KölnHundertmarkt

Fotografiert von Nicole Hundertmark in Köln, bearbeitet mit Ultimate FX von Megalux aus dem Jahr 2000. Noch ein Windows-Update, und dieses Programm ist tot.

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Pippi und Michel aus Lönneberga

Strebt nicht jeder von uns danach, die heiteren Tage seiner Kindheit wieder aufleben zu lassen, indem er Weihnachten so feiert wie es früher einmal war? Da gibt es jene Menschen, die sich eine Nordmanntanne ins Wohnzimmer pflanzen, den Gottesdienst besuchen und dann Geschenke in der Familie verteilen, als gäbe es kein Amazon.

Andere wie Paula bestehen auf einem jährlichen Marathon von Kinderfilmen, dessen Kanon sich seit 1980 nicht geändert hat. Mir wäre übrigens auch nach einem Weihnachten wie früher gewesen. Ich hätte ein kleines Nickerchen gemacht, so ungefähr vom 23. bis 25., dann die Weihnachtspizza und einen schönen Becher billigen Speiseeises verputzt und hätte dann die Wäsche gebügelt.

Statt dessen habe ich mich mindestens einmal pro Tag anpflaumen lassen und den Rest der Zeit über mein Verhältnis zu den Menschen nachgedacht. In gewisser Weise wäre der ideale Arbeitsplatz für mich wahrscheinlich ein Limbus zwischen meiner Welt und dem Menschenland, ein Bahnhof vielleicht, ein Flughafen oder ein Einkaufszentrum. Denn ich geniesse einerseits die Einsamkeit, andererseits den so vielfältigen wie stets oberflächlich und damit ungefährlich bleibenden Kontakt mit vielen.

Das hat sich nicht geändert seit ich ein Kind war. Lag es an meinem allgemeinen Gefühl allgemeiner Unsicherheit oder dem Umgang der anderen Kinder mit mir? Es wird jedenfalls so bleiben.

Immerhin erklärt das die Anziehungskraft, die Malls auf mich ausüben. Egal, welches Museum ich mir zu besuchen vornehme, begünstigt dadurch, dass die Spende eines Patriziers dem gemeinen Volk gerade zu freiem Eintritt verhilft, ich lande am Ende immer in den Münster Arkaden, der Europa-Galerie, dem Herold-Zentrum, Les Halles oder dem Südstadtzentrum. Ich sollte ein Sub-Blog über diese Kunstgebilde betreiben, die am Ende doch nur urbane Räume wie die Kölner Hohe Strasse nachbilden.

Nach welchen Kriterien müsste ich vorgehen, wie sie beschreiben? Und gelänge es mir im Rahmen eines solchen Projektes dann irgendwann doch einmal ins Picasso-Museum, in das für Moderne Kunst oder den Louvre zu kommen?

Koffer-Tausch

Da ich meistens mit leichtem Handgepäck unterwegs bin, habe ich schon lange kein Gepäckschließfach an einem Bahnhof der Deutschen Bahn mehr benutzt. Und heute verdutzt festgestellt, dass sich da alles grundlegend gewandelt hat, jedenfalls im Kölner Hauptbahnhof: An die Stelle der zahlreichen Schließfächer ist da eine automatisierte Schließfachanlage getreten, die einem den Koffer abnimmt und irgendwo in den Eingeweiden des Bahnhofs versteckt.

Die Anlage besteht im wesentlichen aus der Möglichkeit, Geld einzuwerfen (dazu unten mehr), seinen Koffer einem Fach anzuvertrauen, mit dem es dann in die Tiefe fährt – und aus der vermittelten Hoffnung, dass später auch genau dieser Koffer wieder abgeliefert (im Bahndeutsch: “ausgelagert”) wird.

(Techniktagebuch, 16.10.2017)

An dieser Schliessfachanlage, die mich schon vor einigen Jahren vor Herausforderungen stellte, gibt es einen gewissen Verbesserungsbedarf. Denn man sollte dort statt seines eigenen Koffers einen anderen erhalten, mit dem ausgerüstet man das Leben eines anderen Menschen aufnehmen müsste. Gäbe man also seinen, sagen wir mal braunen Samsonite mit Adressanhänger auf, erhielte man statt dessen vielleicht einen blauen American Tourister, läse den Adressanhänger und bräche zum angegebenen Ort auf, um sich dort in ein Leben mit einer neuen Familie, anderen Freunden und Bekannten einzufinden.

Da die meisten von uns recht austauschbar sind, ist das wahrscheinlich gar nicht mal so schwierig. Kritisch kann es natürlich werden, wenn man sein Leben mit einer psychisch kranken oder gar kriminellen Person teilen oder das einer Person mit anderen sexuellen Neigungen oder anderem Geschlecht führen müsste.

Gegen Aufpreis lieferte das System dann aber auch einen Koffer mit einer frischen, neuen Identität für politische und religiöse Flüchtlinge, besserungswillige Politi…äh, Kriminelle und Ehemänner auf der Flucht.

Das alles klingt ein bisschen nach Philip K. Dick zwischen Dom, Deutz und Ring.

 

Screenshot_2017-08-19-22-00-20 (1)

Die vielleicht etwas exzessive Beschäftigung mit der dritten Staffel einer gewissen kleinen Webserie brachte mich dazu, „The Babylonian Legends of Creation“ von Sir Ernest Wallis Budge zu lesen. Ich lernte daraus drei Dinge.

  1. Ist die Weltsicht des durchschnittlichen Kölners offensichtlich die älteste bekannte Kosmologie. Eine Darstellung findet der interessierte Leser oben. Zum Verständnis genügt es eigentlich, den Namen Babylon durch den der Stadt am Rhein zu ersetzen.
  2. Roger Zelaznys Fantasy-Reihe „Die Chroniken von Amber“ ist von der babylonischen Mythologie inspiriert. Das Königreich des Chaos ist eindeutig Apsu, Oberon jener „culture hero“, der gegen die Schlange kämpft. Das Einhorn kommt allerdings in keiner anderen Version des Chaoskampfes vor.
  3. Ist Lady Gaga eine mindere babylonische Gottheit. Das hat mich jetzt nicht überrascht.

https://de.wikipedia.org/wiki/E._A._Wallis_Budge

http://www.thebookishblog.com/the-babylonian-legends-of-the-creation-illustrated.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Chroniken_von_Amber

https://de.wikipedia.org/wiki/Apsu

https://en.wikipedia.org/wiki/Chaos_(cosmogony)#Chaoskampf

https://en.wikipedia.org/wiki/Gaga_(god)

Die Hübschlerin

Shajenne hat mich dann doch überrascht. Als ich sie nämlich vor kurzem mit dem Pizza-Corsa nach Hause beförderte, klagte sie mir ihren Mangel an einem männlichen Gefährten. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Minderjährige sind weit ausserhalb meines Fokus.

Sie sowieso.

Bis zur halben Strecke war ihr wieder eingefallen, dass sie ja im Augenblick auch gar keine Beziehung wollte. Schliesslich will sie ja nach dem Schulabschluss noch eine Berufsfachschule in Köln besuchen, deren Absolventen sich der Verschönerung des Menschen verschrieben haben. Das war jetzt deutlich mehr Ehrgeiz und Triebverzicht, als ich ihr je zugetraut hätte.

Stanislaw Lem nannte die, die sich diesem Metier widmeten, in seinem „Futurologischen Kongress“ „Hübschlerinnen.“

https://www.youtube.com/watch?v=X5PwzVpvkDk

 

Köln 55322

Cologne_Dean Gulstad_2006

Ich bin hoffnungslos überfordert, seit ich weiss, dass es drei Köln gibt. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Neu-Aufteilung der bekannten Millionenstadt am Rhein mit dem mächtigen Dom im gotischen bis neugotischen Stil. Der Bau hat bekanntermassen von der einen bis zur anderen Stilperiode glatte 800 Jahre gedauert.

Ausser dieser Grossstadt gibt es aber noch Neu-Kölln, eine inzwischen in Berlin aufgegangene Stadt, die mit der mittelalterlichen Verfassung Kölns als Betriebsanleitung gegründet wurde, und Cologne, einen Flecken in Minnesota, den ausgewanderte Rheinländer und Rheinland-Pfälzer gründeten. Die Postleitzahl dieses Ortes benutze ich stets, wenn das Internet sich anstellt und nur für US-Amerikaner da sein will.

Es gibt über diesen kleinen Ort hinaus soviel Deutsches, ohne die die amerikanische Gesellschaft, wie wir sie kennen, undenkbar ist. Da ist Luther, der Reformator, da sind die Psychoanalyse, der Hamburger, das Auto und die Maschinenpistole. Wieviel unsere Ahnen der Menschheit gegeben haben, und wie sehr wir doch herunter gekommen sind! Selbst die Prostituierten und Drogenhändler in Köln sind heute Zuwanderer.

Das Foto wurde 2006 von Dean Gulstad aufgenommen.

Lothar Matthäus als Stadt

https://www.vice.com/de/article/der-vice-guide-zum-uberleben-in-koln

Lea Albring

24.01.2017

Köln ist hässlich und ein bisschen billig, aber die Kölner sind stolz auf ihre Stadt. Wer hier überleben will, muss die Kölner mit ihren eigenen Waffen schlagen.

„Köln ist so etwas wie Lothar Matthäus als Stadt“, hat ein schlauer Mensch gesagt. Die Stadt ist völlig von sich selbst überzeugt. Und das, obwohl es objektiv nicht viele Gründe dafür gibt. Köln ist vieles – hässlich, chaotisch, provinziell –, aber keine Schönheit, und schon gar keine Weltstadt.

Und trotzdem: Die Kölner lieben es. Sie sind völlig unangemessen viel zu stolz auf ihre Stadt und tun das auch ständig kund – so wie allen anderen Scheiß, der sie gerade umtreibt.

Wenn du also eher so der reservierte Typ bist, gerne in Schwarz rumläufst und wahlweise in der Gothic-Szene oder Galerien abhängst: Zieh nicht nach Köln. Lass es einfach sein. Zieh nach Düsseldorf, Kaufbeuren oder Bad Sassendorf. … 

Ziehst du nach Köln, ziehst du freiwillig ins Småland – in ein neverending Småland.

Jetzt habe ich so etwas wie Heimweh. Und Köln ist nicht „ein bisschen billig“. Wenn es billig wäre, wäre es nämlich so etwas wie welt-billig. Nichts geringeres ist von der Stadt zu erwarten, die der Nabel des Universums ist.