Der Fussel im Nabel der Welt

Abd-Allah verpasste meinem Eurozentrismus einen üblen Tiefschlag. Ganz naiv nämlich erklärte er, vor seiner Flucht aus Syrien Berlin und Rom nicht gekannt zu haben. 

Das war jetzt nicht schmeichelhaft, schliesslich ist Europa der Mittelpunkt der Welt und kulturell und technologisch weiter fortgeschritten als jede andere Gegend. Sollte es anderswo, sagen wir in China modernere Technologien geben, sind das nur Spielereien, die kein Mensch braucht. 

Und es ist ja wohl ganz klar, dass z. B. die syrische Kultur  der unseren kellertief unterlegen ist. Da braucht man sich nur ihre Malerei anzusehen und den Zustand der Städte. Dass der Koran die Malerei quasi verbietet und kein Land nach ein paar Jahren Bürgerkrieg besonders fit aussieht, steht hier nicht zur Debatte. 

Für die Minderwertigkeit ihrer Literatur spricht, dass keiner von uns ihre Schriftsteller kennt. Das liegt nicht etwa daran, dass sie arabisch schreiben und keiner von uns diese Sprache beherrscht. Denn wären sie nämlich wirklich bedeutend, so würden sie ihre Texte schliesslich selbstverständlich in Englisch oder auch gleich in Deutsch verfassen. 

Mal abgesehen davon weiss in Europa ja jeder, dass die Flüchtlinge 2015 nur deshalb in solchen Scharen kamen, weil im Idliber Wochenblatt auf der vorletzten Seite über der Anzeige vom Metzger Al-Hamsa ein Bericht über die Sozialhilfe in Frankreich und das deutsche Hartz IV erschien. Jawohl!

Manche sind mehr Elite als andere

Denn erstmals in der europäischen Kulturgeschichte definiert sich eine Elite über ihre Modernität, ihre Fortschrittlichkeit. Die neue Elite, sie ist dezidiert progressiv. Mehr noch: Wahrscheinlich überwiegend unbewusst und mehr oder minder unreflektiert sind diese Eliten gefangen in einem teleologischen Geschichtsbild.

Dieses Bild basiert fest darauf, dass die Geschichte auf den Sieg des westlichen, universalistischen Linksliberalismus hinausläuft und dass die Welt – von Islamabad über Teheran bis Pjongjang – sich in nicht allzu ferner Zukunft in eine Art grosses New York verwandelt haben wird, multikulturell, kreativ, tolerant und offen. Dies ist ein Ort, an dem Menschen nicht mehr bestimmt sind von Herkunft, Sozialisation, Religion, Tradition oder Geschlecht, sondern sich vollständig selbst entwerfen können.

Die Eliten der Spätmoderne sehen sich, anders als die traditionellen Eliten von der Antike bis in die Neuzeit hinein, nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmasses.

Waren noch bis in das 20. Jahrhundert hinein die Eliten Europas weitgehend konservativ, um die herrschende Ordnung gegen das notgedrungen progressive Proletariat zu verteidigen, so hat sich diese Frontstellung in den westlichen Wohlfahrtsgesellschaften umgekehrt. Denn unter den Gegebenheiten einer globalisierten Weltwirtschaft sind es vor allem die vom Sozialstaat Abhängigen, die dazu neigen, am Althergebrachten festzuhalten, während die Etablierten und Erfolgreichen jedem kulturellen und technischen Trend hinterherhecheln.

Indem sich die neuen Eliten vor allem über ihre Progressivität definieren, entfremden sie sich von den kulturellen Wurzeln ihrer jeweiligen Herkunft. Die neuen kulturellen Trennlinien zwischen den Lebenswelten verlaufen nicht länger vertikal zwischen den regionalen Kulturen, sondern horizontal.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat in diesem Sinne vollkommen zu Recht darauf hingewiesen, dass der Konflikt zwischen moderner Elite und traditionellem Kleinbürgertum in zwei konkurrierenden Kulturalisierungsmodellen besteht und damit letztlich in zwei grundlegend anderen Auffassungen von Kultur. Nach dem Kulturalisierungsmodell der Elite – Reckwitz nennt es «Hyperkultur» – sind die Güter der kulturellen Märkte Ressourcen zur Entfaltung individueller Besonderheit und Expressivität, kurz: Mittel zur Selbstverwirklichung.

Ihr gegenüber steht das, was Reckwitz «Kulturessenzialismus» nennt, also das Pochen auf grundlegende Traditionen, die nicht oder zumindest nicht grundlegend infrage gestellt werden und sich aus lokalen Ressourcen speisen.

Eine friedliche Koexistenz beider Kulturentwürfe ist nur möglich, wenn die beiden Fraktionen sich in ihrem jeweiligen Sinne missverstehen. Das bedeutet: wenn die globalen, progressiven Selbstverwirklicher den Kulturessenzialismus ihrer Gegenüber lediglich als eine weitere Spielart, einen weiteren Lifestyle, eine weitere Mode individueller Identität begreifen und umgekehrt die Kulturessenzialisten die Hyperkultur der Selbstverwirklicher als spezifische Form westlicher Kultur und Identität. Sobald aber, so Reckwitz, «die beiden Kulturalisierungsregimes einander (. . .) tatsächlich als ein je spezifisches Kulturalisierungsregime wahrzunehmen beginnen, sehen sie sich in ihrer Grundlage bedroht und behandeln die andere Seite feindlich».

Zwar trägt man zum Teil dieselbe Kleidung, geht in dieselben Geschäfte, richtet sich bei demselben schwedischen Möbelhaus ein, hört dieselbe Musik und teilt andere popkulturelle Vorlieben. Allerdings werden diese popkulturellen Versatzstücke grundlegend anders kontextualisiert. Dienen sie den einen zur Bestätigung ihrer kosmopolitischen und flexiblen Existenz, so sind sie den anderen lediglich Beiwerk ihrer traditionellen Lebenswelt.

Unter popkulturellen Aspekten könnte man vielleicht sagen: Die neuen Eliten machen mit dem Versprechen der Pop-Kultur tatsächlich Ernst, während die Kulturessenzialisten die Produkte der Populärkultur lediglich als Konsumartikel zwecks persönlicher Vergnügungen auffassen.

Und da man sich in diesem Umfeld ausschliesslich unter seinesgleichen bewegt, vereinigen sich Kosmopolitentum und Provinzialität, Weltoffenheit und Borniertheit zu einer historisch singulären Ideologie.

Elite zu sein, wird zu einer Gesinnungs- und Lifestylefrage, wobei sich Gesinnung und Lifestyle unmittelbar miteinander verschränken. Nationale Kulturen hält man per se für überholt, Grenzen jeder Art für Ausdruck von Borniertheit, man ist polyglott und bastelt sich seinen individuellen Lebensstil aus den Versatzstücken des globalen kulturellen Angebots: Man liebt französische Filme, entspannt bei indischem Yoga, geniesst italienische Küche und bevorzugt skandinavisches Design.

Man bewohnt die gentrifizierten Viertel unserer Grossstädte, nicht ohne die Gentrifizierung zu beklagen, hat ein Netflix-Abo, konsumiert die neueste amerikanische Hype-Serie im Original, bucht seine Ferien bei Airbnb und liest den «Guardian». Natürlich online. Vor allem aber fühlt man sich als Teil einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, besagter Hyperkultur, die in Berlin und Zürich ebenso zu Hause ist wie in Sydney. Man definiert sich nicht über lokale Verortung, sondern über die sozialen Netzwerke der Gleichgesinnten.

Vermutlich hätte diese Metamorphose der Ideologie der CEO, Consultants und Business-Schools zur gesamtgesellschaftlichen Moral nicht so reibungslos funktioniert, wenn auf der anderen Seite die politische Linke nicht ihrerseits Werte wie Diversität, Flexibilität, Identitätstransformationen, Offenheit und Buntheit auf die politische Agenda gehoben hätte. In einer seltsamen, aber gesellschaftlich überaus mächtigen, geradezu allmächtigen Mesalliance spielen sich so die akademisch geprägte, emanzipatorische neue Linke und die Erfordernisse des spätmodernen Kapitalismus gegenseitig in die Karten.

Da man sich jedoch nur unter seinesgleichen bewegt, kommt es zu einer diskursiven Abschottung der Weltoffenen und Toleranten: Man verfällt dem Irrtum, das eigene Leben sei der normative Goldstandard. Aufgrund der Fehleinschätzung, dass das eigene Emanzipationsprojekt das einzig legitime und moderne sei, schaut man mit Verachtung auf jene, die an diesem Projekt und der ihm implantierten Ideologie nicht teilhaben können oder wollen.

Ökonomische Aspekte spielen dabei, das ist das Neue am neuen Klassenkampf, eine untergeordnete Rolle. Das gilt übrigens für beide Seiten: Eben weil die neuen Eliten sich vor allem über Werte, Normen und Lifestyle definieren, kann auch derjenige sich als Angehöriger der neuen globalen Klasse fühlen, der sich mit prekären Jobs durchs Leben schlägt, jedoch die richtige Gesinnung hat und an den Insignien des Zeitgeistes zumindest teilweise partizipiert.

Umgekehrt gehört auch der ökonomisch gutsituierte Konservative schnell zu den Abgehängten, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen oder erkennen wollen und weder offen sind noch flexibel oder kreativ, sondern einfach am Althergebrachten festhalten möchten und die Tradition achten. Im Zweifelsfall reicht es, sich für den Fortbestand von Gymnasien auszusprechen oder für Frontalunterricht, für Dieselfahrzeuge oder eine Beschränkung der Migration, um als geistig und kulturell abgehängt und daher nicht mehr diskursfähig zu gelten.

Alexander Grau

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-neuen-globalen-eliten-wie-sie-ticken-ld.1521130

Das ist einer der intelligentesten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Er definiert sowohl die “Elite” (Hyperkultur) als auch die Konservativen, die unabhängig vom Einkommen “abgehängt” sind/sein sollen (Kulturessenzialisten). Der Autor erklärt auch genau die unterschiedliche Wahrnehmung, auf der die Trennung der Gruppen basiert. 

Ich entnehme diesem Artikel, das ich mich stets irrte, indem ich mich als Underdog empfand, und zugleich irrte, indem ich den ökonomischen Status als Basis einer sozialen Einordnung akzeptierte. Das war die Übernahme von Werten aus dem frühen 20. Jahrhundert und der Zeit davor und entsprach einfach meiner negativen Einstellung. 

Zum Verständnis meiner eigenen Borniertheit verhalfen mir zwei Pizza-Fahrer unlängst, als sie mir darlegten, dass Homosexualität im Gegensatz zu meinem Verständnis nicht von jedem akzeptiert wird. So fand ich mich im Pizza-Keller plötzlich allein mit meiner Überzeugung gegen sie und Mike Pence. Der gehört dann wie diese beiden Migranten und Frau Kramp-Karrenbauer laut Herrn Grau eben nicht zur Elite.

Die Moralisten-Bewegung, für die Fröken Thunberg steht, ist in diesem Sinn der extremistische Flügel der Elite. Hier werde ich dann links von den Jungen überholt, abgehängt, deklassiert. Das Gefühl ist mir durchaus bekannt, konnte ich bei Yoyodyne aus unter anderem ökonomischen Gründen doch nie in der gleichen Weise am Leben der Elite partizipieren wie meine Vorgesetzten. 

Die Migrationswelle von 2015 war ein Punkt, an dem die Hyperkulturellen und Kulturessenzialisten (wir brauchen da noch griffigere Bezeichnungen) sich ihrer unterschiedlichen Auffassungen bewusst wurden. Es war auch ein Jahr, in dem die Hypers damit konfrontiert wurden, wie gering ihre Weltanschauung ausserhalb der ersten Welt wirklich verbreitet war. 

Das erklärt vielleicht ein wenig, wenn auch Hypers mal ausländerfeindlich sind. Sie sind es natürlich selektiv, während Kulturessenzialisten durchaus mal alle Fremden ablehnen können, weil die ihnen halt fremd sind.  

Schlimm und schlimmer

 

Ich gestehe mir ein, wie wenig Einfluss ich auf mein Leben habe. Wer versucht, “das Richtige” zu tun landet schnell bei der Frage, welche Handlungsweise denn der Situation “angemessen” sei. 

Die wenigstens ist einfacher zu beantworten als die, was richtig ist. Richtig nämlich kann bedeuten, richtig für eine Person, richtig für mehrere, richtig in einem moralischen, sogar einem religiösen Sinn. 

Tue ich aber, was angemessen ist, ordne ich mich der Situation unter. Ich akzeptiere also, dass ich nicht frei bin, dass ich Verpflichtungen habe. Es bedürfte eines nicht unerheblichen Masses an Verzweiflung oder Entscheidungskraft, um die ebenso zu ignorieren wie das wahrscheinliche Ergebnis. 

Denn im besten aller möglichen Fälle wird es erst ganz grauenhaft und dann vielleicht besser, meistens aber zuerst schlimm und dann schlimmer. 

Wie man keine Verantwortung hat, muss man lernen

Gerade finde ich die Belanglosigkeit meiner Tätigkeit als hilfreich, als nützlich. Ich lerne da etwas darüber, wie man keine Verantwortung hat. Ich lerne, wieviel Paula (und Maniac) von mir verlangt haben. Ich lerne, wie wenig Anteilnahme ich von meinen Kollegen erfahren habe. 

Klar, da ist die Frage, ob es an mir liegt, dass es keinen von ihnen geschert hat, wie es mir geht. Und dann ist da natürlich auch die Frage, ob ich mit meiner plattfüssigen Art, den Menschen mein Bedürfnis nach Zuwendung aufzudrängen, sie nicht immer zurück gestossen habe. 

Doch sei es wie es sei – ich fasse zusammenfassend zusammen, dass niemand mir zuhilfe kam. Nicht meine Vorgesetzten bei Yoyodyne Europe, nicht meine Kollegen, nicht meine Frau. Das vielleicht etwas über mich, aber auf jeden Fall aber einiges über sie aus.  

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/burn-out-stress-arbeitsplatz-depressionen-ueberlastung-erfahrungen

Wir brauchen einen Krieg!

Gerne lassen die Kritiker der EZB-Geldpolitik unerwähnt, dass 40 Prozent der erwachsenen Deutschen gar kein nennenswertes Vermögen haben. Fast nirgends in den entwickelten Volkswirtschaften gibt es einen so hohen Anteil an Menschen, die nicht sparen und damit auch keine private Altersvorsorge betreiben. Mag sein, dass viele auch deshalb wenig oder gar nicht sparen, weil wir einen starken Sozialstaat haben. …

Die meisten jedoch können nicht sparen, weil sie durch geringe Löhne und die zu leistenden Steuern und Abgaben gezwungen sind, ihr gesamtes verfügbares Einkommen für das tägliche Leben aufzuwenden. Diesen Menschen ist es ziemlich egal, ob die Zinsen bei null Prozent oder zehn Prozent liegen. Denn wer nichts Erspartes hat, kann auch nicht von Zinsen profitieren.

https://www.focus.de/finanzen/boerse/experten/gastkommentar-top-oekonom-widerspricht-ezb-kritikern-der-deutsche-sparer-gehoert-zu-den-gewinnern_id_11114977.html?utm_source=pocket-newtab

Der Herr Fratscher ist eine Flachpfeife. Wer nichts Erspartes hat, der hat sich wahrscheinlich Geld geliehen. In diesem Fall ist die Höhe der Zinsen für ihn für einigem Interesse. 

Gar mancher, der sich jetzt ein Haus finanziert, weil das billiger ist als die Miete, wird in 10 Jahren recht betroffen aus der Wäsche schauen, sind die Zinsen dann wieder in alte Höhen geklettert. Generell kann man sagen, dass die aktuelle Lage jenen in die Hände spielt, denen die gute Fee kein 20-teiliges goldenes Essbesteck in die Wiege gelegt hat. 

Es wird also nicht ewig so bleiben, diese Bevorzugung der Armen zugunsten der Reichen ist schliesslich doch geradezu widernatürlich, ein Verstoss gegen die Ordnung, die immer galt. Diese Situation schreit nach einem Krieg. 

Niemand kann zur Liebe ermutigen als ich selbst

Kein Paar, auch das beste nicht, kann zur Liebe ermutigen.

Dieses Zitat von Marguerite Duras nimmt mich in warme Umarmung. Es spricht zu mir, bestätigt mich darin, dass dieser Bereich des Lebens mir verschlossen ist, dass ich Recht habe. Aber das ist natürlich falsch. 

Laut dem freundlichen Internet können nämlich viele Asexuelle lieben und manche haben sogar Sex mit anderen Menschen. Deren Vornamen sie kennen. Die sie vielleicht sogar lieben. Ob das auch für mich gilt, ist eine andere Sache. 

Falsch ist diese Einstellung natürlich vor allem in dem Sinne, dass sie allein Paula dient. Sie begründet, dass ich mich ihr als der einzigen unterwerfe, die bereit war, mich in ihrer Nähe zu dulden. Wie grosszügig ist es doch von ihr, dass sie sich dazu nötigte.

So wenig ich aber nun die Menschen als Spezies schätze, darf ich doch nicht allen ihre Fehler unterstellen. Die Herren Ambros und Schrammel und der Kleine Bruder waren und sind mir freundlich gesinnt. Gut ein halbes Dutzend Menschen hat im Laufe meines Lebens Interesse an einer Beziehung mit mir geäussert. 

Das ist vielleicht wenig, aber dann doch so wenig nicht, vergleicht man es jedenfalls mit dem, was mir Paula beschreibt.