Langsam krieche ich zur Erkenntnis hinauf

Langsam, ganz langsam kommt mir der Gedanke, dass Paula jenseits aller Argumente, jenseits allen gesunden Menschenverstandes ist, während ich langsam, ganz langsam mit meinem Roller einen sehr, sehr langen und steilen Berg hinauf krieche. 

Da geht es in Wirklichkeit gar nicht darum, was ich getan habe oder was ich bin. Irgendwann ging es wahrscheinlich mal darum. Jetzt geht es nur noch darum, dass ich da bin, anwesend bin, existiere. Das legt die Latte für den nächsten Wutanfall ziemlich niedrig. 

Trotzdem wird sie mir wahrscheinlich das Geld für die Reparatur dieses Vehikels in einer Werkstatt genehmigen. Einfach, damit alles so bleibt wie es ist. 

Ihr Leben ist allerdings auch wirklich gut geordnet. Montag, Mittwoch und Freitag geht sie einkaufen, Dienstag und Donnerstag dann ein wenig Hausarbeit, nichts schweres, kein Bügeln, nie Bügeln, Samstag macht sie mich runter, und den Sonntag widmet sie Reality Shows im Fernsehen. 

Sie wird alles tun, um diesen Zustand zu erhalten. Da bin ich mir sicher. Alles, ausser nett zu mir zu sein. Also alles, ausser dem, was ich bräuchte, um keine Veränderung zu wollen. 

Das Fest des Friedens und der Familie

Irgendwann am Ende eines stundenlangen Vortrages über meine Defizite zog ich die Verwendung einer Wäscheleine in Erwägung. Es gibt da im Keller ein solides Stahlregal, das mit der Wand so verbunden ist, dass sich einer dran aufhängen kann. Deutsche Heimwerkerqualität eben

Ich verschob die Ausführung dann aber. Schliesslich kann man derlei Dinge ja an jedem Tag erledigen. Das muss also nicht unbedingt heute sein. Aber die Vorteile einer solchen Vorgehensweise liegen auf der Hand. Denn einerseits könnte ich dorthin, wo Freund der Kater auf mich wartet, auf der anderen Seite bekäme Paula von der Lebensversicherung, was sie verdient, also nichts. 

Foto0209Eine Stunde später unterhielt ich mich an der Fleischwarentheke mit einem Gastronomen über das klassische Problem, ob denn Hähnchenschenkel oder -flügel vorzuziehen seien. Er argumentierte vom Standpunkt des Gourmets, ich von dem des Gourmands aus. 

Alaskan People with Bush and without

Mit einem Interesse, das sich mir verschliesst, vertieft sich Paula in Doku-Soaps über Tierärzte, Menschen mit Adipositas per Magna und Hinterwäldler in Alaska. Ungeachtet meines Desinteresses heuchele ich natürlich im Rahmen der Konfliktvermeidung das Gegenteil. 

Alles an diesen Serien scheint mir unglaubwürdig, unehrlich, falsch. Der irische Arbeitsmigrant, der Prothesen für Haustiere bastelt, spricht nie davon, was das ihre Besitzer kosten wird, und der struppige Perser in Houston kaschiert nur mühevoll, dass er eigentlich ein netter Kerl ist. 

Was aber die Familie Brown angeht, an denen scheint mir alles falsch zu sein. Vielleicht wären sie mir sogar sympathisch, wenn man sie nicht wie Bauerntölpel darstellte, die da wohnen, wo Fuchs und Bär und Mensch hinter denselben Busch gehen, um sich zu erleichtern. 

Mein Favorit in dieser Sippe ist Snowbird Brown. Sie kann einen Hirsch häuten, hat eine eigene Hütte und eine eigene Büchse, sechs Katzen und keinen Mann. Ich weiss ja nicht, wie man das im Norden sieht, aber in Köln am Rhein wissen wir, was wir mit einer solchen Frau tun. 

Wir geben ihr natürlich die Telefonnummer einer guten Freundin, die viel Flanell trägt und gerade Single ist. Was hattet Ihr gedacht? 

Natasha braucht einen Job


Paula versucht mich gerade, davon zu überzeugen, das ich sie unbedingt begleiten möchte. Und zwar zu der Weihnachtsfeier, die ihr Bruder für seine Mitarbeiter veranstaltet. 

Meine Motivation jedoch ist gering. Denn die Relation zwischen dem zu erwartenden Vergnügen und der Chance, mich und andere zu blamieren, ist nicht günstig. Es wäre aber gewiss sowohl meiner Beziehung zu meinem Schwager als auch seiner zu seinen Angestellten abträglich, wäre ich dort wie ich bin und täte, was ich auch sonst tue. 

Es ist mir doch sogar gelungen, das von mir so geschätzte Fräulein Negovanlis bei Instagram gegen mich aufzubringen. Denn ich erlaubte mir, unangenehm berührt von ihren verzweifelten Versuchen, sich zu Geld zu verhelfen, ihr ungefragt Vorschläge zu machen, wie sie ihrer Karriere als Künstlerin wieder aufhelfen könnte. 

Das sollte ich nicht tun. Nicht ungefragt anderen Ratschlägen geben, überhaupt nicht Anteil am Leben anderer nehmen. Sie mögen das nicht, die Menschen, weder das eine noch das andere. Wenn ich gebraucht werde, dann als Staffage, als Komparse ihres eigenen Lebens, der ihnen zu applaudieren hat. 

Mein Verhältnis zu den Menschen schreit nach hohen Mauern. Sehr, sehr hohe Mauern.  Selbstschussanlagen sind auch nicht von Nachteil. Und Nato-Draht.Rollenweise Nato-Draht.

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Amy Chaos Chaos der Liebe

Von Mord zu Mord arbeite ich mich durch die dritte Staffel von “Slasher”. Im Augenblick ist die Frage, die mich am meisten beschäfigt, nicht die nach der Identität des Mörders mit dem Pseudonym “Der Druide”. Es ist die Frage, was Amy Chao durch ihre VR-Brille sah, als sie mit ihrem Lebensgefährten tat, was Menschen im Allgemeinen so gerne miteinander tun. 

Von einem ganz allgemeinen Interesse abgesehen, vergleiche ich, wie dieser asexuelle Charakter in der Serie gezeichnet wird, mit meinen eigenen Erfahrungen. Ihr entgeht zum Beispiel völlig, dass Kit mit ihr flirtet. Ich hingegen flirte gerne, vorzugsweise mit molligen Frauen, die halb so alt sind wie ich und mit wenig Erfolg. Ich würde gewiss stehenden Fusses Reissaus nehmen, ginge eine von ihnen darauf ein. 

Die Ungleichheit von Amys Verlangen und dem Xanders hat ein nicht unerhebliches Konflikt-Potential, das zum Tod Kits beiträgt. Denn Xander kann sich nicht vorstellen, dass Amy asexuell ist – ein Wort, das nie fällt, aber auf dem Display ihres Handys zu lesen ist, bevor sie Sex haben – und unterstellt ihr eine Beziehung mit Kit. Er bricht deshalb in dessen Wohnung ein und macht es ihm so unmöglich, in ihr vor dem Druiden Zuflucht zu finden. 

Diese Art Konflikt ist mir durchaus bekannt. Meine Sexualität wirft Paula mir regelmässig vor. Tatsächlich ist es wahrscheinlich ein Vorwurf, der ihr sogar besonders am Herzen liegt. Den Begriff Asexualität kennt sie nicht, die Existenz dieser Ausrichtung würde sie aber auch leugnen. 

Von Druiden, Barden und anderen Trägern der keltischen Kultur war bisher noch nichts zu sehen.

Wie man keine Verantwortung hat, muss man lernen

Gerade finde ich die Belanglosigkeit meiner Tätigkeit als hilfreich, als nützlich. Ich lerne da etwas darüber, wie man keine Verantwortung hat. Ich lerne, wieviel Paula (und Maniac) von mir verlangt haben. Ich lerne, wie wenig Anteilnahme ich von meinen Kollegen erfahren habe. 

Klar, da ist die Frage, ob es an mir liegt, dass es keinen von ihnen geschert hat, wie es mir geht. Und dann ist da natürlich auch die Frage, ob ich mit meiner plattfüssigen Art, den Menschen mein Bedürfnis nach Zuwendung aufzudrängen, sie nicht immer zurück gestossen habe. 

Doch sei es wie es sei – ich fasse zusammenfassend zusammen, dass niemand mir zuhilfe kam. Nicht meine Vorgesetzten bei Yoyodyne Europe, nicht meine Kollegen, nicht meine Frau. Das vielleicht etwas über mich, aber auf jeden Fall aber einiges über sie aus.  

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/burn-out-stress-arbeitsplatz-depressionen-ueberlastung-erfahrungen

Rot, gelb, weiss, schwarz

Rot ist der Sonnenaufgang über dem Gewerbegebiet. 

Während ich ihn betrachte, diesen Aufgang eines vorschriftlich ungeregelten atomar betriebenen Leuchtmittels, bemerke ich, dass die Strassenlaternen, die nicht atombetrieben sind aber gesetzlich geregelt, rechts gelblich leuchten, die links weiss. 

Ich vermute hier einen Unterschied im Datum der Beschaffung und/oder des Einstandspreises. Denke ich so, bin ich mir sympathisch, da ich ich mich dann sicher fühle. 

So finde ich auch die Löcher in Paulas Argumentationen, dem irgendwie logischen Unterbau ihrer Wutanfälle. Das lenkt mich vom Schmerz ab. Von meinem. Von ihrem. Die Situation spitzt sich zu. 

https://www.deutschlandfunk.de/thomas-meyer-fordert-trennt-euch-die-meisten-paare-passen.700.de.html?dram:article_id=392740