Fernsehen ist Opium für das Volk

Paula erzählt etwas. Vermutlich geht es entweder um ihr Leben oder darum, was sie von des Kleinen Bruders Vater hält. Das eine interessiert mich gerade in diesem Moment nicht, das andere ist nichts.

Viel lieber würde ich hören, was der Mann am nächsten Tisch von seiner Arbeit erzählt, von Geiseln, die mit dem Tod bedroht werden, von Brüdern, die ihre Schwester ertränken. Er liebt seinen Beruf, das ist zu hören.

Liegt es am Opipramol, das mir die Geduld für Paulas Gespräch fehlt? Oder ist das etwas, das zyklisch auftritt? Manchmal denke ich, dass sie eine Art Sprachstörung hat, die ihre Wortfindungsstörung ebenso erklärt wie die Drohungen, die Anweisungen und die Tropen. Die füllen dann einfach die Lücken, die ihre Störung lässt.

Das funktioniert dann wie bei den Tamarianern in Star Trek. Also eher nicht so gut.

Viele ihrer Ansichten stammen aus dem Hartz4TV, mit dem die Privatsender neben den Arbeitslosen auch die Kranken und Frührentner bespasst. In diesem Sinn ersetzt das Fernsehen heute die Kirche. Es liefert Speisevorschriften, Gebote und Verbote und Moderationen, die so festgelegt sind wie der Ablauf eines Gottesdienstes.

Aber keine Informationen über Sprach-Störungen wie ihre. Google ist auch ertraglos.

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Paula ist wütend. Sie hat mich – nicht unberechtigt übrigens – im Verdacht, allzu offen mit meinen Kollegen über ihre Krankheiten und unsere finanziellen Probleme zu sprechen. Anscheinend versteht sie Feronias Angebot einer nennenswerten Gehaltserhöhung als Almosen.

Sie war allerdings nicht beleidigt genug, um dieses Mehr an Geld nicht haben zu wollen. Trotzdem riss sie die Jahresübersicht über mein Gehalt mit allen Zulagen auf, die mir per Post zuging, weil sie dachte, es sei meine Kündigung.

Das sagt mir etwas darüber, wie sie meine Arbeit sieht und wie sie mich sieht. Alors, als sie noch arbeiten konnte, verdiente ich soviel wie sie OHNE mir durch körperliche Arbeit und den permanenten Kontakt mit den Keimen anderer Menschen dauerhaften Schaden zufügen zu müssen.

Und jetzt kann ich aus dem gleichen Grund immer noch Geld verdienen, während sie es nicht mehr kann. Die Arbeitskraft ist das Kapital des Werktätigen und zwar sein einziges Kapital wie Marx gesagt hätte, wäre es ihm denn vor mir eingefallen.

Ich habe seit Jahren einen Job, in dem ich leidlich gut bin. Tatsächlich habe ich zwei Jobs, aber bei nur bei einem davon kann ich auch noch dann und wann eine Episode “Til Lease Do Us Part” schauen. Dafür bekomme ich bei dem anderen ein Nudelgericht umsonst.

Mir fallen aus dem Stand einige ehemalige Kollegen ein, die damit als Entlohnung schon zufrieden wären, weil irgendwann aus “Dafür bin ich nicht zuständig” “Wer ist für mich zuständig” wurde. Das Leben ist kein Streichelzoo – Pech für die Zoophilen unter uns.