Up where we belong

Es liegt gewiss an meiner eigenen intellektuellen Unzulänglichkeit, dass ich nicht verstehe, warum in manchen Ländern der EU sich gerade Vertreter jener Parteien so emsig ins EU-Parlament wählen liessen, die den Austritt ihrer Länder aus jenem Staatenbunde wünschten. Da war kein Aufruf von Le Pen, Salvini oder Orban, doch bitte an dieser Wahl nicht teil zu nehmen, da das zu wählende Parlament ein abzulehnendes sei.

Ich sehe darin durchaus einen Beweis für die Unausweichlichkeit der Europäischen Gemeinschaft. Selbst die Neuen Rechten und Nationalisten aller Couleur suchen den Platz nicht nur in diesem Parlament, sondern auch den Schulterschluss zu anderen gleicher Gesinnung innerhalb der EU.

Da dieses Europa (und was das angeht auch Russland) genau an der Strassenecke zwischen dem Amerikanischen Imperium, dem aufsteigenden Gross-Chinesischen Reich und dem islamischen Kulturraum liegt, bleibt nur, sich als Gemeinschaft zu formieren, um nicht unterzugehen. Es ist recht unwahrscheinlich, dass der Präsident der Tschechischen Republik oder sein griechischer Kollege auf Augenhöhe mit Donald Trump oder Xi Jinping verhandeln können, die hunderte Millionen von Bürgern, mächtige Wirtschaften und Armeen hinter sich haben.

Mit 500 Millionen EU-Bürgern hinter sich, mit dem addierten BIP von 27 der am höchsten entwickelten Nationen der Welt und, tja, am Ende auch reichlich Schiesszeugs und Burschen und Mädeln, es zu bedienen, sieht die Geschichte schon anders aus. Da können wir vielleicht im Rennen bleiben, bis wir wieder oben sind. Und da wollen wir doch alle hin, oder?

Brain For Hire

In gewisser Weise ist das erstaunlichste an der Europäischen Gemeinschaft, das sie auf vielfältige Weise vom Werbeflyer über die Aussagen der Politiker bis zum Vertrag von Lissabon ein besseres, freieres und gerechteres Leben für ihre Bürger verspricht und niemand enttäuscht ist, wenn sie dieses Versprechen nicht einhält.

Ob sie die Korruption in Bulgarien nicht stoppt, Orban & Co. in Ungarn nicht davon abhält, Zigeuner, Juden und Homosexuelle zu verfolgen, sich in einer weltweiten Finanzkrise einen Teufel um ihre Bürger schert und statt dessen die Banken rettet und die griechische Regierung erpresst, die gesellschaftlich anerkannte Reaktion ist ein Schulterzucken. Dabei sollte die Schulter nicht zu weit hoch gezogen, das Schulterzucken denn auch mit ein paar abwertenden Bemerkungen über den jeweils anderen europäischen Staat kombiniert werden.

Vielleicht war der Versuch, aus 26 verschiedenen Nationen ein einiges und doch verschiedenes politisches Gebilde zu schaffen, zu verwegen. Vielleicht ging er auch nicht weit genug, weil ein politisches Gebilde ohne gemeinsame Identität die Bedürfnisse der Menschen nur bedingt befriedigen kann. Ist dieser Versuch nun gescheitert? Wahrscheinlich – die Gegenbewegung der Nationalisten breitet sich aus wie Unkraut, das zwischen den Pflastersteinen hervordrängt.

Mal als links, mal als rechts empfunden propagieren diese Gruppen die Wiederherstellung der Nationalstaaten in den geistigen Grenzen vom 17. April 1951. Das ist nachvollziehbar, bedenkt man, wie lange die Entwicklung dieser Nationalstaaten gebraucht hat und wie aufwändig sie war, welchen Preis Menschen dafür über Jahrhunderte in Geld und Blut bezahlt haben.

Aber lässt sich diese Rückkehr überhaupt noch bewerkstelligen? Wie zieht man Zollgrenzen zwischen Staaten, die so lange ohne sie ausgekommen sind? Wie ersetzt man eine Währung durch viele? Und wie überzeugt man all jene Menschen, die von den Vorteilen der EU so angetan sind wie andere von ihren Nachteilen? Die deutschen Studenten in Österreich, die polnischen Bauarbeiter in England, die italienischen Krankenschwestern in Deutschland, niederländische, tschechische und rumänische Lkw-Fahrer überall in Europa, die erst einmal lernen müssen, was sonst nur Einwanderer über Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen, Formulare, Wartezeiten und Währungskurse sind.

Es tun sich hier einige Möglichkeiten für Politiker, Philosophen, Beamte, Organisations-Spezialisten, Blogger, Journalisten und Logistiker auf. Ich bin per e-mail, Facebook, Tumblr und WordPress zu erreichen und stehen dotierten Angeboten wohlwollend gegenüber.