Niemand kann zur Liebe ermutigen als ich selbst

Kein Paar, auch das beste nicht, kann zur Liebe ermutigen.

Dieses Zitat von Marguerite Duras nimmt mich in warme Umarmung. Es spricht zu mir, bestätigt mich darin, dass dieser Bereich des Lebens mir verschlossen ist, dass ich Recht habe. Aber das ist natürlich falsch. 

Laut dem freundlichen Internet können nämlich viele Asexuelle lieben und manche haben sogar Sex mit anderen Menschen. Deren Vornamen sie kennen. Die sie vielleicht sogar lieben. Ob das auch für mich gilt, ist eine andere Sache. 

Falsch ist diese Einstellung natürlich vor allem in dem Sinne, dass sie allein Paula dient. Sie begründet, dass ich mich ihr als der einzigen unterwerfe, die bereit war, mich in ihrer Nähe zu dulden. Wie grosszügig ist es doch von ihr, dass sie sich dazu nötigte.

So wenig ich aber nun die Menschen als Spezies schätze, darf ich doch nicht allen ihre Fehler unterstellen. Die Herren Ambros und Schrammel und der Kleine Bruder waren und sind mir freundlich gesinnt. Gut ein halbes Dutzend Menschen hat im Laufe meines Lebens Interesse an einer Beziehung mit mir geäussert. 

Das ist vielleicht wenig, aber dann doch so wenig nicht, vergleicht man es jedenfalls mit dem, was mir Paula beschreibt.

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Gib mir noch mal Opipramol

Ich fühle mich, als hätte mir die Zeit zuhause und mit Opipramol etwas weggenommen oder vielleicht auch etwas gegeben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich so wenig über eine Tätigkeit beschwere, die mir so wenig liegt.

Ich habe nun einmal wenig Neigung zur Auftragserfassung und reichlich Spass an Kundengesprächen und Verkauf. Dazu habe ich aber gerade keine Gelegenheit. Insgesamt scheint mir diese kurze Phase meines Lebens eine der angenehmsten gewesen zu sein. Paula hielt sich relativ zurück, weil ich ja zuhause und sie damit nicht allein war, und ich hatte trotzdem genug Zeit, um ich zu sein.

Sie wird nie verstehen, wieviel ich für sie geopfert habe. Das ist die logische Konsequenz, wenn man sich nicht für andere interessiert. Dumm, selbstgerecht, rechthaberisch, manipulativ, na ja, aber das bin ich ja auch. Trotzdem hoffe ich gerade in diesem Moment, dass ich irgendwann frei von allen sein kann, auch von mir.

Sie ist wieder da

Pünktlich am nächsten Morgen fand sich Paula wieder ein. Sie war mittelmässig schlecht gelaunt und streute Drohungen aus wie der Sämann die Saat. Es ist also alles wieder wie immer. Ich hatte nichts anderes erwartet.

Zum Trost las ich mir das Glaubensbekenntnis der Unitarier durch. Da ist die Rede von der jedem  Menschen eigenen Würde und seinem Wert, von Gerechtigkeit, Gleichheit und Anteilnahme und von der Annahme anderer.

Gäbe es diese Kirche in meiner Gegend, in Hagen etwa, ich träte stehenden Fusses ein, schon weil ihre Ideale so genau dem entsprechen, was Paula immer sagt, und so wenig dem, was sie tut.

Die Rituale des Frühlings

Sogar ich habe meine Grenzen. Die waren dann nach einem vier Tage dauernden Wut-Anfall von Paula erreicht. Ein Blick auf den Kalender erinnerte mich daran, dass es kurz nach Ostern ist.

Um diese Zeit herum hat sie regelmässig ein Problem entweder mit mir oder mit ihrer Selbstbeherrschung. Danach ist sie mit unbekanntem Ziel aufgebrochen. Ich vermute einmal, dass sie zu ihrer Schwester gefahren ist.

Mich selbst konfrontiert diese Situation wieder einmal damit, dass ich alleine und in meiner eigenen Welt ganz zufrieden bin. Aber wie kann ich moi-tout-seul-allein den Rest meines Lebens verbringen? Dabei bedarf es schon nicht unerheblicher Mühe, um nicht zu vergessen, dass ich menschliche Kontakte brauche.

Meshugge velt

Eine Opipramol pro Tag macht keinen grossen Unterschied. Etwa drei, vier Tage lang schläft man viel. Danach verschiebt sich die eigene Weltsicht, die Einstellung um, na, sagen wir zwei bis drei Grad.

Das klingt nicht nach viel, kann aber gerade ausreichend sein, um die Folgen eines jener epischen Vorträge abzufangen, die mir Paula über meine Unzulänglichkeiten hält. Allerdings habe ich jetzt einige Zweifel an ihrem Geisteszustand. Noch ein paar Zweifel mehr.

Die Chance, das sie irgendwann ihr Deka Verstand endgültig verliert, ist grösser als die, dass sie mich verlässt. Was a schlamassel, a narishes. Es gibt Situationen, die man nur in jiddisch hinlänglich beschreiben kann.

Fernsehen ist Opium für das Volk

Paula erzählt etwas. Vermutlich geht es entweder um ihr Leben oder darum, was sie von des Kleinen Bruders Vater hält. Das eine interessiert mich gerade in diesem Moment nicht, das andere ist nichts.

Viel lieber würde ich hören, was der Mann am nächsten Tisch von seiner Arbeit erzählt, von Geiseln, die mit dem Tod bedroht werden, von Brüdern, die ihre Schwester ertränken. Er liebt seinen Beruf, das ist zu hören.

Liegt es am Opipramol, das mir die Geduld für Paulas Gespräch fehlt? Oder ist das etwas, das zyklisch auftritt? Manchmal denke ich, dass sie eine Art Sprachstörung hat, die ihre Wortfindungsstörung ebenso erklärt wie die Drohungen, die Anweisungen und die Tropen. Die füllen dann einfach die Lücken, die ihre Störung lässt.

Das funktioniert dann wie bei den Tamarianern in Star Trek. Also eher nicht so gut.

Viele ihrer Ansichten stammen aus dem Hartz4TV, mit dem die Privatsender neben den Arbeitslosen auch die Kranken und Frührentner bespasst. In diesem Sinn ersetzt das Fernsehen heute die Kirche. Es liefert Speisevorschriften, Gebote und Verbote und Moderationen, die so festgelegt sind wie der Ablauf eines Gottesdienstes.

Aber keine Informationen über Sprach-Störungen wie ihre. Google ist auch ertraglos.

Sterilisiert Hartz IV-Empfänger!

Paula spricht über eines ihrer Lieblingsthemen. Neben der Zwangssterilisierung von Hartz IV-Empfängern ist das die Unausweichlichkeit, mit der jedes andere Unternehmen mich entlassen würde, fände ich denn überhaupt einen anderen Arbeitgeber als die zum unweigerlichen Untergang bestimmte Yoyodyne Europe

Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen YE und der Illinois Electro Door, die ohne zu zögern Gestalten anheuerte, die ein bis drei gescheiterte Karrieren als Referenz hatten. Und Typen wie mich, die darüber hinaus noch ein gerüttelt Mass an Persönlichkeitsstörungen mitbrachten. Dem General Manager heute fehlte dafür der Humor.

Als Betriebsrat bin ich gerade an den Verhandlungen über einen Auflösungsvertrag für eine Mitarbeiterin beteiligt, deren Seelenleben nie das ausgeglichenste war. Die Abfindung ist im Vergleich zum Vorjahr auf ein halbes Monatsgehalt pro Jahr Betriebszugehörigkeit gesunken.

Den Fall habe ich Paula nicht dargestellt. Sie ist gerade so schön im Schwung.