Und Du bist raus!

Die Briten haben sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Das taten sie mit einem so knappen Vorsprung, dass die nächsten beiden Generationen Gesprächsstoff für den Abend im Pub haben. Hätten die Griechen  2009 gewusst, dass es möglich ist, so einfach auszutreten, hätten sie es sofort getan und bezahlten jetzt im Café wahrscheinlich mit Renbinmi. Immerhin – sie hätten etwas, um ihren Kaffee zu bezahlen.
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Die Briten haben sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Das ist ihr gutes Recht. Ihr Land ist eine Demokratie. Gerade darin sind sie ein Teil jenes Europas, das sie auf einer theoretischen Ebene ablehnen. Ob das praktisch gesehen eine gute Idee gewesen sein wird, wird sich nach 2018 zeigen, wenn der legale Loslösungs-Prozess abgeschlossen ist und die wirtschaftlichen Konsequenzen langsam abschätzbar sind.
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Die Briten haben sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Aber aus der Europäischen Union auszusteigen bedeutet keinen Ausstieg aus dem historischen Prozess der asiatischen Migration nach Westen, dem Aufstieg Chinas zur Weltmacht, dem Machtverlust Amerikas und der Dekadenzkrise des Westens. Es bedeutet nur, dass man diesen Aufgaben auf sich selbst gestellt begegnet. Das kann ein Vorteil sein, muss es aber nicht.
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Premierminister Cameron ist bereits zurückgetreten. Er ist damit der erste einer Generation von Politikern, deren Abtreten längst überfällig ist. Sie vertreten eine Idee von Europa, die sie selbst nicht mehr verstehen, in einer Sprache, die ihren Wähler nicht verstehen. Hollande, Merkel, Renzi und anderen werden ihm früher oder später folgen. Die Wahrscheinlichkeit spricht für früher. Nur ist im Schatten dieser Blaunadel-Gewächse kaum eine neue Generation Politiker nachgewachsen, eher eine politische Macchia, in dem fundamentale Ideen und fundamentaler Mangel an Ideen sich verwachsen.
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Das Alter beugt mich, mässigt mich. Vor einigen Jahren noch hätte ich mich hingebungsvoll über Orban und Kaczynski aufgeregt, die ein anderes Europa anstreben als jene Merkwürdigkeit, die wir als die Europäische Union bezeichnen. Hier eine Föderation autokratisch regierter Staaten, die sich als christlich, als katholisch beschreiben, dort ein politischer Fungus, der den Kontinent überwuchert

Und im immer noch Vereinigten Königreich träte die eine Hälfte der Engländer gerne aus der Union, die andere noch lieber gleich ganz aus Europa aus. Haben die Nordiren eigentlich wie die Schotten eine Möglichkeit, über einen Verbleib im Königreich der Windsors zu entscheiden? Und wie sieht es mit Gibraltar aus? Beide Gebiete haben Grenzen nur zu EU-Staaten und sind wirtschaftlich auf eine globalisierte Welt ausgelegt und nicht darauf, nur den englischen Markt zu beliefern. Und ist es wirklich ein guter Plan, sich wirtschaftlich vom kontinentalen Hinterland zu isolieren, wenn sich die USA dann vielleicht vom Rest der Welt isolieren?

Betagt und intellektuell wie emotional in meiner eigenen Finanzkrise gefangen, erkenne ich in all dem nur ein Encore eines Grundkonfliktes der menschlichen Gesellschaft, der sich wenigstens seit den Tagen des Imperium Romanum immer wiederholt. Denn es scheint mir, als hätte der Mensch als Spezies nur ein beschränktes Sortiment sozialer und politischer Konzepte, die er hingebungsvoll immer wieder neu kombiniert. Dabei war die Erfindung der Demokratie durch die Griechen ungefähr im 5. Jahrhundert vor Christus wahrscheinlich die letzte wirkliche Neuerung.

Die Tyrannis, die als Konzept Orban und Kaczynski näher liegt, kam etwa 200 Jahre vorher auf. Dabei beförderte sich ein tatkräftiger und notfalls sogar gerissener Angehöriger einer Mittelschicht mit deren Unterstützung zum Staatschef, einen ablösend, dessen Vorfahren es wahrscheinlich nicht viel anders gemacht hatten, bevor sie göttliche Abstammung als Begründung nachreichten und sich König nannten. Dieses Verfahren wiederum kam in Europa übrigens erst mit Merowech dem Merowinger und in Afrika mit Muhammad Ahmad vorläufig aus dem Gebrauch.

Die Grundannahme der Europäischen Union aber ist, dass alle Mitgliedsstaaten in recht ähnlicher Weise einer parlamentarischen Demokratie anhängen, ihre Regierungen in allen Teilen des Staatsgebietes Macht ausüben und Verträge einhalten. Den ersten Teile stellen nun die Regierungen in Ungarn und Polen infrage, den zweiten die in Italien und Griechenland. Das wird nicht dazu führen, dass die EU jetzt einfach zusammenbricht. Dazu bedarf es dann schon noch einer dauerhaften Weigerung, sich zu verändern und anzupassen, aber dazu sind etliche ihrer Anhänger ja durchaus bereit.

Griechenland als eine britische Kolonie auf Zeit? Wie wär’s damit?

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Den vernünftigsten Vorschlag zur nachhaltigen Sanierung Griechenlands hat jüngst der an der Universität Bern lehrende Ökonom Professor Harris Dellas gemacht, der als gebürtiger Grieche bestens mit der Malaise seiner unseligen Heimat vertraut ist. Das Land, so meint er, solle „für zehn Jahre eine britische Kolonie werden“.

Das klingt ein wenig schräg, würde aber durchaus Sinn haben. Denn selbst wenn die Griechen früher oder später das Murxisten-Regime des Hütchenspielers Alexis Tsipras zum Teufel jagen sollten, ist ja nicht damit zu rechnen, dass eine der anderen politischen Parteien willens und fähig ist, den Staat völlig neu aufzusetzen, funktionierende Institutionen und damit die wichtigste Voraussetzung für eine Genesung der Wirtschaft zu schaffen.

Denn dazu sind alle bestehenden Parteien viel zu sehr Teil jenes Klientelismus, der das Land wie ein Karzinom umgebracht hat. Dieses Problem mit herkömmlichen demokratischen Mitteln zu lösen wird länger dauern, als selbst die eh nahezu unbegrenzte Geduld der Gläubiger des Landes reicht.

Brain For Hire

In gewisser Weise ist das erstaunlichste an der Europäischen Gemeinschaft, das sie auf vielfältige Weise vom Werbeflyer über die Aussagen der Politiker bis zum Vertrag von Lissabon ein besseres, freieres und gerechteres Leben für ihre Bürger verspricht und niemand enttäuscht ist, wenn sie dieses Versprechen nicht einhält.

Ob sie die Korruption in Bulgarien nicht stoppt, Orban & Co. in Ungarn nicht davon abhält, Zigeuner, Juden und Homosexuelle zu verfolgen, sich in einer weltweiten Finanzkrise einen Teufel um ihre Bürger schert und statt dessen die Banken rettet und die griechische Regierung erpresst, die gesellschaftlich anerkannte Reaktion ist ein Schulterzucken. Dabei sollte die Schulter nicht zu weit hoch gezogen, das Schulterzucken denn auch mit ein paar abwertenden Bemerkungen über den jeweils anderen europäischen Staat kombiniert werden.

Vielleicht war der Versuch, aus 26 verschiedenen Nationen ein einiges und doch verschiedenes politisches Gebilde zu schaffen, zu verwegen. Vielleicht ging er auch nicht weit genug, weil ein politisches Gebilde ohne gemeinsame Identität die Bedürfnisse der Menschen nur bedingt befriedigen kann. Ist dieser Versuch nun gescheitert? Wahrscheinlich – die Gegenbewegung der Nationalisten breitet sich aus wie Unkraut, das zwischen den Pflastersteinen hervordrängt.

Mal als links, mal als rechts empfunden propagieren diese Gruppen die Wiederherstellung der Nationalstaaten in den geistigen Grenzen vom 17. April 1951. Das ist nachvollziehbar, bedenkt man, wie lange die Entwicklung dieser Nationalstaaten gebraucht hat und wie aufwändig sie war, welchen Preis Menschen dafür über Jahrhunderte in Geld und Blut bezahlt haben.

Aber lässt sich diese Rückkehr überhaupt noch bewerkstelligen? Wie zieht man Zollgrenzen zwischen Staaten, die so lange ohne sie ausgekommen sind? Wie ersetzt man eine Währung durch viele? Und wie überzeugt man all jene Menschen, die von den Vorteilen der EU so angetan sind wie andere von ihren Nachteilen? Die deutschen Studenten in Österreich, die polnischen Bauarbeiter in England, die italienischen Krankenschwestern in Deutschland, niederländische, tschechische und rumänische Lkw-Fahrer überall in Europa, die erst einmal lernen müssen, was sonst nur Einwanderer über Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen, Formulare, Wartezeiten und Währungskurse sind.

Es tun sich hier einige Möglichkeiten für Politiker, Philosophen, Beamte, Organisations-Spezialisten, Blogger, Journalisten und Logistiker auf. Ich bin per e-mail, Facebook, Tumblr und WordPress zu erreichen und stehen dotierten Angeboten wohlwollend gegenüber.