Schlafen wie ein Serienmörder

Mir ist vorhin klar geworden, dass ich schon lange nicht mehr nachts wach gelegen habe. Zwar träume ich dann und wann Beängstigendes, aber nichts, was mich nicht weiter oder doch wenigstens gleich wieder einschlafen lässt.

Übrigens scheint es mir, als sei ich nicht depressiv, wenn ich träume. Allein das sollte mir schon Grund sein, um möglichst viel und lang zu schlafen.

Doch welchem Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung verdanke ich diesen zweifachen Segen? Es ja nicht einfach so, dass ich auf mein Gute-Nacht-Schälchen Doppelt-Scharfes Chili verzichte und seitdem den Schlaf des Gerechten schlafe. Und jeden Rechtschaffenen brächte allein mein Kontostand um die Nachtruhe. Ich hingegen schlafe wie es sonst nur die Serienmörder tun selig einem Morgen entgegen, der wie jeder Morgen ist.

Dabei hinterfrage ich gerade sogar die Loyalitäten, denen ich mein Leben gewidmet habe, und schlafe trotzdem gut. War es richtig, soviele Jahre der Illinois Electro Door verbunden zu bleiben? Und wie steht es mit der Arbeit, Mühe und dem Geld, das die Beziehung mit Paula erfordert hat? Alles das scheint mir gerade fragwürdig und doch muss ich die Nacht nicht mit dem Meeresrauschen aus dem Audio-Archiv meines Mobiltelefones verbringen.

Das I Ging ermuntert mich mit dem Bild 31 zur Beharrlichkeit und zur Rücksichtnahme. Doch auf wen muss ich Rücksicht nehmen? Bin ich es vielleicht selbst? Denn niemand ist mir näher und lieber.

Allerdings scheint mir auch dieses Zitat gerade gut zu passen:

Giles: „I have to believe in a better world“

Buffy: „Go ahead. I have to live in this one.“

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Wir nennen ihn nicht Den Führer

Nannten wir ihn nicht gestern noch den „Kerl mit dem Hamster auf dem Kopf“? Morgen werden wir ihn Mr. President nennen, den POTUS, den President Of The United States, den Oberbefehlshaber der potentesten Streitkräfte der Welt. Wir nennen ihn nicht den Führer. Auch nicht, wenn er einen Mann mit Gehbehinderung zum Pressesprecher und einen gutaussehenden Kriegshelden mit Drogenproblemen zum Verteidigungsminister ernennen sollte. Wir tun das nicht, jedenfalls nicht, bis er selbst darauf besteht.

Wo er beanstandet, dass die Europäischen Staaten mehr für ihre Verteidigung ausgeben müssen, heisst das nicht nur, dass die Ausgaben der USA in diesem Bereich sinken, es heisst auch, dass wir, die Europäer, mehr amerikanische Waffen kaufen müssen. Wo er von Waterboarding spricht, meint das Folter und Geheimgefängnisse, in denen Menschen ohne Haftbefehl und Gerichtsverhandlung eingesperrt werden. Strafzölle auf Produkte aus Mexiko und China bedeuten, dass Produkte für amerikanische Verbraucher teurer werden, die in den USA auch nicht billiger hergestellt werden können.

Der Chinese ist der Feind, der Moslem, der Mexikaner, der Fremde. Vielleicht jagen dann Bürgerwehren mit staatlicher Unterstützung illegale Einwanderer im Grenzland, Moscheen brennen in Wisconsin, Kriegsschiffe gehen im chinesischen Meer auf Konfrontationskurs. Die Welt wird ein gefährlicherer Ort werden.

Auf der anderen Seite sprach die Sybille Anne Applebaum vor der Wahl die Worte: „Wir sind gerade zwei oder drei schlecht laufende Wahlen entfernt vom Ende der Nato, dem Ende der EU und vielleicht vom Ende der liberalen Weltordnung in ihrer gewohnten Form.“ Der Begriff „gewohnte Form“ ist eine wesentliche Einschränkung.

Nicht umsonst kommentiert das I Ging das Ergebnis der Wahl mit dem Bild 23. Es heisst „Die Zersplitterung“ und bedeutet, dass „die Zierde“ zu weit getrieben wurde und sich dadurch das Gelingen erschöpft hat. Das Zeichen hat eine stark sinkende Tendenz, bindet aber auch eine langfristige Zuversicht auf eine Rückkehr des Lichts ein.

Episode 47 – The Original Brownie Lady

Episode 47: Brownie Lady (7.15.2016)

Diese Episode von „Criminal“ behandelt die wirtschaftliche Existenz von „Sticky Fingers“, einem Unternehmen, das in den 1970er Jahren dem Vertrieb sehr spezieller Kekse in Kalifornien gewidmet war. Die Inhaber, Herr und Frau Volz, waren tatsächlich so erfolgreich, dass sie nicht nur reichlich Geld einnahmen, sondern sogar von legalen Interferenzen unbehelligt blieben, bis sie sich mit ihrer Tochter aufs Land zurückzogen.

 

stickyfingers

Dieser Erfolg lag vielleicht daran, dass sie statt eines Unternehmensberaters mit einem Abschluss aus Yale das I Ging bemühten. Standen also Entscheidungen von Bedeutung an, warfen sie die Münzen, schlugen im Buch nach und befragten ihr Herz nach der Bedeutung.

My Mother the Ganja Dealer

Daraus ergeben sich drei Fragen. Die erste, offensichtliche ist die, wieviele Unternehmen so geleitet werden, wieviele Manager Freitag nach Geschäftsschluss auf dem Boden ihres Büros knien, um drei chinesischen Münzen auf dem Teppich zu betrachten und mit ihrem Montblanc-Kugelschreiber Linien auf einem Notizblock mit Werbeaufdruck zu ziehen.

Bei der zweiten geht es folgerichtig darum, ob sie weniger erfolgreich sind als ihre Kollegen mit dem Berater mit Anzug und Diplom. Möglicherweise täuschen wir uns selbst, wenn wir uns von diesen Gesellen täuschen lassen. Im Fernsehen kommen Unternehmensberater nur in „House of Lies“ gut weg, wenn auch manchmal nur um Haaresbreite und noch mit der Hose in der Hand.

Die dritte Frage ist natürlich die, ob ein solcher Keks etwas gegen meine Depression tun kann. Ich sollte mich von den Vorurteilen der 1970er Jahre nicht davon abhalten lassen, die Problem der 2010er zu lösen.

bell_hol

Tot… aber schlau

Irgendwann gab es in China einige weise Männer. Sie sind sich vielleicht nicht einmal begegnet, lebten wahrscheinlich hunderte Jahre und hunderte Kilometer von einander entfernt und tausende Jahre und tausende Kilometer von mir. Das heisst auch, dass sie ziemlich tot sind.

Allerdings hält sie das nicht davon ab, immer mal wieder Recht zu haben.

So warnten sie mich mit dem Bild 29 vor einer Gefahr, in der ich sei. Erst dachte ich, es sei Paulas komplette Untauglichkeit, die Krankenkasse von ihrer Arbeitsunfähigkeit zu überzeugen, die mich in die Gefahr brächte, in die nämlich, Haus und Hof zu verlieren. Tatsächlich glaube ich jetzt aber, dass die wirkliche Gefahr eine ganz andere ist.

Denn wenn ich ihr zuhöre, habe ich das überwältigende Bedürfnis, in mein Bett zu gehen und die nächsten zwei bis fünf Monate dort zu bleiben. Kein Ritt in den Sonnenaufgang auf meiner Peugeot Flash, keine Arbeit bei der Illinois Electro Door und auch nicht bei der Pizzeria San Grigorio. Das heisst dann auch kein Geld, und das ist die einzige Art, wie ich Paula wirklich noch treffen kann.

Nun spricht nichts gegen einen Nervenzusammenbruch. Es gibt Situationen, in denen das die einzige gesunde Vorgehensweise ist. Aber damit schade ich doch vor allem mir. Und ohne Freund den Kater gibt es nur noch einen, der mich liebt und für mich sorgt, und das bin ich selbst. Da kann ich mich doch nicht hängen lassen.

Es gibt nur eine Sache, die ich tun kann, und das ist das Mögliche. Es gibt nur eine Sache, die ich tun muss, und das ist das Nötige.

Von der Entschlossenheit

43Guai

„Der See ist verdunstet und sammelt sich oberhalb des Himmels als Dünste und Wolken: das deutet auf einen baldigen Durchbruch, durch den das Wasser in Form von Regen wieder herunterkommt. Um einen gewaltsamen Durchbruch zu vermeiden, ist es nötig, sich die Eigenschaften der beiden Halbzeichen zunutze zu machen: Dui bedeutet Freude. Statt also den Reichtum an gefährlicher Stelle aufzustapeln und dadurch einen Bruch herbeizuführen, wird man dauernd spenden und so Freude bereiten.“

http://schuledesrades.org/public/iging/buch/?Q=5/1/4/43

Und sein Erspartes sollte man nicht an gefährdeter Stelle aufheben. Die Chinesen wussten da Bescheid, waren vermutlich auch verheiratet gewesen. Statt in einem Tonkrug hebe ich allerdings meine Kupfermünzen auf der Postbank auf. Käsch ist also nicht mehr Cash.
http://www.ghidelli.net/scripophily/go%20east.html

Lola Perry, Dean of the Silas University

LolyPerryDean (1)

LolyPerryDean (2)

Ermutigt von der Ansprache der neuen Dekanin der Silas-Universität über Geduld als Tugend warf ich wieder die Münzen. Das I Ging gab mir das Bild 58 – Dui. Dabei liegt mir Heiterkeit doch jederzeit so fern und ganz sicher nach einer sechs Stunden langen Schicht im Dienst der Pizzeria Il Cazzo. Und doch irren sich die alten, toten, namenlosen Chinesen so selten und sind immer gut für einen anderen Blickwinkel auf ein Problem oder eine Situation.

Doch was sollte mich nun zur Heiterkeit beflügeln? Weder der Zustand unserer Finanzen noch der von Paulas Psyche oder gar der des Fahrersitzes eines gewissen kinderkotzegrünen Toyota Starlet sind von einer Art, die mich an Regenbögen und Pfefferminzschokolade denken lassen. Aber vielleicht will mir mein untoter Braintrust auch nur nahelegen, trotzdem entspannt und heiter zu bleiben, weil er ein Happy End vorhersieht.

Im Gegensatz zur Populärkultur verstehen sie diesen Zustand aber nicht als Existenz-, sondern nur als Übergangsform. Schlechten Zeiten begegnen sie übrigens mit dem gleichen Ansatz, so eine Wellentheorie der menschlichen Existenz entwerfend, bevor es irgendeine Wellentheorie gab.

Ms. Perry erweiterte auch mein Verständnis für die Bedeutung von Macht und Ohnmacht in Paulas Verhalten, so meine Macht weiter stärkend, die durch meine Rolle als Verdiener schon zugenommen hatte. Doch ist es nun ein „Happy End“, wenn ich mich ihr gewachsen (oder gar überlegen) fühle oder wenn ich mich auf eine andere Weise von ihr befreie?

Zudem fehlt mir die Möglichkeit, durch eine Beschwörung Tote auferstehen zu lassen, um mir so eine neue Familie zu schaffen. Die Dekanin hat da mehr und andere Möglichkeiten.

Der Tiegel

Das I Ging gibt mir das Bild 50 – der Tiegel. Meine Berufung also klopfe jetzt endlich an meiner Türe, und es sei Zeit, meine Gaben nutzbringend für mich und (und – pfui – die Gesellschaft) einzusetzen. Dabei bin ich mir meiner Talente heute so unsicher wie an jenem Tag, an dem ich die Oberschule abschloss. Ich habe trotzdem die Batterien an meiner Türklingel ausgetauscht. Sicher ist sicher.