Ein krankhafter Mangel an Selbsttäuschung

Orientierungslos wandere ich heute im Firmengebäude herum, gehe Umwege, verliere Zeit, tue Dinge zweimal. Ist es das Alter? Oder ist es die Erkenntnis, dass all das Geld, das die Inhaber, und die Arbeit, die wir in das Unternehmen gesteckt haben, uns keine maghrebinische Elle weitergebracht haben?

Ich bin aber schon seit einiger Zeit recht sentimental und weine mich durch „Almost Adults“, weine selbst bei „Bones“, weine, wenn ich an Freund den Kater denke und an all die verpassten Gelegenheiten, die mein Leben sind, an all die Orte, zu denen ich nicht mehr reisen werde, weil ich alt und arm und ein Versager bin.

Es scheint mir, dass ich bei dem Versuch, in meiner Lebenssitutation glücklich zu sein, allein von einem heftigen Mangel an Selbsttäuschung behindert werde. Schliesslich könnte ich doch dem Vorbild meiner Nachbarn folgen, der Arbeit entsagen und spät aufstehen, um dann mit dem Roller zum Penny-Markt im nächsten Ort zu fahren.

Warum sollte ich das nicht tun? Was spricht gegen einen Nervenzusammenbruch mit anschliessender Selbstfindung auf Kosten anderer? Gerade leitete ich die Bewerbung eines Bekamnnten an die Personalabteilung weiter, der seit 23 Jahren arbeitsfrei lebt. Da er mich kennt wie ich ihn, unterstelle ich ihm eine gewisse Erwartungshaltung, wollte es jedoch Mimi überlassen, die Absage zu formulieren, die ihm zur Fortführung seiner geharzten Existenz verhilft.

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Die maghrebinische Elle ist übrigens eine nur schwach definierte Längen-Einheit. Sie entspricht der Tiefe, mit der ein maghrebinischer Finanzbeamter seine Hand in die Tasche eines Steuerzahlers stecken kann. Seit Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs kommt diese Masseinheit zunehmend aus dem Gebrauch.

D-Moll

Ich bin ungemein musikalisch. Dabei könnte ich zwar weder Oboe noch Saxophon blasen, Trübsal hingegen, da habe ich Talent und Neigung. Im Augenblick setzt mir das Ableben eines Kunden zu, der Maniac und mich über viele Jahre begleitet hatte.

Er begann seine Karriere als Handelspartner der Illinois Electro Door am Tag, nachdem ihn sein früherer Arbeitgeber, ein Torhersteller vergessenen Namens, zwangsfrühpensioniert hatte. Das rettete jenes Unternehmen nicht, ihn aber vielleicht. Unverdrossen und gestützt auf seine Rente baute er sein Geschäft auf, nervte und quengelte und verkaufte unsere Antriebe und Garagentore der Marke Günther in einer nicht unerheblichen Zahl.

Ich lernte einiges von ihm, und manches davon wird mir nützlich sein. So vermittelte er mir die Idee, das Leben, auch das Arbeitsleben, sei mir 53 nicht zuende. Das sieht Paula zum Beispiel ebenso. Jedenfalls wenn es um mich geht.

Ich rief eben seine Frau an, um ihr mein Beileid auszudrücken. Immerhin hatte der alte Chaot viele, viele Jahre lang meinem Wort vertraut und meinen Erklärungen geglaubt.

Verfolgt von einem Schiebetorantrieb

Es befragte mich vor einigen Wochen der Produkt-Manager nicht etwa nach Ratschlägen zu seinem überfälligen Coming-Out, sondern nach den Vorzügen des Schiebetorantriebes BA200, unseres allerneuesten Produktes, vorzugsweise in einem Satz und mit einfach gehaltenen Worten. Ich formulierte denn freihändig, er sei die adäquate Lösung für Schiebetore bis 200 kg Gewicht und den Produkten anderer Hersteller haushoch überlegen. Mit dieser Information versehen tanzte er in seinem Cocktail-Kleid davon. Er hat nicht wirklich die Beine dazu. 

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Gerade eben unterbrach mich das elektronische Bücherregal Aldiko beim oft verschobenen Sortieren der literarischen Werke, die ich in 2016 acquiriert und nicht gleich wieder gelöscht hatte, mit Werbung. Der Schiebetorantrieb BA200 der Illinois Electro Door sei die adäquate Lösung für Schiebetore bis 200 kg Gewicht und den Produkten anderer Hersteller haushoch überlegen. Mit leidlicher Verzweifelung wandte ich mich von Homer und Hogg, von Defragmenting Daniel und Friedrich Gerstäcker ab und den Freuden von Youtube zu.

Dem Film voraus ging ein werbender Kurzfilm, der mich über ein neues Produkt der Illinois Electro Door informierte. Der Schiebetorantrieb BA200 sei nämlich die adäquate Lösung für Schiebetore bis 200 kg Gewicht und den Produkten anderer Hersteller haushoch überlegen.

Nun schwanke ich zwischen Paranoia – ich werde von einem Schiebetorantrieb verfolgt – und Grössenwahn. Immerhin bestätigt mich das vielgeliebte Internet, die Mutter all der kostenlosen Musik und all der kostenlosen Bücher, von Carmilla und der Yahoo-Group Bothsidesnow darin, dass unsere Produkte und unser Unternehmen so wichtig sind wie ich es eh schon glaube.

Zufriedenheit ist nicht messbar

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Der gesunde Menschenverstand gebietet, dass es in einem Unternehmen eine Kundenbetreuung gibt. In einer Mischung aus Verkaufsunterstützung, Service und psychologischer Rest-Betreuung erzeugt unsereiner zufriedene Kunden, wo Verkäufer und Produkt gescheitert sind.

Dieser Outcome ist jedoch nicht messbar und daher irrelevant. Es ist daher logisch, die Kundenbetreuung abzuschaffen. Dass die Abteilung von Gesellen besetzt ist, deren Bereitschaft, oft über viele Jahre ein so wenig ziel-orientiertes Leben zu führen, jedem rechten Manager in höchstem Masse suspekt sein muss, unterstützt den Gedanken erheblich.

Da aber keiner so lange die Gefahren der Zivilisation überlebt, dass ersiees Executive Vice President, Managing Director oder auch nur Sales Manager werden könne, ohne über ein gewisses Mass an gesundem Menschenverstand zu verfügen, entsteht nun ein logisches Dilemma. Da ein durchschnittlicher leitender Angestellter aber vor allem darauf fokussiert ist, heraus zu finden, was sein eigener Vorgesetzter will und es ihm dann zu geben, wird er es nach Herzenskräften ignorieren.

Das ist ganz allgemein die Lösung, die auch ich vorziehe. Die Alternative ist, das Problem auf mich abzuwälzen und mich dazu aufzufordern, mir Objectives/Ziele zu erfinden, die irgendwie messbar sind. Damit ich mich auf eine Welt einlasse, in die ich nicht gehöre, wedelt man mir mit einigen Ecu vor dem Gesicht herum. Ich bin da beeinflussbar, unhöfliche Menschen nennen es gar „bestechlich“. Das Ergebnis ist im besten Fall ein von beiden Seiten unleidlich ertragener Kompromiss.

Ist Zufriedenheit messbar? Höchstens in der Zahl der Kuchenstücke, die nehme.

Kann ich das Internet anrufen?

Ich bin fast sicher, dass der Kunde eben behauptet hat, aus Lummerland anzurufen. Überraschen würde es mich heute morgen nicht.

Der vor ihm scheiterte, weil die Begriffe „rechts“, „links“ und „gleichzeitig“ in der Anleitung nicht beschrieben waren. Er hatte sein Produkt von einem online-Händler erworben, mit dem er sich am Ende in Verbindung setzen sollte. Er fragte ganz ernsthaft dann, ob er da im Internet jeden ansprechen könne.

https://de.wikipedia.org/wiki/Links_und_rechts

https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichzeitigkeit_(Sprache)

Immerhin fragte er nicht, ob er zum Betrieb eines elektrischen Gartentorantriebes diesen mit der Stromversorgung verbinden müsse. Das habe ich aber heute auch schon gehört.

How to outrun an angry clown on a unicyle

Eine Darstellung eines Besuches im Outlet eines frisch aquirierten Grosskunden entlockte dem Tzaren statt seines üblichen Noted! ein Well Done! sogar mit einem zusätzlichen Looks Great!

Ursache könnte hier sein, dass ich a) getan habe, wozu er seine Angestellten ganz allgemein aufgefordert hatte, b) sehr kurz und sachlich und weitgehend unter Verzicht auf Personalpronomen geschrieben habe und c) ein einziges und in seiner Grösse reduziertes Foto mitversandte. Auf das bezog sich wahrscheinlich das „Looks Great!“

Ich folgere daraus einiges über die Bedingungen, unter denen ich am effizientesten mit ihm kommunizieren kann. Denn so unangenehm ein solcher Informationsaustausch für beide Seiten sein mag, so ist er doch vermutlich hin und wieder nicht zu vermeiden.

Den Rest des Abends verbrachte ich auf angenehmere Weise, hatte ich doch vorher Paula erzählt, ich nähme an einem Geschäftsessen teil.

Als Titel für diesen Blog Post verwende ich ein abgewandeltes Zitat von Portia Vallon aus Episode 14 – „Fish in a Barrel“ aus der Serie „All for One“.

Noted

Maniac beschwert sich hingebungsvoll über die Unmöglichkeit, anders als in Excel-Statistiken mit der Geschäftsführung zu kommunizieren. Dabei kennt er den Tzaren nicht einmal so gut wie ich (was nicht besonders gut ist).

Er hat bei der Fülle seiner Aufgaben seine Kommunikationskanäle extrem beschränkt und beantwortet jede Idee, jeden Vorschlag und jede Statistik, die ihm über sie zugeht, nur mit „Noted“. Das wirkt natürlich nicht wirklich motivierend. Zugleich lässt es ihn beschränkt erscheinen. Aber zugleich lässt es auch uns beschränkt erscheinen, weil wir auf eine anderes strukturierte Kommunikation festgelegt sind.

Immerhin sehen seine Strukturen ein Plätzchen für einen Technischen Verkäufer im Innendienst vor. Ganz zufällig kenne ich da jemanden, der die entsprechende Eignung ebenso hat wie jenes nicht unerhebliche Mass an Verzweifelung, das Voraussetzung für diese Tätigkeit ist. Es ist kein besonders netter Mitbürger, aber doch keineswegs so untauglich wie es eine gewisse Dame so gerne behauptet.

Die hat auch gerade andere Probleme, fühlt sie sich doch von jenem Gutachter nicht geliebt, der ihrem Innenleben die Berechtigung zum Bezug einer Frührente bescheinigen sollte. Ich plane derweil angesichts der zu erwartenden Rentennachzahlung den Ankauf eines überzähligen Geldspeichers von Dagobert Duck und eines gebrauchten Opel Agila.