Ich fahre Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann

Ich habe meine Schwiegermutter noch kurz vor ihrem Tod im Krankenhaus besucht. Allerdings zweifle ich daran, dass sie mich noch wahrnahm. Es sei denn, dass jenes kurze Zittern, als ich ihr die Hand auf den Arm legte, Ausdruck des Wunsches war, weg zu laufen.

Mir war auch danach, weg zu laufen. Seitdem will ich immer nur weg laufen. Mit dem TOD komme ich klar, hab ihn in Ankh-Morpork mal kurze Zeit gedated. Aber Paula hat seitdem quasi einen Dauer-Nervenzusammenbruch, der nur deshalb kein vollständiger Zusammenbruch ist, weil sie eigentlich immer einen Nervenzusammenbruch hat. Ihr ganzes Leben ist ein Ausnahmezustand, ein Konzert aus sozialen Phobien, Minderwertigkeitsgefühlen, dem sich daraus ergebenden Gefühl, nicht genug geliebt zu werden.

Und das alles lebt sie über mich aus. Ich bin der, der für sie alle möglichen Anrufe machen und Verträge schliessen muss, weil sie sich dazu nicht in der Lage fühlt. Ich bin der, der ihre Pläne umsetzen soll, der, der herumkommandiert, herunter gemacht und manipuliert werden muss, damit passiert, was sie sich wünscht, ohne dass sie selbst tun muss, was sie eh nicht kann.

Aber wenn ich all das sein muss, wie kann ich ich sein? Und wie kann sie sie sein, wenn ich sie sein muss? Das klingt alles relativ verwirrend und ist viel zu kompliziert. Jedenfalls für mich, aber schliesslich fahre ich ja Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann.

Mean Girls

Paula attestiert mir gelegentlich einen gewissen Mangel an Anpassungsfähigkeit an ungewöhnliche Situationen. Das mag sein. Das ist wahrscheinlich so. Ich frage mich allerdings, ob es normal ist, wenn sie das als persönliche Beleidigung auffasst. Aber normal war ja schon immer nur, was sie auch als normal definiert. Und wen sie als normal definiert.

Zu diesem illustren Kreis gehöre ich natürlich nicht. Die Tochter des Lebenspartners ihrer Mutter, nennen wir ihn “Stiefvater 2”, mangels durchgeführter Eheschliessung in Anführungszeichen, auch nicht. Sie ist ein hässliches Frauenzimmer mit einer Frisur, die jeden Haarkünstler, der seiner Schere wert ist, in eine tiefe Depression stürzen würde.

Der Streit begann mit einer abweichenden Einschätzung der Verstorbenen, die Paula weniger positiv sah als die andere. Beider Ansichten schienen mir falsch, denn zu Lebzeiten war sie oberflächlich gewesen und  hatte einen Hang zum Höheren gehabt, der mir fremd ist. Sie war zu ihren Kindern emotional distanziert gewesen und hatte Paula und mir eine Reise in die Türkei geschenkt.

Von mir hatte sie zuerst nicht viel gehalten, dann aber mehr. Denn im Gegensatz zu Paula hatte sie verstanden, wie sehr die von mir abhängig ist und hielt mir die Geduld zugute, mit der ich sie noch nicht erschlagen habe. Das war eigentlich sehr nett von ihr. Andere sehen das als Ausdruck von Entscheidungsschwäche.

Stelle ich mir die beiden Damen nun an einem Tisch vor, gar in Gesellschaft meiner beiden Schwägerinnen, jede mit einer einer Fülle von Persönlichkeitsproblemen ausgestattet, so habe ich sofort das Bedürfnis, mir “Mean Guns” mit Christopher Lambert noch einmal anzusehen. Auch ein Leichenschmaus bedarf einer gewissen philosophischen Vorbereitung.

https://www.youtube.com/watch?v=Fpli12qttak