Manche sind mehr Elite als andere

Denn erstmals in der europäischen Kulturgeschichte definiert sich eine Elite über ihre Modernität, ihre Fortschrittlichkeit. Die neue Elite, sie ist dezidiert progressiv. Mehr noch: Wahrscheinlich überwiegend unbewusst und mehr oder minder unreflektiert sind diese Eliten gefangen in einem teleologischen Geschichtsbild.

Dieses Bild basiert fest darauf, dass die Geschichte auf den Sieg des westlichen, universalistischen Linksliberalismus hinausläuft und dass die Welt – von Islamabad über Teheran bis Pjongjang – sich in nicht allzu ferner Zukunft in eine Art grosses New York verwandelt haben wird, multikulturell, kreativ, tolerant und offen. Dies ist ein Ort, an dem Menschen nicht mehr bestimmt sind von Herkunft, Sozialisation, Religion, Tradition oder Geschlecht, sondern sich vollständig selbst entwerfen können.

Die Eliten der Spätmoderne sehen sich, anders als die traditionellen Eliten von der Antike bis in die Neuzeit hinein, nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmasses.

Waren noch bis in das 20. Jahrhundert hinein die Eliten Europas weitgehend konservativ, um die herrschende Ordnung gegen das notgedrungen progressive Proletariat zu verteidigen, so hat sich diese Frontstellung in den westlichen Wohlfahrtsgesellschaften umgekehrt. Denn unter den Gegebenheiten einer globalisierten Weltwirtschaft sind es vor allem die vom Sozialstaat Abhängigen, die dazu neigen, am Althergebrachten festzuhalten, während die Etablierten und Erfolgreichen jedem kulturellen und technischen Trend hinterherhecheln.

Indem sich die neuen Eliten vor allem über ihre Progressivität definieren, entfremden sie sich von den kulturellen Wurzeln ihrer jeweiligen Herkunft. Die neuen kulturellen Trennlinien zwischen den Lebenswelten verlaufen nicht länger vertikal zwischen den regionalen Kulturen, sondern horizontal.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat in diesem Sinne vollkommen zu Recht darauf hingewiesen, dass der Konflikt zwischen moderner Elite und traditionellem Kleinbürgertum in zwei konkurrierenden Kulturalisierungsmodellen besteht und damit letztlich in zwei grundlegend anderen Auffassungen von Kultur. Nach dem Kulturalisierungsmodell der Elite – Reckwitz nennt es «Hyperkultur» – sind die Güter der kulturellen Märkte Ressourcen zur Entfaltung individueller Besonderheit und Expressivität, kurz: Mittel zur Selbstverwirklichung.

Ihr gegenüber steht das, was Reckwitz «Kulturessenzialismus» nennt, also das Pochen auf grundlegende Traditionen, die nicht oder zumindest nicht grundlegend infrage gestellt werden und sich aus lokalen Ressourcen speisen.

Eine friedliche Koexistenz beider Kulturentwürfe ist nur möglich, wenn die beiden Fraktionen sich in ihrem jeweiligen Sinne missverstehen. Das bedeutet: wenn die globalen, progressiven Selbstverwirklicher den Kulturessenzialismus ihrer Gegenüber lediglich als eine weitere Spielart, einen weiteren Lifestyle, eine weitere Mode individueller Identität begreifen und umgekehrt die Kulturessenzialisten die Hyperkultur der Selbstverwirklicher als spezifische Form westlicher Kultur und Identität. Sobald aber, so Reckwitz, «die beiden Kulturalisierungsregimes einander (. . .) tatsächlich als ein je spezifisches Kulturalisierungsregime wahrzunehmen beginnen, sehen sie sich in ihrer Grundlage bedroht und behandeln die andere Seite feindlich».

Zwar trägt man zum Teil dieselbe Kleidung, geht in dieselben Geschäfte, richtet sich bei demselben schwedischen Möbelhaus ein, hört dieselbe Musik und teilt andere popkulturelle Vorlieben. Allerdings werden diese popkulturellen Versatzstücke grundlegend anders kontextualisiert. Dienen sie den einen zur Bestätigung ihrer kosmopolitischen und flexiblen Existenz, so sind sie den anderen lediglich Beiwerk ihrer traditionellen Lebenswelt.

Unter popkulturellen Aspekten könnte man vielleicht sagen: Die neuen Eliten machen mit dem Versprechen der Pop-Kultur tatsächlich Ernst, während die Kulturessenzialisten die Produkte der Populärkultur lediglich als Konsumartikel zwecks persönlicher Vergnügungen auffassen.

Und da man sich in diesem Umfeld ausschliesslich unter seinesgleichen bewegt, vereinigen sich Kosmopolitentum und Provinzialität, Weltoffenheit und Borniertheit zu einer historisch singulären Ideologie.

Elite zu sein, wird zu einer Gesinnungs- und Lifestylefrage, wobei sich Gesinnung und Lifestyle unmittelbar miteinander verschränken. Nationale Kulturen hält man per se für überholt, Grenzen jeder Art für Ausdruck von Borniertheit, man ist polyglott und bastelt sich seinen individuellen Lebensstil aus den Versatzstücken des globalen kulturellen Angebots: Man liebt französische Filme, entspannt bei indischem Yoga, geniesst italienische Küche und bevorzugt skandinavisches Design.

Man bewohnt die gentrifizierten Viertel unserer Grossstädte, nicht ohne die Gentrifizierung zu beklagen, hat ein Netflix-Abo, konsumiert die neueste amerikanische Hype-Serie im Original, bucht seine Ferien bei Airbnb und liest den «Guardian». Natürlich online. Vor allem aber fühlt man sich als Teil einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, besagter Hyperkultur, die in Berlin und Zürich ebenso zu Hause ist wie in Sydney. Man definiert sich nicht über lokale Verortung, sondern über die sozialen Netzwerke der Gleichgesinnten.

Vermutlich hätte diese Metamorphose der Ideologie der CEO, Consultants und Business-Schools zur gesamtgesellschaftlichen Moral nicht so reibungslos funktioniert, wenn auf der anderen Seite die politische Linke nicht ihrerseits Werte wie Diversität, Flexibilität, Identitätstransformationen, Offenheit und Buntheit auf die politische Agenda gehoben hätte. In einer seltsamen, aber gesellschaftlich überaus mächtigen, geradezu allmächtigen Mesalliance spielen sich so die akademisch geprägte, emanzipatorische neue Linke und die Erfordernisse des spätmodernen Kapitalismus gegenseitig in die Karten.

Da man sich jedoch nur unter seinesgleichen bewegt, kommt es zu einer diskursiven Abschottung der Weltoffenen und Toleranten: Man verfällt dem Irrtum, das eigene Leben sei der normative Goldstandard. Aufgrund der Fehleinschätzung, dass das eigene Emanzipationsprojekt das einzig legitime und moderne sei, schaut man mit Verachtung auf jene, die an diesem Projekt und der ihm implantierten Ideologie nicht teilhaben können oder wollen.

Ökonomische Aspekte spielen dabei, das ist das Neue am neuen Klassenkampf, eine untergeordnete Rolle. Das gilt übrigens für beide Seiten: Eben weil die neuen Eliten sich vor allem über Werte, Normen und Lifestyle definieren, kann auch derjenige sich als Angehöriger der neuen globalen Klasse fühlen, der sich mit prekären Jobs durchs Leben schlägt, jedoch die richtige Gesinnung hat und an den Insignien des Zeitgeistes zumindest teilweise partizipiert.

Umgekehrt gehört auch der ökonomisch gutsituierte Konservative schnell zu den Abgehängten, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen oder erkennen wollen und weder offen sind noch flexibel oder kreativ, sondern einfach am Althergebrachten festhalten möchten und die Tradition achten. Im Zweifelsfall reicht es, sich für den Fortbestand von Gymnasien auszusprechen oder für Frontalunterricht, für Dieselfahrzeuge oder eine Beschränkung der Migration, um als geistig und kulturell abgehängt und daher nicht mehr diskursfähig zu gelten.

Alexander Grau

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-neuen-globalen-eliten-wie-sie-ticken-ld.1521130

Das ist einer der intelligentesten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Er definiert sowohl die “Elite” (Hyperkultur) als auch die Konservativen, die unabhängig vom Einkommen “abgehängt” sind/sein sollen (Kulturessenzialisten). Der Autor erklärt auch genau die unterschiedliche Wahrnehmung, auf der die Trennung der Gruppen basiert. 

Ich entnehme diesem Artikel, das ich mich stets irrte, indem ich mich als Underdog empfand, und zugleich irrte, indem ich den ökonomischen Status als Basis einer sozialen Einordnung akzeptierte. Das war die Übernahme von Werten aus dem frühen 20. Jahrhundert und der Zeit davor und entsprach einfach meiner negativen Einstellung. 

Zum Verständnis meiner eigenen Borniertheit verhalfen mir zwei Pizza-Fahrer unlängst, als sie mir darlegten, dass Homosexualität im Gegensatz zu meinem Verständnis nicht von jedem akzeptiert wird. So fand ich mich im Pizza-Keller plötzlich allein mit meiner Überzeugung gegen sie und Mike Pence. Der gehört dann wie diese beiden Migranten und Frau Kramp-Karrenbauer laut Herrn Grau eben nicht zur Elite.

Die Moralisten-Bewegung, für die Fröken Thunberg steht, ist in diesem Sinn der extremistische Flügel der Elite. Hier werde ich dann links von den Jungen überholt, abgehängt, deklassiert. Das Gefühl ist mir durchaus bekannt, konnte ich bei Yoyodyne aus unter anderem ökonomischen Gründen doch nie in der gleichen Weise am Leben der Elite partizipieren wie meine Vorgesetzten. 

Die Migrationswelle von 2015 war ein Punkt, an dem die Hyperkulturellen und Kulturessenzialisten (wir brauchen da noch griffigere Bezeichnungen) sich ihrer unterschiedlichen Auffassungen bewusst wurden. Es war auch ein Jahr, in dem die Hypers damit konfrontiert wurden, wie gering ihre Weltanschauung ausserhalb der ersten Welt wirklich verbreitet war. 

Das erklärt vielleicht ein wenig, wenn auch Hypers mal ausländerfeindlich sind. Sie sind es natürlich selektiv, während Kulturessenzialisten durchaus mal alle Fremden ablehnen können, weil die ihnen halt fremd sind.  

Wie man keine Verantwortung hat, muss man lernen

Gerade finde ich die Belanglosigkeit meiner Tätigkeit als hilfreich, als nützlich. Ich lerne da etwas darüber, wie man keine Verantwortung hat. Ich lerne, wieviel Paula (und Maniac) von mir verlangt haben. Ich lerne, wie wenig Anteilnahme ich von meinen Kollegen erfahren habe. 

Klar, da ist die Frage, ob es an mir liegt, dass es keinen von ihnen geschert hat, wie es mir geht. Und dann ist da natürlich auch die Frage, ob ich mit meiner plattfüssigen Art, den Menschen mein Bedürfnis nach Zuwendung aufzudrängen, sie nicht immer zurück gestossen habe. 

Doch sei es wie es sei – ich fasse zusammenfassend zusammen, dass niemand mir zuhilfe kam. Nicht meine Vorgesetzten bei Yoyodyne Europe, nicht meine Kollegen, nicht meine Frau. Das vielleicht etwas über mich, aber auf jeden Fall aber einiges über sie aus.  

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/burn-out-stress-arbeitsplatz-depressionen-ueberlastung-erfahrungen

Achtet aber den Burger-Brater, der nicht Spongebob heisst

Es ist eine gängige Gepflogenheit in bestimmten Kreisen, die System-Gastronomie gering zu achten. Immerhin werden Mensch und Natur zu keinem höheren Zweck ausgebeutet, um seltsam schmeckende Fleisch-Bratlinge servieren zu können. 

Ich aber, ich widerspreche der Moralisten-Bewegung, die sich überall breit macht. Wo sonst finden Migranten in diesem Umfang Arbeit, wo sonst begegnen sich Menschen so ohne Vorbehalte? Und wo sonst sollten Menschen wie ich auf ihren Reisen rasten, wenn nicht in diesen Pendants der Bahnhofsgaststätten des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts? 

Da gibt es stets Menschen, denen man zuschauen kann, Nahrungsmittel erstaunlichster Art und mit den aberwitzigsten Bezeichnungen, freies Internet und Strom für das Mobiltelefon. Dazu sind die Toiletten leidlich sauber und kostenlos. 

Es ist also der richtige Ort, um darüber nachzudenken, dass man ein Idiot ist. Rappelstrunzdoof, der Mama beim Wickeln vom Tisch gefallen, ein Schwachmaat, der Synonyme sind viele, das Ergebnis ist das gleiche. 

Zum Anlass dafür diente mir der Hinweis des Herrn Schrammel auf einen bisher von mir ignorierten Schiebeschalter an der Explorer. Er diente verschrobenerweise dazu, von Stand- auf Fahrlicht umzuschalten. Ein anderer Schalter, den ich gefunden hatte, sollte dann den Wechsel von Abblend- zu Fernlicht ermöglichen. 

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Leider behob das den Wassereinbruch im Gehäuse der Beleuchtung nicht. Aber mangelhafte Dichtungen in diesem Bereich sind ja sozusagen chinesisches Volkstum und daher für einen weltoffenen und toleranten Menschen nicht zu beanstanden. 

Mich inspirierte dieses Gefühl dann aber zu der Überlegung, dass ich doch irgendwann den Kabelvertrag gekündigt hatte, um mich nach einer Alternative umzuschauen. Ein Blick ins Kundenaccount bei Vodafone bestätigte mich – ja, der Vertrag war gekündigt, geschlossen und tot. Einen neuen allerdings beschloss ich nicht mehr abzuschliessen. 

Denn offensichtlich streamen wir schon seit drei Wochen Sky über das Internet. Wesentliche Beeinträchtigungen im Empfang gab es über das bei Vodafone übliche hinaus nicht. Ich war zwar ein Idiot, der einen ausgewachsenen Schalter übersehen konnte, aber doch keiner, der 20 Ecu für etwas ausgab, das er so offensichtlich nicht brauchte. Dafür könnte ich doch Netflix auf Paulas Namen buchen. 

Leider brachte mich diese Überlegung dann zu der Frage, ob ich nicht doch ein Vollpfosten sei, weil ich nicht bei Yoyodyne geblieben bin. Da hätte ich doch schön vom neuen Unternehmenssitz aus eine sehr kleine Wohnung in der Umgebung suchen können. Immerhin ist um die Ecke ein sozialer Brennpunkt oder wie man in meinen Kreise sagt: ein Stadtteil mit niedrigen Mieten. Weit wäre ich mit diesem Plan aber wohl nicht gekommen, hätte sie doch gewusst, vor welchem Unternehmen ich mein Vehikel geparkt hätte.

Die Mitarbeiter haben Ahnung, keine Titel

Das einzige, was mein alter und mein neuer Arbeitgeber gemeinsam haben, ist ein gewisser Überschuss an Platz. Waren aber bei Yoyodyne die leeren Büros die Folge von Entlassungen, sind sie hier Vorrat, Platz für Mitarbeiter, die sich uns  früher oder später noch anschliessen sollen. Oder wie der Senior-Chef so gerne sagt: “Die Möglichkeiten in unserem Bereich sind endlos.”

Ob das für mich persönlich auch in der gleichen Weise gilt, weiss ich noch nicht. Das Unternehmen ist aber ein gutes Beispiel für all diese Betriebe irgendwo im Hinterland, die Dinge vertreiben, die jeder braucht und über die kaum einer nachdenkt. Vielleicht sind es Fenstergriffe oder Fahrradpedale, vielleicht Bierzapfanlagen und vielleicht solche für Tankstellen, in Gelnhausen, Wolfratshausen, Schrobenhausen oder sonstwo. Da haben die Mitarbeiter keine chicen amerikanischen Titel, aber meistens Ahnung.

Allein der Mangel an Abteilungsleitern, die alles tun, ausser ihre Abteilung zu leiten, ist schon eine angenehme Abwechslung. Denn bei Yoyodyne gehörten die auch immer zu internationalen Projektgruppen, wo sie über die Einrichtung des Vertriebsbüros in Lima diskutierten. Vor allem aber waren sie damit beschäftigt, die Projekte zu verfolgen, die ihre eigenen Vorgesetzten priorisierten. Selbst wenn diese Oberabteilungsleiter Oberdeppen waren und die Projekte das Unternehmen nicht voran brachten, erhielten sie dafür schliesslich Anerkennung und Boni.

Ich hätte mir wahrscheinlich schon früher einen anderen Arbeitgeber suchen sollen. Das letzte Jahr bei Yoyodyne war definitiv eines zuviel. Aber auch davon werde ich mich wieder erholen.

 

Blütenblätter regnen auf ein Ende

Blütenblätter regnete es, als ich bedachte, dass mir meine Kollegen so wenig fehlen werden wie ich ihnen. Mehr werden mir wahrscheinlich die Einnahmen aus jenen ebay-Verkäufen fehlen, die ich nicht mehr haben werde.

Es schmerzt meine verholzte Seele, wenn ich an das schöne Geld denke. Jedoch habe ich soviel zur Seite gelegt wie ich es mir vorgenommen habe und dieses Sümmchen auf einer Insel im elektronischen Okeanos, dem Internet, vergraben.

Was ich am Schreibtisch hatte, füllte mit Mühe eine Papiertüte. Vier original verpackte Cola-Gläser von McD, drei Tassen, eine davon mit Werbe-Aufdruck, ein Handy-Ständer, gleichfalls mit Werbe-Aufdruck, ein Messer mit Keramik-Klinge, zwei elektrische Gurtwickler.

Maniac, der mir dabei half, das Büro aufzuräumen, war in Gedanken schon bei seinem neuen Job. Ein Händedruck besiegelte das Ende einer Zusammenarbeit, die mehr als zwanzig Jahre gedauert hatte.

Wer nicht mehr dazu gehört, gehört nicht mehr dazu

Mein Drogenexperiment brach ich nach zwei Wochen ab. Wie ich vermutet hatte, erledigte sich damit auch meine Erkältung, ein Abschiedsgeschenk Maniacs.

Er, Schrammel und der Neandertaler sind die einzigen meiner Kollegen, die sich bei mir melden. Keine Wilhelmina Peppermunt, keine Devi, kein Charles, kein Feldmann. Wer nicht mehr dazu gehört, gehört nicht mehr dazu. Ich weiss jetzt schon nicht mehr, ob diese Firma eine ist oder ein merkwürdiger Kult. Ich werde wahrscheinlich niemanden mehr von ihnen treffen.

Ganz der fiese Sack, der ich nun einmal bin, nahm ich mir noch die Zeit, mit einem Post bei Xing dem Herrn General Manager zu zeigen, dass ich mehr vom Produkt verstehe als er. Ich verstehe auch mehr vom Verkaufen als er. Schliesslich konnte ich mir meine Kunden an der Hotline nicht aussuchen. Da nimmt man, wer halt gerade anruft oder mailt und bearbeitet ihn. Das übt.  

Damit aber beendete ich meine Tätigkeit für Yoyodyne Europe. Es geht mir besser, wenn ich dieses Unternehmen hinter mir lasse. Wie heisst es doch so treffend:


Wie kündigt man im 21. Jahrhundert?

  1. startet man seinen Dell-Laptop, der einen Konflikt der IP-Adresse behauptet.
  2. behebt man diesen Konflikt, indem man dem Dell eine andere IP-Adresse zuweist, als dem Ulefone S7 neben sich auf der Couch
  3. versucht man herauszufinden, ob der Herr General Manager sich im fraglichen Zeitraum überhaupt in diesem Raumzeit-Kontinuum aufhält
  4. erfährt man, man solle sich an Abteilungsleiter Schweinebacke wenden und dem die Kündigung persönlich geben soll
  5. ist man noch krank geschrieben und wird den Teufel tun, im Krankenschein zu Yoyodyne Europe zu fahren, um diesen Kollegen zu sehen
  6. verfasst man ein freundliches und persönlich gehaltenes Kündigungsschreiben an Edna als Personal-Tussi
  7. schreibt man eine eher formelle, aber immer noch freundliche Version des Kündigungsschreibens
  8. druckt man die pdf beim Nachbarn aus, weil man vor vielen Jahren den eigenen Epson geschrottet hat
  9. erfährt man, dass die Kündigung statt als  Einschreiben auch als Prio-Brief verschicken kann, der auch am nächsten Tag ankommt und sich über das Internet tracken lässt
  10. informiert man den notorischen Mitwisser vom nächsten Schreibtisch per Whatsapp in der Web-Version, dass der Countdown läuft
  11. lehnt man sich entspannt zurück und wartet auf den Knall

Porträt in Gehrock und Tirpitz-Bart

Das Urteil

Die Unschuld. Erhabenes Gelingen.

Fördernd ist Beharrlichkeit.

Wenn jemand nicht recht ist, so hat er Unglück,

und nicht fördernd ist es, irgend etwas zu unternehmen.

Kommentar zur Entscheidung

Die Unschuld. Das Feste kommt von außen und wird zum Herrn im Innern. Bewegung und Stärke. Das Feste ist in der Mitte und findet Entsprechung.

Großes Gelingen durch Korrektheit. Das ist der Wille des Himmels.

Wenn jemand nicht recht ist, so hat er Unglück, und nicht fördernd ist es, irgend etwas zu unternehmen. Wenn die Unschuld weg ist, wohin will man dann gehen? Wenn der Wille des Himmels einen nicht schützt, kann man dann etwas machen?

Das Feste, das da von aussen kommt und zum Herrn im Inneren wird, das ist die Entscheidung für den Umzug der Yoyodyne Europe in einen Stadtteil, den wir in diesem Blog “Wunderland” nennen wollen.

Ich wundere mich nämlich jedes Mal, wenn ich diese Ecke der Hauptstadt durchquere, über die “Social Activities”, als da sind: Bordelle, Stehausschänke und Metzgereien, die Fleisch vom Pferd und vom Halal verkaufen. Auch heisst das grösste der Institute, die sich jener besonderen Leibesübung widmen, “Wunderland”, die Inhaberin übrigens Alice Backes.

Wir haben uns en groupe heute das neue Gebäude angesehen. Grosse Räume, Wände ohne Kaffeeflecke, Teppiche, die nicht von Tränen der Verzweiflung getränkt sind, genug Orange, um das Set von NCIS: Germany zu sein. Ein Gebäude aus Bürocontainern in einem Gebäude aus Backsteinen, das 21ste Jahrhundert in Gehrock und Tirpitz-Bart des 19ten.

Für Überstunden gibt es auch eine gemütliche Couch und eine Dusche. Denn wer weiss, ob man nicht einmal die Nacht durcharbeiten muss! Ich wäre da von Zeit zu Zeit durchaus bereit. Aber werde ich dann noch in diesem Unternehmen sein?

Paula drängt darauf, dass ich mir einen anderen Arbeitgeber suche, der räumlich unserem Lebensmittelpunkt näher ist. Mir wäre mehr nach einer Freiheit, die ich zwischen den Glaswänden des neuen Gebäudes nicht mehr finden kann. Wenn da jemandem Einsicht zuteil wird, ist es vielleicht gar mein Vorgesetzter. Ob dem gefiele, wie er in diesem Blog porträtiert wird? Ich bin nicht Lovis Corinth, und er ist nicht Admiral Tirpitz.


Sterilisiert Hartz IV-Empfänger!

Paula spricht über eines ihrer Lieblingsthemen. Neben der Zwangssterilisierung von Hartz IV-Empfängern ist das die Unausweichlichkeit, mit der jedes andere Unternehmen mich entlassen würde, fände ich denn überhaupt einen anderen Arbeitgeber als die zum unweigerlichen Untergang bestimmte Yoyodyne Europe

Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen YE und der Illinois Electro Door, die ohne zu zögern Gestalten anheuerte, die ein bis drei gescheiterte Karrieren als Referenz hatten. Und Typen wie mich, die darüber hinaus noch ein gerüttelt Mass an Persönlichkeitsstörungen mitbrachten. Dem General Manager heute fehlte dafür der Humor.

Als Betriebsrat bin ich gerade an den Verhandlungen über einen Auflösungsvertrag für eine Mitarbeiterin beteiligt, deren Seelenleben nie das ausgeglichenste war. Die Abfindung ist im Vergleich zum Vorjahr auf ein halbes Monatsgehalt pro Jahr Betriebszugehörigkeit gesunken.

Den Fall habe ich Paula nicht dargestellt. Sie ist gerade so schön im Schwung.

Shit-Life-Syndrome

Ich habe zwei Tage lang nur geschlafen. Zwar geschah es aus Schwäche und Krankheit, trotzdem habe ich selten Zeit angenehmer verbracht. Gelegentlich kam mir dabei allerdings  der Gedanke, es sei die Zeit gekommen abzunippeln.

Jedoch war der Gedanke hier: “Ich sterbe. Und das ist gut so.” Bedauerte ich dabei etwas, war es, dass ich nichts bedauerte. Paula, da war ich gewiss, würde sich mit der Lebensversicherung versehen, endgültig in ein Paulaversum voller Katzen verziehen und mir die Schuld an meiner Abwesenheit vorwerfen.

Mit so etwas hat sie Übung. Sie warf mir schliesslich auch vor, dass ich mich nicht an der Hausarbeit beteiligte, während ich schlief. Da kann es schon einmal vorkommen, dass jemand auf den Gedanken kommt, dieses Leben sei es nicht wert.

Zumal wenn ihn die Freude auf die Zusammenarbeit mit Abteilungsleiter Schweinebacke und vier Stunden Arbeitsweg umfasst.  Zählt es als Depression, wenn man gute Gründe dafür hat, niedergeschlagen zu sein, oder fällt das unter SLP – Shitty Life Problems?

https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/aug/19/bad-news-is-were-dying-earlier-in-britain-down-to-shit-life-syndrome