Paula kennt Ally und Carmilla nicht

Paula ist wütend. Das ist nicht selten, und fast immer ist sie es auf mich. In diesem Fall wirft sie mir hingebungsvoll vor, aus einer Familie von Asozialen zu sein und zu ihr zu gehören. Das kommt jetzt nicht überraschend. 

Unterbrochen wurde diese Symphonie aus Herabsetzung durch einen Vortrag über ihre sexuelle Identität als heterosexuelle Frau. Aus meiner Erfahrung heraus wie aus dem, was ich im Fandom von “Carmilla” gelernt habe, weiss ich, dass diese Identität von uns selbst nicht ebenso wahrgenommen werden muss wie von anderen. 

https://youtu.be/wPNqaOwj7ko

Ich bin fast überzeugt, dass ihre Eltern und viele ihrer Kollegen und Freunde sie als homosexuell wahrgenommen haben. Es ist diese Art, sich zu kleiden, sich zu bewegen, sich mit Katzen zu umgeben, recht ähnlich dem Bild, das Ally Hills in ihrem bekannten Lied entwirft. Frau Hills versieht diese Beschreibung selbst aber immer mit einem Caveat: “Win some or lose some, you roll the dice”

Paula selbst ist das alles nicht bewusst. Sie weiss auch nicht, wieviel von ihrer Wut daraus stammt, wieviel aus der Wahrnehmung von Abhängigkeiten und wie wenig von einem schmutzigen Waschbecken. Abstraktion ist nicht ihre starke Seite, Achtsamkeit auch nicht. 

https://www.youtube.com/watch?v=OTU3vgVgDEw

Ich habe mich jahrelang im Spannungsfeld zwischen ihr und Maniac überfordert, Verantwortung übernommen, mehr Verantwortung als ich tragen konnte und die auch noch für andere, die ihre Verantwortung selbst hätten tragen müssen. Eine Sache, die mir Paula vorwirft, ist, dass ich nie Verantwortung für Vater, Schwester, Schwager und Neffen übernommen habe. 

Aber da war ich als Jugendlicher und junger Erwachsener egoistisch. Oder sagt man realistisch? Kein gutes Vorbild, keine Putzfrau, keine finanzielle Zuwendung hätte aus ihnen andere gemacht als die, die sie sind. So wenig wie ich mit Paula als selbst-definiertem Vorbild ein anderer wurde. Mehr Geld hätte mich höchstens selbstsicherer gemacht. 

Als ich sie verlassen habe, muss ich so mutig gewesen sein wie einer, der mit einem Fallschirm abspringt, den ein anderer gepackt hat. Mit 22 Jahren war ich also ein Held, und zwar weil ich so wenig über mich und die Welt wusste.

I think I’d like to be dead now

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Wer schreibt denn solche Sätze? In diesem Fall weiss ich, dass er von Jordan Hall stammt, die die allerletzte und schwächste Episode meiner Lieblings-Show um eine bissige Vampirin und ihre Geliebte geschrieben hat.

Diese Folge gibt nicht einmal der so begabten Annie Briggs Gelegenheit, ihre Fähigkeiten wirksam einzusetzen. Überhaupt ist sie wohl allein darauf ausgelegt, den Zuschauern ein Happy End zu geben, das logisch hier nicht mehr zu erwarten war, aber in einer Welt voller Hoffnung und Magie doch wieder eigentlich unvermeidlich ist.

Es gefiel mir fast allein die Schlussszene, in der die Heldinnen dem Untergrund entstiegen, um sich Toronto zu nähern, zum ersten Mal die reale Landkarte betretend wie Odysseus, wenn er am Strand von Ithaka erwacht und Zyklopen, Lotos-Esser, den Hades und die Götter hinter sich gelassen hat.

 Noch drastischer bringt uns natürlich der Hinweis auf den Executive Producer wieder in die Realität zurück. carmilla3_36-2