Shit-Life-Syndrome

Ich habe zwei Tage lang nur geschlafen. Zwar geschah es aus Schwäche und Krankheit, trotzdem habe ich selten Zeit angenehmer verbracht. Gelegentlich kam mir dabei allerdings  der Gedanke, es sei die Zeit gekommen abzunippeln.

Jedoch war der Gedanke hier: “Ich sterbe. Und das ist gut so.” Bedauerte ich dabei etwas, war es, dass ich nichts bedauerte. Paula, da war ich gewiss, würde sich mit der Lebensversicherung versehen, endgültig in ein Paulaversum voller Katzen verziehen und mir die Schuld an meiner Abwesenheit vorwerfen.

Mit so etwas hat sie Übung. Sie warf mir schliesslich auch vor, dass ich mich nicht an der Hausarbeit beteiligte, während ich schlief. Da kann es schon einmal vorkommen, dass jemand auf den Gedanken kommt, dieses Leben sei es nicht wert.

Zumal wenn ihn die Freude auf die Zusammenarbeit mit Abteilungsleiter Schweinebacke und vier Stunden Arbeitsweg umfasst.  Zählt es als Depression, wenn man gute Gründe dafür hat, niedergeschlagen zu sein, oder fällt das unter SLP – Shitty Life Problems?

https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/aug/19/bad-news-is-were-dying-earlier-in-britain-down-to-shit-life-syndrome

Advertisements

Ho! Ho! Hä?

Ich habe wieder eine Weihnachtsfeier überlebt, eine Apotheose aus Schnitzeljagd, dem britischen Kollegen als Weihnachtsmann und gefüllter Paprika.

Ich arbeite ja durchaus gerne und stehe auch dazu. Denn dabei gibt es einen Verhaltenskodex, der die sozialen Beziehungen zwischen mir und meinen Kollegen streng reguliert. Das erleichtert es beiden Seiten den Umgang miteinander.

Ausserhalb dieses Konstruktes wird es dann natürlich schwierig. Ich zumindest habe das deutliche Gefühl, mich wie der Depp vom Dienst zu verhalten. Trotzdem sind diese Veranstaltungen nötig.

Denn bei ihnen versichere ich mich immer wieder, dass sich an dieser Beziehung nichts geändert hat, dass diese Regeln weiterhin gelten. Jenseits des Menschenlandes gibt es noch die Welt des Wahnsinns voller Stimmungsumschwünge, Launen und Chaos, in der Paula lebt.

Im Übrigen wünschte ich mir für die Zukunft, mein Schnitzel nicht mehr jagen zu müssen. Es reicht mir durchaus, es gebraten auf meinem Teller zu finden, dazu ein wenig Salat, Pommes-Frites und eine kleine Cola.

Burn The Witch

Version:1.0 StartHTML:000000174 EndHTML:000005156 StartFragment:000000435 EndFragment:000005124 StartSelection:000000435 EndSelection:000005124 SourceURL:about:blank

Gehört Tumblr zu Yoyodyne? Ach, nee, das ist Verizon. Die sind eher mal bereit, sich den Teppich unter den Füssen weg zu ziehen, um einen grossen Kunden glücklich zu machen. Bei Oath wird geputzt und aufgeräumt. Flickr ist schon verkauft, bei Verizon erst mal 10.000 Mitarbeiter gefeuert und bei Tumblr gibts in Zukunft keinen „Adult Content“ mehr.

Darunter verstehen sie: „Fotos, Videos oder GIFs, die echte menschliche Genitalien oder weibliche Brustwarzen zeigen, sowie jede Darstellung – auch Illustrationen – sexueller Handlungen“. Das aber war ein wesentlicher Bestandteil von Tumblr. Das war sozusagen ein Reservat, wo sich der Geist der frühen Jahre des Internets hielt, als Pornografie, Anarchie und Kunst wenig bis gar keine Grenzen hatten.

Die Frage der Fragen, die bis jetzt noch keiner vom Marketing beantworten kann, ist natürlich, wie weit die Nutzer-Zahlen deswegen sinken. Die liegen zur Zeit jeden Monat noch bei einer halben Milliarde. Mit hinlänglichem Ungeschick könnte Tumblr jetzt aber das nächste Facebook werden. Irgendwie uncool und nutzlos, aber mit dem Flair einstigen Ruhmes und zu gross, um es pauschal zu vergessen.

Ich lasse mich dort quasi permanent mit belanglosen Nachrichten versorgen. In diesem Sinn ist es für mich das RTL des Internets geworden, Ausdruck des mangelnden Sinnes, den ich in meiner Arbeit sehe, Heimat aber auch eines gepflegten Carmilla-Fan-Kultes und von Unfugbilder.de, npr und burnthawitch.

Aber die letztere ist ja wahrscheinlich auch nach dem 17. nicht mehr da.

https://lookbook.nu/racquelbrazer

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Verizon-muss-Milliardensumme-abschreiben-article20768359.html

Ich löse Ehekrisen

Einst bedurfte ein Kunde umgehender Hilfe von mir. Ohne eine Fernbedienung für sein Garagentor konnte er nämlich nicht auf seinen Alkohol-Vorrat zugreifen. Ohne sein Lager aber müsste er sich im Rewe drüben eindecken, so die Gefahr eingehend, dass seine Frau Einblick gewönne.

Die Kundin heute meldete sich aus einer “halben Ehekrise”. Sie habe den Garagentorantrieb nämlich beschädigt. Wie leicht liess sich ihr helfen, haben wir das passende Ersatzteil doch zu einem erschwinglichen Preis noch am Lager.

Allerdings muss jetzt noch das Tor wieder eingebaut und der Kleinbus ihres Mann ausgebeult und neu lackiert werden. Das erinnert ein wenig an jenen Berufskraftfahrer, der seinem Spediteur einen beschädigten Spiegel meldete, beschädigt, weil der Lastkraftwagen darauf läge.

Ich schau mal bei ebay nach einer Packung Autopolitur und vier fetten Rims. Dann roll ich damit zum neuen Firmensitz. Mit dem Bus komme ich erst nach 2 ½ Stunden an, mit dem Roller… ich bin sehr angetan von La Mosca, habe aber meine Zweifel, wo es um die Möglichkeit geht, monatlich 1.500 km damit zurück zu legen. Da krabbelt wahrscheinlich bald der chinesische 4-Takt-Motor raus und bettelt um Gnade.

You’re a mean man, Mr. Grinch

Be excited to start the party with a Christmas Adventure Race… One highlight will be that everyone can cut his own Christmas Tree…”

Ich bin schon total “excited”, wenn ich daran denke, mit einer Axt in der Hand in einem dunklen Wald meinen Vorgesetzten zu begegnen. Die scheinen mir recht optimistisch, wenn sie glauben, dass ich damit einer Tanne zu nahe trete, wenn sie mir vorher zu nahe getreten sind.

Die Liste ihrer Vorgänger ist so lang wie die ihrer Inkompetenzen. Bei einem hat nur der Drogenhändler um die Ecke gemerkt, ob er im Büro war oder nicht, ein anderer leitet jetzt einen Imbisswagen statt einer Abteilung, und eine macht etwas Unanständiges mit Kettensägen in einem Cabaret.

Aber die waren allesamt clever genug, um mich in Ruhe zu lassen. Denn die Arbeit, die ich mache, hat mit Produkten zu tun, die nicht funktionieren, und mit Kunden. Mit ENDkunden! Wir reden hier über wirre, alte Männer und manchmal auch über die Witwen wirrer, alter Männer. Mit solchen Leuten WILL man als Hipster/Manager einfach nichts zu tun haben.

Und mit denen, die mit ihnen zu tun haben, auch nicht. Das sind Typen, die man sonst nur im Steh-Imbiss trifft, wenn man auf Geschäftsreise Heisshunger bekommt, vielleicht noch am Bahnhof oder im Darkroom. Deren Jeans ist formlos, die Schuhe ausgelatscht und ihr Beförderungsmittel fragwürdig. Sie führen Leben, über die man am liebsten gleich gar nichts weiss.

Dafür halten sie einem aber diese Kunden vom Hals. In der Zeit, die man mit denen verbrächte, kann man in Meetings sein, die Folio für die eigene Hybris sind. Entsprechend lässt man ihnen einen gewissen Freiraum und fragt sich nicht, wie sie ihre Zeit verbringen, wenn sie nicht telefonieren, mailen oder chatten – immer unter der Voraussetzung, dass sie diese drei Dinge in hinlänglicher Weise mit Kunden tun.

Man beschert sie aber nicht mit der freudigen Kunde, dass man den Firmensitz in die Hauptstadt verlegen will, so den Arbeitsweg auf zwei Stunden pro Richtung und die Kosten dafür  um das 2,5-fache erhöhend. Da wird der Angestellte dann zum Axtmörder. Oder wenigstens zum Grinch.

Alles Schweinebacken, diese Schweinebacken!

Der General Manager fand tatsächlich wieder zurück. Ich weiss nicht recht, wie er in diesen zwei Tagen zu einem Vollbart gekommen war, aber das war mir ja auch egal, konfrontierte mich diese Leuchte doch mit einem neuen Plan, der ihm offensichtlich in der geistigen und räumlichen Entfernung von unserer Realität gekommen war.

Zum Vorgesetzen meines fröhlichen Fähnleins von Service-Mitarbeitern erklärte er nämlich einen Mitarbeiter aus einer anderen Abteilung, der sich durch die Umgangsformen eines Troglodyten auszeichnet. Ach, wie viele heitere Augenblick verbrachte ich doch einst im Betriebsrat damit der Grossen Vorsitzenden zuzusehen, wenn sie versuchte, sie weiterzuentwickeln, diese Umgangsformen. Wie angemessen schien mir doch damals ihre grosszügige Verwendung einer Keule, und wie wenig Nutzen zog er aus der Ermahnung.

Gerade das aber scheint ihn in des Tzaren Gunst und damit schon gleich in der des General Managers befördert zu haben. Alles Schweinebacken, diese Schweinebacken!