Internet auf dem Smartphone ist kein Internet

Stein und Bein schwor der Kunde, der eben auflegte, er habe kein Internet. Teufelszeug sei das, modernistischer Kram, den er kategorisch ablehne. Whatsapp allerdings ginge, er habe nämlich ein Smartphone, schon wegen der Enkel, die nur so kommunizierten. So habe er sich ja auch über unsere Produkte informiert, auf dem Telefon nämlich.

Mein “Schwiegervater” konfrontierte mich mit dem gleichen geistigen Spagat. Seit einem schaudernden Blick auf MS-DOS 4.0 irgendwann in den 80er Jahren ist er ein Verfechter der Idee, dass sein Leben ohnen Computer deutlich einfacher sei. Allerdings will er jetzt aus Gründen, die sich mir noch nicht erschlossen haben, ein Mobiltelefon mit Kamera. Also doch einen tragbaren Micro-Computer mit Telefonfunktion.

Zur Übertragung von Daten von Paulas altem Z3 auf ein XA2 musste ich die Telefone nur Rücken an Rücken stellen. Stellen, weil die Rückseite des Z3 so glatt ist, dass das Teil überall herunter flutscht, also auch vom neueren Schwester-Modell. Das Z3 in den Werkszustand zurück versetzen war einfach, ebenso die Einrichtung. Da musste ich ja vor allem Apps löschen, die Paula schon einmal, bei der Erst-Einrichtung gelöscht hatte und die er noch weniger brauchen wird als sie..

Vodafone behauptet zwar auf seiner Netzabdeckungskarte, an seinem Wohnort LTE anbieten zu können, aber ich glaube der Nachfolge-Organisation der Mannesmann Mobilfunk rein gar nichts. Also kontrollierte ich in seinem alten Telefonbuch, welche Vorwahlen Schwiegersohn, Tochter und Enkelin haben. Denn ich unterstellte ihnen jenes Mindestmass an gesundem Menschenverstand, dass vielen von uns rät, regelmässig zu duschen, regelmässig zu essen und den Handy-Provider zu wählen, der ihnen den besten Service bietet.

Das beförderte mich zu Aldi. Denn aktuell weiss ich von Prepaid-Verträgen vor allem, dass man sich identifizieren muss, um einen zu bekommen. Das kann ich, wenn es denn schnell gehen soll, in einem o2-Shop in Panzerbach tun, an dem ich an diesem Tag nicht vorbei kam, oder eben bei Aldi. Dort tarnte ich mich umgehend als ahnungsloser alter Mann, legte die Karte auf das Band und fragte die Kassierin, wie man sich registrieren muss. Online, sagt sie, oder Kollegin. Ich tat nun so, als verstände ich den Dialekt des Einzelhandels und behaupte, die Kollegin sei doch nett. Sie pfiff die andere Mitarbeiterin heran, die gerade noch kopfüber in den Schnittblumen steckte.

Die rüstete sich umgehend mit einem Tablet aus, fotografierte Vorder- und Rückseite meiner Carte d’Identité, stellte Fragen, die sie der Einfachheit halber selbst beantwortet: “Hat der Kunde? Hat er. Will er? Nee.” und schon war ich mit einer neuen einprägsamen Nummer registriert.

Schliesst sich der Alte jetzt noch einer islamistischen Gruppe an, lässt sich einen Bart wachsen und bastelt Bomben statt Haustüren, habe ich den Verfassungsschutz an der Türe. In Belgien, so las ich unlängst, bescheinigt man seine Existenz, indem man die erste Aufladung mit einer belgischen Maestro-Karte durchführt und das nach Aufforderung und 18 Monaten wiederholt. Das klingt auf eine Weise sicher, die sehr belgisch ist und in Molenbeek niemanden behindert. Österreich wiederum verzichtet auf jede Registrierung. Da kostet die Sim-Karte beim Hofer 1,49, und niemand fragt nach Pass, Unterschrift und des Bartes Länge.

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Ich kam, ich sah, ich ass Pelimeni

Laut Colonel Goya, der das Blog „La Voie de l’Epee“ betreibt,  ist der russische Militäreinsatz in Syrien ein Erfolg, weil er:

  1. sein Ziel, die Rettung der Regierung Assads vor dem Untergang erreicht hat (die Russen hatten also ein definiertes Ziel!)
  2. die Russen dabei mit geringeren Kosten öfter zuschlagen als ihre Mitbewerber (das wird den auf Effizienz bedachten Amerikanern nicht gefallen) Spielt dabei der Einsatz bewaffneter Kämpfer (Gruppe Wagner) statt regulärer Truppen eine Rolle?
  3. sie neue Waffen- und Kommunikationssysteme unter realen Bedingungen testen können
  4. die russischen Soldaten die Zahl ziviler Toten durch ihre Einsätze (Collateral Damage) in einem Lernprozess reduzieren konnten (das kommt in der Propaganda gut)
  5. und die Russen sich mit dem “Centre de réconciliation” eben auch diplomatisch positionieren konnten

Russland steht heute unter einem nicht unerheblichen politischen, militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Druck. Die Bevölkerungsentwiclung, der Islamismus in Zentral-Asien und die asiatische West-Migration werden früher oder später zu militärischen Auseinandersetzungen führen.

Diese Auseinandersetzungen werden ziemlich sicher asymetrisch geführt werden, unter Umständen auch in einem Mosaik-Szenario wie in Syrien. Da zählt Erfahrung mehr als ein Abschluss in Westpoint.

https://www.heise.de/tp/features/Syrien-Warum-das-russische-Militaer-erfolgreicher-vorgeht-als-die-US-Koalition-3831927.html?seite=2

https://lavoiedelepee.blogspot.de/2017/09/tempete-rouge-enseignements.html?spref=tw&m=1

Der Putsch gegen den Putsch

Habe ich nicht vor kurzem noch die Visum-Freiheit für türkische Staatsbürger gefordert und das mit der Notwendigkeit begründet, dass Oppositionelle, Intellektuelle und Homosexuelle die Möglichkeit haben müssen, sich ohne Umstände einer möglichen Verfolgung zu entziehen? Ich tat es, und ich hatte recht.

Der Putsch des Militärs kam zu spät, um den Putsch Erdogans noch aufzuhalten. Die Verfassung Atatürks ist erledigt, sein politisches Erbe verraten. Der gescheiterte Putschversuch von gestern ist nichts als der Punkt hinter diesem Satz. Die AKP ist langsam und zielstrebig vorgegangen und war so erfolgreich.

Jetzt wird die Parteiführung das Offizierskorps ebenso säubern wie die Gerichte, das Parlament, die Universitäten. Es wird Verhaftungen geben, Folterungen und Prozesse im beschleunigten Verfahren, vielleicht sogar Hinrichtungen und die Aussetzung der nächsten Wahlen. Das ist übrigens genau das, was die Offiziere auch getan hätten.

Auf unsere Politiker ist Verlass. Sie werden dieses Vorgehen dann ebenso verurteilen wie heute noch den Armee-Putsch.

 

Der feine Unterschied

http://www.n-tv.de/politik/Anschlag-in-Essen-war-Tat-von-Islamisten-article17526391.html

Bei der Bombenexplosion in einem Sikh-Tempel in Essen handelt es sich um einen islamistischen Terroranschlag. Das gibt die Polizei bekannt. Mit welcher islamistischen Organisation die Täter sympathisieren, ist jedoch noch nicht klar.

Der feine Unterschied zwischen Amerikanern und Europäern: in Amerika schiesst jemand auf den Sikh, weil er ihn für einen Islamisten hält, in Europa schiesst er auf ihn, weil er selbst Islamist ist.

https://en.wikipedia.org/wiki/Murder_of_Balbir_Singh_Sodhi

http://www.welt.de/debatte/article140322559/Die-arabische-Welt-wird-ein-Desaster-sein.html

“ Die schwachen Staaten jedoch explodieren. Das sind die, deren Grenzen gerade Linien haben: Libyen, Syrien, Irak, Eritrea. Was sagt uns das? Sie sind künstliche Gebilde und sie implodieren oder explodieren derzeit reihum. “ …

“ Markt, Mutter Natur und das Moore’sche Gesetz” …

“ Es gibt da einen Song der Folksängerin Brandi Carlile, den ich liebe: “Du kannst so lange in einem Hurrican tanzen, solange du im Auge stehst.” Wir haben uns in den letzten Jahren keine Pause gegönnt, wir waren unfähig dazu. Aber man braucht eine Pause, um Dinge in Zusammenhang zu bringen. Das ist ein riesiges Problem.”

Balzac und die Schönen von Damaskus

Ich gestehe, dass ich Vorurteile habe. In Westhafen z. B. wunderte ich mich über die jungen Araberinnen, die statt des Hijab Mini-Röcke trugen. Sie flirteten mutig, und nicht alle der Jungs waren Anhänger des Rasul. Das widersprach meinen Beobachtungen an anderer Stelle und irritierte mich.

Später hörte ich, es seien Libanesinnen, deren Eltern und Grosseltern vor dem Bürgerkrieg geflohen waren und an denen im Exil die Islamisierung ihres Landes vorübergegangen war. Manche dieser bindi-al-arab seien gar keine Muslimas, sondern Christinnen oder Drusinnen.

Der Novelle „Damascus“ von Jad Ziade begegnet man am Besten ohne alle Vorurteile, nachdem man den ersten Teil bei Noisetrade kostenlos herunter geladen hat. Denn der Autor spiegelt die syrische Revolution in einer Fantasy-Welt, in der sich die Geschichten aus Tausend und einer Nacht mit CNN mischen.

Da gibt es Magier, die Dämonen beschwören können, einen König, der Damaskus regiert und der zugleich prunkliebend, autokratisch, listig, freundlich und grausam ist, einen Dieb („the thrice-cursed thief of Bagdad, cheater of the noose“), marxistische Rebellen und ein Imperium Amreeka. Von Göttern ist meist im Plural die Rede, von einem „local holy book“ und El, dem Gott der Kanaaniten, die aber fast ausgestorben sind.

Amreeka, dessen Diplomaten englische Namen haben, ist am Öl Syriens ebenso interessiert wie an der Möglichkeit, dem König Schwerter, Bogen und andere Waffen zu verkaufen. Den Einheimischen ist dieses Reich mit seinen imperialen Legionen und seiner Gier unheimlich: „The empire takes much more than it will ever give.“ Sympatischer sind ihnen da die Palästinenser, stammverwandte Vettern, denen die Verbündeten Amreekas zusetzen, die geführt von General Dayan in ihr Territorium eindringen, Menschen töten und Häuser zerstören.

Zurückhaltend beschreibt Ziade eine Sexualität, die aber recht frei ist. Soha, die Dirne, hat genug zu tun, Natalie ist der aktive Partner in ihrer Beziehung mit Tim, Ghazi, der Dieb, dessen Spitzname grob ins Französische übersetzt „Trompe-la-Mort“ heisst, teilt mit Vautrin auch dessen Hang zu jungen Männern.

Ich werde den Rest des Buches wahrscheinlich nicht lesen. Da steht ein Preis von 4,75 Ecu einem Überangebot an kostenloser Literatur entgegen, dessen ich lesend erst einmal Herr werden muss.

http://www.amazon.de/Damascus-Syrian-Revolution-Book-English-ebook/dp/B00K9TEO8G/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1422954117&sr=8-1&keywords=jad+ziade