Wieso schleppt mich nie jemand ab, mit dem ich mich dann auch unterhalten kann?

Es gibt Berufsgruppen, also Berufsgruppen gibt es, denen begegnet man erst nur ungern und dann mit einem Kopfschütteln. Abschlepper gehören zum Beispiel dazu. Vielleicht liegt es an den Arbeitszeiten, aber irgendwie haben sie meist eine eingeschränkte Kommunikations-Fähigkeit.

Eben konferierte ich mit einem dieses Standes am Telefon über die Beförderung meines Rollers samt plattem Hinterreifen in die Werkstatt. Am Telefon, weil ich mich zu bestimmten Zeiten nun einmal zwecks Erlangung meines Lebensunterhaltes ausser Haus aufhalten muss. Beides war ihm suspekt und die Kommunikation per Fernsprecher zutiefst zuwider.

Ich hätte mich auch lieber nicht mit ihm unterhalten müssen, war aber einer Glasscherbe begegnet, die Freundschaft mit dem Reifen geschlossen hatte. Dabei hatte ich gehofft, auf seinem abgefahrenen Profil noch die Zeit bis zum Eingang der Renten-Nachzahlung durchhalten zu können. Das war mal nichts. Ich bin nicht überrascht.

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Ich fahre Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann

Ich habe meine Schwiegermutter noch kurz vor ihrem Tod im Krankenhaus besucht. Allerdings zweifle ich daran, dass sie mich noch wahrnahm. Es sei denn, dass jenes kurze Zittern, als ich ihr die Hand auf den Arm legte, Ausdruck des Wunsches war, weg zu laufen.

Mir war auch danach, weg zu laufen. Seitdem will ich immer nur weg laufen. Mit dem TOD komme ich klar, hab ihn in Ankh-Morpork mal kurze Zeit gedated. Aber Paula hat seitdem quasi einen Dauer-Nervenzusammenbruch, der nur deshalb kein vollständiger Zusammenbruch ist, weil sie eigentlich immer einen Nervenzusammenbruch hat. Ihr ganzes Leben ist ein Ausnahmezustand, ein Konzert aus sozialen Phobien, Minderwertigkeitsgefühlen, dem sich daraus ergebenden Gefühl, nicht genug geliebt zu werden.

Und das alles lebt sie über mich aus. Ich bin der, der für sie alle möglichen Anrufe machen und Verträge schliessen muss, weil sie sich dazu nicht in der Lage fühlt. Ich bin der, der ihre Pläne umsetzen soll, der, der herumkommandiert, herunter gemacht und manipuliert werden muss, damit passiert, was sie sich wünscht, ohne dass sie selbst tun muss, was sie eh nicht kann.

Aber wenn ich all das sein muss, wie kann ich ich sein? Und wie kann sie sie sein, wenn ich sie sein muss? Das klingt alles relativ verwirrend und ist viel zu kompliziert. Jedenfalls für mich, aber schliesslich fahre ich ja Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann.

Rechts oder links oder im Kreis herum?

Es liegt an den vielen Kreisverkehren in Panzerbach. Ganz eindeutig. Da kommt schon mal jemand auf den Gedanken, in England zu sein, der Heimat des Roundabouts. Doof nur, wenn jeder andere denkt, dass der Ort in Deutschland ist und deshalb auf der rechten Seite der Strasse fährt.

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Da reichte es mir an einem Abend nur noch für den Gedanken, dass mir der Spinner doch nicht etwa wirklich auf meiner Fahrspur entgegen kommt,  bevor es einen Einschlag gab und ich das Gleichgewicht verlor. Irgendwann stand ich dann mit einer Platzwunde am Finger neben La Mosca, die einiges Plastik eingebüsst und einen verbogenen Ständer hatte. Der Unfallgegner entfernte sich derweil auf die englische Art. Dabei hätte ich ihn doch so gerne kennengelernt und ihm das eine oder andere auf Deutsch gesagt.

Das bescherte mir einen Ausflug im Krankenwagen nach Hagen, wo meine Wunde genäht und verbunden wurde. Ich hatte eine interessante Zeit mit einer Krankenschwester. Sie flirtete mit jedem Mann im Raum. Mit jedem anderen. Bis ich wieder an meinem Roller ankam, waren die Rigatoni Bologna im Helmfach kalt.

https://en.wikipedia.org/wiki/Magic_Roundabout_(Hemel_Hempstead)

https://de.wikipedia.org/wiki/Unfallflucht

 

Theoretisch bin ich reich

Paula denkt über Visitenkarten nach, auf denen neben ihrem Namen und ihrer Mobilfunknummer die Berufsbezeichnung “Rentner” eingetragen ist.. Denn die Rentenversicherung hat ja mit pflichtgemässem Widerstreben ihre Berechtigung zum Bezug einer Arbeitsmarkt-Rente eingeräumt.

Jedoch konnten sich beide Parteien noch nicht über das Datum einigen, zu dem diese Zahlung beginnen sollen. Die Ansichten, über die nun ein Gericht urteilen muss, liegen da leicht drei Jahre auseinander. Sollte dann aber einmal eine Nachzahlung kommen und sollten dann gar die Steuern dieser drei Jahre neu berechnet werden, dann, ja, dann könnte ich meine Wunschliste abarbeiten, auf der Dinge wie neue Jeans, Schuhe und ein Choke für LaMosca stehen.

Und sollte dann gar der Zahnlückige dem Versäumnis-Urteil eines anderen Gerichts folgend dem Gerichtsvollzieher Schibulski 1.200 Ecu aushändigen, ach, es ist nicht auszudenken, was ich alles tun könnte. Nachdem er uns die Klageschrift vor die Haustüre geworfen hatte, so ausdrückend, was er von unserer Forderung hielt, beschloss er offensichtlich, seine Ablehnung auch auf das Gericht auszudehnen und ignoriertes es hingebungsvoll.

Das Gericht folgte seiner inhärenten Logik und unserer Klage. Einige Zeit darauf informierte mich jener Anwalt, dem ich im Rahmen der Möglichkeiten vertraue, über dieses Ergebnis und dass er mit der Einziehung des Betrages den Gerichtsvollzieher Schibulski, den mit dem schiefen rechten Bein, beauftragt habe.

Den kenne ich übrigens nicht persönlich, sondern nur von seinen Besuchen bei den Nachbarn gegenüber. Er hinkt dort so oft die Treppe vor dem Haus hinauf, dass ich ihn einige Zeit für einen der Liebhaber entweder der Mutter oder der älteren Tochter hielt, vielleicht auch beider.

Wer braucht denn Bremsen?

Im Traum wundert man sich über nichts. Ich war zum Beispiel letzte Nacht in einer fremden Stadt, um dort eine Schule zu besuchen oder zu studieren und wunderte mich weder darüber noch darüber, dass Paula es mir erlaubt hatte, mich aus ihrem Leben über einen solchen Zeitraum zu entfernen.

Aus Gründen, die mir auch im Wachen nachvollziehbar sind, mietete ich ein Zimmer in einem Bauernhaus. Von dort nahm ich Kurs auf die Bildungseinrichtung, so zufrieden mit meinem Erfolg, dass es mir nichts ausmachte, die ersten beiden Stunden zu verpassen.

Kurz vor meinem Ziel fiel mir auf, dass den Bremsen meines Rollers die so geschätzte Wirkung fehlte, links völlig und rechts reichlich. Trotzdem erreichte ich mein Ziel so problemlos, dass ich mich fragte, ob ich nicht fürderhin ganz ohne Bremsen fahren sollte und wunderte mich dieser Frage nicht.

http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/12415/3529730

CT

Zwei Stunden sollte man für eine Computer-Tomographie einplanen, natürlich ohne Parkplatz-Suche. In dieser Beziehung hatte ich den Vorteil, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Krankenhauses von Contiomagus einen Parkplatz für ihre Roller und Rollerinnen ausgerufen hatten, den ich ohne zu zögern benutzte.

Vom Ergebnis her kann die Schul-Medizin nichts für mich tun. Ich werde wohl (oder übel) in den nächsten 40 bis 50 Jahren sterben, voraussichtlich eher nicht an Nierenkrebs. Denn meine Nieren sind in einem ausserordentlich gepflegten Zustand, erste Hand sozusagen, da mit einem weitgehenden Kontaktverbot mit Alkohol belegt. Auch die Milz ist zwar gebraucht, aber sehr gut in Schuss, und die Leber hat nur einige minimale Zysten, in deren Behandlung die Ärztin weder für mich noch für sich einen Gewinn sah.

Heilfroh der Gefahr so billig entronnen zu sein, hörte ich mir im Wartebereich noch das Ende eines Radio-Tatortes an und dachte über die merkwürdige Erfahrung in diesem Apparat nach, der Bilder von meinem Inneren erzeugte und mir anordnete, wann ich die Luft anzuhalten und wann ich zu atmen hatte, während eine seiner menschliche Assistentinnen den Smalltalk übernahm und eine andere später die Ergebnisse für mich interpretierte.

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Vom Untergang des Abendlandes bei gratis Kakao und Keksen (und wlan)

Der Zustand unserer Gesellschaft ist ein beklagenswerter. Da gelten die Aphorismen der Stefanie Sargnagel als Literatur und die netteste Person, die mir in den letzten Wochen begegnete, war ein Anwalt. Dabei wären die Angehörigen dieses Berufsstandes doch in einer robusteren und weniger dekadenten Gesellschaft nichts anderes als Söldner und Gelegenheitsganoven. Ich hatte ihn besucht, um mich zum Rechtsstreit beraten zu lassen, den ich (also Paula) mit dem Zahnlückigen anfangen will.

Als eingetragenes Mitglied des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs habe ich auch die Verkehrsrechtschutzversicherung, die dieser Verein vertreibt, und kann mir so ein solches Unterfangen leisten. Muss er nun Geld heraus rücken, kommt der Zahnlückige gut weg; die Alternative wäre der Besuch zweier junger und physisch kapabler Pizzafahrer gewesen, die seinem Gesicht meine Meinung sagten.

Ich lernte dabei einiges über das Gewährleistungsrecht, das ich längst hätte wissen müssen, und en passant auch über meine Chancen, den Steuerberater nicht zu bezahlen, und die Berechtigung, mit der die Spar- und Raiffeisenkasse eine Kredit-Abschlussgebühr von mir zu verlangt.

Nicht alles davon gefiel mir, aber alles war nützlich. Genauso war es mir morgens schon beim Arzt ergangen. Wo ich Hodenkrebs befürchtet hatte, fand er nur eine Entzündung eines Nebenhodens, die er nicht einmal eines Antibiotikums würdig fand. Dafür gefiel ihm die Form einer meiner Nieren nicht. Die sei nicht nierenförmig genug, ja, da sei sogar eine Verdickung, die computertomographiert werden solle, vorzüglich in jenem Krankenhaus, wo er Belegarzt ist. Ich entschied mich für ein anderes mit kürzerer Wartezeit.

Die Zeit zwischen meinen Terminen verbrachte ich im nächstgelegenen skandinavischen Möbelhaus, wo Heizung, Kakao, Kekse und wlan gratis waren. Ich las, beobachtete der Menschen viele, begutachtete Geschirrtücher als zu dünn und whatsappte mit dem Poliziotto, Ambros und dem Kleinen Bruder. Irgendwann machte ich sogar im Wartebereich ein Nickerchen. Es war ein früher Probelauf für ein Leben als Rentner.

Man muss sich ja mal ganz langsam an diesen biografischen Abschnitt heran denken, so man so lange noch lebt. Und ohne Hodenkrebs ist das ja gar nicht mal ausgeschlossen.

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