Ferngespräch nach Narnia

Meine Kollegin Sara konfrontierte mich eben mit einem für mich noch neuen Konzept. Statt wie ich jedes gebrauchte Mobiltelefon umgehend zu verkaufen, um das nachfolgende Gerät gegen zu finanzieren, setzt sie ihre gebrauchten Iphones für Aufgaben im Haushalt ein.

Ein Iphone 4 aus dem Nachlass ihrer Mutter z. B., das schon aus kindlicher Pietät nicht zu e-bay kann, hat die Aufgabe übertragen bekommen, als MP3-player und Radio für den Musikgenuss zu sorgen. Das unlängst in seiner Funktion als tragbare Fernsprechendstelleneinrichtung ersetzte Iphone 5 dient, fest in einem buchenen Kleiderschrank angebracht, der Kommunikation per Skype mit der Schwester in Narnia.

Welcher Verwendung könnte ich das Samsung S5230 aus meiner Schublade zuführen?

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Flucht aus Metropolsk

Hinweis: Da ich mit der Kamera meines Mobiltelefones noch einige Schwierigkeiten habe, muss ich zur graphischen Gestaltung dieses Blog-Eintrags auf externe Bildquellen zurückgreifen. Ich habe von dieser Reise vor allem Fotos von Schuhen und Reissverschlüssen und Jackentascheninnenstillleben mitgebracht, die wenig geeignet sind, dem Leser die Schönheit Maghrebiniens nahe zu bringen.

Um nach Metropolsk zu gelangen, der Hauptstadt von Maghrebinien, musste ich von Luxemburg nach Saarbrücken fliegen. Denn wo der Saarländer sich über den Ensheimer Flughafen mit den Hauptstädten der Welt verbunden fühlt, meint er damit tägliche Flüge nach den Hauptstädten der Bundesrepublik Deutschland, des Grossherzogtums Luxemburg und Maghrebiniens. Wieso aber Flugzeuge von Saarbrücken aus Metropolsk ansteuern, ist unklar, denn quasi niemand reist dahin. Wer es doch muss, nimmt üblicherweise von Lwow aus den Überlandbus.

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Maschine der Luxair auf dem Rollfeld des Flughafens Saarbrücken-Ensheim. Standfoto aus dem Film „Das Saarland“ von Carpe diem.

http://www.saarbruecken.de/wirtschaft/standort_in_europa/gewerbeflaechen/gewerbegebiet_noerdlich_flughafen_ensheim

Tatsächlich waren die paar Rentner, die mit mir im Flugzeug sassen, wohl durch die Bank Enthusiasten, deren Passion es ist, mit Maschinen biblischen Alters zu reisen, während die Flugbegleiter bei jeder ungebührlichen Bewegung der fliegenden Antiquität bleich wurden und augenfällig transpirierten. Dass die Tür zur Toilette ein Vorhang war und der Knoblauch die Rose Maghrebiniens ist, trug zur Erfahrung bei. Das mit der Rose entnahm ich einem Flyer auf dünnem chinesischen Papier, der mich auch darüber informierte, dass dieses einzige Luftbeförderungsmittel Maghrebiniens auch dem Woiwoden für seine Staatsbesuche diene. Das erklärte mir das Sofa, das drei Sitzreihen ersetzte, und den Mini-Kronleuchter darüber.

Ich war allerdings ziemlich abgelenkt, denn um den Abflug in Luxemburg nicht zu verpassen, hatte ich den EMW auf einen Behindertenparkplatz stellen müssen. Die Vorstellung, was mir an Bussgeldern, Abschleppkosten und anderem Ungemach daheim drohe, setzte mir so zu, dass mir das Odeur erst kurz vor dem Ziel wirklich bewusst wurde. Da hatte ich schon das Bordmenü aus landesüblicher Bohnensuppe mit reichlich Zwiebeln und Knoblauch und Freeway-Cola verzehrt und mich eine Weile über den schlechten Appetit der anderen Fluggäste gewundert.

Als ich aber auf dem Flughafen von Metropolsk ausstieg, war ich dann doch überrascht. Denn mein ganzes Wissen über dieses Land stammte aus den „Histoires de Magrebine“ des Chevalier Sylvain de Rezzori, der vor einigen vierzig Jahren dort Botschafter gewesen war, und einem Artikel im Spiegel, in dem Maghrebinien 1998 als das bekannteste der vergessenen Länder beschrieben worden war. Der Autor hatte damals behauptet, die Geschichte habe diesen Staat und einige andere einfach vergessen. Tatsächlich waren es aber wohl nur die Europäer gewesen, die sie vergessen hatten. Die Geschichte hat ein langes Gedächtnis und ist überaus nachtragend.

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Jetzt mit OLT Express von Berlin-Schönefeld nach Münster/Osnabrück

Die La-128 stand zwischen einer Iljuschin aus der Freien Republik Birobidschan, einer Antonow aus Transnistrien, einer Fracht-Boeing 707 aus dem Sudan, einer Tupolew aus Nordkorea und einer iranischen Fokker 100. Am Ende der Rollbahn stand eine Saab 2000 mit der Lackierung der OLT Express Germany, die mit einer kleinen zakirischen Fahne auf dem Leitwerk ergänzt worden war. Das zumindest entnahm ich den Gesprächen der anderen Passagiere, denen diese Flugzeuge und ihre technischen Daten das nerdig-geriatrische Äquivalent eines Orgasmus bescherten. Metropolsk hat sich wohl in den letzten zwanzig Jahren als das Drehkreuz zwischen den verschiedenen sogenannten Schurkenstaaten etabliert, denen fast alle anderen Flughäfen verschlossen sind.

Da aber die Schurkerei nur dann profitabel ist, wenn man sie an der Wallstreet betreibt, ist der Lebensstandard immer noch niedrig und der Zustand der öffentlichen Transportmittel bescheiden. Immerhin gab es eine Strassenbahn zu jenem Vorort, in dem ich ein Zimmer im „Grand Hotel De Luxe“ gebucht hatte. Das war so wenig Grand wie De Luxe, hatte aber jene von mir so geschätzte Kombination aus Sauberkeit und einem günstigen Preis, die mich in Wien in den Braugasthof Fabrik und in Fürth in die Pension Central gebracht hatte.

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Start

Übrigens lag sie zu meiner freudigen Überraschung gerade 50 m von der Haltestelle entfernt und einen Kilometer vom exklusivsten Geschäft von Metropolsk, einer Hofer-Filiale. Auf die griff ich zur Gestaltung meines Abendessens zurück. Zwar hatte mir die junge und leidlich hübsche Rezeptionistin ein kostenloses Abendessen bei sich zuhause angeboten, aber nachdem ich verstanden hatte, dass es die landesübliche Bohnensuppe mit reichlich Zwiebeln und Knoblauch geben würde, verzichtete ich gerne darauf.

Zur Filiale unseres Importeurs war es dann am nächsten Morgen nur eine Strassenbahnhaltestelle und einen Kilometer zu Fuss. Die Schulung selbst war gut. Ich konnte meine Informationen rüber bringen und bekam konstruktive Kritik zur Gestaltung des Werbematerials, den Informationen, die darin fehlten, und der Häufigkeit, mit der sich unser Aussendienstler dort blicken liess (nie). Sie boten mir dann noch ein kostenloses Mittagessen an, das ich wieder ausschlug.

Als Hors d’Ouvre sollte es die landesübliche Bohnensuppe mit reichlich Zwiebeln und Knoblauch geben, als Plat Principal Chiftelutele. Das sind wohl Frikadellen aus Fleisch ungeklärter Herkunft und reichlich Zwiebeln und Knoblauch. Ich hatte mich bei Hofer noch mit zwei Kaisersemmeln und einer Tafel Alpenmilchschokolade als Reiseproviant eingedeckt und wollte darauf zurückgreifen, während ich die Stadt besichtigte.

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http://www.discounter-preisvergleich.de/Schokolade-ALDI-Sued-13225.html

Ich habe mir dann die Oper angesehen, die wie viele der repräsentativen Gebäude noch aus der Zeit stammt, in der Maghrebinien ungefähr der hinterletzte Winkel der k. und k. Monarchie war und daher wie eine verunglückte Torte mit weissem Zuckerguss aussieht. Der Neue Woiwoden-Palast ist im Vergleich dazu eher bescheiden. Die Kantakukurucz kommen aus dem Volk und haben das nie vergessen, jedenfalls nicht, seit Iskander Kantakukurucz damals von seinen Untertanen aufgehängt und der Alte Woiwoden-Palast nieder gebrannt worden war.

Sein Nachfolger Elzar Kantakukurucz stiftete dann mit sowjetischem Geld den Park des maghrebinischen Volkes. Den habe ich mir auch angeschaut, er wirkt aber irgendwie anämisch, so ganz im Gegensatz zum Basar. Da drängen sich die Menschen, da wird gekauft und verkauft, da gibt es Waren aus aller Welt, Pyramiden aus Cola-Dosen mit der Aufschrift Freeway, Säcke mit Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch, hängen reihenweise Shirts mit den grossen internationalen Fashion Brands wie Atidas, Pouma, American Aparel, Uma Wang, Stapel mit Ipads und Iphones, die merkwürdigerweise alle mit Android laufen, W5-Universalreiniger-Flaschen, Notel-Videoplayern, Fisch und Fleisch, geschnitten, am Stück und noch am lebenden Tier, chinesische Trockennudeln der verschiedensten Geschmacksrichtungen und die merkwürdigsten, frischen Speisen. Vor allem Bohnensuppe mit reichlich Zwiebeln und Knoblauch ist ungemein beliebt, wird in grossen Blechtöpfen gekocht und den Kunden in Plastik-Schüsseln gefüllt, die sie selbst mitbringen.

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http://schnuppschnuess.typepad.com/manzfred/2009/09/nachgemacht-serbische-bohnensuppe-aus-dem-crockpot.html

Die Rezeptionistin hatte mir im Hotel einen Stadtplan auf dünnem chinesischen Papier gegeben, der auch eine Übersicht des Basars enthielt. Die schien mir ziemlich klar zu sein. Allerdings war einiges nicht mehr recht lesbar, weil ich mir meine Notizen über die Schulung auf den Rand geschrieben hatte und das Papier in meiner Tasche feucht geworden war. Es schien mir aber, als wäre die erste Gasse rechts und dann die zweite links der Weg zum Bahnhof… falsch, zurück zum Anfang, also den Plan drehen, die zweite Gasse links und die erste rechts nehmen… wieder falsch.

Bis ich mir dann den richtigen Weg heraus gearbeitet hatte und am Bahnhof ankam, fuhr der Zug zum Flughafen gerade ab. Damit war alle Hoffnung verloren, meinen Flug noch zu erreichen. Trotzdem bekam ich keine Panik-Attacke. Statt dessen ging ich mit meinem Sony E1 online, beklagte still den Verlust meines Oukitel Original One, das soviel besser gewesen war, und loggte mich in das freie wlan am Bahnhof ein, dessen Startseite auf Englisch und Farsi war. Das erinnerte mich an eine Situation am Wiener Hauptbahnhof, wo ich ein Netz für Flüchtlinge benutzt hatte, das mich auf Arabisch begrüsst hatte.

Ich buchte meinen Flug um und informierte mich über die freien Hotelzimmer in der Stadt. Da mir die meisten zu teuer waren und ich bei den übrigen Zweifel an ihrer Reinlichkeit hatte, ging ich wieder zurück ins Grand Hotel De Luxe. Dort plante ich von morgens um halb vier an meine Flucht aus Metropolsk. Ich hatte vielleicht keine Panik-Attacke, konnte aber trotzdem nicht mehr schlafen. Dabei lernte ich als erstes, dass es den Stadtplan nicht nur auf dünnem chinesischem Papier, sondern auch als App gab, und als zweites, dass ich, nähme ich die Strassenbahn bis zur Kathedrale Hagia Sophistia und stiege dort in den Bus mit der grün-gelben Lackierung um, ohne alle Probleme und ziemlich schnell zum Flughafen käme.

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Dort kletterte ich dann in eine Avro RJ100 von Aria Air, gratulierte mir dazu und bestaunte dieses Wunderwerk der britischen Luftfahrtindustrie. Ich war noch nie mit einem Flugzeug gereist, das vier Strahltriebwerke hatte. Immerhin reichen selbst einem Airbus A320 bescheidene zwei Triebwerke, um 900 km weit zu kommen. Und es kam mir vor, als hätte ich in einer kanadischen Propellerflugzeug der Marke Bombardier, Typ Dash 8 mehr Platz gehabt. Allerdings bin ich im ganzen Leben genau zweimal mit einer Dash 8 geflogen und nur einmal mit einer A320.

Die anderen Fluggäste waren allesamt Männer. Einige sahen nach Business aus, die anderen nach vorsätzlicher, schwerer Körperverletzung. Da sie mir weniger Angst machten als die Vorstellung, was zuhause in Luxemburg wohl mit dem Auto geschehen war, stopfte ich mir Musik in die Ohren, bis wir in Findel landeten. Auf dem Weg zum Parkhaus nahm ich mir einen Augenblick Zeit, auf die Anzeigetafel zu sehen, von der ich ablas, das ich gerade mit einem Non-Stop-Flug aus Lwow gekommen war. Ich wollte da nicht streiten. Man streitet nicht mit Anzeigetafeln. Das gehört sich nicht. Google behauptet übrigens, Aria Air sei vor kurzem liquidiert worden.

Immerhin, der Wagen war noch dort, wo ich ihn in meiner Not abgestellt hatte, ergänzt allerdings um einen Aufkleber in der Scheibe mit einer passiv-aggressiven Mitteilung, den ich sorgfältig entfernte, um der Heimat entgegen zu streben.

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Das Goldene P

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Collien Fernandes

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