Der Mittelpunkt Europas

Wir verliessen das Grossherzogtum Luxemburg mit knapper Not, bevor das Auswärtige Amt es als Risikogebiet einstufte. Gerade noch hatten wir Treibstoff, Instant-Cappuccino und Gourmet-Katzenfutter erwerben können. 

Das Kaffeepulver ist dort reichlich billiger als in Deutschland und diese Sorte Futter nicht mehr erhältlich. So profitieren wir von unserer Grenznähe wie es guten Europäern Verpflichtung ist. 

Des Grossherzogs Henri Untertanen wiederum überqueren die Grenze, um sich mit Lebensmitteln einzudecken oder gleich gar in Deutschland oder Frankreich ein preiswertes Häuschen zu erwerben. Das lässt ihnen ein Einheimischer mit gespieltem Widerstreben und zu einem Preis, der deutlich über dem liegt, was er von einem anderen erhalten könnte. 

Die Franzosen wiederum arbeiten in Luxemburg zu einem höheren Lohn in der Heimat, der es eh an Arbeitsplätzen fehlt. Die Lorraine ist nun einmal eine Gegend, wo Fuchs und Hase sich “Au revoir” sagen. Wo sie schon einmal da sind, tanken sie auch gleich dort und kaufen in Deutschland noch rasch ein. 

Addiert man dazu, dass manche Deutsche eben Türken, Albaner und Italiener sind, manche Franzosen Marokkaner, Algerier und Italiener und manche Luxemburger Portugiesen, Marokkaner und Italiener, so erhält man ein Idyll wie von Robert Schumann an einem lauen Sonntag gemalt. Corona zieht nun aber Grenzen nach, die auf der Strasse längst verblasst waren. Die Seuche stellt Polizisten dorthin, wo einst Zöllner ein gemütliches Leben führten und in den Pausen in der Mosel angelten. 

Die Europäische Gemeinschaft ist extrem gut, wo es darum geht, Banken zu retten und Staatsbankrotte zu vermeiden. Aber wo es um den Einzelnen geht, den Menschen, da versagt sie vollständig, fühlt sie sich einfach nicht zuständig. 

Elise Bauman verstört mich

Einer der verstörendsten Instagram-Posts der letzten Wochen kam von Elise Bauman. Ich habe im Lauf der letzten Jahre ja einiges von ihr gesehen und gehört, aber das… 

Ich bin jetzt in gewissem Umfang traumatisiert von der Idee, dass es in Kanada Mobilfunkprovider gibt, die zusätzliche Gebühren für national roaming berechnen. National roaming, die Älteren unter uns erinnern sich noch, ist die Nutzung eines Mobilfunknetzes durch einen Mitbewerber, der knapp an eigenen Funkmasten ist. 

Wir in Europa haben dieses düstere Zeitalter hinter uns gelassen, ja, wir roamen quer durch die Europäische Gemeinschaft zuzüglich der Schweiz und Norwegens. Die Kolonisten jenseits des Meeres schlagen sich offensichtlich noch mit solchen Problemen herum. Wahrscheinlich müssen sie sich auch noch an den Grenzen zwischen Kanada, den USA und Mexiko von Zöllnern kontrollieren lassen. Wahrscheinlich ist Kommissar Rex für sie noch eine ultra-heisse Polizei-Serie. 

https://www.youtube.com/watch?v=Xqm_RECVwyg

Gut, wir haben bis jetzt noch nicht einmal eine Definition entwickelt, was die EU eigentlich ist. Möglicherweise ist es die erste neue Staatsform seit die alten Griechen nach der Monarchie die Demokratie und die Tyrannis erfunden haben. Oder etwas ganz, ganz  anderes. Immerhin haben ja nicht einmal alle beteiligten Staaten die gleiche Definition von Demokratie. 

Zusammengehalten wird das Ganze von Verträgen zwischen den Staaten, gegenseitiger Abneigung, wirtschaftlichen Vorteilen, einer enormen Bürokratie und dem Ehrgeiz gewisser Politiker. Die Zukunft für dieses politische Dings ist entsprechend grossartig. Denn wie wir mit den Wahlergebnissen aus Thüringen und dem Fortgang des Brexits belegen können, ist das politische System in den diversen Staaten verrottet und  die politische Kaste dekadent. 

Das schafft Freiraum, wo Natur und Zivilisation keinen dulden. Wenn ein Träger von Macht wegfällt, tritt ein anderer an seine Stelle. Wenn sich jemand einmal gefragt hat, wie die fränkischen Reiche, die Burgunder und Alemannen relativ kampflos die römische Herrschaft in Westeuropa ersetzen konnten, tja, genauso hat das funktioniert.

Up where we belong

Es liegt gewiss an meiner eigenen intellektuellen Unzulänglichkeit, dass ich nicht verstehe, warum in manchen Ländern der EU sich gerade Vertreter jener Parteien so emsig ins EU-Parlament wählen liessen, die den Austritt ihrer Länder aus jenem Staatenbunde wünschten. Da war kein Aufruf von Le Pen, Salvini oder Orban, doch bitte an dieser Wahl nicht teil zu nehmen, da das zu wählende Parlament ein abzulehnendes sei.

Ich sehe darin durchaus einen Beweis für die Unausweichlichkeit der Europäischen Gemeinschaft. Selbst die Neuen Rechten und Nationalisten aller Couleur suchen den Platz nicht nur in diesem Parlament, sondern auch den Schulterschluss zu anderen gleicher Gesinnung innerhalb der EU.

Da dieses Europa (und was das angeht auch Russland) genau an der Strassenecke zwischen dem Amerikanischen Imperium, dem aufsteigenden Gross-Chinesischen Reich und dem islamischen Kulturraum liegt, bleibt nur, sich als Gemeinschaft zu formieren, um nicht unterzugehen. Es ist recht unwahrscheinlich, dass der Präsident der Tschechischen Republik oder sein griechischer Kollege auf Augenhöhe mit Donald Trump oder Xi Jinping verhandeln können, die hunderte Millionen von Bürgern, mächtige Wirtschaften und Armeen hinter sich haben.

Mit 500 Millionen EU-Bürgern hinter sich, mit dem addierten BIP von 27 der am höchsten entwickelten Nationen der Welt und, tja, am Ende auch reichlich Schiesszeugs und Burschen und Mädeln, es zu bedienen, sieht die Geschichte schon anders aus. Da können wir vielleicht im Rennen bleiben, bis wir wieder oben sind. Und da wollen wir doch alle hin, oder?

Wenn Trump die EU kritisiert, meint er eigentlich Deutschland

https://www.businessinsider.de/trumps-ex-kommunikationschef-scaramucci-wenn-deutschland-aufruestet-ist-das-nicht-gut-fuer-die-welt-2018-11

Scaramucci: „Ich meine die deutsche Geschichte. Wenn Trump die EU kritisiert, meint er eigentlich Deutschland. Wenn Deutschland aufrüstet, ist das nicht gut für die Welt. Darauf reagiert Trump — vielleicht reagiert Merkel auch nur auf die scharfe Rhetorik von Trump. Deshalb habe ich auch schon öffentlich gesagt: Wir müssen alle unsere Rhetorik zurückschrauben. …

Interessant sind einerseits die Gleichsetzung Deutschlands mit der EU. Wir nehmen die Bedeutung der Bundesrepublik, ihren Einfluss, ihre Macht in Europa so nicht wahr, irren uns hier aber vielleicht. Der Verlauf der Griechenland-Krise spricht dafür, die Reaktionen einiger Staaten auf den Migrations-Paket dagegen. Insgesamt verstehen wir Europa als diversen Kontinent, die EU eher als eine Entwicklung als einen Zustand.

Scaramucci: „Ich glaube, die Nato hat eine Evolution durchlaufen. Sie wird sich zunehmend damit beschäftigen, radikalen Terrorismus zu bekämpfen. Die Nato ist in unserer Gesellschaft das Gegengewicht zu Russland. Russland hat eine sehr große Armee im Vergleich zur Wirtschaftsleistung des Landes. Wir brauchen ein Gleichgewicht der Macht, um Frieden zu bewahren. Ich würde es begrüßen, wenn der Präsident in seiner Rhetorik zurückfährt und erkennt, dass diese Architektur in den vergangenen 75 Jahren funktioniert hat. Es gibt keinen Grund, warum sie mit ein paar kleinen Veränderungen nicht auch die kommenden 75 Jahre bestehen kann.“ …

Und wieder, Genossen, seht Ihr Europa und die USA, seht Russland, aber nicht Indien, nicht China, nicht Brasilien, die Staaten, die die Zukunft der Welt ebenso formen werdet. Wo die russische Armee Stärke zeigt, tut sie das nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten hin. Ihr blickt in die Vergangenheit, nicht in die Zukunft.

“Wenn die Eliten abgeschottet agieren, vergessen sie dabei die Mittel- und Unterschichten. Von diesem Prozess ist Präsident Trump und auch der Brexit ein Nebenprodukt.“

“Er will eine Verbesserung der Lebensstandards der unteren und mittleren Einkommensschichten in den USA — das ist seine Priorität. … Man darf nicht vergessen: So sehr die Eliten Trump hassen, so sehr hasst das normale Volk die Eliten.”

Ganz klassisch profilieren sich diese Angehörigen einer wirtschaftlichen Elite als Vertreter des “normalen Volkes”. Die Elite, das sind die anderen, nicht die Reichen, sondern die Intellektuellen. Ob es diesen Gegensatz zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen jetzt tatsächlich gibt, spielt so lange keine Rolle, wie es Donald Trumps Rhetorik ihn im Bewusstsein der Menschen schafft.

Dieser Mann ist ein rechter Revolutionär, der die Gesellschaft spaltet, um die Macht auf sich zu vereinigen. Dabei ist er verflixt geschickt.

Probleme lösen gemäss EU-Maschinenrichtlinie

Einer meiner Kollegen äusserte unlängst die verwegene Idee, in Kenia unsere Waren zu verkaufen. Schande über ihn!

Denn für dieses schöne Land haben diese Produkte keine Zulassung. Dass es in Kenia aber keine Stelle gibt, die diese Zulassung erteilen kann, dass die Behörden dort vielleicht sogar andere, vordringlichere Probleme lösen müssen, kann hierbei nicht relevant sein.

Denn wie kann es ausserhalb der Europäischen Gemeinschaft anders sein als in ihr? Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG muss auch dort gelten oder ein entsprechendes Gegenstück haben, das sich mit der Frage beschäftigt, mit welcher Kraft ein Schiebetor geschlossen wird und wie schnell es bei leicht bewölktem Himmel bewegt wird.

Eine nicht abschätzbare Anzahl von Regelungen schützen die europäische Industrie vor ihren asiatischen Mitbewerbern. Zugleich verhindert sie, dass die nach diesen Regelungen entwickelten Produkte (jedenfalls einige davon), ausserhalb der EU verkauft werden, weil sie im Vergleich zu den Produkten zu teuer sind, die den wildesten Phantasien gewisser Chinesen entspringen. .

Der aktuelle Versuch der EU, das Urheberrecht im Internet neu zu regeln, hat denn auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Gründung der Grafschaft Maryland in Amerika, um die Auswanderung katholischer Engländer und Iren zu regeln.

Übrigens war Virginia für  Anglikaner vorgesehen und Pennsylvania den Quäkern vorbehalten. Das wurde von den Menschen in jenen Gegenden ähnlich erfolgreich aufgenommen, waren sie denn weiss oder rot.

Wir überlassen denn auch mal den kenianischen Markt unseren chinesischen “Freunden”. Das löst denn mal all die Probleme, die wir sonst nicht gehabt hätten.

Kak dela?

Ist es möglich? Also theoretisch könnte es ja sein, dass Donald Trump nicht der Vollpfosten ist, den wir Europäer aus unserem Eurozentrismus heraus in ihm sehen. Er könnte statt dessen wirklich der wiedergeborene Hermann Göring sein, auf jeden Fall aber ein gerissener Politiker mit niedriger Moral und rechtslastigen Überzeugungen.

Immerhin ist es ihm gelungen, sich fast aller Politiker in Kabinett und Stab zu entledigen, die ihm die Republikanische Partei aufgehalst hat. Dazu ist er eine Reihe von Spitzen-Beamten los geworden, die ihm durch grosse Fähigkeiten und/oder abweichenden Meinungen unangenehm aufgefallen waren. Zugleich ist es ihm auch gelungen, soviele Skandale und Skandälchen unbeschadet zu überstehen wie nur wenige amerikanische Präsidenten.

In diesem Fall ist er einer von jenen Menschen, die bestimmte komplexe Systeme entweder ablehnen, weil sie ihnen zu komplex sind oder weil sie sich dieser Komplexität grundsätzlich verweigern. Damit sind dann überstaatliche Organisationen wie die EU, die UN und die Nato schon mal raus und die Demokratie ist sowieso reichlich verdächtig. In diesem Fall wird Russland für ihn zwar eigentlich der Feind sein, Putin aber jemand, den er bewundert. Es gibt viele Österreicher und Deutsche, die ähnlich empfinden.

Folgerichtig ziehe ich gerade einen neuen Versuch in Erwägung, Russisch zu lernen. Kak dela?

https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/ungebildet-ein-schlechter-zuh%c3%b6rer-keine-ahnung-von-wirtschaft/ar-BBKLGKf?ocid=spartanntp

Die Welt ändert sich nicht… und aus Prinzip schon nicht zum Besseren

http://www.spox.com/de/sport/formel1/1603/News/bernie-ecclestone-wladimir-putin-russland-europa-syrien-konflikt.html

Was wir heute trendig als „post-faktisch“ bezeichnen, ist die Übertragung der „Scripted Reality“-Shows aus dem Fernsehen in die Politik. Oder einfach ausgedrückt, beschreibt dieser Begriff einfach nur die immer wieder vergessene Fähigkeit des Menschen, sich von allem und jedem überzeugen zu lassen, fängt es einer nur richtig an.

http://www.tagesspiegel.de/politik/das-russland-unter-wladimir-putin-wir-muessen-reden/13611890.html

Und in unseren Tagen ist dafür eine meisterhafte Beherrschung der klassischen wie der neuen Medien erforderlich. Sie müssen in einheitliche und auf die örtlichen Gegebenheiten gut bis perfekt zugeschnittene Strategien eingebunden werden. Berlusconi konnte in den 90ern in Italien mit der Kontrolle über Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender Präsident werden, Trump brauchte dazu eine Fernseh-Show, Internetseiten, Bots und Trolle.

Gemeinsam ist ihnen wie den Herren Putin und Erdogan auch die begeisterte Selbst-Inszenierung, die fliessend in die Inszenierung konservativer Werte übergeht, und gemeinsam sind ihnen die intensiven Beziehungen zu Unternehmern, die man ausserhalb Russlands nicht Oligarchen nennt. Jeder von ihnen lenkt(e) einen Staat, der in oder nach einer Phase des Zerfalls einer Konsolidierung bedurfte, Italien sowieso und permanent, die USA und Russland nach dem Kalten Krieg und dem Zerfall ihrer Imperien.

Als West-Europäern ist es uns wahrscheinlich nicht bewusst, wieviel Macht und Territorium Russland verloren hat. Da sind die Vasallenstaaten in Osteuropa und Afrika, da ist die Ukraine, die die Russen spätestens seit dem 18. Jahrhundert als Teil ihres Reiches gesehen haben. Gerade jetzt büsst Russland schrittweise Gebiet in Ost-Sibirien ein, das von chinesischen Einwanderern besetzt wird, leeren Raum zwar, fern von Moskau, aber doch Land, für das irgendwann einmal Russen gestorben sind.

http://www.arte.tv/guide/de/058379-000-A/chinesen-auf-dem-vormarsch

https://en.wikipedia.org/wiki/Battles_of_Khalkhin_Gol

Gleichzeitig ist der politische Einfluss der USA ebenfalls zurück gegangen. Das liegt auch und gerade daran, dass seit dem Ende des Kalten Krieges und der Finanzkrise von 2008 nicht mehr soviel Geld in der Kasse ist. Und es liegt am wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aufstieg Chinas, das jetzt Anspruch auf das Chinesische Meer erhebt, gegen das Japan und Australien sich rüsten und sich ihrer Beziehungen zu den USA versichern.

http://edition.cnn.com/2016/12/14/asia/south-china-sea-artificial-islands-spratlys-weapon-systems/index.html

Die USA sind aber mit 20 Billionen Dollar verschuldet, nicht-unerhebliche Teile des Wehretats werden für Waffensysteme ausgegeben, die bei nur geringfügig kleinerer oder gleicher Wirkung deutlich preiswerter beschafft werden könnten, Führungsposten in der Armee offensichtlich als Ergebnis von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen politischen Cliquen vergeben und entzogen, und Bankensystem und Konzerne haben deutliche strukturelle Schwächen.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/187893/umfrage/staatsverschuldung-der-usa-monatswerte/
https://en.wikipedia.org/wiki/Freedom-class_littoral_combat_ship
https://en.wikipedia.org/wiki/Independence-class_littoral_combat_ship
http://edition.cnn.com/2016/12/08/opinions/broadwell-petraeus-double-standard-drexler/index.html?iid=ob_article_footer_expansion
http://money.cnn.com/2016/12/22/news/companies/trump-f35-super-hornet-threat/index.html?iid=hp-stack-dom

Eine Zusammenarbeit zwischen Putin und Trump mit Recip Erdogan als Junior-Partner liegt also nahe. Auf der anderen Seite macht auch eine gewisse Aufteilung von Interessen-Sphären zwischen ihnen ökonomisch Sinn. Vielleicht wird Grossbritannien also – politisch – noch näher an die USA rücken.

Vielleicht bekommt Erdogan freie Hand im nördlichen Syrien, in Armenien und Aserbaidschan. Wo das erforderliche Personal fehlt, um eine Verbindung zwischen drei Meeren herzustellen, kann eine Heim-ins-Reich-Bewegung Eigelstein in einen Zustand versetzen, der den Ansichten Putins, Trumps und der AfD entgegen kommt.

Die Europäische Union ist in diesem Fall eine von allen Seiten und auch von innen vielfach bedrohte Insel der Nicht-Allzu-Seligen. Sie wird mir gerade in diesem Augenblick wieder drastisch sympathischer.

Was die Jugend mit lautester Entschiedenheit verlangt: das Recht, all jene Dummheiten wiederholen zu dürfen, die wir bereut haben.

Roda Roda, Roda Roda und die 40 Schurken

http://gutenberg.spiegel.de/buch/roda-roda-und-die-vierzig-schurken-8807/40

Und Du bist raus!

Die Briten haben sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Das taten sie mit einem so knappen Vorsprung, dass die nächsten beiden Generationen Gesprächsstoff für den Abend im Pub haben. Hätten die Griechen  2009 gewusst, dass es möglich ist, so einfach auszutreten, hätten sie es sofort getan und bezahlten jetzt im Café wahrscheinlich mit Renbinmi. Immerhin – sie hätten etwas, um ihren Kaffee zu bezahlen.
 Brexit1
Die Briten haben sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Das ist ihr gutes Recht. Ihr Land ist eine Demokratie. Gerade darin sind sie ein Teil jenes Europas, das sie auf einer theoretischen Ebene ablehnen. Ob das praktisch gesehen eine gute Idee gewesen sein wird, wird sich nach 2018 zeigen, wenn der legale Loslösungs-Prozess abgeschlossen ist und die wirtschaftlichen Konsequenzen langsam abschätzbar sind.
 Brexit1
Die Briten haben sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Aber aus der Europäischen Union auszusteigen bedeutet keinen Ausstieg aus dem historischen Prozess der asiatischen Migration nach Westen, dem Aufstieg Chinas zur Weltmacht, dem Machtverlust Amerikas und der Dekadenzkrise des Westens. Es bedeutet nur, dass man diesen Aufgaben auf sich selbst gestellt begegnet. Das kann ein Vorteil sein, muss es aber nicht.
 Brexit1
Premierminister Cameron ist bereits zurückgetreten. Er ist damit der erste einer Generation von Politikern, deren Abtreten längst überfällig ist. Sie vertreten eine Idee von Europa, die sie selbst nicht mehr verstehen, in einer Sprache, die ihren Wähler nicht verstehen. Hollande, Merkel, Renzi und anderen werden ihm früher oder später folgen. Die Wahrscheinlichkeit spricht für früher. Nur ist im Schatten dieser Blaunadel-Gewächse kaum eine neue Generation Politiker nachgewachsen, eher eine politische Macchia, in dem fundamentale Ideen und fundamentaler Mangel an Ideen sich verwachsen.
 Brexit1

Das Alter beugt mich, mässigt mich. Vor einigen Jahren noch hätte ich mich hingebungsvoll über Orban und Kaczynski aufgeregt, die ein anderes Europa anstreben als jene Merkwürdigkeit, die wir als die Europäische Union bezeichnen. Hier eine Föderation autokratisch regierter Staaten, die sich als christlich, als katholisch beschreiben, dort ein politischer Fungus, der den Kontinent überwuchert

Und im immer noch Vereinigten Königreich träte die eine Hälfte der Engländer gerne aus der Union, die andere noch lieber gleich ganz aus Europa aus. Haben die Nordiren eigentlich wie die Schotten eine Möglichkeit, über einen Verbleib im Königreich der Windsors zu entscheiden? Und wie sieht es mit Gibraltar aus? Beide Gebiete haben Grenzen nur zu EU-Staaten und sind wirtschaftlich auf eine globalisierte Welt ausgelegt und nicht darauf, nur den englischen Markt zu beliefern. Und ist es wirklich ein guter Plan, sich wirtschaftlich vom kontinentalen Hinterland zu isolieren, wenn sich die USA dann vielleicht vom Rest der Welt isolieren?

Betagt und intellektuell wie emotional in meiner eigenen Finanzkrise gefangen, erkenne ich in all dem nur ein Encore eines Grundkonfliktes der menschlichen Gesellschaft, der sich wenigstens seit den Tagen des Imperium Romanum immer wiederholt. Denn es scheint mir, als hätte der Mensch als Spezies nur ein beschränktes Sortiment sozialer und politischer Konzepte, die er hingebungsvoll immer wieder neu kombiniert. Dabei war die Erfindung der Demokratie durch die Griechen ungefähr im 5. Jahrhundert vor Christus wahrscheinlich die letzte wirkliche Neuerung.

Die Tyrannis, die als Konzept Orban und Kaczynski näher liegt, kam etwa 200 Jahre vorher auf. Dabei beförderte sich ein tatkräftiger und notfalls sogar gerissener Angehöriger einer Mittelschicht mit deren Unterstützung zum Staatschef, einen ablösend, dessen Vorfahren es wahrscheinlich nicht viel anders gemacht hatten, bevor sie göttliche Abstammung als Begründung nachreichten und sich König nannten. Dieses Verfahren wiederum kam in Europa übrigens erst mit Merowech dem Merowinger und in Afrika mit Muhammad Ahmad vorläufig aus dem Gebrauch.

Die Grundannahme der Europäischen Union aber ist, dass alle Mitgliedsstaaten in recht ähnlicher Weise einer parlamentarischen Demokratie anhängen, ihre Regierungen in allen Teilen des Staatsgebietes Macht ausüben und Verträge einhalten. Den ersten Teile stellen nun die Regierungen in Ungarn und Polen infrage, den zweiten die in Italien und Griechenland. Das wird nicht dazu führen, dass die EU jetzt einfach zusammenbricht. Dazu bedarf es dann schon noch einer dauerhaften Weigerung, sich zu verändern und anzupassen, aber dazu sind etliche ihrer Anhänger ja durchaus bereit.

Leute, kauft Kämme, die Zeiten werden haarig!

Langsam änderte sich die Welt, so langsam, dass es manchmal schien, sie würde es gar nicht tun, folge unseren Wünschen nach einer sanften Ruhe und Stabilität, die uns nicht überforderte. Das ist vorbei. Die Zeiten werden rauer, weil die Veränderung drastisch schneller wird. Das uns das alle überfordert, ist natürlich. Dass wir uns aufs heftigste beschweren und die Wiederherstellung des Status Quo fordern einschliesslich der Ausweisung aller Flüchtlinge und en passant jedes anderen, der Wellen in unserem Tümpel macht, auch.

Immerhin sind die ja in den Massstäben unserer Kultur wirklich in ihrer Mehrheit (noch) unwissende Barbaren. Manche sind darüber hinaus zweifelsfrei auch Schurken, ausgemachte Haderlumpen, wie die Südstaatler sagen. Allesamt aber sind von einer Sackgasse in eine andere geraten, von einem Kriegsgebiet ohne Chancen in eine Gesellschaft, die schon vielen Einwanderern aus Nordafrika und Vorderasien keine Chancen bot, die vor ihnen kamen, und an der Integration sovieler mit einer gewissen Zwangsläufigkeit scheitern muss.

Um Deutschland herum zerbröselt die Europäische Gemeinschaft zu einer Wirtschaftsförderation, die wahrscheinlich am Ende am Ehesten der Hanse des Mittelalters ähneln wird mit dem Euro als moderner Lübischer Mark. Von der kulturellen und politischen Gemeinschaft, die sich die Europäer nach dem Zweiten Weltkrieg erträumten, ist nach der Wirtschaftskrise von 2008 und der Flüchtlingskrise von 2015 nichts geblieben. Die Briten möchten gleich ganz aussteigen, Polen, Ungarn, Tschechen, ja selbst die Franzosen entdecken den Reiz des Nationalstaates wieder.

Die Wirtschaft der westlichen Staaten lebt schon lange von niedrigen Zinsen und niedrigen Ölpreisen und nicht mehr von dem, was sie leistet, was sie produziert und umschlägt. Und ja, ich weiss, dass ich hier an manchen Stellen von Deutschland spreche, an manchen von Europa und dann wieder von den westlichen Staaten inclusive der USA, Kanadas und Australiens als einer Einheit. Diese Dinge sind heute nicht mehr so einfach auseinander zu addieren, und auch das überfordert manchen.

Papas kleinem Prinzesschen, das Abitur mit den Leistungsfächern Musik und Sport macht und danach Medizinische Dokumentations-Assistentin auf Bachelor an der Universität Brücken-Hackpfüffel studiert, traue ich nicht recht zu, sich in diesen Zeiten zu behaupten. Da werde ich nicht einmal überrascht sein, wenn sie irgendwann die sofortige Aufhebung der Gleichberechtigung zu Lasten ihrer Männer fordern, die in Zukunft wieder ein adäquates Einkommen zu erwirtschaften und sich im Übrigen um alles zu kümmern haben.

Es könnte aber sein, dass ich vielleicht in dieser Beziehung ein ganz klein wenig voreingenommen bin, obwohl Paula wohl kaum weiss, wo Brücken-Hackpfüffel ist, und kein Pink trägt.

Hier einige Links zum ergänzenden Lesen:

http://www.n-tv.de/ratgeber/Gibt-es-den-grossen-Knall-article16707906.html
http://www.n-tv.de/politik/Koelner-Polizist-schildert-das-Chaos-article16715056.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCcken-Hackpf%C3%BCffel
http://www.emma.de/artikel/die-cinderella-industrie-265862
https://wordpress.com/read/post/feed/43823/900588567