Manche sind mehr Elite als andere

Denn erstmals in der europäischen Kulturgeschichte definiert sich eine Elite über ihre Modernität, ihre Fortschrittlichkeit. Die neue Elite, sie ist dezidiert progressiv. Mehr noch: Wahrscheinlich überwiegend unbewusst und mehr oder minder unreflektiert sind diese Eliten gefangen in einem teleologischen Geschichtsbild.

Dieses Bild basiert fest darauf, dass die Geschichte auf den Sieg des westlichen, universalistischen Linksliberalismus hinausläuft und dass die Welt – von Islamabad über Teheran bis Pjongjang – sich in nicht allzu ferner Zukunft in eine Art grosses New York verwandelt haben wird, multikulturell, kreativ, tolerant und offen. Dies ist ein Ort, an dem Menschen nicht mehr bestimmt sind von Herkunft, Sozialisation, Religion, Tradition oder Geschlecht, sondern sich vollständig selbst entwerfen können.

Die Eliten der Spätmoderne sehen sich, anders als die traditionellen Eliten von der Antike bis in die Neuzeit hinein, nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmasses.

Waren noch bis in das 20. Jahrhundert hinein die Eliten Europas weitgehend konservativ, um die herrschende Ordnung gegen das notgedrungen progressive Proletariat zu verteidigen, so hat sich diese Frontstellung in den westlichen Wohlfahrtsgesellschaften umgekehrt. Denn unter den Gegebenheiten einer globalisierten Weltwirtschaft sind es vor allem die vom Sozialstaat Abhängigen, die dazu neigen, am Althergebrachten festzuhalten, während die Etablierten und Erfolgreichen jedem kulturellen und technischen Trend hinterherhecheln.

Indem sich die neuen Eliten vor allem über ihre Progressivität definieren, entfremden sie sich von den kulturellen Wurzeln ihrer jeweiligen Herkunft. Die neuen kulturellen Trennlinien zwischen den Lebenswelten verlaufen nicht länger vertikal zwischen den regionalen Kulturen, sondern horizontal.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat in diesem Sinne vollkommen zu Recht darauf hingewiesen, dass der Konflikt zwischen moderner Elite und traditionellem Kleinbürgertum in zwei konkurrierenden Kulturalisierungsmodellen besteht und damit letztlich in zwei grundlegend anderen Auffassungen von Kultur. Nach dem Kulturalisierungsmodell der Elite – Reckwitz nennt es «Hyperkultur» – sind die Güter der kulturellen Märkte Ressourcen zur Entfaltung individueller Besonderheit und Expressivität, kurz: Mittel zur Selbstverwirklichung.

Ihr gegenüber steht das, was Reckwitz «Kulturessenzialismus» nennt, also das Pochen auf grundlegende Traditionen, die nicht oder zumindest nicht grundlegend infrage gestellt werden und sich aus lokalen Ressourcen speisen.

Eine friedliche Koexistenz beider Kulturentwürfe ist nur möglich, wenn die beiden Fraktionen sich in ihrem jeweiligen Sinne missverstehen. Das bedeutet: wenn die globalen, progressiven Selbstverwirklicher den Kulturessenzialismus ihrer Gegenüber lediglich als eine weitere Spielart, einen weiteren Lifestyle, eine weitere Mode individueller Identität begreifen und umgekehrt die Kulturessenzialisten die Hyperkultur der Selbstverwirklicher als spezifische Form westlicher Kultur und Identität. Sobald aber, so Reckwitz, «die beiden Kulturalisierungsregimes einander (. . .) tatsächlich als ein je spezifisches Kulturalisierungsregime wahrzunehmen beginnen, sehen sie sich in ihrer Grundlage bedroht und behandeln die andere Seite feindlich».

Zwar trägt man zum Teil dieselbe Kleidung, geht in dieselben Geschäfte, richtet sich bei demselben schwedischen Möbelhaus ein, hört dieselbe Musik und teilt andere popkulturelle Vorlieben. Allerdings werden diese popkulturellen Versatzstücke grundlegend anders kontextualisiert. Dienen sie den einen zur Bestätigung ihrer kosmopolitischen und flexiblen Existenz, so sind sie den anderen lediglich Beiwerk ihrer traditionellen Lebenswelt.

Unter popkulturellen Aspekten könnte man vielleicht sagen: Die neuen Eliten machen mit dem Versprechen der Pop-Kultur tatsächlich Ernst, während die Kulturessenzialisten die Produkte der Populärkultur lediglich als Konsumartikel zwecks persönlicher Vergnügungen auffassen.

Und da man sich in diesem Umfeld ausschliesslich unter seinesgleichen bewegt, vereinigen sich Kosmopolitentum und Provinzialität, Weltoffenheit und Borniertheit zu einer historisch singulären Ideologie.

Elite zu sein, wird zu einer Gesinnungs- und Lifestylefrage, wobei sich Gesinnung und Lifestyle unmittelbar miteinander verschränken. Nationale Kulturen hält man per se für überholt, Grenzen jeder Art für Ausdruck von Borniertheit, man ist polyglott und bastelt sich seinen individuellen Lebensstil aus den Versatzstücken des globalen kulturellen Angebots: Man liebt französische Filme, entspannt bei indischem Yoga, geniesst italienische Küche und bevorzugt skandinavisches Design.

Man bewohnt die gentrifizierten Viertel unserer Grossstädte, nicht ohne die Gentrifizierung zu beklagen, hat ein Netflix-Abo, konsumiert die neueste amerikanische Hype-Serie im Original, bucht seine Ferien bei Airbnb und liest den «Guardian». Natürlich online. Vor allem aber fühlt man sich als Teil einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, besagter Hyperkultur, die in Berlin und Zürich ebenso zu Hause ist wie in Sydney. Man definiert sich nicht über lokale Verortung, sondern über die sozialen Netzwerke der Gleichgesinnten.

Vermutlich hätte diese Metamorphose der Ideologie der CEO, Consultants und Business-Schools zur gesamtgesellschaftlichen Moral nicht so reibungslos funktioniert, wenn auf der anderen Seite die politische Linke nicht ihrerseits Werte wie Diversität, Flexibilität, Identitätstransformationen, Offenheit und Buntheit auf die politische Agenda gehoben hätte. In einer seltsamen, aber gesellschaftlich überaus mächtigen, geradezu allmächtigen Mesalliance spielen sich so die akademisch geprägte, emanzipatorische neue Linke und die Erfordernisse des spätmodernen Kapitalismus gegenseitig in die Karten.

Da man sich jedoch nur unter seinesgleichen bewegt, kommt es zu einer diskursiven Abschottung der Weltoffenen und Toleranten: Man verfällt dem Irrtum, das eigene Leben sei der normative Goldstandard. Aufgrund der Fehleinschätzung, dass das eigene Emanzipationsprojekt das einzig legitime und moderne sei, schaut man mit Verachtung auf jene, die an diesem Projekt und der ihm implantierten Ideologie nicht teilhaben können oder wollen.

Ökonomische Aspekte spielen dabei, das ist das Neue am neuen Klassenkampf, eine untergeordnete Rolle. Das gilt übrigens für beide Seiten: Eben weil die neuen Eliten sich vor allem über Werte, Normen und Lifestyle definieren, kann auch derjenige sich als Angehöriger der neuen globalen Klasse fühlen, der sich mit prekären Jobs durchs Leben schlägt, jedoch die richtige Gesinnung hat und an den Insignien des Zeitgeistes zumindest teilweise partizipiert.

Umgekehrt gehört auch der ökonomisch gutsituierte Konservative schnell zu den Abgehängten, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen oder erkennen wollen und weder offen sind noch flexibel oder kreativ, sondern einfach am Althergebrachten festhalten möchten und die Tradition achten. Im Zweifelsfall reicht es, sich für den Fortbestand von Gymnasien auszusprechen oder für Frontalunterricht, für Dieselfahrzeuge oder eine Beschränkung der Migration, um als geistig und kulturell abgehängt und daher nicht mehr diskursfähig zu gelten.

Alexander Grau

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-neuen-globalen-eliten-wie-sie-ticken-ld.1521130

Das ist einer der intelligentesten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Er definiert sowohl die “Elite” (Hyperkultur) als auch die Konservativen, die unabhängig vom Einkommen “abgehängt” sind/sein sollen (Kulturessenzialisten). Der Autor erklärt auch genau die unterschiedliche Wahrnehmung, auf der die Trennung der Gruppen basiert. 

Ich entnehme diesem Artikel, das ich mich stets irrte, indem ich mich als Underdog empfand, und zugleich irrte, indem ich den ökonomischen Status als Basis einer sozialen Einordnung akzeptierte. Das war die Übernahme von Werten aus dem frühen 20. Jahrhundert und der Zeit davor und entsprach einfach meiner negativen Einstellung. 

Zum Verständnis meiner eigenen Borniertheit verhalfen mir zwei Pizza-Fahrer unlängst, als sie mir darlegten, dass Homosexualität im Gegensatz zu meinem Verständnis nicht von jedem akzeptiert wird. So fand ich mich im Pizza-Keller plötzlich allein mit meiner Überzeugung gegen sie und Mike Pence. Der gehört dann wie diese beiden Migranten und Frau Kramp-Karrenbauer laut Herrn Grau eben nicht zur Elite.

Die Moralisten-Bewegung, für die Fröken Thunberg steht, ist in diesem Sinn der extremistische Flügel der Elite. Hier werde ich dann links von den Jungen überholt, abgehängt, deklassiert. Das Gefühl ist mir durchaus bekannt, konnte ich bei Yoyodyne aus unter anderem ökonomischen Gründen doch nie in der gleichen Weise am Leben der Elite partizipieren wie meine Vorgesetzten. 

Die Migrationswelle von 2015 war ein Punkt, an dem die Hyperkulturellen und Kulturessenzialisten (wir brauchen da noch griffigere Bezeichnungen) sich ihrer unterschiedlichen Auffassungen bewusst wurden. Es war auch ein Jahr, in dem die Hypers damit konfrontiert wurden, wie gering ihre Weltanschauung ausserhalb der ersten Welt wirklich verbreitet war. 

Das erklärt vielleicht ein wenig, wenn auch Hypers mal ausländerfeindlich sind. Sie sind es natürlich selektiv, während Kulturessenzialisten durchaus mal alle Fremden ablehnen können, weil die ihnen halt fremd sind.  

Rechte Anarchisten und neu-rechte Revolutionäre

Trump ist ein rechts gerichteter Anarchist, unberechenbar, einer, der gegen seine eigene Organisation, die republikanische Partei, und die eigene Regierung vorgeht. Er hat aber drei hochintelligente, extrem radikale Politiker der Rechten an seiner Seite: Sicherheitsminister John Bolton, Außenminister Mike Pompeo und Verteidigungsminister James Mattis. Die haben alle Anschauungen wie Dschingis Khan, sind aber hochintelligent und gut vorbereitet.

Yehuda Bauer

https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/historiker-yehuda-bauer-es-ist-nicht-wie-1933-%E2%80%93-aber-es-ist-gef%C3%A4hrlich/ar-BBOFOvq?ocid=spartanntp&pfr=1

An einer Stelle irrt Herr Bauer, doch nur, indem er es unterlässt, Mike Pence als einen jenere hochintelligenten, extrem radikalen Politiker zu erwähnen, die die neu-rechte Revolution in den USA vorantreiben.

Der kleine Donald hat überzeugungs-frei

Hat Donald Trump wirklich eine Überzeugung? Oder ist er unverblümter als andere Politiker frei von solchen Karriere-Hemmnissen? Im Ergebnis wird seine Politik auf jeden Fall… unkonventionell sein.

Von Anfang an zeichnete sich ab, dass er die Republikanische Partei nur als Werkzeug für seinen Aufstieg benutzte, während er das Wahlvolk mit mehr oder weniger überlegten Aussagen beglückte, die den Ansichten nicht unbedeutender Minderheiten entsprachen, und denen er jetzt widerspricht, ganz so, als sei ihm auch Wahl und Wähler nur Mittel zum Zweck gewesen. Die Partei kann sich dann aber durch Mike Pence und Reince Priebus im Kabinett vertreten fühlen und die Stammtisch-Schwadronierer und Wutbürger durch Stephen Bannon und Mick Flynn.

Viel Input scheint aber von seiner Familie zu kommen. CNN spricht ganz ungezogen schon von Nepotismus, solange man es denn noch darf. Ich bin in keiner Weise überrascht, habe ich doch aus den ersten 20 Seiten von „My Struggle“ viel über den Zynismus vorgeblicher Idealisten gelernt. Danach habe ich das Buch allerdings mit dem intellektuellen Äquivalent von Verstopfung von meinem Mobiltelefon löschen müssen.

Immerhin hat Stanley McChrystal bereits jede Beteiligung an der Regierung Trump abgelehnt. Das sagt allerdings einiges.