor sie Christen geworden waren. Am Ende wurde Maria zur aktuellen Version der ewigen Muttergottheit, die leidet, liebt und verzeiht, ein bisschen Magna Mater, ein bisschen Isis.

Statt des Spagates aus Asexualität und Mütterlichkeit hätte ich mir vielleicht etwas im Stil von Pallas Athene gewünscht, asexuell, ja, aber eher intellektuell und eine Wohltäterin der Menschheit. Aber das wäre zuviel verlangt gewesen. Jenen schlichten Burschen, die sich da an einer neuen Theologie versuchten, musste es als gut erscheinen, schlicht zu sein. Wer es nicht war, stellte Fragen, die sie nur mit Mühe oder gleich gar nicht beantworten konnten.

Gibt es eine Aufzeichnung von Karen Knox’ Livestream über die Passion Christi? Es war erhellend, das geistige Kind eines betrunkenen Flirts mit Lenny Belardo, eine asexuelle Form der Reproduktion, die der Athena gefallen hätte.

Il Papa nuovo

Ich habe jetzt alle Episoden von “The Young Pope” gesehen und alle von “The New Pope”. Tatsächlich sind das zwei Staffeln der gleichen Serie. Die eine erzählt eben die Geschichte eines verhältnismässig jungen Papstes, Pius XIII, die andere führt seine Geschichte fort und ist zugleich die seines Nachfolgers.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich verstanden habe, wer er ist, dieser Nachfolger. Es ist nicht Franziskus II., der recht früh und ohne wesentliche Folgen in der ersten Folge stirbt, und es ist nicht Johannes Paul III. Der ist ein netter Kerl mit vielen eigenen Problemen, aber auch mit Vorzügen.

Nein, in Wirklichkeit ist der neue Papst kein spiritueller Abenteurer, kein Heiliger, kein grosser Mann. Er ist klein und bescheiden, hochintelligent und voll der Liebe. Er erkennt im Leiden das Heilige, spricht fliessend arabisch, hat einfache Wünsche und ist sogar bereit, sein eigenes Seelenheil zum Vorteil der Kirche zu opfern, an die er glaubt. Neben Angelo Voiello sähe Wilhelm Canaris aus wie ein Dorftrottel in Holzschuhen.

I-have-been-in-the-minority-all-my-life-Your-Holiness.-In-fact-I-belong-to-such-a-small-minority-that-I-am-the-only-member

I have been in the minority all my life, Your Holiness. In fact, I belong to such a small minority that I am the only member.

Pandemischer Fortschritt

Da jammert in den Nachrichten eine Lehrerin über die Probleme, die der Fern-Unterricht zu den Zeiten von Corona aufwirft. Da die ökonomischen Möglichkeiten verschiedener Familien verschieden sind, haben die einen einen Laptop oder PC, die anderen nur ein Tablet oder ein Smartphone. Die haben dann auch keinen Drucker.

Denen, so die Pädagogin, müssen sie und ihre Kollegen dann die Lehrpläne vorbeibringen. Die Schüler, die von IBM 486 und Win 95 nichts mehr wissen, hätten jetzt wahrscheinlich eine pdf-Datei erwartet, gerne auch per Whatsapp. Email haben sie zwar, brauchten sie aber bis jetzt nur, um sich bei Google anzumelden.

Während ihre Lehrer noch rumjammern, haben sie bereits begonnen, mit der Hardware, die ihnen zur Verfügung steht, ihre Aufgaben zu lösen. Die Anpassungsfähigkeit und Dickfelligkeit Pubertierender ist immer wieder erstaunlich. Mancher hat sich wahrscheinlich seine Hardware sogar selbst zusammenbauen müssen und dabei viel gelernt.

Die Jugendlichen, denen die Pandemie den Horizont erweitert, werden ihre neuen Ideen und Konzepte weiter entwickeln. Ich bin äusserst gespannt, was dabei herauskommt, und schon deshalb darauf erpicht, die Seuche zu überleben.
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