Ich wills auch nie wieder tun

Für den nächsten Urlaub nehme ich mir mal einen Arabisch-Kurs in Syrien vor oder eine Vergnügungs-Reise nach Detroit. Irgendwas ruhiges halt an einem Ort, der friedlicher ist als mein Zuhause.

In jedem Urlaub kommt Paula nämlich mindestens einmal zu der Erkenntnis, dass die Realität sich nur äusserst widerwillig ihren Wünschen unterordnet. Oder auch mal gar nicht. Und selbst wenn ich meine Vortäuschung eines Paula-gefälligen Verhaltens noch perfektionieren könnte, gibt es doch medizinische Sachverständige, Gerichte, die Rentenkasse und den Verein der Kriegsversehrten, die es in dieser Hinsicht allesamt an Engagement fehlen lassen.

Da im Gegensatz zu mir keiner von ihnen in diesem Augenblick da ist, werde ich eben angeschrien. Seit ich aber dabei nicht mehr einschlafe, nimmt das Gespräch dann schnell einen Verlauf, bei dem sich Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten wie Syrien, dem Kongo und Michigan heimisch fühlen.

Von der Anwendung physischer Gewalt riet der Herr Ambros ab, von dem ich mich in dieser Hinsicht beraten liess. Aber dem Physischen nähere ich mich ja in jeder Beziehung nur mit Vorsicht, weshalb ich ja auch nur 2 1/16 davon hatte.

Tatsächlich bin ich heute überrascht, dass ich mich zu sovielen überreden konnte. Ich bin überrascht, dass ich soviele andere dazu überreden konnte. Ich wills auch nie wieder tun.

Diane Kruger und das Sevres-Syndrom

Beladen mit einer leeren Pizza-Box betrat ich die Küche, um die Frau mit Kopftuch bei dem Versuch zu ertappen, dem Sizilianer am Ofen ihre Weltsicht zu erklären. Angesichts seiner wie ihrer Kenntnisse der deutschen Sprache schien mir das Unterfangen aussichtslos. Immerhin entnahm ich ihren Ausführungen, dass die Türkei bis 2023 noch vertraglich davon abgehalten sei, ihre Bodenschätze auszubeuten. Und um jene reichlichen Schätze beneideten die Europäer, gar die Amerikaner ihre Heimat.

Der Vertrag von Lausanne, und um den muss es sich ja handeln, weil er 1923 geschlossen wurde, regelte die Besitzansprüche der Türkei auf bestimmte Gebiete Thrakiens und Armens, die ihr im Vertrag von Versailles 1919 abgesprochen worden waren, beendete die Besetzung von Antalya durch die italienische Armee und legte die Regeln für den „Bevölkerungsaustausch“ mit Griechenland fest. Von Bodenschätzen ist da meines Wissens nicht die Rede.

Gingen der Türkei in jener Zeit aber Bodenschätze verloren, so durch den Vertrag von Sevres, in dem 1920 die Europäer Syrien, den Irak, Libyen, Israel, Palästina, den Libanon und ein paar andere Teile des faillierten Osmanischen Reiches samt Erdöl, Erdgas, Kohle und Arbeitskraft unter sich aufteilten. Nach allem, was ich über die Gesellen weiss, die da zu Tische sassen, scheint mir die Existenz irgendeiner Rückgabeklausel da generell recht fraglich.

Für einen Moment hatte ich die Möglichkeit, sozusagen ins ungefilterte Volksbewusstsein zu schauen, wo sich verletzter Stolz und Angst und Frömmigkeit die Hand geben, um jene Stimmung zu schaffen, die uns Deutschen heute so unverständlich ist und die Erdogan so geschickt nutzt. Es schien mir in diesem Moment das intellektuelle Äquivalent zu einer unverbaubaren Aussicht in den Ausschnitt von Diane Kruger. Ich genoss es zutiefst.

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https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A8vres-Syndrom
http://www.n-tv.de/politik/Deutsche-und-Deutschtuerken-entfremden-sich-article18309766.html

Die Warmhalte-Box als Gehhilfe

Die Zustellung von Waren, in diesem Fall Lebensmitteln, wird durch Blitzeis in keiner Weise erleichtert. Ich hatte genug Zeit, darüber nachzudenken, während ich in Prümburg die Strasse überquerte. Dabei bediente ich mich meiner Warmhalte-Box als Gehhilfe für Hin- und Rückweg, um überhaupt voran zu kommen.

Zu meinen üblichen Pflichten im Rahmen des Austauschs von Geld und Ware übernahm ich noch eine Hilfestellung, als der Kunde seine Lebensabschnittsgefährtin aus ihrem Fahrzeug der unteren Mittelklasse befreite. Mit dem hatte sie zwar erfolgreich, wenn auch nicht beschädigungsfrei die Einfahrt erreicht, konnte es nun jedoch nicht aus eigener Kraft verlassen.

Im Rahmen der Priorisierung durch die Strassenmeisterei werden zwangsläufig Areale nicht mit Salz gestreut, deren Bewohner traditionell keine Kraftfahrzeuge haben und/oder die nur für die Benutzung durch spezielle Einsatzfahrzeuge vorgesehen sind. Ich schlich mit meinem kinderkotzegrünen Toyota Starlet dann im Schritttempo durch das Flüchtlingslager auf der Suche nach dem Wahnsinnigen, der nun noch eine Pizza dahin bestellt hatte.

Noch glatter als die Strassen waren nur die Bürgersteige, über die ich dann versuchte, den mir angegebenen Wohnbereich zu erreichen. Es gelang mir, dem Vielbegabten und Vielscheiternden, eine Anlieferung war aber nicht möglich, weil mir die Nummer seines Wohnraumes im Gebäudekomplex fehlte und er nicht an sein Mobiltelefon ging.

Mein Auftreten mit einer Pizza-Box in der Hand war dort und unter diesen Umständen so ungewöhnlich, dass ich auf der kurzen Strecke vom Auto zum Wohnbereich dreimal von Wachleuten angerufen wurde. Einer legte mir auch gleich dar, dass er mir im Kroatischen überlegen war. Ich punktete dafür im Italienischen und war ihm im Deutschen natürlich über.

Wer mit dem Teufel speist, sollte sich hinterher die Finger waschen

http://www.dw.com/de/journalisten-und-der-is-die-angst-reist-mit/a-18946358

Recht typisch für unsere eingeschränkte und zutiefst voreingenommene Wahrnehmung ist die Vorstellung, dass die Herren Erdogan, Davitoglu et alies, die dieser Tage in der Türkei regieren, unseren Kampf gegen das Kalifat unterstützen. Tatsächlich unterstützen sie in Wirklichkeit die IS, indem sie diesen Gesellen sichere Rückzugsorte, medizinische Versorgung und Nachschubrouten zur Verfügung stellen und die Kurden bekämpfen, die wahren Feinde des Kalifates.
Denn die APK in der Türkei und der Islamische Staat sind nur zwei Richtungen innerhalb der Sunnitischen Revolution, die eine relativ gemässigt, einen leidlich funktionierenden Staat langsam umbauend, die andere kämpferisch-revolutionär einen Staat schaffend, beide mit einer recht ähnlichen Vorstellung, wie das Ergebnis aussehen soll. Sollen uns die einen Feind sein, müssen es die anderen auch sein.
Oder sind uns die einen nur deshalb Feinde, weil sie Barbaren sind, nicht weil sie eine faschistische Theokratie errichten wollen und in uns ihre natürlichen Feinde sehen? Begegnet uns der gleiche Mangel an demokratisch-säkularer Grundhaltung in Anzug und Krawatte, legitimiert durch Wahlen und Gesetze schütteln wir ihm die Hand. Wer so etwas tut, der speist am Ende in der Gesellschaft Donald Trumps oder eines ähnlich unerquicklichen Charakters.

Der Verräter John Rambo

IS, Al-Kaida, Taliban, Salafisten, Wahabiten – das alles sind Bezeichnungen für eine Strömung im sunnitischen Islam, die nach einer Erneuerung ruft, einer Rückkehr zu den Werten einer idealisierten Vergangenheit. Die Aggressivität, mit der ihre Vertreter heute vorgehen, spricht von einer gewissen Verzweifelung,  einer Einsicht darin, dass sie zwangsläufig scheitern müssen.

Aber sollte man ihre Handlungen als sunnitische Revolution zusammenfassen oder es als eine Strömung innerhalb der Islamischen Revolution sehen, die 1979 in Teheran ausgerufen wurde? Damals hatten die iranischen Schiiten den Vorzug, mit ihrem Heimatland einen funktionierenden Staat übernehmen zu können, Behörden, Streitkräfte, Polizei und Geheimdienst mitsamt der für eine Diktatur so unabdingbaren Befragungstechniker.

Die vaterlandslosen Gesellen, die sich unter der schwarzen Flagge des Islamischen Staates sammeln, müssen ab originem beginnen, nur mit dem Koran und der Weigerung, aus den Misserfolgen anderer zu lernen, als Basis.  Dabei mögen ihnen die Luftangriffe der Europäer sogar nützlich sein, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen.

Der Feind meines Feindes… und jemanden, der mir Bomben auf den Kopf wirft, den empfinde ich nun einmal mit einer gewissen Zwangsläufigkeit als Feind. Hatte die irakische Offensive 1980 vielleicht die gleiche Wirkung auf die Iraner? Auch die persische Theokratie wurde damals nicht von allen Bürgern getragen.

En passant zwang der Wechsel Saddam Husseins vom russischen zum amerikanischen Vasallen die damalige Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken Afghanistan als Ersatz zu gewinnen, eine Frage der Selbstachtung, die viel dazu tat, den Untergang der Sowjetunion voranzutreiben und die Islamisten in Tschetschenien zu stärken.

Der von den Amerikanern beflügelten Aufstieg einiger sockenloser Guerilleros zur Taliban-Bewegung unserer Tage kann im Internet nachgelesen werden. Zwei Film-Versionen erschienen übrigens unter den Titeln “Der Krieg des Charlie Wilson” und “Rambo 3”.

Die weitere Ausbreitung der “Sunnitischen Revolution” begünstigten die Kriege, die die Westler unter der Ägide der amerikanischen Präsidenten George Bush und Barak Obama führten. Sie beseitigten die Diktaturen im Irak und Libyen, ersetzten sie jedoch nicht durch neue Regierungen gleich welcher Art, sondern überliessen diese Länder einem politischen und gesellschaftlichen Chaos. Die menschliche Gesellschaft duldet jedoch keine Leere an dieser Stelle, fordert eine Organisationsform, eine Regierung.

Nach der Zerschlagung von Armee, Polizei, Regierung und Partien blieben aber nur die religiösen Gemeinschaften und unter ihnen die extremistischen Gruppen als Träger einer Ordnung. Nach Jahren der Misswirtschaft fehlte der syrischen Diktatur dann nicht mehr viel, damit das Land den Schritt zum Chaos hin machte.

Natürlich nutzt Saudi-Arabien die Situation aus, um sich als Führungsmacht unter den Sunniten zu profilieren, der Iran, um die gleiche Position unter den Schiiten zu bestätigen, und der russische Präsident Putin, um innen- und aussenpolitisch Punkte zu machen. Die türkische Regierung, weltanschauungsmässig nicht so weit von der IS entfernt wie es vielen Türken recht wäre, nutzt die Situation, um den kurdischen Erbfeind zu bekämpfen, den eigenen Einfluss auf die stammverwandten Turkmenen zu vergrössern und mit ihrer Hilfe eine Pufferzone auf syrischem Boden und zu Assad und dem IS einzurichten.

Was immer die Westler in den letzten Jahren getan haben oder nicht getan haben, alles hat diesen Prozess begünstigt, der für viele Europäer erst konkret wurde, als sich ein Flüchtlingsstrom durch ihr Land wälzte. Und damit waren sie dann alle, alle zu Teilnehmern der Islamischen Revolution geworden, wie es der inzwischen für seine Kollaboration mit den Taliban verurteilte Verräter John Rambo schon 1988 wurde.

Und das ist die Stelle, an der wir jetzt stehen, dekadent, degeneriert, geführt von Schwachmaten, längst vom Kapital lebend statt von den Zinsen, kulturell stagnierend und leidlich überfordert.

Jedenfalls sehe ich das so. Anderen seien abweichende Meinungen erlaubt.