Zivilisierte Barbaren

Ich verbrachte einen nicht unerheblichen Teil meines Tages mit den Wandelnden Leichen. Das ist kein Euphemismus für einen Ausflug in eine Senioren-Verwahr-Anstalt, sondern der Titel von Paulas bevorzugter Fernseh-Serie.

Sie hat in Handlung und moralischer Tiefe einige Ähnlichkeit mit den Italo-Western früherer Tage, Typen halt, die durch eine Hund-frisst-Hund-Welt ziehen. Gelegentlich versucht mal einer, sich über diesen Mangel an Zivilisation zu erheben und Erbsen zu pflanzen, statt sie seinem Nächsten mit vorgehaltener Glock einfach abzunehmen.

Aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass sich alle Beteiligten ungefähr so benehmen wie Westküsten-Möchtegern-Intellektuelle sich Barbaren vorstellen, nachdem sie während des Studiums einen Ausflug als Praktikanten in eine Welt gemacht haben, in der Saubazis wie Reagan, Clinton und Bush versucht haben, den Kapitalismus zur Gesellschaftsform umzudeuten.

Die Wahrscheinlichkeit spricht aber dafür, dass echte Barbaren “zivilisierter” sind, schon weil jeder Todesfall in der eigenen Gruppe ihren Fortbestand gefährden kann. Deshalb galt den Amerindianern zum Beispiel jener Krieger mehr, der den Feind im Kampf mit der Spitze seines Bogens berührte und davon kam, als der, der ihm den Schädel einschlug (obwohl ihnen diese Übung ebenso vertraut war). Und darum lesen wir bei diesen Steinzeitlern des 17., 18. und 19. Jahrhunderts so oft von Kindern anderer Stämme, die sie stehlen und aufziehen, und von Kriegsgefangenen und Überläufern, die in ihre Gemeinschaften aufgenommen werden.

In diesem Sinne wurde auch Fortpflanzung als heilig und erstrebenswert betrachtet und bemühte man sich um eine möglichst grosse genetische Vielfalt. Partnertausch war von den Inuit bis zu den Yamomami eben aus anderen Gründen beliebt als in den Vorstädten von Los Angeles oder den Clubs von Berlin. Das entsetzte die christlichen “Entdecker” und “Kolonisatoren” und lieferte Freyre und Chagnon die Folio für ihre Arbeit als Soziologen und Anthropologen wie als Influencer der “Mondo Cannibale”-Trashfilme und damit als  Vorläufer der Macher von The Walking Dead.

Ich verkniff mir einen Vortrag darüber wie über die Vorteile von 357er Revolvern gegenüber halb-automatischen Pistolen in einer post-apokalyptischen Welt, der geringen Zahl schwangerer Frauen in den Gemeinschaften im Allgemeinen und in Negans Harem im Besonderen. Ich hätte mich damit bei Paula nicht beliebter gemacht, als es mir  mit dem Hinweis eh schon gelungen war, dass die fortschreitende Verwesung vor dem Gehirn ja wohl nicht halt machen würde und damit voraussichtlich sieben Jahre nach der Zombiefication nicht mehr gar so viele Untote übrig sein könnten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Manurhin_MR_73

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Das ist nicht Kansas

Die geistige Landschaft eines anderen zu bereisen, ist kein einfaches oder ungefährliches Geschäft. Nicht umsonst (und schon gar nicht ohne Kosten) erlernt ein Psychologe sein Metier jahrelang an der Universität und in der Praxis, bevor er solche Reisen regelmässig unternimmt. Und selbst dann noch geschieht es dann und wann, dass einer von ihnen von einem der Urviecher gefressen wird, die diesen oder jenen Dschungel bevölkern. Für uns Laien ist die Reise auf dem Gelben Ziegelsteinweg noch viel gefährlicher. So kann man zum Beispiel statt einem gefrässigen Saurus Depressionis ja auch sich selbst begegnen.

Denke ich zum Beispiel darüber nach, ob dicker Staub auf dem Fuss eines Fernsehers, Körbe voller Bügelwäsche und ein Dutzend Katzen bedeuten, dass Paula beginnt, sich selbst zu vernachlässigen und zu horten, stellt mir der hässliche Kerl, dessen Gesicht mir so bekannt vorkommt, auch gleich die Frage, warum ich in bestimmten Situationen anfange, Dosensuppen in der Schublade in meiner Garage zu sammeln, gleich neben dem Werkzeug, das ich für jene Reparaturen an meinem Roller brauche, die ich mir selbst zutraue.

Da liegen dann die Selbstüber- und die Unterschätzung direkt nebeneinander. Denn diese Dosen sind gerade Ausdruck eines mangelnden Vertrauens in die Welt, die Nahrungsmittelversorgung und Paula als Basis dazu. Gewinne ich an Selbstvertrauen, brauche ich diesen Vorrat nicht mehr. Er substituierte sozusagen nur, was ich an mir nicht sehen konnte. Dazu verhalfen mir dann der Zuspruch des Herrn Ambros, die Rolle als Alleinverdiener und die Freundschaft des Kleinen Bruders. Darüber zu bloggen war in gewisser Weise auch nützlich. Von nun an aber gelte für mich, dass es mir gut gehen soll.

Ich fahre Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann

Ich habe meine Schwiegermutter noch kurz vor ihrem Tod im Krankenhaus besucht. Allerdings zweifle ich daran, dass sie mich noch wahrnahm. Es sei denn, dass jenes kurze Zittern, als ich ihr die Hand auf den Arm legte, Ausdruck des Wunsches war, weg zu laufen.

Mir war auch danach, weg zu laufen. Seitdem will ich immer nur weg laufen. Mit dem TOD komme ich klar, hab ihn in Ankh-Morpork mal kurze Zeit gedated. Aber Paula hat seitdem quasi einen Dauer-Nervenzusammenbruch, der nur deshalb kein vollständiger Zusammenbruch ist, weil sie eigentlich immer einen Nervenzusammenbruch hat. Ihr ganzes Leben ist ein Ausnahmezustand, ein Konzert aus sozialen Phobien, Minderwertigkeitsgefühlen, dem sich daraus ergebenden Gefühl, nicht genug geliebt zu werden.

Und das alles lebt sie über mich aus. Ich bin der, der für sie alle möglichen Anrufe machen und Verträge schliessen muss, weil sie sich dazu nicht in der Lage fühlt. Ich bin der, der ihre Pläne umsetzen soll, der, der herumkommandiert, herunter gemacht und manipuliert werden muss, damit passiert, was sie sich wünscht, ohne dass sie selbst tun muss, was sie eh nicht kann.

Aber wenn ich all das sein muss, wie kann ich ich sein? Und wie kann sie sie sein, wenn ich sie sein muss? Das klingt alles relativ verwirrend und ist viel zu kompliziert. Jedenfalls für mich, aber schliesslich fahre ich ja Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann.

Mean Girls

Paula attestiert mir gelegentlich einen gewissen Mangel an Anpassungsfähigkeit an ungewöhnliche Situationen. Das mag sein. Das ist wahrscheinlich so. Ich frage mich allerdings, ob es normal ist, wenn sie das als persönliche Beleidigung auffasst. Aber normal war ja schon immer nur, was sie auch als normal definiert. Und wen sie als normal definiert.

Zu diesem illustren Kreis gehöre ich natürlich nicht. Die Tochter des Lebenspartners ihrer Mutter, nennen wir ihn “Stiefvater 2”, mangels durchgeführter Eheschliessung in Anführungszeichen, auch nicht. Sie ist ein hässliches Frauenzimmer mit einer Frisur, die jeden Haarkünstler, der seiner Schere wert ist, in eine tiefe Depression stürzen würde.

Der Streit begann mit einer abweichenden Einschätzung der Verstorbenen, die Paula weniger positiv sah als die andere. Beider Ansichten schienen mir falsch, denn zu Lebzeiten war sie oberflächlich gewesen und  hatte einen Hang zum Höheren gehabt, der mir fremd ist. Sie war zu ihren Kindern emotional distanziert gewesen und hatte Paula und mir eine Reise in die Türkei geschenkt.

Von mir hatte sie zuerst nicht viel gehalten, dann aber mehr. Denn im Gegensatz zu Paula hatte sie verstanden, wie sehr die von mir abhängig ist und hielt mir die Geduld zugute, mit der ich sie noch nicht erschlagen habe. Das war eigentlich sehr nett von ihr. Andere sehen das als Ausdruck von Entscheidungsschwäche.

Stelle ich mir die beiden Damen nun an einem Tisch vor, gar in Gesellschaft meiner beiden Schwägerinnen, jede mit einer einer Fülle von Persönlichkeitsproblemen ausgestattet, so habe ich sofort das Bedürfnis, mir “Mean Guns” mit Christopher Lambert noch einmal anzusehen. Auch ein Leichenschmaus bedarf einer gewissen philosophischen Vorbereitung.

https://www.youtube.com/watch?v=Fpli12qttak

Zaster für die Laster

Für eine lange Zeit glichen unsere Vermögensverhältnisse eine jener Auseinandersetzungen wie sie Karl May am Anfang seiner Karriere so anschaulich schilderte.

Da greifen die Beteiligten im flackendern Fackellicht den Lauf ihrer Vorderladergewehrs, um sich gegenseitig den Kolben über den Schädel zu ziehen, stechen und hauen mit jenem nordamerikanischen Messer, das kaum kürzer ist als ein Kurzschwert, schwingen das Tomahawk und den indianischen Streitkolben. Das Geräusch brechender Knochen und reissender Haut und die Schreie der Verwundeten und Sterbenden untermalen diese Auseinandersetzung akustisch.

Nun aber sehen wir einer drastischen Verbesserung dieser ökonomischen Verhältnisse entgegen. Denn rückwirkend zum 1. Dezember 2012 wird Paula endlich eine Renten erhalten. Über die Höhe der zu erwartenden Nachzahlung und ihre Verwendung gibt es natürlich verschiedene Ansichten.

Silas3

Ich hoffe auf genug Bares, um mir neue Hosen, Schuhe und für mein Smartphone  einen Bumper mit dem Wappen der Silas Universität zu kaufen, Paula denkt da grösser, spricht von Heizöl, von stattlichen Mengen Katzenfutter und neuen Autoreifen, ja sogar von einem gebrauchten Kleinwagen für mich. .

Zeitgleich hat sie aber schon wieder begonnen, mir lauthals meine Defizite zu erklären. Nichts beflügelt das Selbstbewusstsein so wie die Aussicht auf ein eigenes Einkommen.

Ich hatte mich schon ein wenig darauf gerichtet, das Haus zu verlieren und ohne Paula und die schätzungsweise zehn Katzen an anderer Stelle neu zu beginnen. Tatsächlich hatte ich mich schon darauf gefreut und muss nun mit einem gewissen Mass an Frustration umgehen.

 

Man muss einfach wissen, was wichtig ist

Der Kleine Bruder schnetzelte unmutig eine Hecke aus immergrünen Thujas herunter auf eine vorgegebene Höhe. Es widerstrebte seinem ästhetischen Empfinden, nicht auch ihre Seiten zu beschneiden, ihr irgendeine Form zu geben. Das allerdings hätte ihr die Funktion als Refugium für Katzen genommen, eine Eigenschaft, an der Paula liegt. Und es hätte den Nachbarn gefallen.

Ihre Priorisierung leuchtet ihm nicht ein. Ich habe da auch so meine Probleme beim Verständnis. Schliesslich hatte ich in den letzten Tagen hinlänglich Zeit, über diesen Punkt nachzudenken. Und über den Versuch der Industrie in den Zeiten von Euro 4, 5 und 6 Autos mit Diesel-Antrieben zu verkaufen.

Das führte manchmal zu unverhohlenem Betrug (siehe: Diesel-Skandal) und ganz allgemein zum Einbau von Additiv-Tanks, Russpartikelfiltern, Abgasrückführungsventilen und anderen Bauteilen, von denen ich noch nie gehört habe. Irgendeines von ihnen verabschiedete sich in unserem Ford-Peugeot, der seitdem bevorzugt im Not-Programm vor sich hin tuckert.

Also versah mich Paula mit umfangreichen Listen der zu erwerbenden Sorten Katzenfutter, Puten-, Hähnchen- und Schweinefleisch (ebenfalls für die Katzen) und entsandte mich Roller jeden Tag in mindestens zwei Warenhäuser und Tierfuttermärkte und zum Milch-Automaten. Der linke Zeigefinger stand dabei dick verbunden vom Lenker meines Vehikels ab wie eine Antenne. La Mosca selbst hielt Panzerband zusammen. Immerhin – den hinteren Bremszug haben wir vorher ersetzt.

K & F

Meine Geldbörse lag aufgeklappt auf dem Tisch des Bank-Mitarbeiters. Ich hatte meinen Ausweis vorlegen müssen, um die korrekte Schreibweise meines Namens zu demonstrieren. Als Phineas Horn ist mein Creditreform-Score ungefähr K, als Pineas Horn F.

Das ist ein gravierender Unterschied, wenn man versucht, den Überziehungskredit zu erweitern, um der Rentenversicherung einen weiteren Monat lang die Gelegenheit zu geben, Paula endlich zu bezahlen. Natürlich stellt sich jetzt die Frage, wer Phineas Horn ist. Das Internet kennt ihn nicht, aber ein Bekannter beim maghrebinischen Geheimdienst könnte da vielleicht aushelfen.

Ob sein Portemonnaie ähnlich mit Karten gespickt ist wie die meine? Rabatt-versprechende Kundenkarten, eine Gesundheitskarte, eine EC-Karte für das Konto, das ich zusammen mit Paula habe, eine andere für ein Konto, von dem sie glaubt, das es nur für ebay ist, eine Kreditkarte, von der sie nichts weiss. Die braune Geldbörse ist ein Kartenhaus mit Zimmern für das Leben, das Paula kennt, und das, das ich mir jenseits davon aufgebaut habe.

Während sie am anderen Ende des Tisches wütend vor sich hin brütete, bemühte ich mich, meinen Herzschlag zu regulieren. Wo andere mit der EC-Karte ihr Kokain portionieren, portioniere ich damit mein Leben. Für einen Augenblick war es mir peinlich, so sein zu müssen. Aber ich glaube, im Recht zu sein, wenn ich so handele.

Als Sparbuch benutze ich übrigens paypal. Die Zinsen sind dort und bei der Spar- und Raiffeisenkasse gleich hoch.