Die Blaue Maus

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Es hat nicht zufällig einer meiner Leser ein Werkstatthandbuch für eine Vivacity S1C herumliegen, das er mir scannen könnte? Nein? Das hätte mich auch sehr überrascht, immerhin sind es fast immer weniger als zehn, die lesen, was ich schreibe. Da spricht die Statistik schon einmal dagegen.

Aber so ein WHB wäre nicht unpraktisch gewesen. Mein neues Vehikel nämlich kam ohne ein solches, und das Internet ist da auch wenig ergiebig. Vor 15 Jahren, als La Soucis Bleue gebaut wurde, war es nämlich noch nicht so, dass es zu jeder Anleitung auch ein pdf gab. Ich habe zwar Peugeot-Scooters angeschrieben, aber die reagieren noch weniger als vor einigen Jahren, als ich noch eine Ludix hatte.

Deren Handbuch ist zwar im Web grosszügig verfügbar, passt aber nicht zur Vivacity. Die hat nämlich einen stehenden Motor und keinen liegenden. Was mir prinzipiell egal ist, weil ich eh keine Ahnung habe. Das bedeutet aber, dass mir diese Anleitung bei der Suche nach der Standgas-Schraube nicht helfen wird.
An der sollte ich aber mal drehen, damit sie morgens besser anspringt.

Anzug und Geschwindigkeit der Blauen Maus sind dann recht beachtlich. Den Berg flitzt die doppelt so flott hinauf wie La Mosca, die Viergetaktete. Da konnte auch Dora The Explorer nicht mithalten.

Paula hat Stunden in die Suche nach dem passenden Roller investiert. Ich habe mich darauf beschränkt, kurz vor Ende des Auswahlverfahrens noch einen Vorschlag beizusteuern, eine Derbi Boulevard, die natürlich
umgehend verworfen wurde. Das führte dann zu einem Vortrag darüber, dass ich sowohl blöd bin als auch mich so gar nicht beteilige.

Liberty is attractive

Ich versuche, die Eindrücke zu sortieren, die ich in den letzten Monaten hatte, die Gefühle, die Gedanken. Da scheint mir gerade nicht, dass mein Leben besser geworden ist. 

Denn mein Verhältnis zu Paula ist immer noch zerrüttet, meine Berufstätigkeit unbefriedigend  und, von meinen Vorgesetzten zu schweigen, scheint mir politisch korrekt. Immerhin habe ich etwas gelernt. 

Ich weiss jetzt nämlich, dass ich dumm bin und dass ich keine Milch mehr  vertrage. Beide Erkenntnisse mahnen zur Vorsicht, die eine beim Umgang mit Menschen, die andere beim Umgang mit Lebensmitteln. Auf die Wirkung der Milch ist Verlass, auf die Menschen auch. 

Sie werden zuverlässig ihren Vorteil aus meinem Mangel an Verstand ziehen, um sich selbst in irgendeiner Weise zu bereichern, finanziell oder persönlich. 

Blicke ich aber in meinen eigenen Kern, ist das, was ich finde, nicht wesentlich anders als vor 30 Jahren. Da ist der Wunsch nach Gemeinschaft mit anderen, die Notwendigkeit, ihnen zugleiche aber aus dem Weg zu gehen, da sind die Abende mit dem Doktor im Fernsehen, die gleiche unsichere Sexualität. Wie bedauerlich, dass ich damals keinen Roller hatte. Es hätte mein Leben bereichert. 

Ich habe jetzt eine Piaggio Liberty gesehen. Sie ist fast so schön wie die Fly.

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Qianjiang Group Co., Ltd

Der alte Mann steuerte seine knallrote Piaggio Fly 50 4T durch das Gewerbegebiet. Sie glänzte in der Sonne. Mein Herz zuckte geschätzte zwei Mal. Das ist das, was in meinem Alter einem Herzrasen noch am nächsten ist. 

Seit ich Dora the Explorer fahre, haben sich wesentliche Teile der Beleuchtung, der Benzinhahn und die Tachowelle verabschiedet. Im Augenblick zeigt der Mechanismus des Tankdeckels gewisse Schwächen. 

Diese qualitativen Defizite befriedigen meine Erwartungshaltung. Ich hatte schon bei Ankauf dieses Fortbewegungsmittels befürchtet, es werde sich ein Fehler nach dem anderen einstellen. Mit dieser Idee stand ich damals gegen Paula und den Herrn Schrammel alleine. 

Wenn ich jetzt Pech habe, stehe ich demnächst alleine neben diesem Vehikel an irgendeiner Bundesstrasse. Interessant wird dann nur, wie Paula mir daran die Schuld zuschieben wird.

Fehler-Kaskaden und halbe Defekte

Mit höchstens 20 km/h strebe ich auf La Mosca den Berghang hinauf. Wieso die Geschwindigkeit an dieser Stelle so mässig ist, darüber hatte ich im Lauf der Zeit verschiedene Theorien. Der Herr Schrammel tippt auf die Gewichte, deren Unversehrtheit aber der jüngere Lenoire behauptete, bevor er dem Wahnsinn verfiel. 

Doch stellen wir uns einmal folgende Abfolge von Ereignissen vor: ich beförderte mein Vehikel vor einem Jahr in seine Werkstatt, um einen Fehler beheben zu lassen. Dies, vielleicht eine falsche Einstellung der Ventile, sei uns der Fehler 1

Er könnte ihn behoben haben, merkte es aber nicht, weil inzwischen Fehler 2 auftrat, ein defekter Bremssattel vorne. So etwas behindert den Vortrieb in nicht unerheblicher Weise. Als er dann durchdrehte, mag es sein, dass er bei der Rekonstruktion des Rollers nicht mehr die gebotene Sorgfalt hat walten lassen. Das könnte dann Fehler 3 verursacht haben, als da sind falsch installierte oder defekte Gewichte oder ein mangelhaft angeschlossener Schlauch.  

Wir wissen jetzt nicht, ob das stimmt, jedenfalls nicht, bevor der Herr Schrammel oder ein anderer, ähnlich Todesmutiger ins Innere des Rollers vorstösst. Aber solche Fehler-Kaskaden sind tatsächlich nicht ungewöhnlich. Als einzige Voraussetzung braucht es dazu jemanden, der die Übersicht verliert, und jemanden, der ihn nicht aufhält. 

Dass kann bei Schiffen, Atomkraftwerken und ähnlichen Fahrzeugen und Vorrichtungen Konsequenzen haben, die weit über das Empfinden eines Potenz-Defizites hinaus gehen, das ich da am Berg habe. 

Oder aber die CDI meines Vehikels ist halb-defekt wie es Elektroniken manchmal sind. Dann ginge sie unter bestimmten physikalischen Bedingungen leidlich und unter anderen unleidlich. 

KSR 50

Die Defizite meiner getreuen Zhongshen addierend beschloss Paula, ich bedürfte eines neuen Fahrzeugs. Dem Gedanken stand ich nicht völlig ablehnend gegenüber. Sie fand ein geeignetes in einem Dorf in Sichtweite jenes grossen Flusses, den schon Gaius Iulius erwähnte. 

Dieses Dorf befand sich zu meiner Begeisterung ganz in der Nähe eines anderen, in dem der Ex-Kollege Schrammel lebt. Der hat einen Transporter und äusserte zu meiner Überraschung auch noch die Bereitschaft, den Roller zu reparieren. Denn die Kiste sah auf den Fotos sehr gut aus, sollte aber einen Kolbenfresser haben. 

Als wir dann dort anlangten, wir drei, sah die Sache anders aus. Der Roller wirkte, als hätte ihn ein Blinder auseinander- und wieder zusammengeschraubt, die Gabel hatte einen Lagerschaden, der Ansaugstutzen fehlte, und das alles noch zu dem Kolbenfresser. 

Die drei eher harmlos wirkenden jungen Leute, die versuchten, ihn zu verkaufen, hatten noch vier Maschinen in verschiedenen Zuständen des Verfalls in einem Carport stehen und einen Panzer im Vorgarten. Dies schien mir ausgesprochen nützlich. Denn wer weiss schon, wann es Streit mit den Nachbarn um die Länge der Grashalme im Vorgarten gibt. Da wäre es doch herzlich doof, hätte man nicht einen Panzer zur Hand. 

Ich war dagegen, den Roller zu kaufen, befürchtete ich doch, Schrammel bei weitem zuviel Arbeit aufzubürden. Der allerdings war ungefähr aus diesem Grund dafür, das Ding für 100 Ecu statt der ausgelobten 300 zu erwerben. Paula war aus welchen Gründen auch immer meiner Meinung. 

Der Herr Schrammel aber ist Verkäufer. Er weiss, wie er etwas erreichen kann. In diesem Fall lud er uns zu einer Rostwurst auf dem Springturnier um die Ecke ein. Ich beobachtete seine Vorgehensweise genau. Schliesslich ist er in Leben und Beruf ja bei weitem erfolgreicher als ich. Am Ende kauften wir das Ding also doch, allerdings für 50 Ecu. Er wird es jetzt zerlegen und ermitteln, ob sich eine Reparatur lohnt. 

 

Ich hab’s ganz allein gemacht

Also, den Öl-Wechsel an La Mosca, der viergetakteten, den habe ich ganz alleine hingekriegt und zwar ohne eine einzige Panik-Attacke. Aber der Öl-Filter sieht aus, als hätte er sich mit drei betrunkenen Russen angelegt. Ganz verdreht ist er. Ein neuer kostet aber nur ein paar Ecu.

https://www.ebay.de/itm/Ersatz-Olfilter-50ccm-4Takt-Piaggio-Fly-ZAPC442-LBMC445-Piaggio-Motor-/172142738858

Il Consigliere

Der Auspuff war auch nicht die Lösung für das Problem mit La Mosca, der Viergetakteten. Der jüngere Lenoir und ich haben uns darauf geeinigt, dass ich mit der Gesamtsituation unzufrieden bin und er sich Rat von Il Calabrese holt.

Nachdem ich aufgelegt hatte, kaufte ich eine Wochenkarte für den Bus. Was immer er erreicht wird ein paar Tage dauern. Inzwischen glaube ich, dass er nur noch an La Mosca arbeiten darf, wenn sein Vater nicht in der Werkstatt ist. Vermutlich werden die beiden, sollte ich den Roller jemals abholen, mir Rabatt anbieten, wenn ich bloss nicht wiederkomme.

Ich zögere ihnen jetzt per Facebook zu übermitteln, was ich bei Youtube fand:

https://www.youtube.com/watch?v=j3IJEMlNJE4

Lüg! Mich! An!

Eingedenk des Versprechens eines Autos, das mir Paula gab, habe sie denn erst die Rente und einen Mini-Job mit 450 Ecu pro Monat, liess ich mir in der Roller-Werkstatt einer Prospekt von Motowell reichen. Sehr angetan war der Mechaniker meines Vertrauens von der Qualität dieser Fortbewegungsmittel, nie habe er in den letzten vier Jahren einen Motorschaden gesehen.

Es bremste ihn dann die Frage, ob man damit auch 12.000 km im Jahr bewältigen könne. Denn es habe wohl, meinte er dann, das noch keiner versucht, von dem er wüsste. Allerdings müsste man eine Motowell auch alle 3.000 km inspektionieren lassen. Das Pendant von Peugeot ist nicht wirklich teurer, muss aber nach den ersten beiden Inspektionen nur noch alle 5.000 km oder mit einem platten Reifen in die Werkstatt.

Ob mir klar ist, dass Paula mich (und sich) die Taschen voll lügt? Oh ja, und es sind die extra-grossen Satteltaschen, die man an ein fettes Motorrad hängt, wenn man für Gemma Morrow den Einkauf erledigen soll.

Ich weiss nur nicht, was ich mit dieser Erkenntnis anfangen soll.

Die Hoffnung ist eine kümmerliche Pflanze

Zart keimte meine Hoffnung, den Roller gegen ein Auto einzutauschen, La Mosca durch einen Vauxhall William oder Simca Twingo. zu ersetzen. Sie starb einen stillen Tod am Ende des Regals mit den Handschuhen beim spezialisierten Fachhandel.

https://www.louis.de/

Da wurde mir nämlich klar, dass Paula darauf bestehen würde, mir eine neue Motorradjacke zu kaufen. Das aber schliesst quasi aus, dass ich demnächst in einem geheizten und von meinem Mobiltelefon beschallten Auto sitze.

Das reduzierte Modell, für das wir uns dann entschieden, kostete soviel wie 43 Dosen Mac’s Tundra Ente, Pute & Fasan für Katzen. Ich sah die Viecher bereits dem Hungertod nahe.

http://www.macs-tiernahrung.de/index.php?route=product/product&product_id=425

Was ich nicht sah, war irgendein Grund, mit ihr darüber zu diskutieren. Meine alte Jacke war weder luft- noch wasserdicht und in ihrer optischen Erscheinung so beinträchtigt, dass immer wieder irgendwelche Hartz 4-Empfänger versuchten, mir einen auszugeben.

Es gab mir aber der Satz: “Weihnachten ist damit für Dich erledigt” eine gewisse Hoffnung, mich allen Überlegungen zu einem Geschenk für sie mit dem Hinweis auf unseren allgemeinen und besonderen Mangel an Geld entziehen zu können. Jedoch meint die Kollegin bei der Rentenversicherung, mit der ich eben sprach, die Auszahlung einer Nachzahlung noch vor ihrer eigenen Berentung versprechen zu können.

Ich habe nicht gefragt, wie alt sie ist. Ich habe in meiner Jugend gelernt, dass man das nicht tut.

Vauxhall William

Die Steuererklärung ist Gottes Gebot

Da ich deutlich älter bin als der Kleine Bruder sehe ich es als meine Pflicht an, ihn über jene Dinge aufzuklären, die im Leben wichtig sind. So legte ich ihm anhand des Matthäus-Evangeliums dar, dass er seine Steuererklärung machen muss.

Denn sagt nicht Jesus im Kapitel 22, Vers 21, dass man dem Kaiser (dem Staat) geben soll, was dem Kaiser ist. Von mehr war da nicht die Rede. Also immer schön abzählen, was man ihm in die Hand drückt.

Über dem zerlegten Roller hinweg, erläuterte ich ihm dann, dass dieses Vehikel mich dorthin befördern soll, wo ich Nahrung, Geld und Anerkennung bekomme. Es gibt nicht viele, die so gut von Yoyodyne sprechen; aber es ist auch niemand sonst mit Paula verheiratet.

Was sollte ich ihm sonst sagen? Dass ich zu feige bin, um ich selbst zu sein? Zu feige, um sie zu verlassen? Zu feige, um ganz alleine auf mich gestellt zu leben. Zu feige, um mich einer ziemlich wahrscheinlichen Insolvenz zu stellen?

Das wäre mir peinlich. So peinlich wie zuzugeben, dass die addierten und voll ausgeschöpften Überziehungskredite zweier Girokonten 10.000 Ecu ergeben. Meine finanzielle Situation ist das Äquivalent eines Standing Knock-Out.

Den Roller übrigens belebte weder der Austausch des Chokes noch der der Batterie oder der der Sicherung.