Von nerdigem Satyr und erdiger Stimme

Auf Youtube singt Lana del Rey von Liebe, während ich auf Anrufe warte, die nicht kommen. In dieser Beziehung ist Verlass auf die Telekom, die einen halben Tag veranschlagt hat, um die Anlage umzustellen.

Der verantwortliche hauseigene Nerd hat allerdings nicht gefragt, ob Ausgangsbasis ihre Einschätzung ein Arbeitstag (9 – 12 Stunden), ein planetarer Tag (24 Stunden) oder ein Jupiter-Tag (11,863 Jahre) ist. Ich muss ihn entschuldigen – das neue Telefonsystem ist so kompliziert, dass er eine Spontanerektion hatte, die ihn ablenkte.

In dieser Beziehung muss man ihn wie alle seines Schlages beaufsichtigen. Verlassen sie mit der Helligkeit halber zugekniffenen Augen ihre Höhlen, Keller und Verschläge interessieren sie nicht Blümchen und Bienchen, nicht Schnitzel und Gulasch noch Brüste und Gesässbacken, sondern allein technische Systeme, die sie um so schöner finden je höher entwickelt und gerne auch je sinnloser sie sind.

Die Aufsicht über dieses Volk des Halbdunkels obliegt eigentlich dem Buchhalter, der die Kosten ihrer Unterfangen kontrolliert. Der allerdings war ganz hin und weg, weil die Voice-over-IP-Lösung preiswerter war als der Weiterbetrieb unserer alten Fernsprechendstellenvorrichtung von Siemens einschliesslich des erforderlichen Updates von Windows 3.11 und einer neuen, mässig gebrauchten Festplatte, die damit kompatibel ist.

So singt mir jetzt Lana von dem, was ich nicht haben kann, und die Kunden finstere Lieder von Wut und Zorn und abgerauchten Platinen. Ich aber habe Schokoladenkuchen.

http://textsfromsilas.tumblr.com/post/149974783572

Ich bin nicht Seppo

Der Besitzer des Hauses in der Labacher Strasse 41 lobt, da bin ich gewiss, stets die ruhige Lage seines Hauses, dessen nächster Nachbar zur rechten die Hausnummer 39, zur linken aber ein Bauernhof anderthalb Kilometer entfernt ist. Für mich warf diese Lage aber eine Frage auf, die ich telefonisch umgehend Shajenne stellte: „Kann es sein, teure Freundin, dass Du bei der Erfassung des Auftrages nicht die Labacher Strasse 113 meintest, die in dieser Raumzeitdimension nicht existiert, sondern vielleicht die Dahlbacher Strasse 113?“ „Upsi, ja, die wollte ich doch aufschreiben.“

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist weniger die, warum sie es dann nicht tat, sondern warum ich jetzt schreibe wie Seppo. Denn niemals nenne ich jemanden und schon gar nicht Shajenne „liebe Freundin“, eher Idiotin, Flachpfeife oder Schwachmaatin, im Falle äussersten Missfallens sogar Frau. Tue ich es auch nicht jener Mitbürgerin ins Gesicht, so nenne ich sie doch mir gegenüber so, Teil einer Weltsicht, die Aussenstehenden negativ erscheinen könnte.

Sie dient natürlich dem Zweck, mich mir selbst gegenüber weniger hilflos und unfähig erscheinen zu lassen. Zugleich entspricht sie Erfahrungen aus einer Jugend, in der ich mit nichts anderem glänzen konnte, als einem fragwürdigen Humor und einem lebhaften Interesse an exotischer Literatur, einem Interesse, das mich seither vom Ctulhu-Kult bis zum Tanis-Podcast geführt hat. Damen, das habe ich bei dieser Gelegenheit gelernt, sind mit beidem nicht zu beeindrucken.

http://textsfromsilas.tumblr.com/post/149972100130

Überhaupt sah ich im Leben manches, einmal auch wie eine Kogge gebaut wurde, eine Pyramide in Fürth und den Arc de Triomphe in Paris, jedoch eigentlich nie Liebe und Respekt, jedenfalls nicht für mich.

Was in dieser Sache nun Huhn und was Ei ist, kann ich nicht sagen. War ich von Geburt an so? Wahrscheinlich. Oder wurde ich es, während ich nicht erfuhr, was mir Bedürfnis war? Auch möglich. In meiner Erinnerung ist meine Mutter niemand, der mit seinen Gefühlen hausieren ging. Da war sie anders als ich, jemand wie Shadow Moon in Gaimans „American Gods“:

ShadowMoon

https://www.amazon.de/American-Gods-Tenth-Anniversary-Novel/dp/0062472100/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1491896802&sr=8-1&keywords=american+gods

https://www.thalia.de/shop/home/suchartikel/american_gods/neil_gaiman/EAN9783847905875/ID40803643.html

http://hanseschiff-luebeck.de/startseite/

http://www.pyramide.de

Roger Williams (c. 21 December 1603 – between 27 January and 15 March 1683)[1] was a Puritan, an English Reformed theologian, and later a Reformed Baptist who was expelled by the Puritan leaders from the colony of Massachusetts because local officials thought that he was spreading „new and dangerous ideas“ to his congregants. Williams fled the Massachusetts colony under the threat of impending arrest and shipment to an English prison; he began the settlement of Providence Plantation in 1636 as a refuge offering freedom of conscience.

Williams was the 1638 founder of the First Baptist Church in America, also known as the First Baptist Church of Providence.[2][3]

Williams was also a student of Native American languages, an early advocate for fair dealings with American Indians, and one of the first abolitionists in North America, having organized the first attempt to prohibit slavery in any of the British American colonies. He is best remembered as the originator of the principle of separation of church and state.[4]

Williams wanted his settlement to be a haven for those „distressed of conscience“, and it soon attracted a collection of dissenters and otherwise-minded individuals. From the beginning, a majority vote of the heads of households governed the new settlement, but „only in civil things“. Newcomers could be also admitted to full citizenship by a majority vote. In August 1637, a new town agreement again restricted the government to „civil things“. In 1640, thirty-nine „freemen“ (men who had full citizenship and voting rights) signed another agreement that declared their determination „still to hold forth liberty of conscience“. Thus, Williams founded the first place in modern history where citizenship and religion were separate, that provided religious liberty and separation of church and state. This was combined with the principle of majoritarian democracy.

https://en.wikipedia.org/wiki/Roger_Williams

Da gibt es manch einen Ort auf Gottes Erde, dem ich mit Vergnügen ein Denkmal dieses rechtschaffenen Mannes spendieren möchte.  Immerhin gründete er mit Providence im heutigen Rhode Island den ersten Platz, wo die Religionszugehörigkeit (bzw. auch der Mangel daran) eines Menschen keine Rolle spielte.

Zur gleichen Zeit erschlugen sich die Deutschen noch darüber, wer Katholik und wer Protestant sein durfte. Als sie 1648 einen Frieden schlossen, den westfälischen nämlich, durften sie sich das auch nicht aussuchen. Es wurde dann nämlich gesetzlich geregelt. Wer die Deutschen kennt, wundert sich nicht darüber.

In den Niederlanden wurden derweil die Katholiken benachteiligt, in England auch die Calvinisten, und überall im spanischen Weltreich verbrannte man noch Protestanten. Die Sunniten benachteiligten die Schiiten, Christen und Juden, und die Schiiten sahen das wenig anders, nur eben bezogen auf die Sunniten, Christen und Juden. Gewiss hätten auch die Juden jemanden unterdrückt, wäre ihnen nur ein eigener Staat gegeben worden. So waren sie benachteiligt und blieben es noch lange.

Herr Williams in seinem entlegenen Winkel der Erde nun grüsste auch noch freundlich jede Rothaut in ihrer Sprache, kaufte ihnen das Land ab, wo er siedelte (jawohl, er kaufte, als habe er keine Flinte gehabt), reihte Neger unter die Menschen ein statt unters Nutzvieh und vertrat die irre Idee, dass Entscheidungen in seiner Kolonie nicht von ihm allein, sondern einer Mehrheit der freien Bürger getroffen werden sollte.

Nix Krankengeld, Alda

Bei meiner Bewertung des Zeichens 58 – Dui des I Ging vergass ich, dass es auch auf die zeitliche Begrenzung dieses Zustandes der Heiterkeit hinweist. Das ist ein wichtiger Hinweis, liest man das ungefähr 4te Gutachten zu Paulas Gesundheitszustand, das ihr einmal mehr die Aufnahme einer vorzugsweise bezahlten Tätigkeit nahelegt.

Dazu bedient sich der Autor gerne des Hinweises, sie sei gesundheitlich in der Lage, eine körperlich leichte Tätigkeit ohne Kundenverkehr in einem geheizten Raum aus zu üben. Die Rentenversicherung wird sich dadurch wahrscheinlich berufen fühlen, ihr keine Erwerbsunfähigkeitsrente auszuzahlen. Diese Gesellen neigen zu einer gewissen Kleinlichkeit in diesen Dingen.

Ich nutzte diese Gelegenheit, um Paula eine Reihe von Tätigkeiten vorzuschlagen, die sie in meiner beschränkten Vorstellung ausüben könnte. Das ging von Counter Manager in einer Pizza-Bude über Call Center Agent bis zur Demenzbetreuerin. Doch jedem Vorschlag begegnete sie mit Hinweisen auf ihre diversen Krankheiten, um so darzustellen, wie völlig unmöglich a) ihr die Ausübung dieser Tätigkeit und b) ich überhaupt sei.

Ich mache eine solche Phase bei ihr jetzt zum dritten Mal durch. Beim ersten Mal liess sie sich noch für eine Umschulung, beim zweiten Mal wenigstens noch für eine Weiterbildung gewinnen, nun aber für gar nichts mehr. Ich bin jetzt nicht sicher, wie ich mit der Situation umgehend soll. Mein Sortiment an im Rahmen der Sozialisation erworbenen Instrumenten für eine Problemlösung ist hier völlig unzureichend.

AldrichTB

The consensus reading is that this is Aldrich’s list of undesirable immigrants, of peoples he wishes to exclude from the United States.  It may be significant that he does not mention Africans, but this may cut more ways than one.  He includes groups, such Celts and Chinese, already on popular lists of undesirable immigrants, and such as Russians and Slavs, who would begin to appear among the undesirables as the Immigration Restriction League (founded in 1894) began to develop and bring forward legislative proposals.

http://www.public.coe.edu/~theller/soj/u-rel/aldrich-gates-rd.html

Ewig ist die Klage, vorgetragen von den Söhnen der Einwanderer, wie furchtbar doch die Einwanderer seien, die ins Land strömen. Ich hörte sie von polnischstämmigen Deutschen über die Türken und eine Generation später von türkischstämmigen Deutschen über Rumänen und Bulgaren.

  However, Aldrich also includes Teutons on his list, the one group virtually every New Englander and many other Americans agreed was the foundational American race.  Teutons comprise all speakers of Teutonic languages, including English. Tim Prchal recognizes that this is a problem.  If Aldrich is offering a list of races to be excluded from future immigration because at least some of them have unknown gods and rites and tiger passions that are destructive of American ideals, why does he include Teutons on this list?  Prchal’s solution is that Aldrich must want to end all immigration, to close the United States to all but the native born (41-2).  While this conclusion is possible, the more reasonable explanation is that Aldrich means that representatives of all of these peoples have flown from „the Old World’s poverty and scorn“ and have sought out „the later Eden.“ Therefore, he counsels the „white Goddess“ to take in all of them: „On thy breast / Fold Sorrow’s children, soothe the hurts of fate, / Lift the down-trodden.“  His grammar seems to make clear that he means literally what he says, that all immigrants, whatever their origins, who share these American ideals should be taken into the arms of the white goddess.  comes to welcoming and comforting „your tired, your poor, / Your huddled masses yearning to breathe free,“ the two poems are in basic agreement.

http://www.public.coe.edu/~theller/soj/u-rel/aldrich-gates-rd.html

that all immigrants, whatever their origins, who share these American ideals should be taken into the arms of the white goddess

 

Alles Gesocks!

katze

Paula ist wütend, in diesem Fall allerdings auf die versammelte Nachbarschaft. Das hat etwas mit einer streunenden Katze zu tun, die solange an FIP starb, bis sie eingeschläfert werden musste, und der menschlichen Blödheit, an der ja nie Mangel ist.

Wenn es also nach ihr ginge, zögen wir weg, irgendwo in ein kleines Haus im Wald, und verkauften diese Behausung an eine Familie mit Kindern und Haustieren und gerne auch mit Migrationshintergrund. Es schwebt ihr da eine kopfstarke Sippe wie die des Kleinen Bruders vor, breitschultrige Söhne wie die Orgelpfeifen in einer Baptistenkirche, die am Sonntag im russischen Stil grillen, arbeitsame Menschen mit einer umfangreichen Verwandtschaft, die die Strasse zuparken und manchmal laut werden.

Ich bin da ausnahmsweise ihrer Ansicht. Denn der Kleine Bruder hatte mir, unsere Hecke schneidend, die Geisteswelt erläutert, in der er lebt, eine Welt, in der man vor der Ehe erst keinen Sex hat und dann betet und fastet, um sich in seiner Entscheidung für einen Menschen sicher zu sein. Von den native-german Mädchen hält er folgerichtig so wenig wie er von der Liebe mit zwanzig nur wissen kann.

Von meinen Nachbarn scheint mir allein der Küster der Pfarrkirche dem Kontakt mit einer solchen Familie gewachsen zu sein.

Ich nehme aus diesem Ausflug in die Geisteswelt russlanddeutscher Baptisten die Idee der Erwachsenentaufe in meinen gedachten Arianismus mit, vorzugsweise in einem fliessenden Gewässer wie

PlayboyMansionWaterfall

dem Wasserfall im Playboy Mansion.

Alles Wichtige auf dieser Welt

(Ich bin dann mal neidisch darauf, wie Joachim Göb etwas so nüchternes wie Röhren beschreibt.)

Im Nachlaß meines Vaters, der zeitlebens Amateurfunker war, finde ich zwei in Kunststoff eingeschlagene Handbücher. Es sind „Tube Handbooks“, ein Verzeichnis von Elektronenröhren, bemerkenswerterweise von einem holländischen Verlag. Und dann erinnere ich mich: vor vielen Jahren hatte ich als Kind im Funkraum meines Vaters gesessen und mir seine rätselhaften elektronischen Geräte angeschaut, deren Namen er mir vorsagte („Receiver“, „Endstufe“, „Meßsender“, „Antennenverstärker“). Wenn mir die mysteriösen Geräte langweilig wurden (das dauerte nicht lange), stöberte ich in den dort herumstehenden Büchern weiter, die allerdings ähnlich rätselhaft waren. Wohl am seltsamsten und unverständlichsten waren die beiden Tube Handbooks. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was da eigentlich abgebildet war, und warum. Ich fragte meinen Vater, was das für Abbildungen wären. „Röhren“, antwortete mein Vater.

Heute, Jahrzehnte später, bin ich viel älter und blättere durch die Tube Handbooks, die mittlerweile in meinem Regal stehen. Noch immer habe ich nicht die geringste Ahnung, was da eigentlich abgebildet ist, und warum. Ja, Röhren.

Holländisches Röhrenbuch („Buizenboek“) von 1961

Lichtenberg sagte einmal, alles Wichtige auf dieser Welt geschehe durch Röhren, Beweis seien die Schreibfeder, das Zeugungsglied und das Schießgewehr. Von der Elektronenröhre wußte Lichtenberg noch nichts, und ich wußte auch nichts mehr davon, ich hatte das mal in Physik gelernt, das ist aber so lange her, da kostete die Kugel Eis noch 30 Pfennig. Also, die Elektronenröhre ist ein aktives elektrisches Bauelement. Aktiv heißt, es macht Sachen. Die Sachen, die es macht, sind die Erzeugung, Gleichrichtung, Verstärkung oder Modulation elektrischer Signale. Also wichtig: Röhren machen unterschiedliche Dinge, für die man allerdings unterschiedliche Röhren benötigt. Röhren sind also nicht turingvollständig, aber, sehr wichtig, das gilt erst einmal nur für die einzelne Röhre. Schaltet man mehrere Tausend Röhren zusammen, kann man daraus eine digitale Rechenmaschine bauen – und tatsächlich, die britische COLOSSUS, der Rechner, mit dem die Enigma-Verschlüsselung decodiert wurde, war ein Röhrencomputer. Zwar war Konrad Zuse knapp schneller, doch die Z3 nutzte Relais statt Röhren und war deshalb viel langsamer. Die Röhrencomputer waren schnell, smart und crispy. Die ollen Zuse-Computer waren lahm, laut und hatten noch nicht mal Bluetooth. Für die Vacuum Tube Computer nutzte man die Eigenschaft von Röhren, binäre An-Aus-Zustände zu haben (und zwar zeitübergreifend, also speichernd) und setzte daraus Flipflop-Schaltungen mit einer 5-Bit-Codierung zusammen. Ja, sehr viele Röhren, denn jedes verdammte Bit ist eine einzelne Röhre.

Links die vertrackte ECH81, rechts die deutlich einfachere EC92

Und wie funktioniere technisch diese Dinger? Ganz einfach erklärt: aus einer Glühwendel, der Kathode, treten im Vakuum der Röhre Elektronen aus und laufen zum Auffangblech, der Anode. Diese primitivste Form der Röhre nennt man Diode, sie dient zum Gleichrichten des stets die Polung verändernden Wechselstroms, da die Röhre nur in eine Richtung Strom transportiert. Wird ein (ansteuerbares ) Gitter zwischen Kathode und Anode gelegt, spricht man von einer Triode, und damit lassen sich dann auch Ströme und Signale verstärken, indem man die Gitterspannung manipuliert. Dazu gibt es dann noch Tetroden, Pentoden, Heptoden etc. etc. mit jeweils unterschiedlich verbauten Gittern und Funktionen. In Blockzeichnungen (wie dem Tube Handbook), stehen sich Anode und Kathode gegenüber, in aller Regel ist aber auch die Kathode eine Röhre, umschlossen von der Anodenröhre (Röhren in Röhren sozusagen). Die Kathodenstrahlröhre – das ist die Bildröhre, funktioniert prinzipiell ähnlich, nur dass die Elektronen hier über die Anode hinausfliegen, auf Glas treffen und dort Germany’s Next Topmodel vortanzen. Ja, und das ist nicht nur wichtig für TV, sondern natürlich auch für viele Generationen von Computern, und für viele andere Anwendungen wie das Radar (und damit für den Flugverkehr). Bildröhren machen die Sachen sichtbar, die nicht da sind. Und nie war eine Bezeichnung „Fernsehen“ glücklicher, als für die Erfindung der Television. Nicht zu vergessen ist eine Röhre, die uns vielleicht schon mal das Leben rettete, oder das unserer Eltern (was auf das Gleiche herauskommt): die Röntgenröhre.

Telefunken ECH 81, (Detail)

Wie Friedrich Kittler in einem famosen Aufsatz (Friedrich Kittler, Rock Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät) schon 1991 beschrieb, beruhen die wesentlichen Techniken zur Erzeugung von Rockmusik auf rüstungstechnische Erfindungen des Zweiten Weltkriegs (Bandgeräte, Stereo, HiFi, Synthesizer). Dies gilt vor allem auch für die Entwicklung leistungsfähiger Verstärkerröhren. Erinnern wir uns uns: die Jazzmusik war nicht nur zufällig die bevorzugte Populärmusik der ersten Jahrhunderthälfte, sondern der klassische Jazz ist selbstlaut, das heisst: laut auch ohne jede Verstärkertechnik. Zwei Trompeten und zwei Saxophone sind laut, auch ohne Röhren. Und eine Big Band, wie zum Beispiel das Orchester von Count Basie mit insgesamt 15 Bläsern ist laut genug, um einen ganzen Saal zur jazzen. Rockmusik kann das nicht. Die Elektrogitarre, das Rockmusikinstrument schlechthin, muss verstärkt werden, um mehr als 10m weit hörbar zu sein. Und zwar mit einem Röhrenverstärker. Ohne Röhre kein Bill Haley, kein Elvis, keine Beatles, kein Pink Floyd, keine Sex Pistols. Alles Wichtige auf dieser Welt geschieht durch Röhren.

Bemerkenswert ist es, wie leise die röhrenlose Welt gewesen sein muss: es gibt weder die Möglichkeit einer Verstärkung von Geräuschen, und es gibt ebenfalls keine Technik für ihr Senden oder Empfangen. Was klingt und laut ist, das muss man selbst machen, und vor Ort machen. Nicht der elektrische Lautsprecher ist die zentrale Lautstärketechnologie, sondern die elektronische Röhre. Man kann das gar nicht überschätzen. Bis dahin werden Medien gelesen oder angeschaut, alle Medien sind visuelle Medien, bis sich im letzten Jahrhundert dann endlich die auralen Medien entwickeln, mit zwei technischen Grundlagen: die Verstärkerröhren für die Amplifizierung, und die Senderöhre für die Übertragung von Rundfunksendern zu Rundfunkempfängern. Diese teleakustischen Ereignisse sind zunächst „live“ (ein Begriff, der sich erst später etablieren kann, denn zunächst ist alles live, das ganze Leben), weil die Aufzeichnungstechnik zunächst noch sehr hinterherhinkt. Das Orchester, der Sänger, die Sprecher, die Schauspieler sitzen also „live“ vor einem Mikrofon, das in einem Mikrofonvorverstärker eingesteckt ist, in dem sich übrigens Röhren befinden. In UK blieb das übrigens noch länger so, weil die Musikergewerkschaft und die britische GEMA Beschränkunden der sogenannten „needle time“ durchgesetzt hatten, und so konnte die komplette BBC noch 1967 nur maximal fünf Stunden aufgezeichnete Musik pro Tag spielen, alles andere wurde „live“ vor Röhrengeräten aufgeführt.

Was in der ECH81 so alles los ist

Die hier abgebildete ECH81 ist übrigens eine Rundfunkröhre. Sie enthält gleich zwei Verröhrungen: links in der Abbildung eine Heptode mit fünf Gittern, rechts eine Triode mit einem Gitter. Diese dient als Oszillator, jene als Mischer (Interessierte mögen Superhet-Empfänger nachschlagen). Diese Röhre war praktisch in jedem Radio bis 1965 verbaut. „E“ ist eine Kennung für die Heizungsart (6,3V), C bedeutet Triode und H bedeutet Heptode. Die Nummer 81 bedeutet, dass sie einen Noval-Sockel mit 9 Pins hatte. Die anderen hier angezeigten Daten sind – äh, auch irgendwie wichtig.

Anfang der Sechzigerjahre ist das der Sachstand: Alles Wichtige auf dieser Welt geschieht durch Röhren. Radio, Verstärker, Popmusik, Radar, Flugverkehr, TV, Monitore, Computer. Ganz zu schweigen vom Lichtenbergschen Schreiben, Kriegführen und Sexhaben. Dann wurde alles anders. Die Erfindung des viel billigeren Transistors direkt nach dem Zweiten Weltkrieg machte die Elektronenröhre schleichend überflüssig. Das erste Transistorradio stellte eine deutsche Firma, Intermetall, 1952 auf der Düsseldorfer Funkausstellung vor. Die Restelektronen dieser Firma sind seit Dezember 2015 im japanischen Konzern TDK aufgegangen, den wir ja alle noch von den Compact- und Videocassetten kennen(ebenfalls verglühte Technologien). Es dauerte noch bis Mitte der 60er Jahre, dann war es vorbei für die Röhre. Transistoren waren billiger, kleiner, zuverlässiger.

Ein Ikonoskop, für lange Zeit das Aufnahmemodul in einer TV-Kamera. Es ist eine Röhre. (Quelle: K. Kipfer, Das Fernsehen, 1938)

Nur die Bildröhre war deutlich zäher, wie ihr alle wißt. Denn die Entwicklung von der Röhre über den Transistor zum Chip beruht ausschließlich auf Miniaturisierung – die kleinen Dinger sollen 1/0-Zustände absondern, und für ihre logisch-technische Verwendung ist es erstmal egal, wie groß sie sind – im Gegenteil, kleiner ist besser. Bei der Bildröhre ist es komplizierter. Der Bildschirm soll ja gerade nicht nicht miniaturisiert werden. Die Entwicklung von der Bildröhre zum Flachbildschirm war schließlich so langwierig, weil man einfach nicht die Herstellungstechnologie der Miniaturisierung in den Griff bekam. Ironischerweise bestehen heute die Bildpunkte auf einem TFT-Display aus – Transistoren. TFT heißt „thin film transistor“. Ein 4k-Monitor hat davon ca. 30 Mio. Stück. Zum Beispiel für 349 Euro beim Mediamarkt. Und so haben die Transistoren ein zweites Mal gewonnen. Transistor 2, Röhre 0.

Aus Röhren wurden Transistoren, Chips, TFTs. Und auch für die anderen Lichtenbergschen Röhren sieht es nicht besonders gut aus. Die Schreibfeder ist zu einer Tastatur geworden. Die Schießgewehre wurden Tomahawk-Marschflugkörper. Und selbst das Zeugungsrohr kann durch künstliche Befruchtung ersetzt werden. Die Welt kann offenbar ganz gut auch ohne Röhren auskommen. Es sind allenfalls Mikrowellenherde und Röntgengeräte, die sich sich noch tapfer gegen die Entröhrung der Welt stemmen. Stellt euch das jetzt mal ganz plastisch vor: vor fünfzig Jahren, im Technologieolymp, da war der Röhrengott noch der Beherrscher der sichtbaren und hörbaren Welt. Und heute? Er ist zuständig für Warmmachen von Fertiggerichten und Röntgenbilder des Ellenbogens von Oma Krause. Was für ein Abstieg!

Von alledem ahnte ich nichts als kleiner Junge, damals im Funkraum meines Vaters, als ich im holländischen Tube Handbook herumblätterte. Immerhin begriff ich, dass die Illustrationen nur Repräsentationen vom technischen Aufbau der Röhre war. So ähnlich wie eine Landkarte, auf der Berge auch nicht hoch waren, sondern braun, und Wasser nicht nass, sondern blau. Ich hatte aber weiterhin keine Ahnung, wofür diese Röhren gut waren. Sie sahen ein wenig aus wie Glühbirnen, aber sie leuchteten nur sehr schwach, was ich gut sehen konnte, wenn mein Vater eine Operation am offenen Funkgerät durchführte. Und wieso sollten sie überhaupt im Innern eines Geräts leuchten? Die offenen Geräte summten oft, sehr leise, kaum vernehmbar, ein tiefer, fast beruhigender Ton. Ich stellte mir dann vor, den Summton würden die Röhren machen, und nur wegen dieses tiefen Summens, da würde das Gerät dann funktionieren, und deshalb gab es die Röhren.

(Joachim Göb)

Die Welt versinkt in siedendem Rindernierenfett

Eben erreichte mich auf Umwegen die Nachricht von der Auflösung der Belgischen Legion, eines Call Centers, mit dem wir über Jahre zusammen gearbeitet haben. Mal waren wir in dieser Zeit Auftraggeber, mal Auftragnehmer.

Ich war dann gerne auch mal der Trainer und Monitor vor Ort, wo ich in der nächsten Stadt ein Potpourri verschiedener Saucen nach Art des Landes an in Rindernierenfett zweifach frittierten Erdäpfeln, die Freuden der Innenstadt und die ästhetische Schönheit des Etap-Hotels am Rand der Bahnlinie genoss.

Ich hatte dieses Unternehmen gelegentlich auch als Backup-Arbeitgeber im Auge. Irgendwie fällt gerade alles auseinander.

https://regimental-standard.com/2017/03/29/your-new-medical-kit/