Das Lied von der Spülmaschine

Wir erwarben vor einiger Zeit eine gebrauchte Spülmaschine, die Paula unter nicht unerheblichem Einsatz von Zeit, Fingerfertigkeit und Pumpentopfdichtungen reparierte. Ich baute sie dann ein, ein abendfüllendes Unternehmen, das mich durchaus forderte. 

Das Vergnügen daran war ein beschränktes. Denn die Maschine läuft zwar so wie sie soll, Paula jedoch beanstandete umgehend, das sie nicht nach ihren Vorstellungen eingeräumt wurde. Das war nun eine so tiefgehende Beleidigung, das sie ihm 19. Jahrhundert nur mit einem Duell zu tilgen gewesen wäre. Als Frau nicht satisfaktionsfähig beschloss sie, von nun an der Spülmaschine fern zu bleiben und wieder von Hand zu spülen. 

Dafür verkündete sie aber, nur Claro-Spülmittel und Salz sei zu verwenden, da die bei irgendeinem Test als beste abgeschnitten hatten und ökologisch besonders empfehlenswert seien. Das erwies sich allerdings als schwierig, da diese Produkte nur bei einem einzigen lokalen Warenhaus zu beziehen sind. Dort fährt sie zwar zweimal die Woche hin, fühlt sich ja aber nicht wirklich zuständig. 

Ich hingegen bin offensichtlich jetzt alleinverantwortlich, komme aber so gut wie nie in diesen Laden. So war ich zu einem gewissen Mass an Kreativität gezwungen. Erst einmal coverte ich einen vorübergehenden Mangel an Tabs mit einer Handvoll aus Firmenbeständen. Die waren definitiv aber nicht von Claro, sondern von Penny und waren vor der Verwendung auszupacken. Das wurde immerhin als Notbehelf grosszügigerweise akzeptiert. 

Jetzt habe ich Tabs von Rossmann in einen Claro-Karton gepackt. Da sich auch bei ihnen die Hülle in der Maschine auflöst, gibt es keine Müll-Spur, die auf den Unterschied hinweist. Farblich sind sie ebenfalls identisch, aber etwas anders geformt. Für die nächsten zwei Wochen sollte also erst einmal Ruhe sein. 

Amazon übrigens ist bei diesem Produkt zu teuer: 

Wie die Pyramiden gebaut wurden

Ich schreibe gerade nichts von Paula. Ich bin es müde, über sie zu klagen. Nur soviel: Findet einer meiner Leser einen Menschen, der ihn ebenso glücklich macht wie sie mich, fliehe er oder sie weit und schnell. 

Der klapprigste Karren sei ihm ausreichend. Reicht das Geld nicht dafür, dann eben die Bahn, und ist die zu teuer, dann der Fernbus. Selbst ein Fahrrad kann in diesem Zusammenhang dem eigenen Glücke förderlich sein. 

Menschen wie sie bauten die Pyramiden als Lösung für das einfache Problem, eine Leiche zu begraben. Jedes ihrer zahllosen Projekte ufert in ähnlicher Weise aus, kostet reichlich und bietet unzählige Gelegenheiten, mich zu beleidigen und herab zu setzen. 

Das aber scheint ebenfalls zu dieser Welt zu gehören, die sie sich baut. In diesem Sinne scheine ich unverzichtbar zu sein. 

Looterer’s of the 21st Century

Auf einer Leiter stehend pinselte ich Lasur auf Fichtenholz. Das alles gehörte zu einem von Paulas Projekten. Einem davon, sie hat unzählige, immer neue, alle paar Stunden ein neues. 

Dabei betrachtete ich zum Einen die neuen Nachbarn, die einige Häuser weiter unten einziehen, zum Anderen die Veränderungen, die der Fortschritt selbst für das traditionelle Handwerk des Plünderers gebracht haben. Über die Nachbarn kann ich noch nichts sagen, aber plünder mal einer bei einem Stromausfall oder Rassenunruhen Amazon oder mediamarkt.de. 

Rührige Menschen in den USA haben es in den letzten Tagen bei verschiedenen Apple-Stores versucht. Der Erfolg war durchwachsen, denn die Typen mit dem angefressenen Apfel im Logo deaktivieren automatisch ihre Vorführgeräte, sobald sie das wlan des Ladengeschäftes verlassen. Die Teile taugen dann nur noch als Ersatzteilspender und als GPS-Tracker für die Polizei. 

Rührige und clevere Menschen würden diese Smartphones also liegen lassen und sich Airbuds (Original, Amazon-Preis 135,99), Lightning-Kabel (Original, 1 m, Amazon-Preis 24,21), Ladegeräte, Handy-Hüllen und Fernbedienungen greifen. Aber rührige und clevere Menschen müssten wahrscheinlich auch nicht zu solchen Mitteln greifen. Oder sie plündern den Xiaomi-Store um die Ecke. 

Ich kann die Nachrichten aus den USA immer schwerer von “American Horror Story – The Cult” und “The Purge” unterscheiden. Ich muss dann öfter mal eine Episode “Stumptown” schauen. Da vertragen sich Menschen verschiedenen Teints, die Heldin ist Bi und ihr Bruder hat das Down-Syndrom und voll den Durchblick. 

Ordnung und Chaos

Ich lerne. Bei meinem neuen Arbeitgeber habe ich zum Beispiel allerhand darüber gelernt, wie man sich organisiert, indem man mails in Ordnern ablegt. Das musste ich vorher nicht wissen, da gab es nur den Posteingang und den Papierkorb. So beflügelt sortiere ich nun meine privaten mails nach dem gleichen Verfahren.

In einem Ordner landen dann nicht nur Rechnungen von Amazon und Thalia, sondern auch die Quittungen jener Dinge, für die ich Gewährleistung beanspruchen kann. Dazu fotografiere ich sie, mache mit der Druckfunktion meines Mobiltelefones pdf-Dateien daraus und wähle einen passenden Betreff aus, um sie mir dann als emails zuzuschicken.

So will ich den über viele Jahre eingeübten Prozess aus dem Sammeln, Verlieren und ergebnislosen Suchen von Quittungen sowie den daraus unweigerlich resultierenden Streit mit Paula ersetzen.

An dieser Stelle wird mir klar, dass ich mich mit meinem Narzissmus auseinandersetzen muss. Mir wird aber auch wieder klar, dass Paulas Wut, ihre Frustration, ihr herablassendes Verhalten sich verselbständigt haben. Was immer ich auch tue, es wird daran nichts ändern.

Der neue Hofnarr Ramas X.

Insgesamt habe ich vor einem Jahr nicht alles falsch gemacht. Ein anderer, optimistischerer Mensch würde gar behaupten, etwas richtig gemacht zu haben. Immerhin habe ich eine für mich desaströse Situation aufgelöst, indem ich mir einen neuen Arbeitsplatz gesucht habe.

Das Unternehmen an sich scheint auch solide und die Vorgesetzten weniger widerlich als in einigen anderen Betrieben, die ich irgendwann mit meiner Anwesenheit beehrt habe. Jedoch ist Optimismus nur ein anderes Wort für Hoffnung. Und Hoffnung, ich zitiere da mal Iain Levison, ist Gift.

Denn ich musste darauf verzichten, das zu tun, worin ich am Besten bin, nämlich an einer Hotline Kunden beraten. Suche ich mir jedoch einen anderen Arbeitgeber, wo ich das tun kann, muss ich wahrscheinlich umziehen, verliere aber damit den sozialen Status als Ehemann und Hausbesitzer. Wie ich es auch nehme, bin ich auf jeden Fall auf dem absteigenden Ast.

Paula unterstützt diesen Eindruck. Sie tobt seit Tagen. Da sie immer wieder alle Dinge anführt, die ich irgendwann einmal falsch gemacht habe und einige, die sie nur so interpretiert, habe ich leider an irgendeinem Punkt die Übersicht verloren, worum es eigentlich ging. Insgesamt habe ich unbestimmt das Gefühl, dass ich nicht mehr auf sie rechnen darf.

Auf den Neanderthaler kann ich auch nicht mehr rechnen. Er ist seit dem 27.02. offline. Der Herr Schrammel hat vorhin angerufen, um zart abzuklopfen, ob ich vielleicht wüsste, wo der steckt. Wissen tu ich nix, der Herr, und was ich vermute, erzähle ich Dir nicht. Denn wenn ich am Ende Recht habe, hat der mich auch noch über den Tisch gezogen.

Aber Sky Cinema kostet jetzt nichts

Auf dem Heimweg hielt ich am Rewe-Markt an. Einen Parkplatz findet man ja seit dem Ausbruch der Seuche immer. Wo sich vor kurzem noch Menschen drängten, um Tiefkühl-Pizzen und Toilettenpapier heraus zu schleppen, ist es jetzt fast menschenleer. Wer da ist, hält reichlich Abstand von seinem Nächsten.

Ich kaufte eine Packung Tee-Beutel, weil man die immer braucht, und einen Bullit-Energy-Drink. Denn den hatte ich mir verdient. Immerhin hatte ich mich von Paula beschuldigen, beleidigen, zurechtweisen und schlagen lassen. Das war die Strafe für die bescheuerte Idee gewesen, Geld verdienen zu wollen, um unsere Rechnungen bezahlen zu können.

Und die für meine Freundschaft mit dem Kleinen Bruder. Der glaubt nämlich nicht an die Existenz von Corona und hat ihr das dämlicherweise auch gesagt. Also hat sie mir auch noch verboten, mich jemals wieder mit ihm zu treffen.

Ich habe das Gefühl, das alles auseinander fällt. Allerdings glaube ich auch, dass das so sein soll. Der Neandertaler ist seit dem 27.02. abgetaucht, offline, nicht mehr zu erreichen. Unsere Abrechnung weist ein kleines Guthaben zu meinen Gunsten aus, jedenfalls nach meiner Rechnung.

Vielleicht ist Corona ja die Antwort. Paula ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten glücklich. Sie kann jetzt auf Sky Cinema “Halloween” kostenlos sehen.

https://www.chip.de/news/Sky-beschenkt-die-Kunden-Filme-und-Serien-werden-1-Monat-gratis-verfuegbar_182560163.html

Nette Leute mittleren Alters

Ich bin heiser und zerkratzt, und mein roter Pullover ist zerrissen. Paula hat die Information der Steuerberaterin nicht so gut aufgenommen. Die nämlich berechnete unsere Verbindlichkeiten dieser, der zweiten Republik gegenüber nämlich auf 6.100 Ecu für die Jahre 2018 und 2019 und riet zum Wechsel der Steuerklasse. Das schmälerte unsere Liquidität um 280 Ecu pro Monat, beugte aber auch derlei Unannehmlichkeiten am Jahresende vor. 

Ich gehe davon aus, dass Paula jetzt einen Bluterguss am Hintern hat. Nachdem sie mir ins Gesicht gespuckt hatte, hatte ich ihr in den nämlichen getreten. Diese Bewegung ist mir so wenig vertraut, dass jetzt der Musculus quadriceps femoris auch noch ein wenig zieht. Als Hämophile hat sie schon Blutergüsse, wenn man ihre Hand festhält, um nicht geschlagen zu werden. 

Übrigens bin ich an dem Desaster Schuld, weil ich nie in einen Steuerhilfeverein eingetreten bin. Dort nämlich hätte man mich ja wohl auf die falsche Steuerklasse hingewiesen. Im fraglichen Zeitraum allerdings bezahlten wir auch einen Steuerberater, der es nicht tat. Ich selbst hatte diese Idee nach ein wenig Internet-Recherche durchaus vorgebracht, wurde aber von Paula in meine Schranken gewiesen. Ihre Recherchen hatten etwas anderes ergeben, und Recht haben kann nun einmal nur eine. 

Irgendetwas sagt mir, dass es es jetzt vielleicht wirklich Zeit wird, der Worte Umar ibn al-Chattabs zu gedenken, dass weise nicht ist, wer gut und böse unterscheiden kann, sondern wer von zwei Übeln das kleinere erkennt. 

Der Pullover allerdings war eh schon alt und ausgeleiert. 

Ja, was will ich denn?

Der Herr Ambros fragte mich im Whatsapp-Chat, was ich denn eigentlich will. Er ist der einzige, den das interessiert. Selbst ich bin da nicht auf dem Laufenden und musste entsprechend lange über die Antwort nachdenken. 

Tatsächlich will ich wohl langfristig meine Depression los werden und Paula. Beide kleben allerdings hartnäckig an mir und profitieren vom jeweils anderen. Dann hätte ich gerne noch ein bis zwei Jobs von jener Art, mit der ich zurecht komme, ein bis zwei Zimmer mit Küche, Bad und Anschluss an den Öffentlichen Nahverkehr, einen Motorroller mit 4-Takt-Motor und 12-Zoll-Rädern und eine Casper-Matratze. 

Ich habe schon ein paar Ideen, wie ich meine Zeit verbringen könnte. Persönliche Beziehungen, gemeinsamer Besitz von Immobilien und ein eigenes Auto kommen darin eher nicht vor. Denn ich habe vor, allen und allem aus dem Weg zu gehen, was nicht gut für mich sind, die mich überfordern. Den Rest der Zeit möchte ich dann mit den Zehen wackeln, solange es denn noch geht.   

Langsam krieche ich zur Erkenntnis hinauf

Langsam, ganz langsam kommt mir der Gedanke, dass Paula jenseits aller Argumente, jenseits allen gesunden Menschenverstandes ist, während ich langsam, ganz langsam mit meinem Roller einen sehr, sehr langen und steilen Berg hinauf krieche. 

Da geht es in Wirklichkeit gar nicht darum, was ich getan habe oder was ich bin. Irgendwann ging es wahrscheinlich mal darum. Jetzt geht es nur noch darum, dass ich da bin, anwesend bin, existiere. Das legt die Latte für den nächsten Wutanfall ziemlich niedrig. 

Trotzdem wird sie mir wahrscheinlich das Geld für die Reparatur dieses Vehikels in einer Werkstatt genehmigen. Einfach, damit alles so bleibt wie es ist. 

Ihr Leben ist allerdings auch wirklich gut geordnet. Montag, Mittwoch und Freitag geht sie einkaufen, Dienstag und Donnerstag dann ein wenig Hausarbeit, nichts schweres, kein Bügeln, nie Bügeln, Samstag macht sie mich runter, und den Sonntag widmet sie Reality Shows im Fernsehen. 

Sie wird alles tun, um diesen Zustand zu erhalten. Da bin ich mir sicher. Alles, ausser nett zu mir zu sein. Also alles, ausser dem, was ich bräuchte, um keine Veränderung zu wollen. 

Das Fest des Friedens und der Familie

Irgendwann am Ende eines stundenlangen Vortrages über meine Defizite zog ich die Verwendung einer Wäscheleine in Erwägung. Es gibt da im Keller ein solides Stahlregal, das mit der Wand so verbunden ist, dass sich einer dran aufhängen kann. Deutsche Heimwerkerqualität eben

Ich verschob die Ausführung dann aber. Schliesslich kann man derlei Dinge ja an jedem Tag erledigen. Das muss also nicht unbedingt heute sein. Aber die Vorteile einer solchen Vorgehensweise liegen auf der Hand. Denn einerseits könnte ich dorthin, wo Freund der Kater auf mich wartet, auf der anderen Seite bekäme Paula von der Lebensversicherung, was sie verdient, also nichts. 

Foto0209Eine Stunde später unterhielt ich mich an der Fleischwarentheke mit einem Gastronomen über das klassische Problem, ob denn Hähnchenschenkel oder -flügel vorzuziehen seien. Er argumentierte vom Standpunkt des Gourmets, ich von dem des Gourmands aus.