Kauft nicht beim Österreicher!

Ich schrieb vor kurzem davon, dass man sich Vorurteile leisten können muss. Tatsächlich muss man sich die Menschen nach Hautfarbe, ethnischer und religiöser Zugehörigkeit aussuchen können, mit denen man sich umgibt oder in deren Abhängigkeit man steht. Ganz so einfach ist das aber in Wirklichkeit nicht.

Denn man kann sich zwar frei entscheiden, dass man Buffy The Vampire Slayer nicht gut findet, weil Sarah Michelle Gellar, Alyson Hannigan und Michelle Trachtenberg Jüdinnen sind, und man kann vielleicht Rihannas Musik ablehnen, weil sie schwarz ist, und die von Freddy Mercury, weil er schwul war. Aber es ist schwierig, den einzigen Arzt im Ort abzulehnen, weil er Perser ist, wenn man sich nicht leisten kann, zum nächsten Ort zu fahren, um zu einem nicht-arischen Arzt zu gehen.

Und es ist schwierig, Vorurteile gegen einen Arbeitgeber zu haben, der einen fair behandelt, gegen den Kollegen, der Arbeit, Sorge und Pizza am Mittagstisch mit einem teilt, und den Kunden, der einen ernährt, nur weil er dies oder jenes ist, dies oder jenes glaubt und diesen oder jene liebt. Das macht Vorurteile zu einem Privileg, das man sich in meinen Kreisen einfach nicht leisten kann.

Arm zu sein ist eben kein Vergnügen, fördert aber in meiner Wahrnehmung die Toleranz. Die Klingelbretter in Hagen, die für manche Wohnung arabische und deutsche, italienische und ukrainische, türkische und russische Namen kombinieren, scheinen mir darin Recht zu geben.

Und wieso hat keiner Vorurteile gegen Österreicher? Immerhin hat dieses Land vier Diktatoren hervor gebracht (Schuschnigg, Dollfuss, Hitler, Unger von Sternberg), einen kalifornischen Gouverneur, einen Serienmörder, die notorische amerikanische Politiker-Familie Bush und einen in der Darstellung von Natasha Negovanlis auch gut aussehenden Vampir. Gemessen an der Grösse dieses Staatswesens ist das einigermassen besorgniserregend.

Und wo sind die Vorurteile gegen Isländern? Von denen scheinen etliche von einer Amerindianerin abzustammen, die aus Vinland auf die Insel kam. Nach der strengen Auslegung der rassistischen Doktrin, wie sie vor zwei Generationen noch in den amerikanischen Südstaaten galt, macht sie das zu Mestizen.

American Kraftklub

„American Psycho“ ist ein Hörbuch wie ein Verkehrsunfall. Es ist ziemlich klar, dass es furchtbar wird, aber man kann sich nicht davon lösen. Patrick Bateman ist ein unangenehmer Geselle, selbst für einen Serienmörder, und seinem Busenfreund Tim Price wünscht man bereits nach wenigen Minuten einen Tod unangenehmster Art. Die weiblichen Charaktere sind ähnlich unerfreulich, eine Kollektion meist oberflächlicher und intellektuell schnell überforderter Frauen, in deren Gesellschaft man (ich) höchst ungern seinen Abend, geschweige denn die Nacht verbringen möchte.

In diesem Buch spiegelt sich die Faszination, die der Verfall in den 80ern auf uns ausübten. Wir sahen den Schmutz, weil die Welt schmutzig war, die immer schmutzig ist und sein wird, und weil wir den Schmutz sehen wollten. Dystopie war uns sowohl Selbstzweck wie es Teil des Main Stream jener Dekade war. In dieser Beziehung ähneln sich Bateman und der Ich-Erzähler im Kraftklub-Song „Schüsse in die Luft“ von 2015. Sie haben dem Schmutz den Krieg erklärt und gehen mit schauderndem Vergnügen dann in ihm unter, ihre eigene Überlegenheit bis zuletzt beschwörend. Ich ziehe beiden William Gibson vor.

Bateman versorgte mich mit dem Begriff der Automatischen Wahlwiederholung. Die erklärte mir, wieso ganz automatisch die Anruferzahlen in meiner Abteilung immer dann überproportional steigen, wenn alle Leitungen besetzt sind. In den Begriffen des Internets ist es ein Bot, dessen Aufgabe die automatische Herstellung einer Verbindung ist. Als Nebeneffekt senkt er unseren Service-Level unter das bonusfähige Niveau. Und ich liebe doch meinen Bonus, fast so sehr wie ich Schokolade liebe.

Max Landis ist gut. Sein Video zu “One Last Time” von Ariana Grande ist intelligent, gibt Ariana Möglichkeit, ihre Fähigkeiten als Schauspielerin zu zeigen und macht noch ein bisschen Werbung für Fiat. Arianas Lied ist wie üblich Geschmackssache. Witzig ist die Ähnlichkeit zwischen dem jungen Mann und Matt Bennett.

Ich bin so arm, dass ich mir nicht einmal Vorurteile leisten kann

Die gefährlichste Waffe, die der Mensch kennt, ist ein Mensch mit einer Waffe und einer Überzeugung. Das muss dann nicht unbedingt die neueste Waffe oder die neueste Überzeugung sein; eine der erfolgreichsten Revolutionen der letzten 500 Jahre wurde mit einer grundsätzlich falschen Auffassung der athenischen Demokratie und einem Posten gebrauchter Charleville-Musketen zum Abverkaufspreis gewonnen.

Die Standardwaffe des Kalifates (also known as ISIS, ISIL, IS und Daesh) ist die AK-47, ein Sturmgewehr, das von westlichen Militärs grundsätzlich abgelehnt wird, weil sein Entwurf schon 67 Jahre alt ist UND weil kein westlicher Waffenhersteller daran auch eine Kopeke verdient hat, die Überzeugung ein Mischmasch aus religiösen und kulturellen Stereotypen, die sich an einer Zeit orientieren, die wir Europäer als Frühmittelalter bezeichnen.

Das war ein recht raubeiniges Zeitalter, in dem die Mehrheit der Menschen in der alten Welt so gottesfürchtig fromm war, dass sie jedem Andersgläubigen mit grosser Inbrunst den Schädel spalteten. Das taten sie umso lieber als er zwischen ihnen und seinem Gold, seinem bebaubaren Land und seiner arbeits- und gebärfähigen Frau stand. Karl der Grosse in Deutschland war von dieser Sorte, er war aber keineswegs allein. In der spanischen Reconquista ging es so zu, im muslimischen Jihad, der Nordafrika und die Türkei einnahm, im sogenannten Heiligen Land, das Christen, Juden und Muslimen so wenig heilig war, dass sie es Jahrhunderte lang mit Blut düngten.

Ausser der kopfschüttelnden Erkenntnis, dass Erich Kästner Recht hat (“Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen.”) bleibt uns die Frage, wie wir die Auswirkungen dieses neuesten kulturevolutionären Rückschritts auf jene Menschen beschränken, die zum Niederbrennen von Städten keine Zeit haben, weil sie damit beschäftigt sind, sie zu errichten, und die lieber Bücher lesen als sie zu verbrennen. Die Vorratsdatenspeicherung liefert günstigstenfalls die posthume Erkenntnis, dass der Geheimdienst über den Terroristen Bescheid gewusst haben könnte, und Material für neue Diskussionen in der mediengenerierten Öffentlichkeit, Luftangriffe auf die Territorien des Kalifates haben nur Propaganda-Effekte, Waffen-Embargos sind nutzlos, solange dem Kalifat ungeheure Summen zur Verfügung stehen.

Was also bleibt uns zu tun? Öffnen wir unsere Grenzen den Flüchtlingen aus den Regionen, in denen das Kalifat sich ausbreitet? Zünden wir vertretungsweise dem Bosnier um die Ecke seinen Kebab-Stand an? Geben wir den Nahen Osten verloren oder nehmen wir als Europäer/Amerikaner den Kampf ernsthaft auf? Konservativer Globalismus oder aufrührerischer Isolationismus wie ihn die Pegida verlangt, der Aufstand der Grauhaarigen, die sich noch Vorurteile über die Fremden leisten können. Ob das jetzt ein Zeichen von Wohlstand ist?