Ich stand zwischen Pizza-Bäckern und Pasta-Köchen und wartete in der Küche auf eine Portion Spaghetti Calabrese zwecks Komplettierung einer auszuliefernden Kommission. Chefkoch, die erforderliche Sauce rührend, sprach vom Tunneln von Ohren, einer deutschen Sitte, die ihm immer noch fremd war. Kollege Jamal auf der anderen Seite der Küche, Angehöriger einer anderen, einer weiteren ethnischen Minderheit, gar habe sich, so erzählte er mir, ein ganz anderes Körperteil tunneln lassen und dafür auch zwei Einsätze verschiedener Höhe.

Ich wusste, es würde eine dieser besonderen Schichten werden, als sich genau in diesem Moment Blondie, Kellnerin/Abiturientin/hauseigenes Genie, nach vorne beugte, um eine Abholung vom Boden aufzunehmen und uns freie Sicht auf das gewährte, was ihr Freund an ihr ausser ihrem Verstand schätzte. Einen Beinah-Zusammenstoss und eine wilde Adressen-Suche später stand ich an der Tür einer jungen Frau. Hinter ihr konnte ich ihr Schlafzimmer sehen, einen Vogelkäfig, einen kleinen Fernseher, eine Matratze für ihre Tochter, eine für sie und den Hund.

Ich konnte mir spontan vorstellen, wie sie auf dieser Matratze etwas anderes tat als schlafen. Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass sie es mit mir tat. Ihr lag dieser Gedanke mindestens genauso fern. Wie schön ist es immer, wenn Menschen sich einig sind.

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Ahnungslos selbst da, wo es sonst keiner ist

Einer der zahllosen amerikanischen Fernseh-Serien entnahm ich den Begriff der “Sexuellen Inkompetenz”. Das bin ich.

Gewiss ist Inkompetenz stets Inkontinenz vorzuziehen, aber unpraktisch ist es trotzdem. Immerhin ist sexuelle Kompetenz ein sozialer Standard und wird als solcher jedem unterstellt, der das 16. Lebensjahr leidlich erfolgreich hinter sich gebracht hat. Ich habe das 16. Lebensjahr schon lange hinter mir gelassen (und versucht, es zu verdrängen), aber das wenige, was ich über Sex wusste, habe ich inzwischen eben auch wieder vergessen.

Es ist in keiner Weise hilfreich, dass ich dieses Sujet sowohl mit Beziehungen assoziiere, die emotional wie sexuell unbefriedigend waren (für mich, schon gar für die anderen) als auch mit einer Überdosis Pornografie, die ich mir selbst verabreichte, um auszugleichen, was sich mir als sozial inkompetenter Einzelgänger entzog.

Weit unten auf der Warteliste einer Therapeutin stehend befrage ich das I Ging, das mir das Bild 44 gibt. Das steht dafür, dass das “dunkle Prinzip heimlich und unerwartet von innen und unten her sich wieder eindrängt, nachdem es beseitigt war…” (http://schuledesrades.org/public/iging/buch/?Q=5/1/2/44 ) und mir ein “verführerisches Angebot” macht, das “Schaden nach sich ziehen wird.” (http://info.kopp-verlag.de/neue-weltbilder/spiritualitaet-und-weisheitslehren/brigitte-hamann/die-64-hexagramme-des-i-ging-hexagramm-44-gou-die-versuchung.html).

Das deckt sich nun gar nicht mit meiner Erfahrung, in der verführerische Angebote so gut wie nie vorkamen. Crowleys Interpretation spricht von Eremiten, die dem Göttlichen das Weltliche opfern. Das spricht jetzt eher dagegen, diese Defizite schnell und mit jener deutschen Gründlichkeit zu beheben, die Brücken und Schiffe verbrennt.

Einig sind sich wenigstens zwei der Interpretationen darin, dass “Das Mädchen …mächtig” ist und man “ein solches Mädchen nicht heiraten” soll. Wo waren die weisen Chinesen in den frühen 90ern?

Paula denkt über das Leben nach

Paula denkt über das Leben nach. Sie denkt über unsere Beziehung nach und über mich. Das kann nicht gut ausgehen, gewiss nicht für mich. Im Augenblick begrüsst sie mich kaum anders als mit Beleidigungen, in die sie gerne denn mal Reminiszenzen an Dingen einflechtet, die sie aus dem Abstand von Jahren als kränkend empfindet. An denen herrscht kein Mangel; es ist sozusagen ein schnell-nachwachsender Rohstoff.

Gestern abend warf sie mir dann vor, sexsüchtig zu sein. Da hat wohl jemand eine lange Leitung, und ich bin es ausnahmsweise nicht.Schliesslich bin ich schon vor Jahren zu diesem Schluss gekommen, habe mich infolgedessen hinlänglich mit diesem Begriff bedacht und auch auseinander gesetzt. Da es sich dabei um einen medizinischen Begriff handelt und nicht um einen Euphemismus für einen moralischen Mangel, reagierte ich weniger betroffen als vorgesehen. Ich habe diese Sucht mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg bekämpft und am Ende, jetzt, bin ich… fast… frei von den Phantasien, denen ich so zwanghaft folgte wie ein Neo-Nazi der Rassenlehre. Ich habe sie irgendwann hinter mir gelassen, ein paar abgetragene Schuhe am Strassenrand meiner Seele. Als Ergebnis habe ich nun allerdings gar keinen Sex mehr. Paula in dieser Richtung Avancen zu machen, hemmt mich meine Abneigung ihr gegenüber ebenso wie die, die sie mir gegenüber zeigt. Da bin ich jetzt doch wählerisch und bestehe auf einem guten Grund.

An dieser Stelle allerdings stockt die Entwicklung. Denn wie und in welche Richtung sollte ich weitergehen, wenn ich doch in unserer Ehe festsitze wie ein Suppenhuhn im Salzwasser zwischen Karotten und Zwiebeln? Dazu kommt natürlich noch eine gewisse Aversion gegen den Menschen als Spezies und seine Nähe im Besonderen, die es schwierig macht, einen entsprechenden Partner zu finden.

Ich bin ein sexloses Flittchen

Gerade noch rechtzeitig exportierte ich die Pineas Diaries von My Opera zu WordPress. Soll ich nun parallel zueinander bei Tumblr und WordPress posten, was schon bei My Opera nur wenige lesen wollten? Soll ich auf der anderen Seite behaupten, der Kreis meiner Leser sei exklusiv, wo sich in seinem Umfang doch eigentlich nur ausdrückt, wie langweilig mein Leben ist… und wie wenig mich die Erwartungen anderer interessieren. So erweiterte sich die Zahl meiner Follower spontan, würde ich zum Beispiel von perversem Sex berichten wie einst Belle de Jour, die vielgeliebte, jedoch verböte mir das meine Erziehung.

Dazu kommt als weiteres Hindernis, dass es meinem Leben so eklatant an Sex fehlt wie an beruflichem Erfolg, Anerkennung, einer Perspektive und einem Auto. Das kann ich nur behelfsweise mit billigem Tee, e-books und Sid Meier’s Pirates! auf meinem Nokia Asha 309, einem Motorroller mit Dreck in der Öl-Leitung und einem Faible für Buffy Summers und Lisbeth Salander ersetzen. Das wiederum inspiriert den einen oder die andere dazu, mich Versager zu nennen. Die Gewohnheit lässt mich diese Ansicht fast teilen; allerdings gibt es neuerdings Menschen wie Strasssteinchen und den Schmock, die ihr widersprechen, die behaupten, an mir Fähigkeiten entdeckt zu haben, die mir selbst noch fremd sind.

Ein Teil von mir zögert noch, ein anderer ist bereit, sich darauf einzulassen, erliegt der Versuchung wie es sonst nur Lindsay Lohan tut.

Die Erinnerung ist die grösste Entfernung zwischen zwei Punkten auf einer Zeitachse

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