Schlafen wie ein Serienmörder

Mir ist vorhin klar geworden, dass ich schon lange nicht mehr nachts wach gelegen habe. Zwar träume ich dann und wann Beängstigendes, aber nichts, was mich nicht weiter oder doch wenigstens gleich wieder einschlafen lässt.

Übrigens scheint es mir, als sei ich nicht depressiv, wenn ich träume. Allein das sollte mir schon Grund sein, um möglichst viel und lang zu schlafen.

Doch welchem Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung verdanke ich diesen zweifachen Segen? Es ja nicht einfach so, dass ich auf mein Gute-Nacht-Schälchen Doppelt-Scharfes Chili verzichte und seitdem den Schlaf des Gerechten schlafe. Und jeden Rechtschaffenen brächte allein mein Kontostand um die Nachtruhe. Ich hingegen schlafe wie es sonst nur die Serienmörder tun selig einem Morgen entgegen, der wie jeder Morgen ist.

Dabei hinterfrage ich gerade sogar die Loyalitäten, denen ich mein Leben gewidmet habe, und schlafe trotzdem gut. War es richtig, soviele Jahre der Illinois Electro Door verbunden zu bleiben? Und wie steht es mit der Arbeit, Mühe und dem Geld, das die Beziehung mit Paula erfordert hat? Alles das scheint mir gerade fragwürdig und doch muss ich die Nacht nicht mit dem Meeresrauschen aus dem Audio-Archiv meines Mobiltelefones verbringen.

Das I Ging ermuntert mich mit dem Bild 31 zur Beharrlichkeit und zur Rücksichtnahme. Doch auf wen muss ich Rücksicht nehmen? Bin ich es vielleicht selbst? Denn niemand ist mir näher und lieber.

Allerdings scheint mir auch dieses Zitat gerade gut zu passen:

Giles: „I have to believe in a better world“

Buffy: „Go ahead. I have to live in this one.“

Wohin Touristen selten kommen

Ich nähere mich den Problemen meines Lebens mit ungewohnter Apathie. Sei es Paulas Wut, die Forderung des Steuerberaters (ich bin schuld), der Tod der Peugeot Flash (ich bin schuld), die Kosten eines Rechtsstreites, den Paula verloren hat (ich bin schuld) oder die Schwellung in einer touristisch wenig erschlossenen Gegend meines Körpers, ich bleibe… höflich gesagt… gelassen.

Nun, auf die Schwellung reagierte ich schon mal mit einem weiteren Ausbruch meiner Depression. Dass ich parallel dazu Kevin Rhodes‘ „Apocalypse – Life on the other side of over“ las, war nicht hilfreich.

Ein kurzer Krankenschein bedeutet bei mir, dass mein Zusatz-Verdienst ausfällt, und ein langer Krankenschein, dass ich insolvent bin. Und dass ich mit mir selbst ins Reine kommen muss, ob ich Paula die Insolvenz gönne oder wieder einmal Verantwortung für sie übernehmen will. Oh, und wie mein Leben weitergehen soll, wenn es denn weitergehen sollte.

kraloo

http://books.noisetrade.com/kevinrhodes/apocalypse-life-on-the-other-side

Sackgasse de luxe

Wagemutig übernahm ich die Aufgabe, eine Kundin in Gutundböse zu beliefern, einem Ort, dessen Namen Omen ist. Jenseits davon lasse ich mich so selten sehen wie möglich. Dort auch. Ich fühle mich da immer unter Entscheidungszwang.
Die Lücken, die die Navigation meines Telefones liess, füllte ich mit Daumenpeilung und Kreativität, um ihre Adresse zu finden. Sie befand sich dann am Ende der Torkreuzstrasse, die nur über den Falkenweg zugänglich ist, der nur über die Neustrasse zu erreichen ist, die wiederum vom Hügelweg abzweigt, der keinen anderen Zugang als die Altdorfstrasse hat. Da begegnete der Stadtplaner mir total auf der Ebene meiner eigenen Entscheidungsschwäche.

Der Führerschein als Ausweis der Mittelklasse

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Mein Verhältnis mit dem Finanzamt ist deutliche besser geworden – ungefähr 1.500 Ecu besser. Damit bleibt aus der Auflösung der Lebensversicherung noch genug Geld übrig, um den Boiler im Bad auszutauschen, bevor er dem Kalk gänzlich erliegt.

Ein nicht unwesentlicher Teil meines Blogs hat seit einiger Zeit mit den ökonomischen Problemen zu tun, denen Paula und ich begegnen. Unabhängig von den Ursachen dieser Probleme definieren sie uns aber nicht. Nicht als Persönlichkeiten, nicht in unserer Zugehörigkeit zur Mittelschicht.

Was aber unterscheidet mich von dem Bürger, der seinen roten Peugeot Flash vor der Werkststatt neben meinem schwarzen parkte? Er war ein kurz geratener Vertreter der Unterschicht, von der wir uns so gerne abgrenzen wollen.

Gängige Untersuchungen definieren die sozialen Schichten rein über das Einkommen (http://www.n-tv.de/politik/Mittelschicht-schrumpft-in-Deutschland-article17635751.html). Das greift natürlich in einer Gesellschaft zu kurz, in der klassische Kriterien wie Qualifikationen, Fleiss und Sparsamkeit nur einen beschränkten Einfluss auf das Einkommen haben.

In vielen Gesprächen mit Kunden, Pizzabäckern, Rollerfahrern, Tankstellen-Kassierern, Kollegen und anderen habe ich vorläufig drei weiche Kriterien definiert, die als Indikatoren für die Zugehörigkeit zur Mittelklasse dienen können und zur Abgrenzung von der Unterschicht. Es sind dies Kenntnisse in der Sprache Englisch, dem Betriebssystem Windows und ein Führerschein der Klasse B.

Kann ich mich nur in Deutsch ausdrücken oder tue mich sogar damit schwer, habe ich keinen Zugang zur globalen Leitkultur. Kenne ich nur Android als Betriebssystem, kann ich keine Tätigkeit in Verkauf oder Verwaltung ausüben. Habe ich nur eine Mofa-Prüfbescheinigung, drückt sich darin nicht nur mein Mangel als Einkommen aus, sondern auch der meiner Eltern.

Diese Kriterien sind aber immer zeitabhängig zu betrachten. In den glücklichen Tagen meiner Kindheit galt es noch quasi als Einstieg in den sozialen Abstieg, arbeitete in einem Haushalt nicht nur der Ehemann, sondern auch die Frau. Vollends angekommen in diesem sozialen Umfeld war dann eine alleinerziehende Mutter.

Ich werde meine Untersuchungen als soziologischer Laie fortsetzen und ihre Ergebnisse hier veröffentlichen.

Pizza Don Quichotte

Am Wochenende vertauschte ich den kinderkotzegelben Toyota Starlet der Pizzeria „Il Cazzo“ gegen einen pferdeurinfarbenen Opel Corsa der Pizzeria „San Grigorio.“ Der Ritter auf meiner Motorhaube sah mir eher nach Don Quichotte aus und sein stolzes Streitross nach einem Esel. Dieser Schritt erhöhte allerdings mein Salär um 10% auf 5,50 Ecu pro Stunde und verkürzte meinen Arbeitsweg um 15 Kilometer pro Abend.

Zugleich begrenzte es den Raum, in dem ich mich bewege, und meine Chancen auf Abenteuer und Begegnungen der ausgefallenen Art. Trotzdem zögerte ich nicht und bin deswegen noch immer von mir überrascht. Bin ich jetzt wirklich so praktisch, so erwachsen? Ich bin aber nicht erwachsen genug, dass es mir jetzt leicht fiele, den Patels eine Kündigung zu schreiben.

Immerhin habe ich sie in ihrer sozialen Rolle als kapitalistische Ausbeuter-Schurken akzeptiert und mich selten über diesen Aspekt ihres Lebens aufgeregt, so wenig wie über meine eigene Rolle als Ausgebeuteter, als Werktätiger, als unterbezahlter Leistungserbringer. Meinen neuen Kollegen, einer Schar von Schülern und Studenten, ist sie noch neu, diese Rolle.

Sie können sich noch über jede Münze freuen, die sie erhalten, und sie ohne das geringste Zögern wieder ausgeben. Da grüsst mich dann gerne einmal im Auto eine Einweg-Pfand-behaftete Dose meines Vorgängers, die ich umgehend meiner Sammlung einverleibe, freudig dem nächsten Besuch am Pfandgutautomaten entgegen sehend.

Der Einfachheit halber und da ich sie noch kaum unterscheiden kann, nenne ich sie in diesem Blog Joe, Jack, William und Averell. Den Spanier aus Cadiz, der alten Stadt am Meer, der die Pizzeria „San Grigorio“ betreibt, taufe ich auf den Namen Miguel.

Wir sassen inmitten der Ruinen und tauschten Schrauben

Inmitten der Ruinen ihres Lebens sassen die Herren von Bank und Bausparkasse und planten unser Leben. Dem einen hatte sein Arbeitgeber gerade das Gehalt um 10% gekürzt, der andere schien sich bei jedem Kollegen auf dem Flur zu fragen, wie lange der wohl noch da sei. Trotzdem hatten sie die Chuzpe, die finanzielle Seite unseres Lebens bis jenseits meines Rentenantrittsalters zu planen. Ich bewunderte ihre Unverfrorenheit und zweifelte am Rest.

Ich bin ein furchtsamer Mensch, jeder Veränderung abhold und der Unsicherheiten des Lebens umso gewahrer. Wäre ich wagemutiger oder tatkräftiger, wäre ich nicht in dieser Lage. Während sie Paula die Bedingungen des zu schliessenden Vertrages erklärten, vertrieb ich mir die Zeit damit, zu ermitteln, in welcher Reihenfolge ich alle anderen im Raum am effizientesten erschiessen müsste.

Es war eine Übung in Logik, deren Umsetzung ich mir verkiff, fehlte es mir doch am geeigneten Werkzeug. Ausserdem erschrecke ich so sehr, wenn es knallt, und habe prinzipiell Mitleid mit dem Tatortreiniger.

 

Aufgeben ist nicht… leider

Ich handelte mit der Bank eine Vereinbarung aus, wonach sie mir für einen Monat vorstrecken, was ich brauche, um die Steuern zu bezahlen, und dann von der Lebensversicherung bekomme.

Leider setzte der Mitarbeiter als Bedingung, dass ich ihm jene Mitteilung über den Rückkaufswert zukommen liesse, die ich unabsichtlich in jener Woche ins Altpapier gegeben hatte, als das auch abgeholt wurde. Das sagt mir etwas über die Ordnung aus, die mein Leben ganz offensichtlich dringend bedarf.

Und es sagt etwas darüber aus, was ich jetzt tun muss. Um jemanden zu zitieren, der mir ungemein sympathisch ist: „Wir können es auf die harte Tour machen oder… Warte, es gibt nur die harte Tour.“ Aufgeben ist also nicht… leider.

Ich fordere jetzt erst einmal das Schreiben mit dem Rückkaufwert an und schicke dem Banker einen Screenshot eines e-mail-Dialoges zwischen Paula und mir, in dem sie sich hingebungsvoll über die Höhe des Wertes beschwert.