Der Mittelpunkt Europas

Wir verliessen das Grossherzogtum Luxemburg mit knapper Not, bevor das Auswärtige Amt es als Risikogebiet einstufte. Gerade noch hatten wir Treibstoff, Instant-Cappuccino und Gourmet-Katzenfutter erwerben können. 

Das Kaffeepulver ist dort reichlich billiger als in Deutschland und diese Sorte Futter nicht mehr erhältlich. So profitieren wir von unserer Grenznähe wie es guten Europäern Verpflichtung ist. 

Des Grossherzogs Henri Untertanen wiederum überqueren die Grenze, um sich mit Lebensmitteln einzudecken oder gleich gar in Deutschland oder Frankreich ein preiswertes Häuschen zu erwerben. Das lässt ihnen ein Einheimischer mit gespieltem Widerstreben und zu einem Preis, der deutlich über dem liegt, was er von einem anderen erhalten könnte. 

Die Franzosen wiederum arbeiten in Luxemburg zu einem höheren Lohn in der Heimat, der es eh an Arbeitsplätzen fehlt. Die Lorraine ist nun einmal eine Gegend, wo Fuchs und Hase sich “Au revoir” sagen. Wo sie schon einmal da sind, tanken sie auch gleich dort und kaufen in Deutschland noch rasch ein. 

Addiert man dazu, dass manche Deutsche eben Türken, Albaner und Italiener sind, manche Franzosen Marokkaner, Algerier und Italiener und manche Luxemburger Portugiesen, Marokkaner und Italiener, so erhält man ein Idyll wie von Robert Schumann an einem lauen Sonntag gemalt. Corona zieht nun aber Grenzen nach, die auf der Strasse längst verblasst waren. Die Seuche stellt Polizisten dorthin, wo einst Zöllner ein gemütliches Leben führten und in den Pausen in der Mosel angelten. 

Die Europäische Gemeinschaft ist extrem gut, wo es darum geht, Banken zu retten und Staatsbankrotte zu vermeiden. Aber wo es um den Einzelnen geht, den Menschen, da versagt sie vollständig, fühlt sie sich einfach nicht zuständig. 

Ich glaube an den gesunden Menschenverstand und vor allem an die Gier

Mit überraschender Mehrheit haben sich die Wähler Britanniens für die konservative Partei entschieden, für Boris Johnson als Premierminister, für den Brexit und Kürzungen im Gesundheitssystem. Mindestens eine dieser Sachen ist schlecht. 

Ich tippe auf die Einschränkungen beim NHS. Um Millicent Binks zu zitieren: “I’m happy to admit that I really fancy Clement Attlee – can anything be sexier than creating the NHS?” Boris Johnson findet seine Gespielinnen dann wahrscheinlich im Kreis der Privat-Versicherten. 

Unabhängig von allen Theorien über den Brexit und irgendwelche prallen Handelsverträge mit den USA zählt am Ende nur, dass “Europa”, also der Kontinent, gerade in Spuckweite von England entfernt liegt. Es ist also unausweichlich, dass beide Parteien miteinander Waren und Dienstleistungen handeln werden. 

Ganz pragmatisch wird man sich also jetzt erst informell und dann formell auf Regeln dazu einigen. Denn niemand kann mit einer Ladung Salatköpfe, mit Cheddar-Käse und Finanzdienstleistungen jahrelang darauf warten, dass Verträge ausgehandelt, verworfen, wieder ausgehandelt und schliesslich ratifiziert werden. 

Im Wesentlichen gehe ich also davon aus, dass gesunder Menschenverstand und ungesunde Raffgier einen Kompromiss schaffen werden, den die Politik so einfach nicht erreichen konnte. 

Warum Deutschland Englisch als zweite offizielle Sprache einführen muss

http://www.huffingtonpost.de/chris-pyak/deutschland-englisch-als-zweite-sprache_b_7635024.html?utm_hp_ref=germany

Dann klappts auch mit Europa.

Denn bisher hakts ja mit der europäischen Identität, unserer als Europäer statt als Deutscher, als Briten, als Franzosen, daran, dass wir keine gemeinsame Sprache gefunden haben, in der wir unsere gemeinsamen Probleme ausdrücken können.

Aufstieg und Fall Europas

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Die Krokodile des Nils

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