Ich muss nichts mehr beweisen, da ich es nicht mehr kann

Der Mann ist verunsichert. Wenn er Held sein will (immer!), darf er es nicht. Wenn er nicht mal nach dem Schrumpfheldentum strebt, gilt er als Versager, Schlappschwanz, Weichei. Das Dilemma des heutigen Mannes ist, dass er weder Held sein kann noch ein Waschlappen, und zwar weder im Job noch beim Kindergeburtstag noch im Bett. So sieht sich der Mann zu einem seltsamen Zwischenwesentum verdammt. 

Im paradigmatischen Narrativ der „Heldenreise“ kehrt der Held von seinen Abenteuern irgendwann in die Alltagswelt zurück, um sie im Lichte seiner Erfahrungen zu verändern. Der heutige Schrumpfheld schafft es oft gar nicht erst, die Reise überhaupt anzutreten. Daher seine Wut und sein Schweigen. 

Warum ackert er? Weil er seine Männlichkeit beweisen muss. Weil ein Mann nicht „ist“, sondern immer erst „wird“. Für wen ackert er? Für die Frau, die er liebt. Jene, die ihm seine heroischen Fehlleistungen verzeiht, deren Autonomielust sich hoffentlich in kalkulierbaren Grenzen hält, die für ihn – wenigstens in Teilzeit – kostenlos kocht, wäscht und putzt und ihm den Rücken freihält. … Für sie tut er alles. Für sie modernisiert er seine
 archaische Blutrünstigkeit.

https://www.zeit.de/kultur/2019-07/maennlichkeit-heroismus-heldentum-vaeter-maenner-patriarchat-sexismus/seite-5

In diesem Sinne ist die Odyssee auch eine Liebesgeschichte. In diesem Sinne ist auch meine eigene Geschichte eine Liebesgeschichte. Sie kann vom Ergebnis her zumindest als solche interpretiert werden. 

Heute Nacht träumte ich von einer Begegnung mit einer früheren Nachbarin, an die ich mich nicht erinnerte, und die mir ihre Tochter auch als die meine vorstellte. In meinen Träumen bin ich nicht emotional, empfinde ich nicht. 

Ehebruch wäre die ultimative Auflehnung gewesen, die Zeugung eines Kindes mit einer anderen Frau als Paula die vollendete Rebellion gegen ihre Herrschaft, noch vollständiger als sie zu verlassen. Ähnlich gewaltig wäre nur die Entscheidung für die völlige Passivität, die Arbeitsverweigerung, der Übertritt ins sozio-kulturelle Umfeld meiner Geburtsfamilie. 

Ausser dem Scheitern ist mir keine Perspektive geblieben, um mich selbst zu behaupten. Jeder Job ein Abstellgleis, jeder Ehrgeiz nutzlos, jeder Versuch, noch irgendeine Männlichkeit zu beweisen vergeblich.

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