Wie man keine Verantwortung hat, muss man lernen

Gerade finde ich die Belanglosigkeit meiner Tätigkeit als hilfreich, als nützlich. Ich lerne da etwas darüber, wie man keine Verantwortung hat. Ich lerne, wieviel Paula (und Maniac) von mir verlangt haben. Ich lerne, wie wenig Anteilnahme ich von meinen Kollegen erfahren habe. 

Klar, da ist die Frage, ob es an mir liegt, dass es keinen von ihnen geschert hat, wie es mir geht. Und dann ist da natürlich auch die Frage, ob ich mit meiner plattfüssigen Art, den Menschen mein Bedürfnis nach Zuwendung aufzudrängen, sie nicht immer zurück gestossen habe. 

Doch sei es wie es sei – ich fasse zusammenfassend zusammen, dass niemand mir zuhilfe kam. Nicht meine Vorgesetzten bei Yoyodyne Europe, nicht meine Kollegen, nicht meine Frau. Das vielleicht etwas über mich, aber auf jeden Fall aber einiges über sie aus.  

https://www.zeit.de/arbeit/2019-10/burn-out-stress-arbeitsplatz-depressionen-ueberlastung-erfahrungen

Blütenblätter regnen auf ein Ende

Blütenblätter regnete es, als ich bedachte, dass mir meine Kollegen so wenig fehlen werden wie ich ihnen. Mehr werden mir wahrscheinlich die Einnahmen aus jenen ebay-Verkäufen fehlen, die ich nicht mehr haben werde.

Es schmerzt meine verholzte Seele, wenn ich an das schöne Geld denke. Jedoch habe ich soviel zur Seite gelegt wie ich es mir vorgenommen habe und dieses Sümmchen auf einer Insel im elektronischen Okeanos, dem Internet, vergraben.

Was ich am Schreibtisch hatte, füllte mit Mühe eine Papiertüte. Vier original verpackte Cola-Gläser von McD, drei Tassen, eine davon mit Werbe-Aufdruck, ein Handy-Ständer, gleichfalls mit Werbe-Aufdruck, ein Messer mit Keramik-Klinge, zwei elektrische Gurtwickler.

Maniac, der mir dabei half, das Büro aufzuräumen, war in Gedanken schon bei seinem neuen Job. Ein Händedruck besiegelte das Ende einer Zusammenarbeit, die mehr als zwanzig Jahre gedauert hatte.

Wie kündigt man im 21. Jahrhundert?

  1. startet man seinen Dell-Laptop, der einen Konflikt der IP-Adresse behauptet.
  2. behebt man diesen Konflikt, indem man dem Dell eine andere IP-Adresse zuweist, als dem Ulefone S7 neben sich auf der Couch
  3. versucht man herauszufinden, ob der Herr General Manager sich im fraglichen Zeitraum überhaupt in diesem Raumzeit-Kontinuum aufhält
  4. erfährt man, man solle sich an Abteilungsleiter Schweinebacke wenden und dem die Kündigung persönlich geben soll
  5. ist man noch krank geschrieben und wird den Teufel tun, im Krankenschein zu Yoyodyne Europe zu fahren, um diesen Kollegen zu sehen
  6. verfasst man ein freundliches und persönlich gehaltenes Kündigungsschreiben an Edna als Personal-Tussi
  7. schreibt man eine eher formelle, aber immer noch freundliche Version des Kündigungsschreibens
  8. druckt man die pdf beim Nachbarn aus, weil man vor vielen Jahren den eigenen Epson geschrottet hat
  9. erfährt man, dass die Kündigung statt als  Einschreiben auch als Prio-Brief verschicken kann, der auch am nächsten Tag ankommt und sich über das Internet tracken lässt
  10. informiert man den notorischen Mitwisser vom nächsten Schreibtisch per Whatsapp in der Web-Version, dass der Countdown läuft
  11. lehnt man sich entspannt zurück und wartet auf den Knall

In den Sonnenuntergang reiten – für Fortgeschrittene

Gerne stelle ich mir vor, nach einigen geschickten Vorbereitungen eines Morgens La Mosca zu besteigen, um vorgeblich meiner Arbeit zuzustreben, statt dessen aber den Roller auf dem Parkplatz vor meiner Arbeitsstelle auf einen gemieteten Kleintransporter zu verladen.

Irgendwo auf einem Rastplatz würde ich meine Sim-Karte wechseln, so unerreichbar werdend und alle für mich unerreichbar machend, derer ich überdrüssig bin. Ein Auswanderer wäre ich so in einer neuen Welt, die ich selbst schüfe, ihren Eingeborenen frei begegnend, da ich selbst frei wäre.

Unweigerlich holte mich aber mein früheres Leben ein, wenn die Bausparkasse an meine Türe klopfte und Tilgung und Zinsen für das Haus forderte, in dem zu wohnen ich mich weigerte, verweigerte ich mich doch dem Menschen, der dort wohnte. Auch Versicherungen und Finanzämter sind findig, wenn es darum geht, ihre Schuldner zu finden.

Maniac hat bereits beantragt, dass ich seine Handy-Nummer in diesem Fall nicht aus meinem Speicher lösche.

Lucky Luke hatte es damals einfacher. Er allerdings lebte ja auch unbeweibt und schuldenfrei.



Büroeinrichtung mit Feng Shui und gallifreyanischer transdimensionaler Architektur

Maniac hat begonnen, seinen Schreibtisch auszuräumen. Da er gallifreyanische transdimensionale Architektur zur Gestaltung der Schubladen benutzt hat, werden voraussichtlich zwei 15 m³-Container benötigt werden, um den Inhalt aufzunehmen.

Ich habe bis jetzt 68 Handsender von 14 unterschiedlichen Marken, 23 Namensschilder von Messen aus Deutschland, Italien und Frankreich, zwei Multifunktionstools (aka Schweizer Messer 2.0), 9 Kataloge mit mehr als 60 Seiten und 49 Prospekte und Broschüren gezählt.

Allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen, sondern wurde nur unterbrochen, um eine vergleichende Untersuchung der Prospekte für den Opel Insignia, den 2er BMW und den Peugeot 508 anzustellen. Ich gönne ihm die Auswahl, ich gönne ihm alles. Er hat wie ich lange von einem Ecu zum anderen leben und zwei Jobs arbeiten müssen.

Edna hat schon die Ausschreibung für seinen Nachfolger herum geschickt. Sie ist überraschend realistisch. Es soll ein französischsprechender Call Center Agent sein, der anstelle einer solchen Ausbildung auch einen interessanten Lebenslauf haben darf. Es wird nicht ganz einfach werden, diese verzweifelte Seele zu finden. Es wird nicht einfacher werden, wenn er oder sie herausfindet, dass ich sein/ihr Kollege bin.

Der Neandertaler hängt einen neuen Zettel auf

Missmutig hat er eben den alten von der Glastür des Gebäudes abgerissen und ersetzt ihn jetzt durch einen neuen. Auf dem stehen ausser einem Qualitätsbeauftragten und einem Verkaufsleiter für Wolsanien auch ein Kundenbetreuer.

Jedoch handelt es sich nicht um einen Ersatz für mich. Ich stehe mit ungebrochener Loyalität zum Zaibatsu und werde bis zur letzten Patrone kämpfen. Da Yoyodyne Europe nicht die Auberge Bourgerie ist, habe ich meinen Munitionsvorrat aber streng begrenzt.

Maniac aber, der über zwanzig Jahre mein Kollege war, hat gekündigt. Einfach so und ohne einen neuen Arbeitgeber bei der Hand zu haben. Der fand sich allerdings bis zum Abendessen des nämlichen Tages dann auch gleich ein.

Jetzt muss sich der Ärmste einen Dienstwagen aussuchen, ein Problem, das ihn gänzlich fordert. Dazu habe ich ihm schon mein Mitleid ausgesprochen und ihn mit einem Foto des pizzeriaeigenen Opel Corsa versorgt. Alles, was weniger verlottert aussieht, ist ein Gewinn.

Gibt es wirklich ein Leben nach dem Abitur?

Traurig betrachte  ich den Lebenslauf von Maniacs Sohn. Es ist das trostlose Ergebnis eines einjährigen Kurses zur Vorbereitung auf die Zeit nach dem Abitur. Offensichtlich wurde er von jemandem, der gar keine Ahnung von Bewerbungen hatte, jemandem gehalten, der nicht an ein Leben nach dem Abitur glaubte.

Der junge Mann liess denn auch keinen Fehler aus, verzichtete auf alle graphischen Gestaltungsmöglichkeiten, gab eine email-Adresse an, die als Domain den Namen seines Vaters enthielt, nannte Hobbies, die keinen positiven Eindruck machten, um dann wieder den halben Lebenslauf seiner Eltern wieder zu geben.

Gewiss ist ein Pedigree ungefähr das zweite, nach dem ich schaute, wenn ich ein Pferd oder ein Rind für die Zucht kaufte. An einer Bewerbung interessiert mich jedoch nicht, ob einer des Stadttrunkenboldes Sprössling ist oder der eines Richters, sondern was dieser Geselle für das Unternehmen bringt.

Natürlich ist es heute kein Problem, einen Ausbildungsplatz zu finden. Aber ich sehe ihn weder als Glaser, noch als Fliesenleger und auch nicht als Soldaten, alles Berufe mit Zukunft. Bei Steuerberater und Bankangestellter bin ich im Hinblick auf die Perspektive nicht so optimistisch.

Finanzbeamter scheint mir übrigens besonders geeignet für Menschen mit eingeschränkten kognitiven Möglichkeiten und geringem Ehrgeiz.

Das Land des schadhaften Lächelns

An dieser Stelle wollte ich eigentlich ausgiebig davon sprechen, wie ich das Nokia-Mobiltelefon einer rumänischen Kollegin konfiguriert hatte. Dabei hatten wir uns in Italienisch unterhalten, weil das eben die einzige Sprache war, die wir beide leidlich sprachen.

Doch warum übernehme ich solche Aufgaben? Tue ich es nur, weil ich es kann? Strebe ich nach Ruhm, Ehre und der Anerkennung, die sich in einer leicht angesengten Pizza Marinara ausdrückt? Oder übernehme ich gerne die Verantwortung für andere? An dieser Stelle muss ich mir eingestehen, dass Paula von mir abhängig ist.

Das gleiche gilt für Maniac. Als ich einen Tag länger in Maghrebinien war als geplant, zeigte er unseren Kompli… äh, Kollegen zufolge deutliche Zeichen von Stress und äusserte Furcht, ich könne mich angesichts meiner Schulden und des Zustandes meiner Beziehung absetzen wollen.

Als verböte sich der Gedanke nicht schon wegen des Mangels an Renten- und Krankenversicherung dort. Immerhin ist Maghrebinien nicht ohne Grund als das “Land des schadhaften Lächelns” bekannt, eine Beschreibung, die ihm Molwanien allerdings in den letzten Jahren streitig machte.

Auf eine Geschäftsreise in dieses Land hoffe ich noch. Da kann ich meine Motivation auch verstehen und darstellen.

http://www.molwanien.de

Existenz und Aufgabe von Check24

Eine Nachfrage bei der Auto-Versicherung nach einer nicht eingetroffenen Rechnung führte zu einer Neu-Belebung meines Gedächtnisses. Tatsächlich, wir hatten den Vertrag gekündigt. Dem mulmigen Gefühl, das sich einstellt, wenn man fast zwei Monate ohne Versicherungsschutz gefahren ist, begegnete ich mit Aktionismus.

Ich suchte also umgehend online eine neue Versicherung, da die alte an einer Wiederbelebung unseres Vertragsverhältnisses nicht wirklich interessiert war. Dabei unterstützte mich Paula in ihrer bekannt-freundlichen Art mit einer ganzen Fülle von Vorschlägen und vor allem Vorwürfen. Die ich fand höchst undankbarerweise aber wenig hilfreich, ganz im Gegensatz zu Check24.

Meine Lebensverhältnisse überfordern mich offensichtlich. Das sagt etwas über mich aus. Dass ich sie so lange ertrage allerdings auch. Vielleicht tue ich das aber einfach auch nur, weil ich mir nicht vorstellen kann, noch einmal eine Beziehung einzugehen, und nicht weiss, wie ich den Rest meines Lebens allein verbringen kann.

Meine nächste Aufgabe wird dann sein, Maniac die Existenz und Aufgabe von Check24 zu erklären.

Wie man ein Verlierer wird – für Anfänger

38° im Schatten. Die Sonne brät sich draussen auf dem Teer ein Spiegelei, die Kolleginnen spielen Quiz-Duell auf ihren Samsung-Mobiltelefonen, und Maniac lotst seinen Sprößling per Handy durch unsere Landeshauptstadt.

Rufus hat es geschafft, sich in dieser nicht eben grossen Stadt zu verlaufen. Sein Vater schiebt es auf eine Entwicklungshemmung, mich aber wundert nur, dass er das Problem nicht mit dem Navigationssystem seines HTC Wildfire selbst löst.

Ich weiss, warum ich zutiefst bedaure, dass es keine entsprechende App mehr für mein Nokia gibt. Schliesslich bin ich auch nicht immer sicher, wo ich bin, geschweige denn, wo ich hin soll. Dafür weiss ich nach all den Jahren fast immer, was ich tue. Also meistens; manchmal sogar, was ich statt dessen eigentlich tun sollte.

Bald werden sich dem jungen Mann noch ganze andere Probleme stellen. Denn so ihn die Pubertät endlich ereilt, werden Akne, eine Überproduktion von Sexual-Hormonen und – natürlich – romantische Liebe sie begleiten. Denkt jedoch ein Fräulein daran, ihn zu erhören, wird sich im gleichen Augenblick mit einem Puff und einem Regen aus violetten, minzfarbenen und pinken Sternchen ihre beste Freundin, ihr Vater, ihre Mutter, ihre Schwester oder alle zusammen auf dem Streifenteppich vor ihrem Bett materialisieren, um ihr klar zu machen, dass er – orientierungslos und sprachgestört – ein Versager ist, der ihrer nicht wert ist.

Findet er aber dann doch die Frau fürs Leben, ist es kein lustiges. Denn er hat ja nun schon einige Erfahrungen mit seiner eigenen Minderwertigkeit gemacht, während sie genau das ausnutzen wird, um ihn zu unterdrücken.

Denn wir, Menschen wie er und ich, bekommen nur dann eine Chance, wenn es in Wahrheit keine ist, wenn sich jemand neben uns grösser und überlegen darstellen will. Spätestens dann sind wir wirklich Verlierer.