Katzengold

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Der Goldschmuck ihrer Mutter gab Paula kurzfristig die Möglichkeit zurück, ihr gewohntes Leben zwischen Mondo-Warenhaus und Tierfuttermarkt weiter zu führen. Erwähne ich die Möglichkeit einer erneuten Arbeitsaufnahme, erwähnt sie die 35 Jahre, die sie mit der Pflege von Alten und Kranken verbracht hat, üblicherweise gefolgt von einer Litanei von Vorwürfen.

Das hat sicher nichts damit zu tun, mit welcher geringen emotionalen Beteiligung ich den Zustand meines Rollers betrachte. Ein Grund mehr, nicht zu arbeiten. Vielleicht werde ich ja entlassen. Habe ich dann kein Geld, verlässt sie mich vielleicht. Ich bin ihrer überdrüssig und meiner selbst und des Lebens, das ich führe.

Was ich getan habe, dass ich im strömenden Regen und bei eisiger Kälte mit dem Roller zur Arbeit gefahren bin, dass ich Pizza ausgeliefert und Industriemaschinen gereinigt habe, dass ich verzichtet und mich zurück genommen habe, zählt nicht bei ihr. Ich finde keine Anerkennung dafür und werde nicht dafür geliebt. Alles spricht dafür, dass ich nie dafür geliebt werden werde.

Paula nutzt auch ganz klar meine Schuldgefühle aus, weil ich nicht wirklich ein guter Mensch bin, antisozial, ganz und gar nicht nett und schon nie nett zu anderen war. Das kombiniert sie mit einer vehement vorgetragenen Kritik an meiner Sexualität bzw. derem Fehlen und dem Versprechen eines Autos, wenn sie erst ihre Rentennachzahlung erhält.

https://de.wikipedia.org/wiki/Pyrit

http://gutenberg.spiegel.de/buch/gold-1622/1

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Auf einer einsamen Insel

Paula hat eine beunruhigende Neigung dazu, das Leben anderer Menschen zu übernehmen, ob denen das gefällt oder nicht. Und wehe ihnen, wenn nicht! Vor einigen Tagen hat sie beschlossen, dem “Schwiegervater” zu einem Smartphone zu verhelfen. Der weiss von seinem Glück allerdings noch nichts.

Ich selbst beschränkte meinen Beitrag bisher auch auf einen Blick auf die Karten, auf denen die Mobilfunkanbieter die Verfügbarkeit ihrer Leistungen an den verschiedenen Orten Deutschlands darstellen. Ich weiss nicht, wovon ich mehr überrascht bin, von meinem logischen Ansatz oder davon, dass sein Haus auf einer Insel steht, wo Vodafone LTE sprudeln lässt.

Nicht überrascht war ich, als Paula die Information damit kommentierte, dass er dann ja das wlan seiner direkt daneben wohnenden Tochter in Anspruch nehmen könne.

Sie lebt in einer Art Parallelwelt, in der sich alles um eine immer noch wachsende Zahl von Katzen dreht, Dieter Bohlen ein Künstler ist, Taylor Swift ein amerikanisches Popsternchen und noch niemand von Carmilla Karnstein gehört hat.

Ungefähr 50% der Dinge, die sie zu mir sagt, machen keinen Sinn und sind vermutlich nur darauf ausgelegt, mir weh zu tun. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Oder wie Neil Gaiman wohl in einem Buch sagt, das ich nicht gelesen habe: “You don’t pass or fail at being a person, dear.”

WTF – Where is The Future?

Das Schreiben der Rentenversicherung brauchte acht Tage für eine Strecke von 30 km. Ich schiebe das mal auf die Frankatur, die aussieht, als sei der Mitarbeiter des VDK bei der Bedienung des Postmeters besprungen worden. Die Bundespost hat sich wahrscheinlich tagelang gefragt, ob der Brief wirklich bei ihnen aufgegeben worden ist. Das alles ist so… 20stes Jahrhundert.

Ich bin jetzt gespannt, welche Bescheinigungen von Krankenversicherung, Bundesagentur für Arbeit und Berufsvereinigung Staatlich Geprüfter Pflegehilfskräfte ich jetzt wieder benötige, um den nächsten Schritt auf dem langen und beschwerlichen Weg zu Paulas erstem Rentenbezug zu tun. Darf der erforderliche Stempel rund sein oder muss er zwangläufig dreieckig sein? Ist blau eine zulässige Stempelfarbe oder ist allein ein grüner Stempel genehm? Muss er von einem Rechts- oder Linkshänder aufgebracht werden?

Ich wäre sehr, sehr dafür, wenn alles, das von jetzt an nötig ist, um mir Geld zu verschaffen, per email, link oder sogar Facebook-Chat käme.

Zivilisierte Barbaren

Ich verbrachte einen nicht unerheblichen Teil meines Tages mit den Wandelnden Leichen. Das ist kein Euphemismus für einen Ausflug in eine Senioren-Verwahr-Anstalt, sondern der Titel von Paulas bevorzugter Fernseh-Serie.

Sie hat in Handlung und moralischer Tiefe einige Ähnlichkeit mit den Italo-Western früherer Tage, Typen halt, die durch eine Hund-frisst-Hund-Welt ziehen. Gelegentlich versucht mal einer, sich über diesen Mangel an Zivilisation zu erheben und Erbsen zu pflanzen, statt sie seinem Nächsten mit vorgehaltener Glock einfach abzunehmen.

Aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass sich alle Beteiligten ungefähr so benehmen wie Westküsten-Möchtegern-Intellektuelle sich Barbaren vorstellen, nachdem sie während des Studiums einen Ausflug als Praktikanten in eine Welt gemacht haben, in der Saubazis wie Reagan, Clinton und Bush versucht haben, den Kapitalismus zur Gesellschaftsform umzudeuten.

Die Wahrscheinlichkeit spricht aber dafür, dass echte Barbaren “zivilisierter” sind, schon weil jeder Todesfall in der eigenen Gruppe ihren Fortbestand gefährden kann. Deshalb galt den Amerindianern zum Beispiel jener Krieger mehr, der den Feind im Kampf mit der Spitze seines Bogens berührte und davon kam, als der, der ihm den Schädel einschlug (obwohl ihnen diese Übung ebenso vertraut war). Und darum lesen wir bei diesen Steinzeitlern des 17., 18. und 19. Jahrhunderts so oft von Kindern anderer Stämme, die sie stehlen und aufziehen, und von Kriegsgefangenen und Überläufern, die in ihre Gemeinschaften aufgenommen werden.

In diesem Sinne wurde auch Fortpflanzung als heilig und erstrebenswert betrachtet und bemühte man sich um eine möglichst grosse genetische Vielfalt. Partnertausch war von den Inuit bis zu den Yamomami eben aus anderen Gründen beliebt als in den Vorstädten von Los Angeles oder den Clubs von Berlin. Das entsetzte die christlichen “Entdecker” und “Kolonisatoren” und lieferte Freyre und Chagnon die Folio für ihre Arbeit als Soziologen und Anthropologen wie als Influencer der “Mondo Cannibale”-Trashfilme und damit als  Vorläufer der Macher von The Walking Dead.

Ich verkniff mir einen Vortrag darüber wie über die Vorteile von 357er Revolvern gegenüber halb-automatischen Pistolen in einer post-apokalyptischen Welt, der geringen Zahl schwangerer Frauen in den Gemeinschaften im Allgemeinen und in Negans Harem im Besonderen. Ich hätte mich damit bei Paula nicht beliebter gemacht, als es mir  mit dem Hinweis eh schon gelungen war, dass die fortschreitende Verwesung vor dem Gehirn ja wohl nicht halt machen würde und damit voraussichtlich sieben Jahre nach der Zombiefication nicht mehr gar so viele Untote übrig sein könnten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Manurhin_MR_73

Das ist nicht Kansas

Die geistige Landschaft eines anderen zu bereisen, ist kein einfaches oder ungefährliches Geschäft. Nicht umsonst (und schon gar nicht ohne Kosten) erlernt ein Psychologe sein Metier jahrelang an der Universität und in der Praxis, bevor er solche Reisen regelmässig unternimmt. Und selbst dann noch geschieht es dann und wann, dass einer von ihnen von einem der Urviecher gefressen wird, die diesen oder jenen Dschungel bevölkern. Für uns Laien ist die Reise auf dem Gelben Ziegelsteinweg noch viel gefährlicher. So kann man zum Beispiel statt einem gefrässigen Saurus Depressionis ja auch sich selbst begegnen.

Denke ich zum Beispiel darüber nach, ob dicker Staub auf dem Fuss eines Fernsehers, Körbe voller Bügelwäsche und ein Dutzend Katzen bedeuten, dass Paula beginnt, sich selbst zu vernachlässigen und zu horten, stellt mir der hässliche Kerl, dessen Gesicht mir so bekannt vorkommt, auch gleich die Frage, warum ich in bestimmten Situationen anfange, Dosensuppen in der Schublade in meiner Garage zu sammeln, gleich neben dem Werkzeug, das ich für jene Reparaturen an meinem Roller brauche, die ich mir selbst zutraue.

Da liegen dann die Selbstüber- und die Unterschätzung direkt nebeneinander. Denn diese Dosen sind gerade Ausdruck eines mangelnden Vertrauens in die Welt, die Nahrungsmittelversorgung und Paula als Basis dazu. Gewinne ich an Selbstvertrauen, brauche ich diesen Vorrat nicht mehr. Er substituierte sozusagen nur, was ich an mir nicht sehen konnte. Dazu verhalfen mir dann der Zuspruch des Herrn Ambros, die Rolle als Alleinverdiener und die Freundschaft des Kleinen Bruders. Darüber zu bloggen war in gewisser Weise auch nützlich. Von nun an aber gelte für mich, dass es mir gut gehen soll.

Ich fahre Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann

Ich habe meine Schwiegermutter noch kurz vor ihrem Tod im Krankenhaus besucht. Allerdings zweifle ich daran, dass sie mich noch wahrnahm. Es sei denn, dass jenes kurze Zittern, als ich ihr die Hand auf den Arm legte, Ausdruck des Wunsches war, weg zu laufen.

Mir war auch danach, weg zu laufen. Seitdem will ich immer nur weg laufen. Mit dem TOD komme ich klar, hab ihn in Ankh-Morpork mal kurze Zeit gedated. Aber Paula hat seitdem quasi einen Dauer-Nervenzusammenbruch, der nur deshalb kein vollständiger Zusammenbruch ist, weil sie eigentlich immer einen Nervenzusammenbruch hat. Ihr ganzes Leben ist ein Ausnahmezustand, ein Konzert aus sozialen Phobien, Minderwertigkeitsgefühlen, dem sich daraus ergebenden Gefühl, nicht genug geliebt zu werden.

Und das alles lebt sie über mich aus. Ich bin der, der für sie alle möglichen Anrufe machen und Verträge schliessen muss, weil sie sich dazu nicht in der Lage fühlt. Ich bin der, der ihre Pläne umsetzen soll, der, der herumkommandiert, herunter gemacht und manipuliert werden muss, damit passiert, was sie sich wünscht, ohne dass sie selbst tun muss, was sie eh nicht kann.

Aber wenn ich all das sein muss, wie kann ich ich sein? Und wie kann sie sie sein, wenn ich sie sein muss? Das klingt alles relativ verwirrend und ist viel zu kompliziert. Jedenfalls für mich, aber schliesslich fahre ich ja Zweirad, weil ich nicht bis drei zählen kann.

Mean Girls

Paula attestiert mir gelegentlich einen gewissen Mangel an Anpassungsfähigkeit an ungewöhnliche Situationen. Das mag sein. Das ist wahrscheinlich so. Ich frage mich allerdings, ob es normal ist, wenn sie das als persönliche Beleidigung auffasst. Aber normal war ja schon immer nur, was sie auch als normal definiert. Und wen sie als normal definiert.

Zu diesem illustren Kreis gehöre ich natürlich nicht. Die Tochter des Lebenspartners ihrer Mutter, nennen wir ihn “Stiefvater 2”, mangels durchgeführter Eheschliessung in Anführungszeichen, auch nicht. Sie ist ein hässliches Frauenzimmer mit einer Frisur, die jeden Haarkünstler, der seiner Schere wert ist, in eine tiefe Depression stürzen würde.

Der Streit begann mit einer abweichenden Einschätzung der Verstorbenen, die Paula weniger positiv sah als die andere. Beider Ansichten schienen mir falsch, denn zu Lebzeiten war sie oberflächlich gewesen und  hatte einen Hang zum Höheren gehabt, der mir fremd ist. Sie war zu ihren Kindern emotional distanziert gewesen und hatte Paula und mir eine Reise in die Türkei geschenkt.

Von mir hatte sie zuerst nicht viel gehalten, dann aber mehr. Denn im Gegensatz zu Paula hatte sie verstanden, wie sehr die von mir abhängig ist und hielt mir die Geduld zugute, mit der ich sie noch nicht erschlagen habe. Das war eigentlich sehr nett von ihr. Andere sehen das als Ausdruck von Entscheidungsschwäche.

Stelle ich mir die beiden Damen nun an einem Tisch vor, gar in Gesellschaft meiner beiden Schwägerinnen, jede mit einer einer Fülle von Persönlichkeitsproblemen ausgestattet, so habe ich sofort das Bedürfnis, mir “Mean Guns” mit Christopher Lambert noch einmal anzusehen. Auch ein Leichenschmaus bedarf einer gewissen philosophischen Vorbereitung.

https://www.youtube.com/watch?v=Fpli12qttak