Nächstes Jahr in Jerusalem

https://www.welt.de/debatte/article171348092/Donald-Trumps-Mut-zur-Wahrheit.html

Von Alan Posener |

Dieser Artikel ist in der Welt als „Meinung“ gekennzeichnet. Die Redaktion dieses Publikation meint damit auszudrücken, dass es sich um die von Alan Posener handelt und nicht um eine determinierte Wahrheit.

Seit Jahrzehnten erkennt die internationale Gemeinschaft stillschweigend an, dass die Stadt der jüdischen Könige David, Salomon und Herodes, die Stadt, in der bis zur Zerstörung durch die Römer der Tempel stand, und in der Jesus als „König der Juden“ von den Römern gekreuzigt wurde, die Stadt, die Juden seit 2000 Jahren beim Pessachfest beschwören – „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ –, dass diese Stadt, die nur deshalb Christen und Muslimen heilig wurde, weil sie seit jeher den Juden heilig ist, die Hauptstadt des jüdischen Staates ist und sein muss.

Nur diplomatisch wird die Fiktion aufrechterhalten, der Status der Stadt sei noch unklar. Die Botschaften auch der Freunde und Verbündeten Israels sitzen in Tel Aviv. Nun hat US-Präsident Donald Trump diese Schizophrenie beendet und will die Botschaft der USA nach Jerusalem verlegen. Gut.

Wie Trump in seiner Botschaft aus dem Weißen Haus betonte, hat die bisherige Weigerung aller US-Regierungen, den 1995 gefassten Beschluss des Kongresses umzusetzen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, den Frieden keinen Zentimeter nähergebracht. Wenn daher selbst ernannte Experten warnen, die „muslimische Welt“ werde das nie akzeptieren, und wenn muslimische Führer warnen, damit werde der Friedensprozess beendet, muss man fragen: Welcher Friedensprozess ist da gemeint?

Seit Jahren findet Israel dafür keinen Partner. In Gaza regiert eine Terrorgruppe, die Israel auslöschen will, in Ramallah eine korrupte Clique, die das eigentlich auch will, aber im Gegensatz zur Hamas immerhin begreift, dass dieses Ziel mit Waffengewalt nicht zu erreichen ist.

Und was die „muslimische Welt“ betrifft, so befindet sie sich vom Irak über Syrien und den Libanon bis hinunter in den Jemen einerseits in einem blutigen Bürgerkrieg zwischen dem schiitischen Regime in Teheran und dem von Saudi-Arabien geführten sunnitischen Regime, andererseits in einem innersunnitischen Bürgerkrieg zwischen Dschihadisten und sogenannten gemäßigten Regierungen, sprich korrupten arabischen Autokratien.

Diese innermuslimischen Kämpfe haben in wenigen Jahren viel mehr Opfer gefordert als die siebzig Jahre des israelisch-arabischen Konflikts, der zu Unrecht als „Nahost-Konflikt“ bezeichnet wird. Für keinen der Akteure in diesem mörderischen Bürgerkrieg ist das Schicksal der Palästinenser je wichtig gewesen, wegen Jerusalem werden sie auch nicht das gegenseitige Abschlachten einstellen.

http://www.sueddeutsche.de/politik/trumps-aussenpolitik-trump-behandelt-jerusalem-wie-eine-immobilie-1.3780484

https://www.n-tv.de/politik/In-Jerusalem-fallen-wieder-Schuesse-article20172550.html

http://www.huffingtonpost.de/2017/12/07/palaestinenser-israel-gaz_n_18753652.html?utm_hp_ref=germany

Die lauwarme Sofie

Die Eisheiligen nehmen sich dieses Jahr frei.

Denn der mit ihrem Namen verbundene Kälteeinbruch entfällt. Gewiss ist das die Folge des mangelnden Glaubens, den die Protestanten, Sikhs, Jeziden, Drusen, Muslime, Juden, Agnostiker, Buddhisten, Hindus, Alt-Katholiken, Unitarier und Orthodoxe an sie haben.

Offensichtlich hat die Zahl der Gläubigen die kritische Menge unterschritten, die ein Heiliger für seine Arbeit benötigt. Das aber heisst für mich, dass ich schon vor einer Woche Bohnen, Erbsen, Zucchini und Möhren hätte setzen können.

Jetzt ist es zu spät, denn eine streunende Katze ist mit ihren Jungen in den Schuppen mit dem Werkzeug eingezogen, das ich dafür brauche.

Freibeuter-Gedanken

Ich könnte nicht sagen, wieviele Flüchtlinge aus welchen Ländern in diesem Jahr oder im letzten angekommen sind, wieviele auf der Strecke geblieben sind und wieviel Geld ihre Unterbringung kosten wird. Dafür habe ich an Supermarkt-Kassen, Fussgänger-Überwegen, Bahnhöfen und in einer Pizzeria Einwanderern aller Couleur zugeschaut und mit ihnen gesprochen.

Zusammenfassend fasse ich zusammen, dass der Begriff „Flüchtling“ oder „Einwanderer“ eine ungemein heterogene Gruppe beschreibt, denen nichts gemein ist, als dass sie eben in den letzten Jahren in Deutschland oder einem anderen Land der EU angekommen sind.

Es sind Männer und Frauen, Kinder und Alte, die ihre Heimat aus den verschiedensten Gründen verlassen haben. Den einen hat man hier Arbeit und Geld versprochen, den anderen in ihrer Heimat den Tod. Die meisten sind wohl rechtschaffene Menschen, andere auch Schurken, denn wer vertrieben wurde, wurde es nicht wegen seiner moralischen Qualitäten, sondern seiner Religion, seiner ethnischen Zugehörigkeit oder seiner Hautfarbe wegen.

Einige sind gewiss hier gelandet, weil in ihrer Heimat die Straftatbestände anders heissen mögen, aber trotzdem verfolgt werden, und andere, weil sie nach einer kriminellen Karriere einen beruflichen Neu-Anfang wagen wollten.

Gerade diese Heterogenität macht es schwierig, eine Meinung zu ihnen als Gruppe zu haben. An dieser Stelle und aus diesem Grund haben dann sowohl die Gegner der Einwanderung en masse als auch die Befürworter unrecht. Das oft angeführte Argument für die Einwanderung, die Migranten schlössen die Lücken an qualifizierten Mitarbeitern, die der europäische Mangel an Fortpflanzungswillen geschlagen hätte, gilt frühestens für die Generation ihrer Kinder.

Denn die Qualifikationen der Eltern entsprechen entweder nicht den Bedürfnissen der heimischen Wirtschaft oder sie werden nicht anerkannt, um das Lohnniveau zu drücken. Auf der anderen Seite scheint es eine „Einwanderung in die Sozialsysteme“ nicht wirklich zu geben. Denn die meisten von ihnen erwarten aus ihrer Sozialisierung heraus keine lebenslängliche Vollversorgung durch den Staat. Sie kommen aus Ländern, in denen wer nicht arbeitet auch nicht isst.

Wie heterogen die Einwanderer/Flüchtlinge/Migranten sind, wie kompliziert die Themen sind, die mit ihnen verbunden sind, zeigt die „Islamisierung Europas“, die als Angst bei manchen Menschen verbreitet ist. Unter den Menschen, die ich sah und mit denen ich sprach, waren Christen, Sikhs und Jesiden, aber auch vor allem Muslime, denen ihre Religion so egal war wie den meisten Christen die ihre.

Auf der anderen Seite stellen nicht heimatvertriebene Syrer, Libyer, Iraker und Palästinenser in Frankreich und Grossbritannien die Mehrheit der Muslime, sondern Bürger aus den ehemaligen Kolonien, aus Algerien, Tunesien, Marokko, Pakistan, Nigeria und Bangladesh, denen man als dringend benötigten Arbeitskräften die Türe aufhielt.

Verbindet sie gar nichts? Doch – die Behandlung, die ihnen widerfährt, das Spannungsverhältnis zwischen alter und neuer Heimat, der Wunsch, irgendwohin zu gehören, und die Unmöglichkeit, diesen Wunsch umzusetzen. Als Laie kann ich nur die eine oder andere Neurose vermuten, wo der Fachmann sie diagnostizierte, läge denn jemandem daran, das er es tut.

Ob man nun als Einheimischer aus eigener Überlegung oder Familientradition dafür oder dagegen argumentiert, hat vermutlich den gleichen Einfluss auf diese Völkerwanderung, die keine ist, wie auf das Wetter oder die Dummheit von Politikern. Sie wird einfach passieren und dabei Europa ebenso verändern wie die Länder, aus denen diese Menschen kommen. Damit ist die Frage wieder einmal, wie wir als Staaten, als Gesellschaften, als Menschen reagieren.

Ich habe da auch keine Patentantwort, ich bin nur jemand, der auf eigene Rechnung darüber nachdenkt, sozusagen als gedanklicher Freibeuter. Die Laissez-Faire-Gesellschaft jedenfalls kann das Problem nicht lösen, aber Flüchtlingsboote zu bombardieren wie es eine italienische Politikerin forderte oder eine Zwangs-Europäisierung wird das Problem ebenfalls nicht lösen.

Mir fällt gerade auf, wie ich Flüchtlinge und Einwanderer gleichsetze. Die Situation eines Einwanderers aus einem EU-Land ist sicher eine andere, kann er doch jederzeit per Ryan Air zum Heimat-Urlaub oder dauerhaft zurückkehren.

Er hat wahrscheinlich auch Qualifikationen, die EU-weit anerkannt werden, er steht bei Unterbringung und Eingliederung auf eigenen Füssen, wird trotzdem ihn Schulabschluss, Berufsausbildung und Studium zu einer Existenz als nützliches Mitglied der Gesellschaft prädestinieren in der öffentlichen Diskussion ignoriert und folgerichtig auch nicht gefördert.