Ananias J. Bond

Ein geschickterer Autor als ich könnte eine Geschichte daraus machen, wie eines Tages am Ende des 19. Jahrhunderts ein Angestellter in das Büro seines Vorgesetzten gerufen wird. Das ist an und für sich nichts besonderes, nicht heute, nicht damals. Es sei aber ein Büro bei Aussenministerium in London und jener Vorgesetzte ein genialer Mann von ausserordentlicher Faulheit. So faul, dass er alle seine Brief und Anweisungen nur mit dem ersten Buchstaben seines Vornamens unterschriebe: M. 

Jener Angestellte, ein zierlicher, etwas femininer Mann namens Albert Moneypenny also erwartet seine Kündigung. Denn er ist ein eher mässiger Angestellter im Dienste ihrer Majestät, der Königin. Statt dessen bietet ihm M aber einen Posten als sein Sekretär an. Dafür aber gibt es eine Bedingung. Albert muss einen Mann finden, der in London untergetaucht ist. So weit untergetaucht, dass weder Scotland Yard noch Ms Bruder ihn finden können. 

Albert aber hat einen besonderen Zugang zu Orten, die der polizei quasi verschlossen sind. So streift er durch die Badehäuser von London, trinkt Tee in Herren-Salons und verbringt Zeit in öffentlichen Toiletten. Er ist ein vertrauter Anblick dort, keiner, den man für einen Polizisten hält. Nach fast zwei Wochen bekommt er einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Gesuchten, den er für seinen Ex-Geliebten ausgibt. 

Mr. Raffles versteckt sich in der grosszügigen  Wohnung eines amerikanischen Millionärs, der sich auf dem Kontinent aufhält.. Dort findet ihn Albert und übergibt ihm ein Schreiben von M. Gemeinsam begeben sie sich zu seinem Büro, wo M und Raffles, die sich als Cousins herausstellen, einen Vertrag schliessen. Raffles, ein polizeilich gesuchter Einbrecher, wird nun Aufträge für M übernehmen. Dafür erhält er eine neue Identität und Hilfe, wenn er gefasst werden sollte. 

M hat bereits eine Wohnung in Mayfair für ihn mieten lassen. Dort wird er sich als Mr. James Bond, ein Millionär aus Kanada, unter die Reichen und Schönen mischen, um aus dem Tresor des griechischen Gesandten die Angebote ausländischer Werften für den Bau neuer Kreuzer zu stehlen und ähnliche Aufgaben zu erfüllen. Seine neue Arbeit zwingt ihn zu weiten Auslandsreisen nach Ägypten, Italien, Deutschland, Russland und den USA, bei denen er reihenweise ansehnliche junge Männer verführt. 

War ja noch vor dem Krieg, wir hatten ja nichts

Früher war alles viel früher. Wir hatten zum Beispiel kein Youtube. Eigentlich hatten wir ja gar nichts, war ja noch vorm Kriesch.

Dafür hatten wir Zigarettenstummel überall auf den Böden der Bahnhöfe und in Aschenbechern in Wohnzimmern. Damals war das Rauchen in der Wohnung noch nicht auf soziale Randgruppen beschränkt.

Die konnten seinerzeit übrigens im Fernsehen noch nicht sehen, wie schlecht es ihnen ging. Es gab nämlich nur zwei Programme, und keines davon war RTL. Sowohl im “Tatort” auf ARD als auch bei “Derrick” auf ZDF mordete man vorzugsweise in besseren Kreisen, so das wirtschaftswachstumsbedingte Wachstum dieser sozialen Klasse mühsam in Schach haltend.

Wir lasen damals noch Bücher auf PAPIER! Ich bitte die jüngeren Leser dieses Blogs, sich das einmal vorzustellen! Aber in diesem Medium brachten uns Edward Hornung und Agatha Christie nahe, dass es Homosexuelle gab, und Arthur Conan Doyle und Rex Stout erzählten uns von Asexuellen.

Die Töchter der Sappho waren in der Kriminalliteratur übrigens unterrepräsentiert. So beraubten die klassischen Kriminalschriftsteller Natasha Negovanlis vorab grossartiger Filmrollen. Dafür hatten wir Jodie Foster, für die einmal jemand einen US-Präsidenten töten wollte.

Es waren raue Zeiten, in denen kein Wohnzimmerschrank kein Barfach hatte. Dort hoben unsere Eltern zwar keine Barren von Gold auf, dafür aber eine frei zugängliche Auswahl von Likören und Schnäpsen. Als Kind musste man halt selbst entscheiden, wie interessant das war. Ich mochte es nicht.

Aber ich hatte damals ja einen Crush für das Mädchen in der Parallel-Klasse, allerdings  auch einen für Conan den Cimmerier. Dem konnte die schauspielerische Darstellung von Arnold Schwarzenegger abhelfen. Der Charakter in den Geschichten war bei weitem anziehender.

Der Überwachungsstaat war noch analog, der Terrorismus hausgemacht, argumentierte aber nicht weniger abstrus als die aktuelle Variante. An den Postämtern, die es noch in jedem Ort gab, weil jeder Briefe auf PAPIER verschickte, hingen die Photos der Terroristen.

Die Bundesrepublik Deutschland war die Staatsform des Militärisch-Industriellen-Komplexes. Zahlreich waren die Verbündeten, Amerikaner, Briten, Niederländer, Kanadier, Belgier, zahlreich war die Bundeswehr. Sie allein hatte 500.000 Soldaten. Dazu gab es eine stehende Reserve-Division in der Uniform des Bundesgrenzschutzes und eine Million Reservisten, bereit, sich im nächsten Zeughaus mit Waffenrock, Büchse, Strahlbomber und Panzer zu versehen.

Sie sollten den Feind, den Russen, der dann auch mal Tschechoslowake, Ukrainer, Pole, Ungar, auch Ostdeutscher sein durfte, so lange aufhalten, bis die tapferen Allierten zur Hilfe kämen. Dann sollte laut Planung der Weltuntergang damit beginnen, dass die tapferen Krieger gegenseitig ihre Städte atombombadierten. Dafür gab es dann einen präzisen Plan. Ein Wiederaufbau war nicht vorgesehen.

Es waren also unheitere Zeiten, die niemand vermisst als die Kinder und Enkel derer, die sie erlebten, die nun ihre Unwissenheit vor dem Wissen behütet. Dem soll dieser Text vorbeugen. Doch habe ich gelernt, dass der Mensch nichts lernt. Entsprechend hoffe ich nicht.

Hail to The Fatman

Volker Kutschers Roman “Der nasse Fisch” wirft für mich zwei Fragen auf. Zum einen wüsste ich gerne, wie der Held die Kugel aus einem Polizei-Karabiner von einer aus einem Gewehr eines Kommunisten unterscheiden kann.

Denn die eine Partei hat die preussische Landesregierung ja wahrscheinlich mit dem Karabiner 98 ausgerüstet, die andere sich selbst bei der Auflösung der Wehrmacht mit dem gleichen Modell für kommende Revolutionen gewappnet. Da hakt die Logik ein wenig.

Die andere Frage ist die, ob Nero Wolfe vielleicht als Rex Stouts Vorstellung davon begann, was aus Ernst Gennat geworden wäre, hätte er nach einem informellen Treffen mit dem zukünftigen preussischen Innenminister Hermann Göring am Kuchen-Büffet bei Kranzler beschlossen, seine Aufmerksamkeit den Patissiers und Mördern von New York zu widmen.

Der deutsche Kriminalist und der montenegrinische Migrant teilen ein lebhaftes Interesse an Nahrung, die ausufernde Figur, die Bereitschaft, auf physische Bewegung weitgehend zu verzichten, und die tiefe Abneigung gegen Frauen. Tatsächlich war Nero Wolfe nach Sherlock Holmes vermutlich der erste Asexuelle, von dem ich gehört habe.

Bevor Sir Timothy Berners-Lee die geheiligte erste Website in HTML-Code schrieb, mussten wir uns unsere Identifikationsfiguren im Fernsehen und Büchern suchen. Und im Fernsehen wurden selbst A. J.Raffles und Monsieur Poirot als Heten dargestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mauser_Modell_98

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_nasse_Fisch._Gereon_Raths_erster_Fall

http://www.gereonrath.de/die-buecher/7-der-nasse-fisch.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Gennat

https://de.wikipedia.org/wiki/Nero_Wolfe

https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_G%C3%B6ring

https://de.wikipedia.org/wiki/Tim_Berners-Lee

Die U-Bahn der Lebenden Leichen

George A. Romero ist tot. Das sagen sein Arzt und seine Familie. Seine Fans erwarten wahrscheinlich noch, dass er aus seinem Grab zurück kehrt und durch die Strassen schlurft.

Immerhin war er, übrigens zusammen mit John Russo, der Erfinder des Zombie-Mythos, der also, der den Begriff “Zombie” aus dem Voodoo mit dem weltweit verbreiteten Konzept des Revenant verband, der seinem Grab entsteigt, um von den Lebenden zu zehren.

Der Zeitgeist steuerte die Ansteckung von Untotem zu Lebenden bei und die Erinnerung der beiden an ihre Kindheit in einer Zeit vor der Einführung des Penicillins den gestörten Bewegungsablauf des Zombies. Wo der Untote also wankenden Kopfes über den Bildschirm schlurft und zittert, sehen wir in Wirklichkeit das Grauen, das die vierte Phase der Syphilis bei zwei kleinen Jungen in New York auslöste.

Ich habe mich oft gefragt, ob die Asexualität des Sherlock Holmes nicht einem nämlichen Schrecken zugeschrieben werden könnte, den der Mediziner Arthur Conan Doyle erlebt hat. Interessant – und damit wieder ein Thema für jemanden mit mehr Verstand, wissenschaftlichem Interesse und Zeit – wäre die Frage, wie sehr diese Seuche die europäischen Gesellschaften in der frühen Neuzeit beeinflusst hat.

Tatsache ist, dass seit Einführung von Neosalvarsan und der Antibiotika Sexualität auf unserem Kontinent entspannter ausgelebt wird als vorher. Zugleich ist die organisierte Religion auf dem Rückzug. Da muss es jetzt aber nicht zwangsläufig einen Zusammenhang geben. Zur Gestaltung von Film-Zombies schon.  

https://de.wikipedia.org/wiki/Neurolues

http://www.n-tv.de/leute/Kult-Regisseur-George-A-Romero-ist-tot-article19939017.html

http://www.goodreads.com/topic/show/1177042-was-sherlock-holmes-asexual

Zwischen Tomate-Mozzarella und Schinken-Spargel

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Mit belegten Brötchen versucht die Geschäftsleitung uns von einem Wechsel der Strategie zu überzeugen, der das Unternehmen von einem Lagerhaus voller Restposten befreien soll. Allerdings widerspricht die neue Strategie jeder anderen Strategie, die galt, bevor die Brötchen auf den Tisch kamen. Preise winken besonders emsigen Verkäufern, die zu erreichenden Umsätze entziehen sich aber dem sich der Betreuung der Privatkunden widmenden Kundenbetreuer. Ich nehme dann mal ein Brötchen mehr als andere, ein schwacher Ersatz für den Gutschein von Amazon, der mir so entgeht. Natürlich werde ich auch dieses Unterfangen unterstützen, wie jedes, das die Existenz des Unternehmens und damit die meine sichert.

Im Augenblick liefern mir allein die Vorbereitungen für meine nächste Expedition das wenige an Hoffnung, das ich mir zwischen Paula und Feronia erlaube. Es ist nicht viel. In ihrer letzten mail erinnerte die Frau Generaldirektorin an die anstehende Urlaubssperre zur Einführung des neuen Warenwirtschaftssystemes. Im Hinblick auf das Wochenende Anfang November formuliert sie: “Bitte lasst mich baldmöglichst wissen, dass Ihr dafür zur Verfügung steht.” Die Präzision, mit der sie formuliert, spricht ebenso für ihre exorbitant-teure Ausbildung wie für die Unausweichlichkeit sowohl unserer Zustimmung und als auch Paulas nächsten Wutanfalls. Oder ist es der übernächste? Ich verliere da ein wenig die Übersicht.

Immerhin könnte mir noch blühen, dass ich schon im Oktober zu einer weiteren Reise aufbrechen muss. Die nächste geht jetzt erst einmal ins Graue Land, nach Hentzau-Bliedenfeld, Heimat solch dröger Charaktere wie des bekannten Rupert von Hentzau und seines Onkels Israel von Hentzau zu Bliedenfeld, genannt der “Söldner-Poet”, der nacheinander in russischen, polnischen, französischen und in den Diensten der East-India-Company stand und am Ende verhungerte. Diese Gefahr ist ja jetzt bei mir nach Tomate-Mozarella und Schinken-Spargel erst einmal abgewendet.

Begegnungen mit mir selbst auf dem Möbiusband

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