Von Berlichingen war kein Arier

Ich habe eben gelernt, dass der Einbau von Heisswasserbereitern in anderen Gegenden nicht zum Aufgabenfeld von Logopäden gehört. Nun gehöre ich nicht zu denen, die anderen ihre abweichenden Gepflogenheiten vorwerfen, aber das scheint mir dann doch abstrus. Schliesslich werden Boiler und Durchlauferhitzer hier seit Generationen nur von Logopäden installiert.

Trotzdem bemühe ich mich natürlich, für andere Meinungen offen zu sein. Immerhin werde ich ja auch wieder und wieder Opfer von Vorurteilen. Miguel zum Beispiel, der Besitzer der Pizzeria „San Grigorio“ plant jetzt ein Oktober-Fest. Postwendend befragt er mich, wie lange er Sauerkraut einlegen soll, ganz so als müsste ich das wissen, nur weil ich gerade der einzige greifbare Deutsche in seinem Umfeld bin.

Ich habe auch schon Zeit damit verbracht, anderen Fahrern zu erklären, dass a) Hitler kein Deutscher war und b) die Arier eine Bevölkerungsgruppe im Iran sind, zu der z. B. der Amokläufer von München gehörte.

Selbst im Lande geborene Türken und Polen haben eine recht merkwürdige Sicht auf ihre deutschen Nachbarn. Und von unserer umfangreichen Literatur ist sogar jenen mit Fachhochschulreife allein ein Satz aus dem „Götz von Berlichingen“ des Herrn von Goethe geläufig, den sie dann auch noch falsch zitieren: „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“

 

Rinaldo Rinaldini rappt in Kreuzberg

Mit der Unterstützung von Miss Platnum und Meltem Acikgöz erwerbe ich mir oberflächliche Kenntnisse der Rap-Musik, gerade genug, um den Sohn von Paulas Kollegin beeindrucken zu können. Mir selbst liegt der Sprechgesang im Rhythmus der Maschinen, die mit Gewalt unterworfene Sprache so fern wie der provokante Reichtum der Sangeskünstler und ihre Virilität, die sich die wackelnden Gesässbacken der Videos unterordnet.

Leichthin könnte ich jedoch die Parallelen zwischen ihnen und den italienischen Improvisatori und deutschen Stehgreif-Dichtern des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts darstellen und nach einem Exkurs über die Karriere des Venezianers Lorenzo da Ponte auf die Verklärung eines Lebens am gesellschaftlichen Rand in die Räuber-Romantik eingehen. Auch die Legendenbildung um den Schinderhannes, Fra Diavolo, Dick Turpin und schliesslich die dichterische Überhöhung eines nach Schiesspulver riechenden Lebenserwerbs in Vulpius’ Rinaldo Rinaldini sind typisch für diese Zeit, so typisch wie Gangsterrap, Narcocorrido und Breaking Bad für die unsere.

Immerhin erkenne ich mich in den Analysen philologisch vorgebildeter Mitbürger wieder, die Texte meinem Verständnis öffnen, deren Autoren als Studienfach das Leben und als Universität die Strasse wählten… oder die doch zumindest so tun. Wieviel sinnvoller ist doch dieses Verhältnis zwischen Literatur und Kolportage als Goethes Neid auf den Schwager, gerade in unserer für Philologen so unfruchtbaren Zeit.